Ich bin gestern Abend so todmüde vom frühen Aufstehen, dass ich um 8 Uhr schon im Bett liege. Und bis heute Morgen um 7 Uhr schlafe wie ein Stein. Ein kurzer Blick zur Uhr. Wieso ist es denn noch gar nicht hell draußen? Ich schaue nach. Die Sonne geht erst um 7:20 Uhr auf. Eine ganze Stunde später als bei uns. Ich gönne mir eine letzte Dusche, packe meine Sachen zusammen und checke aus. Auf zum Strand und zu meinem Startpunkt.

Auf dem Weg komme ich an einer Boulangerie, einer Bäckerei, vorbei. Selbst auf der gegenüberliegenden Straßenseite duftet es so herrlich nach frischen Backwaren. Da kann ich nicht widerstehen und kaufe das erste echt französische Croissant für ein Frühstück am Strand gleich. Zwei Pfirsiche nehme ich mir aus dem Supermarkt auch noch mit. Frische Sachen bekommt man eher selten beim Wandern, das muss ich noch nutzen.

Der Himmel ist zwar grau, aber es ist trocken. Ich bin ganz begeistert als ich am Strand ankomme. Das Meer habe ich gestern noch gar nicht richtig gesehen auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel. Das ist ja wunderschön hier.

Mein Frühstück genieße ich auf den Felsen und beobachte dabei die vielen Surfer.

Und dann ist es soweit. Schuhe aus und mit den Füßen ins Wasser. Denn genau hier soll meine Wanderung starten. Mit den Füßen im Atlantik. Ich kann kein Foto davon machen, da ich Angst habe, dass meine Kamera weggespült wird. Deswegen gibt es danach erst das Startfoto. Pyrenäen, ich komme.

An der Promenade entsande ich meine Füße und mache mich auf den Weg aus der Stadt raus. Ich laufe entlang der Bucht um die Straße zu meiden.

Es gibt immer wieder Trinkwasser-Brunnen. Da fülle ich lieber noch einen extra Liter Wasser ab zum Mitnehmen. Und mache meine Trinkflasche wieder voll. Ich habe so einen Durst. Die Temperatur ist mit 20 Grad richtig angenehm. Trotzdem ist es irgendwie drückend.

Ein ganzes Stück vor mir entdecke ich 2 Leute mit großen Rucksäcken. Vielleicht hole ich sie ja später noch ein.

Jetzt kommt der angekündigte Regen. Und ich entdecke die erste Wegmarkierung des GR10. Den Markierungen kann ich heute folgen. Das ist entspannt, dann muss ich nicht so häufig auf die Karte auf meinem Handy schauen.

Ich laufe durch Wohngebiete und steile Straßen hinauf. Mein Rucksack ist schwer, aber ich kann ihn gut tragen. Das Gewicht sitzt auf den Hüften und nicht auf den Schultern. Dieses Mal gibt es aus Zeitmangel kein selbstgedörrtes Essen und keine Versorgungspakete unterwegs. Ich habe Fertiggerichte von Real Turmat dabei. Das sind einfach die leckersten. Dazu Energieriegel, Nüsse und Trockenfrüchte und Knäckebrot. Je nachdem wie häufig ich auf Hütten oder woanders esse, sollte ich damit locker bis nach Gavarnie kommen. Ich bin also die ersten 3 Wochen verpflegt und brauche nicht unbedingt einen Supermarkt. Das ist für mich Luxus beim Wandern. Das liebe ich. Möglichst autark zu sein, dass ich nicht unbedingt in Orte zum Einkaufen muss. Entweder bestelle ich dann bei einem französischen Outdoor-Händler neues Essen zum Campingplatz in Gavarnie oder ich versorge mich doch in Supermärkten. Das kann ich mir noch überlegen. Bis dahin weiß ich ja, was es so an Auswahl gibt. Die soll nicht so toll sein entlang des Weges. Ohne Wasser und Proviant wiegt mein Rucksack etwa 10 kg, mit beidem sind es jetzt am Anfang 20 kg.

Nach den ersten 100 Höhenmetern kann ich beim Blick zurück das Meer erahnen. Es verschwimmt mit den grauen Wolken.

Dann geht es von der Straße weg und ich lasse Hendaye hinter mir. Nun ist es rundherum grün.

Es geht immer wieder steil hoch und wieder runter. Da hatte ich am ersten Tag noch gar nicht so sehr mit gerechnet. Ist also nicht so viel mit sanft einlaufen.

Mir kommen vereinzelt andere Wanderer entgegen, die alle mit „Bonjour“ grüßen. Ich bleibe bei meinem „Hi“ und schicke je nach Lust und Laune noch ein „Bonjour“ hinterher. Die beiden anderen Rucksack-Menschen sind immer noch vor mir. In dem winzigen Ort Biriatou hole ich sie dann ein, als sie ihre Regenjacken wieder anziehen. Es gibt immer wieder kurze Schauer.

Es sind zwei junge Deutsche, die für eine Woche den GR10 wandern. Das eine Mädel gibt mir den Tipp, dass die Feigen super lecker sind. Da hatte ich irgendwie noch gar keinen Blick für. Also nochmal ein paar Schritte zurück und tatsächlich. Direkt am Weg hängen über mehrere Meter ganz viele reife Feigen. Mochte ich früher nie, aber die hier sind der Wahnsinn. So reif bekommt man sie bei uns wahrscheinlich gar nicht. So weich und süß. Die Pfirsiche am Baum gegenüber lasse ich hängen, die fühlen sich noch steinhart an.

Wir quatschen ein bisschen und verabschieden uns erstmal. Wir werden uns bestimmt nochmal über den Weg laufen die nächsten Tage.

Es geht die Treppen hinauf zur Kirche. Das sieht schon ganz nett aus.

Ich komme an einem Restaurant vorbei, wo ich am Wasserhahn vor der Tür meine vom Obst klebrigen Hände wasche und Wasser nachfülle. Das ist gar kein Problem heute, es gibt genügend Möglichkeiten. Als ich um das Haus herumgehen, duftet es plötzlich herrlich nach Knoblauchbaguette oder so. Mmh, da läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Eigentlich wollte ich direkt einen ersten Gipfel einschieben heute, den Xoldoko GaÏna. Allerdings sind der Weg und auch die nächsten Kilometer des GR10 gesperrt wegen Arbeiten an der Hochspannungsleitung. Na gut, dann halte ich mich an die Umleitung. Ich muss ja nicht direkt am ersten Tag wieder rebellische Abenteuer erleben.

Also geht es durch den Wald steil hinab zu einer Schotterstraße. Und nach einer Weile wieder hinauf Richtung Pitara Pass. Der nächste Schauer ist heftig. Ich bin froh, dass ich durch den Wald gehe und die Bäume etwas Schutz bieten. Der Regen wird aber noch stärker, also doch schnell die Regenjacke an. Bis dahin ist nur mein Top schon komplett nass und ich fröstele kurz. Bei dem Anstieg wird mir aber schnell wieder warm.

Der erdige und steinige Weg ist immer wieder überflutet von wahrscheinlich eigentlich kleinen Bächen. Ich habe vorher in einigen Berichten gelesen, dass es vor allem auf den ersten Etappen wenig Wasser gibt. Mir hat niemand gesagt, dass ich mich aufs Furten einstellen muss. Irgendwann bleiben die Füße dann auch nicht mehr trocken. Die Bäche sind teilweise recht tief und sehr schlammig braun, so dass man den Untergrund nicht erkennen kann. Und nicht überall gibt es genügend Steine, um trocken auf die andere Seite zu kommen.

Irgendwann komme ich aus dem Wald und am Pass an. Es ist ein herrliches Gefühl. Wenn plötzlich keine Bäume mehr um einen herum sind, sondern nur noch freier Himmel und in alle Richtungen weitere Berge. Ich mache eine kurze Pause und stärke mich mit ein paar Nüssen. Es ist anstrengend. Das gibt bestimmt ordentlich Muskelkater die ersten Tage.

Auf der Wiese am nächsten Pass grasen Pferde. Die Fohlen sehe ich erst beim Blick zurück. Sie waren vorher von den Büschen verdeckt. Ich mache mir Gedanken, da man ja bei Jungtieren noch vorsichtiger sein und mehr Abstand halten soll. Aber die Pferde schauen nicht mal hoch als ich vorbeigehe.

Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Mir reicht es für den ersten Tag. Ich wollte doch langsam mit einer kurzen Etappe starten. Und auch ohne Sonne ist es so drückend warm. Ich bin nass geschwitzt. Ich schleiche den Berg hoch und bleibe immer wieder kurz stehen. Ich freue mich schon auf die ganze Bergauf-Kondition, die sich jetzt wieder aufbaut. Ich habe dieses Jahr noch nicht viele Höhenmeter gesammelt. Aber heute muss ich da so durch. Nur noch 100 Höhenmeter, danach geht es nur noch leicht bergab für heute und ich kann mir gleich im Supermarkt irgendwas mitnehmen, um den ersten Abend im Zelt heute Abend zu feiern.

Ich komme nämlich noch durch Eltzaurdia. Die paar Häuser am Pass Col d’Ibardin liegen genau auf der Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Man kann hier sehr günstig steuerfrei einkaufen. Und das nutzen wohl sehr viele Leute. Ich höre schon ein paar Autos als ich durch den Wald einen schmalen Pfad hinab steige. Als ich dann um die Ecke schauen kann, erschrecke ich kurz. So viele Autos und Leute.

Ich stiefele in den ersten Supermarkt. Die Leute tragen hier Sachen raus, kanister- und kartonweise. Als ich mich umschaue, weiß ich auch warum. Hier werden nur Großpakete verkauft. Ich schnappe mir einen Pfirsich, Aprikosen und eine normal große Tüte Chips. Dann gibt es die heute Abend im Zelt. Als ich an der Kasse stehe, spricht mich eine Verkäuferin an. Sie spricht nur französisch. Ich verstehe aber zumindest, dass ich das Obst nicht einzeln kaufen kann, sondern nur den kompletten Karton. Und dass es etwas weiter noch einen Supermarkt gibt, wo ich auch Obst bekomme. Okay, dann nur mit den Chips weiter. Im nächsten Supermarkt gibt es gar kein Obst. Im letzten auf dieser Einkaufsmeile werde ich dann fündig.

Jetzt ein Stück die Straße runter. Der GR10 biegt links ab. Dann folge ich den Markierungen doch nur bis hierhin. Ich biege rechts ab, auf einen Schotterweg. Mir kommt noch ein Wanderer entgegen. Jetzt heißt es „Hola“. Ich bin nun in Spanien. Und sogar die Sonne kommt raus.

Fast geschafft. Nur noch 20 Minuten sagt mein Handy. Das schaffe ich noch. Es geht wieder ins Grüne. Vor mir kann ich den Berg La Rhune sehen. Da geht es morgen hoch. Dann wird das wohl mein erster Gipfel.

Ala ich um eine Ecke komme, steht direkt vor mir auf dem schmalen Pfad ein kleiner Fuchs. Er starrt mich an und bewegt sich nicht. Dann verschwindet er zwischen den Bäumen. Als ich weitergehe, kann ich ihn noch sehen. Er ist nur 2 Schritte neben dem Pfad stehen geblieben, die Bäume reichen ihm wohl als Schutz.

Am Usategieta Pass gibt es eine kleine, offene Schutzhütte und Trinkwasser. Das ist perfekt. Ich habe gelesen, dass manche Leute ihr Zelt neben der Hütte aufstellen. Da hängt allerdings ein Schild, dass Campen verboten ist. Also setze ich mich nur kurz auf die Picknickbank und fülle mein Wasser auf. Ich möchte am liebsten gar nicht mehr aufstehen, meine Füße kribbeln erschöpft vor Anstrengung. Laut Komoot gibt es 200 Meter weiter noch einen guten Zeltplatz. Den finde ich aber nicht, da ist nur steiler Wald. Vielleicht ist damit doch die Hütte gemeint und die Markierung stimmt nicht ganz. Ich schaue mich um und laufe wieder zurück. Schräg gegenüber der Hütte ist lichter Wald mit ebenen Grasflächen. Da stelle ich mein Zelt auf. Nicht direkt neben dem Weg und etwas windgeschützt.

Es kommen zwei Trailrunner vorbei, die nur die Hand zum Gruß heben. Auf das Zelt reagieren sie gar nicht. Das entspannt mich, dann scheint es ja tatsächlich normal zu sein hier und geduldet oder erlaubt, wie auch immer.

Mein neues Zelt ist noch schneller aufgebaut. Mein altes hatte zu viele Sturmschäden und Risse inzwischen, dem habe ich keine weitere Wanderung zugetraut. Ich richte meinen Schlafplatz her, ziehe mir trockene Sachen an und dann wird erstmal gegessen. Heute gibt es Käsenudeln und die Chips. Das Obst verwahre ich mir für morgen früh. Ich könnte nach dem Essen auch einfach direkt schlafen. Ich überrede mich aber zum Schreiben, was direkt wieder 2 Stunden dauert.

Zwischendurch regnet es, aber ich habe es trocken und warm in meinem Zelt. Das ist gemütlich.


19,1 km
5:10 h
887 hm
594 hm
521 m