Gegen halb 6 erhellen die ersten Blitze den Himmel. So früh. Ich hatte gehofft, dass ich etwas länger schlafen kann. Ich ziehe mich an und packe soweit meine Sachen zusammen. Ich lege mich nochmal hin, als ich keine Blitze mehr sehe. Nach einer Weile wird der Himmel alle paar Minuten hell erleuchtet. Donner höre ich keinen. So fühle ich mich trotzdem nicht wohl direkt am See. Also packe ich ganz zusammen. Es ist stockdunkel. Der Mond, der die ganze Nacht so hell geschienen hat, ist verschwunden. Ich kann zig Sterne am Himmel sehen, der überwiegend klar ist. Nur in eine Richtung sind dunkle Wolken zu sehen.

Mit meiner Stirnlampe folge ich dem Pfad um den See herum und gehe ein Stück zum Pass hinauf. Wenn es so dunkel ist und man ohne Licht gar nichts sehen kann, fühlt es sich komisch an, weiterzugehen. Ich suche mir einen Platz am Hang, wo ich weit genug weg vom Wasser bin und der Boden trocken ist. Lege meine dünne Matte auf den kalten Stein und mich darauf. Jetzt wirken die Blitze nicht mehr ganz so bedrohlich, wenn ich den Himmel sehen kann. Also liege ich einfach da, schaue in die Sterne und warte, dass es hell wird. Das Gewittter kommt nicht näher und die Blitze hören nach einer Weile auf. Ich schreibe ein bisschen. Der Sonnenaufgang verfärbt den Himmel heute gar nicht. Ganz unspektakulär.

Da unten am See kann ich irgendwann noch ein kleines Zelt erkennen. Und zwei Trailrunner sind schon auf dem Weg nach oben zum Pass. Ich bin so müde. Wenn ich jetzt losgehe, kann ich ja vielleicht schon früh mein Zelt irgendwo aufstellen.

Also mache ich mich auf den Weg. Ganz langsam über die Wiese zum Pass hinauf. Ich fühle mich nicht ganz fit. Aber auch langsam komme ich den Berg hoch. Das ist das schöne beim Wandern, es muss nicht schnell sein. Und es sind nur 100 Höhenmeter, danach geht es eine ganze Weile bergab.

Ein Kerl überholt mich und fragt auf Englisch, wie die Nacht war. Er hatte auch ein bisschen Angst bei den Blitzen heute früh, ist aber im Zelt liegen geblieben. Auch die beiden Trailrunner überholen mich. Am Pass Col des Moines angekommen, bin ich plötzlich viel näher dran am Pic Midi d’Ossau. Dem markanten Gipfel, den ich vorgestern schon von weitem gesehen hatte. Da rechts thront er. Davor brechen gerade ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Das sieht schön aus.

Hier ist richtig was los. So viele Leute habe ich auf der ganzen Tour noch nicht getroffen. Ich komme an einem Wegweiser vorbei. Jakobsweg, GR108, eine Umrundung des Pic Midi d’Ossau. Ich glaube, die Umrundung ist sehr beliebt. Das höre ich am meisten heute. Das ist eine kleine Mehrtagestour.

Der Pfad bergab führt über die Wiese, an Felsblöcken vorbei und über eine große Hochebene mit Bächen und Seen. Mir wird schon wieder schlecht. Ein paar Mal überrollt mich so eine Welle der Übelkeit, dann geht es wieder. Ich trinke nur wenig und in kleinen Schlucken.

Es sieht gut aus, wie die Wolken über dem Tal hängen. Und ich bin gespannt, ob es heute überhaupt Fotos gibt, wo der Gipfel nicht mit drauf ist.

Der Pfad führt weiter hinab und in die Wolken hinein. Es geht über die Brücke und danach wieder 700 Höhenmeter nach oben.

Die Kontur der Berge und der Bäume darauf im Nebel sieht auch gut aus.

Hier der Blick zurück. Links neben dem rechten Berg bin ich heruntergekommen.

Ich mache immer wieder kurze Pausen. Bleibe einfach stehen oder setze mich auf einen Fels. Das ist anstrengend heute. Die Steigung nimmt gar kein Ende. Mich sprechen unterwegs ein paar Leute auf französisch an, ich verstehe das meiste aber nicht und viele sprechen kein Englisch. Ich bin froh, als es zwischendurch ein wenig flacher wird.

Ein paar Kehren über mir folgt ein Schäfer mit seinem Hund einer Horde Schafe. Dann kann ich ja auch nochmal Pause machen bis sie weg sind. Das macht nicht ganz so viel Spaß so. Ich bin froh, dass die Sonne die meiste Zeit von den Wolken verdeckt wird und es nicht so heiß ist.

Am See Lac de Peyreget mache ich etwas länger Pause. Ich lege mich auf einen Hügel und schließe für ein paar Minuten die Augen. Es folgt gleich noch eine letzte Steigung für heute. Aber es ist gerade mal halb 1, ich bin ja früh losgegangen heute Morgen.

Wenn ich doch nur etwas mehr Energie hätte. Der Weg nach oben zum Pass ist richtig schön. So mag ich es gerne, es geht über durcheinandergewürfelte Felsen. Ein bisschen balancieren, ein großer Schritt auf die nächste Kante, dann wieder eine hohe Stufe nach oben, wo man die Hände braucht. Kurz orientieren, wo der nächste gelbe Pfeil ist und in die Richtung weiter.

Mit mir steigt eine 4er Gruppe Franzosen auf. Jugendliche, die auch den Pic Midi d’Ossau umrunden. Sie sprechen ein wenig Englisch und sind gut drauf. Wir überholen uns immer wieder gegenseitig, schneller als ich sind sie nicht. Damit sind sie heute aber auch die einzigen.

Am Ende des Blockfeldes ist nochmal Pause angesagt. Uns kommt eine französische Wandergruppe mit bestimmt 20 Leuten entgegen. Dann folgen die letzten Kehren steil hinauf. Nochmal kurz stehen bleiben. Ich bin gar nicht groß außer Atem, so langsam wie ich heute gehe, brauche aber trotzdem zig kleine Pausen.

Die langsamste der 4 Franzosen ist kurz vor mir oben am Pass. Es sah so aus, als hätte sie auch ziemlich zu kämpfen gehabt. Sie ruft mir auf Englisch zu: „Ja, du hast es geschafft!“. Ich muss grinsen. Was ein toller neuer Blick, als ich oben ankomme.

Oben am Col de Peyreget. Zwar kein Gipfel, aber genauso anstrengend. Hinter mir ragen die gewaltigen Felstürme des Pic du Midi d’Ossau auf. Gleich kehre ich dem Berg den Rücken zu.

Ich bleibe noch etwas hinter ein paar Felsen sitzen, finde aber keinen guten Windschatten. Jetzt geht’s an den Abstieg. In engen Kehren steige ich hinab.

So viele Bergseen, das mag ich.

Und am nächsten See kommt die Hütte Refuge de Pombie in Sicht. Da hätte ich so gerne was gegessen. Aber das traue ich mich gerade nicht mit der ständigen Übelkeit. Schauen, was es so gibt, kann ich ja trotzdem. Da die Wolken alle Berge hinter der Hütte verdecken, sieht es so aus, als würde hinter der Kante gar nichts mehr kommen. Einfach abgeschnitten die Erde.

Nur noch um den See herum und dann bin ich da. Um die Hütte verteilt sitzen einige Leute, die ich heute schon gesehen habe.

Es gibt einen kleinen Verkauf am Fenster. Ich bestelle einen Tee und eine Fanta Zitrone. Ob das so gut ist für meinen Magen, weiß ich nicht. Aber ich habe richtig Lust auf irgendwas mit Geschmack. Mit meinen Getränken setze ich mich an die Hauswand und beobachte die Wolken. Zwischendurch geben sie kleine Ausschnitte der nächsten Berge frei.

Ich trinke meinen Tee mit ganz kleinen Schlucken. Hoffentlich wird mir davon nicht wieder schlecht. Hoffentlich muss ich mich nicht hier vor allen Leuten übergeben, wenn ich aufstehe. Nach dem Aufstehen ist die Übelkeit meist am schlimmsten. Als das Glas leer ist, gehe ich einfach direkt auf die Toilette. Da bin ich für mich und kann schauen, wie es mir geht. Scheint gut gegangen zu sein. Die Fanta packe ich aber lieber ein für später. Erstmal schauen, ob es gut bleibt.

Ich schaue nochmal auf die kleine Speisekarte. Vielleicht gibt es ja irgendwas, was ich mitnehmen kann. Ich habe vorhin in der Stube zwei große Laibe Brot gesehen. Und auf der Karte steht auch was von Brot, vielleicht bekomme ich davon ein paar Scheiben. Das wäre doch magenfreundlich. Ich frage eine Französin, ob es einfach pures Brot ist. Ja, ungetoastet. Okay, dann bestelle ich das. Naja, jetzt weiß ich, dass Pain de mie Toastbrot ist. Ich bekomme eine ganze Tüte Toastbrot. Oder sowas in der Art. Es schmeckt süßlich, eher wie dünne Scheiben Brioche.

Ich fülle Wasser nach. Das Trinkwasser hier muss ich ja wohl nicht filtern. Da bin ich jetzt etwas vorsichtiger. Dann mache ich mich wieder auf den Weg. Direkt an der Hütte finde ich keinen schönen Zeltplatz und es ist mir zu windig. Nur noch eine Stunde maximal, dann finde ich unten im Wald hoffentlich einen guten Platz. Da bin ich dann auch etwas blickgeschützt, dass es nicht so auffällt, wenn ich mein Zelt vor 19 Uhr schon aufstelle. Ich will einfach nur liegen und schlafen.

Der erste Teil geht steil nach unten, dann wird es flacher und wieder grüner. Es geht immer am Bach entlang. Bald wird der Pfad zu einem breiteren erdigen Weg.

Bevor ich mir einen Weg durch die Herde Kühe bahne, beobachte ich sie ein bisschen. Erst als ich merke, dass sie mich nicht beachten und weiter grasen, gehe ich weiter. Mit ihren großen Hörnern sehen sie schon ein bisschen bedrohlich aus. Wobei ich es gut finde, dass die Kühe und auch die Schafe hier überall ihre Hörner behalten dürfen.

Am Bach auf der Wiese wären auch echt schöne Zeltplätze. Aber dann stehe ich direkt am Weg und im Blickfeld aller, die hier noch vorbeikommen. Kurz nach 4 Uhr ist es jetzt. Dann lieber weiter in den Wald. Ich mache aber noch eine Pause und kühle meine Füße im eisigen Bach. Und trinke die Fanta. Hoffentlich geht das gut. Wobei sie mir heute auch gar nicht so super schmeckt, viel süßer als letztes Mal.

Ich folge dem breiten Weg in den Wald und halte nach ebenen Stellen zwischen den Bäumen Ausschau. Der Hang zum Bach runter ist mir hier noch zu steil. Also gehe ich ein Stück weiter. Da geht es besser. Ich laufe über den von braunen Blättern bedeckten Waldboden. Auf der anderen Seite des Bachs sieht es gut aus. Über ein paar bemooste Steine, die zum Glück nicht so glatt sind, komme ich auch einfach rüber. Ich liege Probe, indem ich meine dünne Matte ausbreite und mich hinlege. Die erste Stelle ist doch zu schräg, da würde ich von der Luftmatratze rutschen. Der nächste Versuch funktioniert.

Perfekt. Ich ziehe mich um und baue mein Zelt auf. Hier sollte es ziemlich windstill sein heute Nacht durch die Bäume um mich herum.

Das Tosen des Wassers übertönt alle anderen Geräusche. Ich würde wahrscheinlich nicht mal mitbekommen, wenn ein Tier um mein Zelt schleicht.

Ich koche noch einen Tee und esse 2 Scheiben von dem süßen Toast. Das funktioniert, ohne dass mir direkt wieder schlecht wird. Aber gut fühle ich mich auch nicht. Hoffentlich ist es morgen früh wieder besser.


14,5 km
6:20 h
853 hm
1.383 hm
2.300 m