Ich habe Kopfschmerzen. Ziemlich starke. Ansonsten fühle ich mich besser. Ich koche erstmal einen Tee. Während er auf Trinktemperatur abkühlt, packe ich zusammen und mache mich fertig. Die nächste Hütte ist nur 6 Kilometer entfernt. Ohne große Höhenunterschiede, ein bisschen runter. Da gehe ich auf jeden Fall hin. Endlich geht es also weiter.

Über einen schönen Pfad am See entlang. Es fühlt sich gut an, wieder zu gehen. Nur die Kopfschmerzen stören.

Und am nächsten See entlang. Dazwischen sind auch noch ein paar. Ich könnte den Blog heute einfach komplett mit Bergsee-Fotos füllen. Es kommt ein See nach dem anderen.

Und schaut mal, wie klar das Wasser ist. Ich kann von hier oben den Grund sehen.

Als ich etwas mehr Sicht habe, muss ich erstmal nachschauen, ob da ein 3.000er bei ist bei den Bergen da hinten. Nein, da muss ich mich noch gedulden. Je nachdem, wie weit ich heute gehe, werde ich aber definitiv einen sehen und vielleicht auch besteigen.

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob mein Magen wieder ganz in Ordnung ist. Zwischendurch kann ich überhaupt nicht unterscheiden, ob das jetzt Durst, Hunger oder Unwohlsein ist. Komisch fühlt es sich an. Ich bin das Gefühl auch noch nicht los, das mir jeden Moment wieder schlecht werden könnte.

Von weitem kann ich eine riesige Staumauer sehen. Bis dahin geht es jetzt auf einem Pfad am Hang entlang. An dem See liegt dann auch die nächste Hütte.

Da kommt sie in Sicht, das Refugio de Respomuso. Noch bin ich auf der spanischen Seite.

Auf jeden Fall habe ich wieder mehr Energie als die letzten Tage. Als ich am Refugio ankomme, beschließe ich, eine Pause zu machen und dann weiterzugehen. Es warten schon einige Leute vor der Tür der Hütte. Auf dem Schild steht, dass ab 11 Uhr geöffnet ist, vorher wird geputzt. Ich fülle in der Zeit mein Wasser nach und suche die Toilette in dem Labyrinth aus Baustelle, Treppen und unbeschrifteten Türen.

Auf der Karte finde ich allerlei leckere Sachen, will meinem Magen aber noch nicht zuviel zumuten. Vor allem wenn es gleich noch so viel bergauf geht. Also bestelle ich eine Suppe. Es soll eine Nudelsuppe sein, wird mir gesagt. Ich bekomme dann allerdings einfach eine große Tasse klare Brühe. Naja, kostet dann auch nur 3 statt 8 €. Vielleicht ist der Koch noch nicht so weit. Die Brühe schmeckt gut. Ich sitze eine Weile in der warmen Stube und dann geht es weiter. Richtung Grande Fache, meine Chance auf einen 3.000er Gipfel. Oder La Facha auf spanisch.

Jetzt folgen viele Höhenmeter nach oben. Zum Pass muss ich so oder so hoch. Ob ich dann auch noch zum Gipfel abzweige, kann ich da oben entscheiden. Je nachdem wie ich mich fühle. Und wie das Wetter ist. Jetzt ist es gerade ziemlich windig.

An einem großen Stausee habe ich irgendwo den falschen Pfad gewählt. Und irgendwie bekomme ich mit meinem Handy schon den ganzen Tag kein GPS Signal. Aber ich kann die Karte ja auch so lesen. Man sollte immer ungefähr wissen, wo man ist. Ob mit GPS oder ohne. Ich sehe oben auf dem Hügel eine Hütte, die müsste eigentlich rechts von mir liegen. Da führt ein Weg hinauf. Den nehme ich und finde auf der anderen Seite den richtigen Pfad wieder.

Hinter dem See auf der Wiese hätte ich eigentlich vorgestern zelten wollen. Das war mein Ziel. Um dann morgens direkt zum Grande Fache aufzusteigen. Aber meine Planung bis nach Gavarnie ist total hinfällig inzwischen. Also gehe ich einfach und in 2-3 Tagen werde ich schon im nächsten Ort ankommen.

Hier sieht man ihn jetzt auch, den Grande Fache. Die Fels-Pyramide ganz hinten ist es. 3.005 Meter hoch.

Hinter dem See ist es wieder schwierig, den richtigen Pfad auszumachen. Mit Markierungen braucht man hier nicht rechnen. Kein Wegweiser zum Gipfel oder zur nächsten Hütte und keine Steinmännchen. Nur ein paar undeutliche Pfade im Gras.

Der Weg hoch zum Pass gefällt mir richtig gut. Die Landschaft ist toll. Ich gehe die ganze Zeit neben einem Bach mit kleinen Wasserfällen und kristallklaren Gumpen nach oben.

Die Kopfschmerzen sind im Laufe des Tages immer weniger geworden und nun kaum noch da. Und es fühlt sich einfach so gut an ohne diese ständige Übelkeit. Ich kann fast wieder mein normales Tempo gehen, außer Atem kommen und mir wird nicht schlecht. Das ist gar kein Vergleich zu den letzten Tagen. So langsam ist auch bei mir angekommen, dass ich trinken kann, ohne mich danach übergeben zu müssen. Das Vertrauen wächst langsam. Alle 100 Höhenmeter mache ich eine Trinkpause. Der Blick zurück nach einer Weile ist genial.

Noch 200 Höhenmeter, da oben hinter der Kuppe müsste der See Ibones de la Facha liegen. Nur weil es mir besser geht, ist so ein Aufstieg nicht weniger anstrengend. Aber es ist Anstrengung mit einem guten Gefühl. Dann bleibt man halt mal kurz stehen zum Verschnaufen und dann geht’s weiter.

Nochmal 200 Höhenmeter, ich teile mir das immer schön ein. Dann ist es nicht so viel auf einmal. Um den See herum, auf einem schmalen Pfad den Geröllhang entlang und da hinten sieht man schon die letzten steilen Kehren zum Pass hinauf.

Dort mache ich erstmal Pause. Setze mich auf einen Felsen und esse einen Müsliriegel. Ich bin jetzt schon auf 2.665 Metern. Nur 340 Höhenmeter fehlen bis zum Gipfel. Das ist nicht mehr viel. Das Wetter ist perfekt. Der Himmel ist bedeckt, aber freundlich. Es ist nicht so heiß, trocken und die Wolkendecke ist so hoch, dass man eine gute Sicht hat. Da muss ich es doch versuchen. Wenn ich langsam gehe, schaffe ich die Höhenmeter auch noch.

Ich beobachte 3 Spanier, die gerade vom Gipfel herunterkommen. Sie benutzen zwischendurch die Hände, es sieht aber nicht so kompliziert aus. Einer fragt mich „Hola? Bonjour?“ als er näherkommt. Geht alles, ich bin aus Deutschland, sage ich auf Englisch. Also grüßt er mich mit „Guten Tag“. Die Grenze zwischen Frankreich und Spanien verläuft genau über den Pass und den Gipfel. Sobald ich weitergehe, bin ich wieder in Frankreich.

Der Spanier zeigt mir ein paar Gipfel um uns herum. Der erste 3.000er, wenn man vom Atlantik kommt, ist der Balaïtous. Den sieht man auch noch von hier. Und in die andere Richtung den Vignemale. Den höchsten Gipfel auf der französischen Seite der Pyrenäen. Dann meint er ganz ernst, es gäbe hier einen ganz speziellen Service vom Wanderverein, wo Einheimische Ausländern, die in die Pyrenäen kommen, die Bergwelt erklären. Er grinst. Und ich muss auch lachen. Da will er mich wohl auf den Arm nehmen.

Ich bedanke mich mit einem Grinsen für seinen Service und mache mich an den Aufstieg. Einmal auf der Tour wollte ich gerne über 3.000 Meter hoch. Die nächsten Tage hätte ich auch noch zweimal die Chance, aber da soll es wieder regnen und gewittern. Also jetzt. Da geht es hinauf.

Ich folge den ersten einfachen Kehren. Dann kommen ein paar höhere Stufen, einfache Kletterei. Es wird etwas schmaler und geht rechts am Fels entlang. Immer wieder brauche ich kurz die Hände. Ich habe schon Respekt vor dem Weg. Es geht steil hinab neben mir. Der Pfad ist erst ganz gut zu erkennen, dann gibt es aber mehrere Optionen. Ich folge dem Steinmännchen. Mache mir schon Gedanken über den Abstieg. Diese total steilen Kies-Schrägen mag ich gar nicht. Noch ein paar zackige Felsen nach oben. Dann weiß ich nicht mehr wohin. Es ist kein Pfad mehr zu erkennen und es sieht auch irgendwie nicht so aus, als würde ich hier weiterkommen. Na toll. Das ist mir zu heikel so. Ich hatte mich auf einen einfachen Weg eingestellt, wie es im Wanderführer steht. Nicht auf eine weglose Kletterei. Ich schaue mich um, aber ich sehe nirgends ein weiteres Steinmännchen. So will ich nicht, ich fühle mich nicht wohl dabei. Dann gibt es doch keinen 3.000er heute. Und dabei wären es nur noch 200 Höhenmeter. Ärgerlich.

Die Aussicht von hier ist trotzdem toll. Ein kurzes Foto, dann konzentriere ich mich wieder auf meine Füße.

Ich steige hinunter bis zum Steinmännchen. Ich kann ja den anderen Pfad ausprobieren. Einen Versuch noch. Sofort keimt etwas neue Hoffnung in mir auf. Ich klettere ein Stück nach oben, aber auch hier ende ich vor spitzen Felsen, die ich nicht weiter hinaufklettern möchte. Tja, dann jetzt wohl wieder nach unten. Schade. Ich sehe keine anderen Steinmännchen und weiß nicht wohin. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob ich jetzt denselben Weg zurückgehe. Ich erkenne es nicht wieder.

Ich habe aber auch ein Pech mit den Gipfeln in den Pyrenäen. Erst der 2.000er, jetzt auch noch der 3.000er. Vielleicht sollte ich mich nicht so auf spezielle Gipfel freuen auf dieser Tour.

Ich steige langsam wieder ab zum Pass. Das ist kein Problem. Es ist nicht so schlimm, wie ich es mir beim Aufstieg vorgestellt hatte. Und jetzt geht es einfach weiter runter. Immer diese Pässe. 1.000 Höhenmeter aufsteigen, um sie dann auf der anderen Seite wieder abzusteigen. Wer hat sich sowas eigentlich ausgedacht.

Es geht über viel Geröll, einen felsigen Pfad nach unten.

An einem Bach mache ich eine kurze Pause und fülle Wasser nach. Ich habe oberhalb zwar keine Tiere gesehen, aber ich filtere das Wasser trotzdem. Es geht mir ja gerade wieder gut, das soll auch so bleiben. Ich strecke meine Beine aus, meine Füße werden langsam müde.

Da unten kommt ein längliches Gebäude in Sicht. Das kann doch nicht die nächste Hütte sein. Ich schaue auf die Karte. Doch, ist sie, die ist ja riesig.

Ich folge den langen Kehren über die Wiese nach unten. Man sieht die Hütte und braucht trotzdem noch über eine Stunde. Der Weg zieht sich jetzt etwas. Ich hatte überlegt, etwas zu essen und danach noch ein Stück weiterzugehen. Ich habe mich aber gerade umentschieden. Es sieht schön aus da unten am Fluss. Und ich bin müde. Das reicht gleich für heute.

Es geht über 2 Brücken und jetzt nur noch flach auf die Hütte zu. Keinen Meter rechts von mir scheint ein Murmeltier mich nicht zu bemerken. Eine ganze Weile lässt es sich nicht stören. Bis mein Fuß nochmal auf dem Kies knirscht und es schnell unter einem Felsen verschwindet. Sehen können die Tiere anscheinend nicht gut, vielleicht besser hören.

Das Refuge Wallon ist wirklich groß und bietet 112 Schlafplätze. Ich stelle lieber gleich mein Zelt auf. Auch wenn es mich interessieren würde, wie die Lager drinnen aussehen. Es wirkt alles ziemlich neu. Ich bestelle was zu trinken und setze mich auf die Terrasse, wo einige Tische besetzt sind. Zu Essen gibt es leider nichts mehr. Es gab nur bis 15 Uhr warme Küche und dann gibt es um 19 Uhr das Abendessen für die Übernachtungsgäste. Das ist immer so spät hier. Da könnte ich auch mit essen, aber dann müsste ich noch 2 Stunden warten. Ich ergattere aber noch ein kleines Stück Schokokuchen. Die Alternative wäre ein Crêpe. Was anderes gibt es gerade nicht.

Der Wirt erklärt mir, wo ich mein Zelt aufstellen kann. Und sagt, dass es heute Nacht eine Mondfinsternis gibt. Jedenfalls verstehe ich das aus seiner englischen Erklärung mit starkem französischen Akzent, ohne dass er die Wörter dafür kennt. Er sagt etwas von „Éclipse“.

Das ist doch ein schöner Zeltplatz. Wunderbar. Direkt am Fluss.

Wo ich auch gleich ein kühles Bad nehme in einer der kristallklaren und türkis leuchtenden Gumpen. Danach schnell warm einpacken.

Und erstmal lang ausstrecken auf meiner Luftmatratze. Eine halbe Stunde die Augen zumachen, bevor ich mich ums Kochen kümmere.

Das ist wie auf einem riesigen Natur-Campingplatz. Zur Toilette muss ich 200 Meter bis zur Hütte laufen. Die Übernachtung im Zelt ist aber kostenlos.

4 Deutsche, die gerade zu einer 6-tägigen Wanderung gestartet sind, stellen später ihre Zelte neben meinem auf. Ich habe jetzt schon länger keine Deutschen getroffen. Wir quatschen ein bisschen, dann verziehe ich mich ins Zelt. Bis ich fertig bin mit Schreiben, ist es halb 11. Regen prasselt jetzt auf mein Zelt. Ich finde es gemütlich.

Heute ist der vierte Tag ohne Empfang. Mal sehen, ob ich euch die ganzen Berichte erst im nächsten Ort hochladen kann. Selbst oben auf den Pässen gibt es hier keinen Empfang.


17,6 km
6:20 h
978 hm
1.363 hm
2.775 m