Es gewittert nicht nochmal. Es regnet nur und ich schlafe gut. Heute möchte ich etwas früher losgehen. Ziel ist ein See und da möchte ich bei Sonnenschein heute Nachmittag baden. So male ich es mir jedenfalls aus. Ich packe zusammen, als letztes kommt das nasse Zelt in den Rucksack. In der Küche hänge ich meine Powerbanks noch ein bisschen an die Steckdose. Beim Warten flechte ich meine Haare und tape meinen linken Fuß. An der Innenseite hat es gestern nun auch angefangen zu scheuern. Ansonsten merke ich von den wunden Stellen zum Glück gar nichts mehr beim Laufen. Das Tape lasse ich aber weiterhin dran, es funktioniert ja gut und hält. Pablo und Orietta trinken noch einen Kaffee, heute gehe ich als erstes los. Bis später.

Auf geht’s. Bereit für ein paar Höhenmeter.

Es ist sehr nebelig. Kurz tut sich ein Loch auf und ich sehe ein paar Bergspitzen. Das sieht gut aus.

Die ersten paar Stunden sind etwas langweilig. Es geht die Straße nach oben. Sehen kann ich nicht viel um mich herum. Ich denke noch, dass ich heute dann ja gar nichts spannendes zu schreiben habe.

An einem Parkplatz finde ich eine Infotafel. Heute geht es in den ersten Nationalpark. Den Parc national des Pyrénées, den einzigen Pyrenäen-Nationalpark auf der französischen Seite. Campen ist zwischen 19 und 9 Uhr erlaubt. Solange man eine Stunde Gehzeit von der Parkgrenze entfernt ist. So steht es auf einem Schild beschrieben.

Mein Ziel, die Hütte Refuge d’Arlet, ist mit 5 Stunden ausgeschildert.

Hinter dem Parkplatz geht es über ein Weiderost und auf eine Schotterstraße, die bald eher eine Erdpiste ist. Hinter mir höre ich ein Quad. Der Mann ruft mir auf französisch zu, ob ich Pferde gesehen hätte. Er sucht wohl seine Tiere. Er überholt mich und ein Stück weiter sind auch die Pferde. Ich muss daran denken, wie mein Gastbruder und ich damals in Neuseeland mit Quads über die große Farm gebrettert sind. Das macht schon Spaß.

Es sieht mystisch aus, wie die Nebelschwaden aufsteigen. Manchmal kann ich hohe Felskolosse im Nebel sehen.

Zwischendurch ist der Boden so zertreten von den ganzen Tieren, dass ich aufpassen muss, nicht auszurutschen oder meine Schuhe ganz im Matsch zu versenken.

Ich schaue auf meine Uhr. Manchmal ist es echt erstaunlich, wie schnell die Höhenmeter verfliegen. 1.000 Meter bin ich schon aufgestiegen. Das sind zwei Drittel für heute. Es regnet zwischendurch immer wieder leicht und in dem Nebel ist es sehr kühl.

Ich komme zu einer kleinen Steinhütte, wo es laut meiner Karte Trinkwasser gibt. An der Tränke für die Tiere finde ich auch einen Wasserhahn mit Schlauch und fülle meine Flasche auf.

Ich möchte eigentlich ein bisschen Pause machen, aber so geschwitzt bin ich schnell durchgefroren. Ich setze meine Mütze auf und ziehe Handschuhe an. Gerade als ich losgehen will, kommen die ganzen Kühe in meine Richtung. Ich stelle mich auf die kleine Steinmauer. Ich fühle mich sicherer ein bisschen weiter oben zu stehen. Die Kühe gehen dicht an mir vorbei und wechseln auf die Wiese auf der anderen Seite der Hütte. Vorhin hatte ich schon 2 Hühner hinter der Mauer entdeckt und in einem Käfig liegt ein Hund. Die Tiere interessieren sich alle nicht für mich. Dann höre ich ein lautes Grunzen. Da kommen doch tatsächlich vier rosa Schweine um die Ecke. Wo kommen die denn jetzt her? Lustig dieser kleine Bergbauernhof. Ich beobachte die Tiere eine Weile bevor ich weitergehe.

Jetzt folge ich einem Pfad über die Wiese. Zwischendurch sehe ich rot-weiße Markierungen, die sind Mangelware heute. Der Pfad ist aber auch so gut zu erkennen. Und an Kreuzungen gibt es Wegweiser.

Es geht hoch zum ersten Pass, dem Col de Pau. Um mich herum kann ich immer noch nicht mehr sehen. Schade, der Abschnitt soll richtig schön sein.

Über mir höre ich ganz viele Schafsglocken. Und als der Nebel sich etwas lichtet, sehe ich die große Herde auch. Sieht so aus, als würde sie den Wanderweg nutzen. Mal sehen, ob der wieder frei ist, wenn ich da oben ankomme. Die Schafe sind zwar etwas weiter gekommen, stehen mir aber im Weg. Und gerade zum Pass hoch wird es etwas schmaler. Die Schafe laufen vor mir her, dann gibt es einen Stau. Stau am Pass. Ich warte geduldig und lasse ein paar Nachzügler vor, damit sie mich nicht die ganze Zeit anblöken. Kurz habe ich von unten vorhin eine Gestalt oben auf einem Felsen gesehen. Vielleicht der Schäfer. Wahrscheinlich erledige ich jetzt seine Arbeit für ihn, die Schafe über den Pass zu treiben.

Geschafft. Etwas unterhalb auf der anderen Seite sitzt die Schäferin ganz entspannt. Um sie herum liegen 3 Hütehunde. Ich winke ihr kurz zu, dann führt mein Weg nach links weiter. Und auf dieser Seite gibt es ein bisschen Sicht.

Der Pfad am Hang entlang ist schön. Ein typischer Bergpfad. Wenn man nur mehr sehen könnte. Aber ich genieße es trotzdem. Es geht nun auch nicht mehr nur steil nach oben. Das ist angenehm.

Hinter einem dicken Felsen kann ich im Nebel einen Hund ausmachen. Er sitzt da und bellt mich an. Bestimmt auch ein Hütehund. Als ich höre, dass das Bellen sich entfernt, gehe ich weiter. Über dem Pfad grasen ein paar Schafe. Hoffentlich kommt der Hund nicht wieder. Ein paar Meter weiter sehe ich ihn. Er läuft im Nebel ein Stück vor mir her. Und dreht sich nicht um. Von hinten sieht er selber aus wie ein Schaf. Nur mit längerem Schwanz. Er hat dasselbe helle, flauschige Fell. Ich bin froh, dass mein Pfad eine Kehre macht. So kann ich mich hinter dem Hund in die andere Richtung davon schleichen.

Ich habe heute Morgen auf der Karte einen Gipfel entdeckt, der nicht weit vom Weg entfernt ist. Das sind gerade mal 50 Höhenmeter mehr. Ich sehe zwar nichts, aber ich habe Lust auf einen Gipfel. Also biege ich vor den Kühen, die den Weg versperren, rechts ab und folge dem Pfad nach oben. Es sind vielleicht 10 Minuten, dann laufe ich über diesen breiten Grat.

Es gibt zwar kein Gipfelkreuz, aber einen großen Steinhaufen, wo ich oben anschlage. Und genau jetzt reißen die Wolken auf, die Sonne kommt raus und vertreibt etwas von dem Nebel. Wahnsinn. Es ist wunderschön. Das erste Mal auf dieser Wanderung, dass ich dieses Glücksgefühl spüre. Gipfelglück auf dem Pic de Burcq auf 2.105 Meter Höhe.

Die Aussicht ist wunderbar. Ich strahle und bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Auf dem Rückweg kann ich mehr von dem Grat sehen. Immer noch mein breites Lächeln im Gesicht. Es fühlt sich so gut an. Eine volle Dröhnung Gipfel-Glückshormone.

Einfach nur schön die Landschaft.

Kurz darauf geht es allerdings wieder in den Nebel.

Ich klettere den Abhang ein Stück hinauf, weil mir 2 Kühe keinen Platz machen wollen. Sie starren mich nur an und bewegen sich kein bisschen. Es ist sehr steil, also muss ich nah an ihnen vorbei. Dabei ist mir ein bisschen unwohl. Später ist es dann ein Fohlen, dass mir den Weg versperrt und mich nur mit schräg gelegtem Kopf anschaut. Da kann ich aber gut einen Bogen drumherum machen. Alleine ist man hier selten, selbst so weit oben, wo man vielleicht nicht unbedingt so viele Nutztiere erwarten würde.

Hinter der nächsten Ecke habe ich wieder mehr Sicht. Herrlich.

Und dann befinde ich mich inmitten von Blaubeeren. Der Tag entwickelt sich ja zu einem richtigen Glückstag. Blaubeer-Sträucher habe ich die letzten Tage immer mal wieder gesehen. Dachte ich jedenfalls, es war keine einzige Beere daran. Hier dafür umso mehr. Die Beeren sind klein, aber schon süß. Vielleicht mögen die Tiere sie auch so gerne. Hier ist ein Zaun und sie kommen nicht dran. Ich bleibe immer wieder stehen und pflücke eine Handvoll. Dann wandern alle auf einmal in meinen Mund. Bis meine Zunge ganz blau-rot gefärbt ist. So lecker. Ich liebe Blaubeeren.

Es geht nun nicht mehr den Hang entlang, sondern über ein breiteres Plateau über die Wiese. Zwischen großen Felsblöcken hindurch bis zum Pass Col de Saoubathou.

Noch eine Stunde verrät der nächste Wegweiser. Gut, meine Füße werden nämlich langsam müde. Ich habe wieder keine ordentliche Pause gemacht und nur im Gehen ein paar Nüsse und einen Riegel gegessen. Ich habe richtig Hunger inzwischen. In der Hütte gleich gibt es bestimmt was leckeres.

Ich sehe das erste Murmeltier. Es verschwindet schnell in seiner Höhle als ich näher komme.

Ich folge einem lehmigen Pfad wieder am steilen Hang entlang.

Die Felsen auf dem Weg sehen gut aus. Wie aus einem Mosaik aus vielen kleinen Steinen.

Ohne Nebel und Wind ist es gleich viel wärmer. Ich tausche noch schnell meine Regenjacke gegen die dünnere Windjacke für den letzten Anstieg. In Kehren geht es über viele Felsen den Hang hinauf. Bald müsste ich doch den See endlich sehen.

Ein paar Schritte weiter kommt eine rote Hütte in Sicht. Danach der See. Ich muss aber erst noch eine Herde Schafe vorbeilassen. Dahinter Schäfer und Hund. Dann habe ich wieder freie Bahn. Ich laufe an der Hütte vorbei und schaue auf den See hinab. Die Esel stehen da am Ufer und trinken. Esel sind schon lustige Tiere mit ihren langen Ohren und oft so verspielt. Ich mag Esel.

Angekommen. Es ist erst kurz vor 16 Uhr. Die Sonne zum Baden fehlt zwar, aber der Nebel hat sich zumindest verzogen.

Vor der Hütte ziehe ich meine dreckigen Schuhe aus. Wie sich das gehört. Die Wirtin spricht nur Französisch und Spanisch. Irgendwie verständigen wir uns, dass ich mein Zelt aufbaue und dann zum Essen wieder reinkomme. Ça marche, sagt sie.

Neben der Hütte steht ein kleines Schild, was die „Biwak-Zone“ ausweist. Das ist perfekt, finde ich. Man darf direkt neben der Hütte kostenlos sein Zelt aufstellen und trotzdem die Toilette nutzen und in der Stube sitzen. Nur direkt am See darf man nicht zelten. Die Hütte liegt etwas oberhalb. Also suche ich mir einen ebenen Platz und rufe den Wetterbericht ab, um die Windrichtung heute Nacht nachzuschauen. Dann kann ich mein Zelt so aufbauen, dass es möglichst stabil steht und ich besser schlafen kann.

Als mein Schlafplatz errichtet ist, nehme ich meine Klamotten und gehe runter zum See. Das Wasser ist gar nicht so eiskalt wie ich erwartet habe. Gerade am Rand ist es sehr flach und das Wasser hat eine angenehme Temperatur. Ich wasche mich und ziehe mich um. Und jetzt schnell was essen.

Als ich meine Sachen ins Zelt schmeiße, kommen gerade Pablo und kurz darauf auch Orietta an. Wir unterhalten uns kurz über den schönen Weg heute. Dann gehe rüber zur Hütte und bestelle ein Omelette mit Käse. Da habe ich mich schon die ganze Zeit drauf gefreut. Ich weiß gar nicht, warum. Auf dem Meraner Höhenweg habe ich die Omelettes geliebt. Und dachte irgendwie, dass es das hier bestimmt auch häufig gibt.

In der Stube prasselt das Feuer im Kamin und ich setze mich direkt davor, um meine kalten Füße und Hände zu wärmen. Die Stube ist klein und gemütlich. Es sind noch ein paar Leute da, überwiegend höre ich französisch und spanisch. Mein Essen ist eine große Portion. Das Omelette ist perfekt und auch der pikante Couscous-Salat dazu ist super lecker. Dazu gibt es zig Scheiben Brot. Und ich esse alles auf. Danach gönne ich mir noch eine heiße Schokolade.

Pablo setzt sich zu mir und ich blättere ein bisschen durch seinen HRP Wanderführer. Ich habe nur die GPX Routen auf dem Handy, den Wanderführer dazu nicht. Ich bin ganz heiß auf die Gipfel am Weg, die dort empfohlen werden und fotografiere mir ein paar Seiten ab. Orietta setzt sich auch zu uns. Es ist ein schöner Abend. Wir lachen so viel, das tut gut. Es ist völlig egal, dass man die Menschen eigentlich überhaupt nicht kennt. Wir wandern und erleben dieselben Dinge, das reicht schon. Orietta hat in Lescun im Laden 2 Eier gekauft, die sie kochen wollte. Dachte aber, sie habe die Eier verloren. Vorhin hat sie sie dann zerbrochen ganz unten in ihrem Rucksack gefunden. Zum Glück waren sie noch in einer kleinen Tüte verpackt. Aber das wird der Gag des Abends und wir lachen uns alle schlapp.

Ich bezahle und verziehe mich in mein Zelt. Wenn ich es denn wiederfinde in dem dichten Nebel. Es sind noch ein paar Zelte dazugekommen. Insgesamt 6 kann ich so gerade erkennen. Ich mache Essens-Inventur und zähle alles, was ich noch habe. 16 Gerichte, 16 Riegel. Dann brauche ich erstmal noch keinen Nachschub. Vor allem, wenn ich nun zwischendurch in den Hütten essen kann. Nur nach Nüssen oder Studentenfutter kann ich im nächsten Supermarkt mal schauen. Wenn es das hier gibt.

Ich mache mir noch eine Tüte Ramen Nudeln. Zum Aufwärmen vor dem Schlafen und schreibe dann doch noch bis 23 Uhr. Aber dann ist es erledigt bevor morgen die nächsten Abenteuer anstehen. Laut Pablos Wanderführer folgt jetzt auf dem Weg nach Gavarnie ein Highlight nach dem nächsten.

Jetzt muss ich erstmal meine kalten Hände im Schlafsack wärmen. Und werde mit einem Lächeln einschlafen. Das war ein unerwartet toller Tag.


19,3 km
6:15 h
1.573 hm
410 hm
2.120 m