Die Nacht war sehr ruhig, der Wind kommt erst morgens zum Sonnenaufgang. So kann ich sowieso nicht mehr schlafen, also stehe ich auf. Als ich aus dem Zelt schaue, sehe ich einen ganz orange verfärbten Himmel. Und ich dachte irgendwie, die Sonne ist längst aufgegangen, es ist schließlich schon Viertel vor 8. Da habe ich mich immer noch nicht dran gewöhnt, dass sie so spät aufgeht.


Als ich zum Zähneputzen zur Hütte rübergehe, merke ich, dass meine Füße total schwer und müde sind. Sie fühlen sich noch fast genauso an wie gestern Abend. Na toll. Das wird ein anstrengender Tag. Ich packe alles ein und quatsche noch ein bisschen mit Orietta und Pablo, während sie frühstücken. Heute mal ein Foto zu dritt. Pablo geht jedes Jahr einen Teil des HRP und hört wahrscheinlich heute Abend in Candanchú auf. Und Orietta macht dort morgen einen Pausentag. Ich bin gespannt, ob wir uns danach nochmal sehen. Vielleicht holt sie mich ja wieder ein, wenn ich meinen nächsten Pausentag mache. Der, meinen Füßen nach, sehr bald kommen sollte.

Schön war es im Refuge d’Arlet, meiner ersten richtigen Pyrenäen-Hütte. Ganz einfach, so wie ich eine Berghütte mag. Das Refugio de Belagua zähle ich nicht mit, das lag ja an der Straße.

Ich folge dem schlecht sichtbaren Pfad über die Wiese. Schon nach dem ersten Hügel habe ich super Empfang. Dann kann ich ja schnell den Bericht von gestern hochladen. Und laufe auch gleich viel zu weit. Die Kühe werden es mir wohl verzeihen, wenn ich querfeldein zurück zum Pfad laufe.
Ich muss erstmal nachschauen, was das für ein Gipfel da hinten links ist, der so stark heraussticht. Die Peak Finder App verrät mir, dass es der Pic du Midi d’Ossau ist. Ein ehemaliger Vulkan und eines der Wahrzeichen der Pyrenäen. Der Herrscher über die westlichen Pyrenäen, lese ich auch. Da geht es morgen hin, zumindest um den Berg herum. Den Gipfel lasse ich aus, der Aufstieg liest sich nicht so einfach und als sollte man das lieber nur mit Kletterausrüstung machen. Also nichts für mich.

Jeder kleine Anstieg fühlt sich heute total anstrengend an. Gut, dass es erstmal viel runter geht. Über Wiesen, Weiden und zwischen Felsblöcken her.


Die Felsen auf der anderen Seite des Tals sehen gut aus. Wie ein geschwungenes Band.

Und diese Berge sind aus einem rötlichen Fels. Eine ganz bunte Bergwelt.

Irgendwann geht es in den Wald, weiter hinab, über einen Bach und dann durch den Wald wieder nach oben. Ich gehe ganz langsam. Oben am See werde ich eine lange Pause machen.
Den ganzen Morgen ist es richtig kalt, ich brauche eine Weile bis ich so warmgelaufen bin, dass ich Mütze und Handschuhe wieder wegpacke. Pablo meint, dass wir am See Sonne haben. Gleich geht’s nämlich rüber nach Spanien und da scheint häufiger die Sonne als auf der französischen Seite. Mal sehen, ob er Recht hat.
Ich schaue auf mein Handy, eine Stunde noch bis zum See. Und die Sonne kommt auch schon raus.


Die letzte Kuppe noch und dann liegt er vor mir der Ibon de Estanés. Schön.

Pablo ist schon da. Er hat mich vorhin im Wald überholt, als ich mich gerade kurz hinter ein paar Bäume verzogen hatte. Ich suche mir einen schönen Platz direkt unten am Wasser. Erstmal eine Runde Bergsee-Nacktschwimmen. Weiter um den See herum kann ich zwar noch zwei Leute erkennen, aber dann sollen sie halt wegschauen. Inzwischen habe ich mich irgendwie daran gewöhnt, nackt baden zu gehen. Und ich bin auch selten die einzige. Schnell ausziehen, ins Wasser, ein bisschen schwimmen, mit den Händen das Wasser abstreifen und wieder anziehen. Ein Handtuch habe ich nicht, das geht auch so gut. Das Wasser ist kalt, aber nicht eisig. Eine perfekte Abkühlung hier auf der spanischen Sonnenseite der Pyrenäen.
Ich trockne in Unterwäsche ein bisschen in der Sonne und ziehe mich dann wieder an. Mit dem Wind ist es mir doch zu frisch. So angezogen genieße ich die Wärme der Sonne.


Ich habe gar keine Lust auf den restlichen Weg. Und ich weiß auch noch nicht, wo ich schlafe heute Abend. Im Ort kann ich schlecht mein Zelt aufstellen. Es gibt zwei einfache Refugios und ein Hotel. Die Refugios kann ich online nicht buchen für heute. Entweder sie sind voll oder man kann am selben Tag nur noch telefonisch reservieren. Das ist bei vielen Alpen-Hütten ja auch so. Ich verschiebe die Entscheidung des Schlafplatzes auf später.
Ich schultere meinen Rucksack, bleibe aber noch eine ganze Weile bei Orietta stehen. Dann raffe ich mich auf, langsam weiterzugehen. Um den See herum und über die hügelige Wiese. Vielleicht sollte ich mich einfach zu den Kühen legen.

An einer Stelle, bevor es ins Tal hinab geht, habe ich schon auf der Karte gesehen, dass eine aufgezeichnete Route von jemand anderem ein Stück geradeaus geht, dann wieder zurück und nach rechts. Dann ist das bestimmt eine Stelle, wo man sich leicht verlaufen kann. Also achte ich besonders auf den Pfad. Das ist gut so, sonst wäre ich glatt auch geradeaus dem Pfad weiter gefolgt. Was dann ein Abstieg ins Tal und auf der anderen Seite den Aufstieg über die Straße bedeutet hätte. Nicht so schön. So führt mein Weg nun im Bogen um den Talschluss. Am Hang entlang, ein Stück durch den Wald und über Felsen.

Es geht direkt unterhalb der geschwungenen Felsen entlang.

Der Pfad ist richtig schön. Ich klettere über große Felsblöcke und komme an diesem schönen Wasserfall vorbei. Auch ein perfekter Badeplatz.

Nach diesem steilen Hang und nochmal ein Stück durch den Wald ist es fast geschafft.

Ein Stück über die Wiese und dann komme ich auf eine Schotterstraße. Schön ist es hier nicht. Candanchú ist ein Wintersport-Ort, der im Sommer ziemlich ausgestorben ist.


Rechts und links überall Lifte und Pisten-Markierungen. Es wirkt geisterhaft die geschlossenen Bars und Ticketschalter am Weg. Im Winter ist hier bestimmt richtig viel los.

Ich gehe an einer eingezäunten Militärzone vorbei. Am nächsten Mülleimer entsorge ich meinen Müll und setze mich auf den Asphalt. Wohin jetzt? Das nächste Gebäude wäre das Refugio. Da könnte ich nachfragen, ob es noch einen Schlafplatz gibt. Ich habe aber heute keine Lust, mir ein Zimmer mit vielen Leuten zu teilen. Ich möchte lieber meine Ruhe. Nach einer Weile entschließe ich mich, mir ein Hotelzimmer zu nehmen. Ich sitze noch eine Weile einfach da, bevor ich ein paar Häuser weiter gehe. Dabei komme ich an mehr geschlossenen Bars und einem geschlossenen Supermarkt vorbei. Schade ich hatte mich schon auf irgendwas leckeres heute Abend gefreut.
Im Hotel bekomme ich noch ein Zimmer.

Ich frage nach dem Supermarkt, aber der hat nur zur Hochsaison im Juli und August und im Winter geöffnet. Also schaue ich, wo es sonst etwas zu essen gibt. Und mache mich gleich wieder auf den Weg. Ansonsten stehe ich nicht mehr auf, wenn ich jetzt meine Schuhe ausziehe und mich auf das Bett lege.
Meine Füße schmerzen so sehr. Nicht die wundgescheuerten Stellen, die sind gut verheilt. Das Tape habe ich gerade abgemacht. Einfach die kompletten Füße, von der Anstrengung. Diesen prickelnden Schmerz kenne ich von allen langen Wanderungen bisher, bei Tagestouren ist das nicht so. Normalerweise verschwindet es dann über Nacht wieder, aber heute Morgen war es ja auch da.
Ich setze mich in eine Bar auf die Terrasse, trinke was und schreibe. Bis ich etwas zu Essen bestellen kann, muss ich noch eine Stunde warten. Orietta schreibt und fragt, wo ich untergekommen bin. Ich sage ihr, wo ich bin und sie kommt zum Essen zu mir. Ich esse eine Gemüse-Pizza und wir unterhalten uns gut. Meine Füße merke ich die ganze Zeit. Orietta hat auch ein Hotelzimmer, also können wir zusammen zurück gehen. Und dann wird früh geschlafen. Damit die Füße Zeit haben zu regenerieren.
Ninas.
Gute Besserung an deine Füße!
Sven
Da habe ich gedacht es kann kein schöneres Bild geben und dann haust du so ein Sonnenaufgang raus. Tztztztztz. So nicht.
Ich hoffe es gibt wieder eine WUNDerheilung.