Ich bin ganz positiv überrascht, wie ruhig und windstill die meisten Nächte sind. Heute muss ich wohl mein Zelt das erste Mal im Regen abbauen. Es hört aber wieder auf zu regnen bis ich alles andere eingepackt habe. Meine Nachbarn, die 4 Deutschen, sind schon weg. Davon habe ich gar nichts mitbekommen.

Es ist ziemlich nebelig und ich ziehe direkt meine Regensachen über. Wasser auffüllen und dann geht es los. Am Fluss entlang, über ein paar einfache Brücken und ohne viel Sicht langsam hinauf.

Ich glaube, graue Kühe habe ich noch nie gesehen. Zwischen den braunen Kühen grasen 2 ganz hellgraue.

Schade, dass ich um mich herum nicht viel sehen kann. Irgendwie bin ich die ganzen Höhenmeter gerade ein bisschen Leid. Das ist schon anstrengend. Ich freue mich darauf, dass es morgen nur runter geht und ich glaube, in Gavarnie auf dem Campingplatz werde ich noch einen Pausentag einlegen. Ich hatte bisher nur meine erste Etappe bis Gavarnie genauer geplant. Dann kann ich mir in Ruhe die nächste Etappe anschauen.

Nach ein paar Kehren nach oben laufe ich über diese buckeligen Felsplatten. Die Landschaft erinnert mich so sehr an Norwegen. Teilweise ist die Orientierung etwas schwierig, ich finde aber doch immer wieder ein Steinmännchen.

Immer weiter geht es durch den Nebel. Vorbei an diesem Geisterbaum.

Und diese roten kleinen Pflanzen sehen aus wie Algen. Als würde ich plötzlich über Meeresboden laufen.

Ich quere ein paar Bäche. Weit kann es nicht mehr sein bis zum See. Gut, dass ich nicht gestern noch die 1,5 Stunden weitergelaufen bin. Eigentlich wollte ich an dem See zelten. Aber das wäre sehr anstrengend geworden, so müde wie ich schon war.

Wie praktisch, dass es über diese kleine Schlucht eine Brücke gibt.

Fast am See Lac d’Arratille angekommen, reißen die Wolken über dem Nebel immer wieder ein bisschen auf.

Und dann habe ich plötzlich freie Sicht. Am See sitzen ein paar Leute und machen Pause. Und ich treffe den Kerl aus der Hütte gestern wieder, der mir die Getränke und den Kuchen verkauft hat.

Wir quatschen eine ganze Weile. Er ist Gärtner und arbeitet immer mal eine Saison auf einer Hütte. Und macht längere Wanderungen mit seinem Esel zusammen. Spannend.

Ich verabschiede mich und mache mich an die nächsten 300 Höhenmeter hoch zum Pass Col d’Arratille. Dabei denke ich, dass meine nächste Wanderung nicht jeden Tag so viele Höhenmeter haben wird.

Der Blick zurück ist gut. Mit den Bergspitzen, die aus den Wolken schauen.

Weiter oben wird der Pfad felsiger und ich bin ganz froh über ein paar verblasste Markierungen.

Hier geht es oberhalb vom See am Hang entlang und dann ist der Pass erreicht.

Es ist ganz schön windig. Ich hocke mich hinter eine kleine Steinmauer, die jemand aufgetürmt hat, aber mir ist das zu kalt. Ich esse nur schnell ein paar Nüsse und dann muss ich mich wieder warmlaufen.

Gegenüber kann ich schon den nächsten Pass sehen. Der Pfad führt in einem großen Bogen um das Talende herum, immer am steilen Berghang entlang. Die Senke am weitesten rechts ist der Pass Col des Mulets.

Zwischendurch regnet es, aber nicht viel. Gerade als ich auf den letzten Kehren hoch zum Pass bin, höre ich ein Donnern. Die Wolken hinter mir sehen ziemlich dunkel aus. Schnell weiter, dass ich auf der anderen Seite vom Pass wieder absteigen kann. Dort bleibe ich nicht einmal stehen, weil es so windig und kalt ist. Das Gewitter bleibt aber zum Glück aus.

Jetzt geht es 400 Höhenmeter hinab, nur um sie auf der anderen Seite wieder aufzusteigen. Gegenüber sehe ich sogar schon den Pfad. Wie wäre es mit einer langen Hängebrücke?

Zwischen den Wolken sehe ich zwischendurch ein paar alte Schneefelder an dem Berg rechts von mir. Erst als ich nochmal auf die Karte schaue, sehe ich dass es keine Schneefelder, sondern traurige Überreste vom Gletscher sind. Und dass der Berg der Vignemale ist. Der höchste Berg in den französischen Pyrenäen. Das gefällt mir. Immer wieder erhasche ich schöne Blicke durch Löcher in den Wolken. Ich versuche mir vorzustellen, wie es vor ein paar Jahren aussah, als der Gletscher noch größer war.

Die Talebene ist eine komplett platte riesige Fläche. Dann suche ich in dem Nebel mal die Hütte, die hier stehen soll. Bisher kann ich nur ein paar Pferde ausmachen. Der Boden ist sandig und steinig. Und es fängt wieder an zu regnen.

Ich finde zuerst die Biwak-Zone. Ich habe gelsen, dass es hier die spektakulärsten Ausblicke geben soll. Heute leider nicht. So lohnt es sich nicht, hier zu bleiben.

Noch etwas weiter erkenne ich die Hütte im Nebel. Und finde auch eine kleine Brücke über den Fluss. Da ist ganz schön viel los, zig Leute stehen unter dem schmalen Vordach, um dem Regen zu entkommen. Die Hütte ist wegen Umbauarbeiten geschlossen. Gemein ist nur, dass drinnen hinter dem Fenster die Bauarbeiter gemütlich im Warmen sitzen und Pause machen und uns dabei zuschauen, wie wir draußen im Regen stehen.

Ich fülle meine Wasserflasche auf und stelle mich zu einem deutschen Pärchen, um meinen Riegel zu essen. Die Frau spricht mich auf Englisch an, aber ich höre direkt den deutschen Akzent raus und antworte einfach auf Deutsch. Da die Hütte hier geschlossen ist, wollen alle noch weiter zur nächsten Hütte. Ich überlege, dass ich bei dem ungemütlichen Wetter vielleicht auch mal im Lager schlafe. Die nächste Hütte ist eine der ältesten und höchstgelegenen Hütten in den Pyrenäen.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Ich habe überhaupt keine Lust auf den Anstieg. Aber hier unten im Nebel zu bleiben ist auch blöd. Der Wegweiser zeigt 3 Stunden an bis zum Pass. Wieso soll man denn für knapp 600 Höhenmeter 3 Stunden brauchen. So lang ist die Strecke doch auch nicht.

Der Pfad gefällt mir ganz gut. Und es ist nicht so schlimm wie gedacht. Durch die zig langgezogenen Kehren ist die Steigung moderat. Und es gibt immer wieder tolle Blicke, wenn die Wolken mal hier, mal da ein Guckloch bilden.

Nach einer Weile bin ich über dem Nebel. Das sieht toll aus.

Der letzte Wegweiser hat plötzlich auch nur noch 1 Stunde bis zum Pass angezeigt. Das passt schon eher. Und von da noch eine halbe Stunde bis zur Hütte.

Ich komme den Gletscher Überresten nun immer näher. Zwischendurch donnert es und es hört sich an, als würde Eis abbrechen und in die Tiefe stürzen. Vielleicht war das vorhin am Pass dann auch gar kein Gewitter Donnern. Ich suche den Hang ab, aber ich kann die Stelle nicht entdecken. Die Felsen drumherum sind ganz glatt geschliffen vom Eis.

Immer wieder schaue ich zum Gipfel neben dem Pass hoch. Er steckt die meiste Zeit nicht in den Wolken. Der Petit Vignemale ist knapp über 3.000 Meter hoch und man braucht für den Gipfel keinen Gletscher zu queren. Der Weg sieht nicht schwer aus. Die Flanke ist nicht so steil. Und es sind wieder nur knapp 300 Höhenmeter mehr. Ich überlege hin und her. Nachdem es noch mehr aufklart, beschließe ich, dass ich vom Pass einfach noch weiter hoch gehe.

Wie mein Glück es allerdings will, wird auch dieses Mal nichts daraus. Ich komme am Pass an und setze mich kurz auf einen Felsen. Trinke einen Schluck. Dann fängt es an zu regnen. Und wie. Dazu mischen sich Hagelkörner. Nein, das ist kein Gipfelwetter. Ab nach unten zur Hütte. Die ist schon in Sicht.

Die halbe Stunde kommt mir ewig vor. Die Hagelkörner schmerzen auf meinen Schultern. Zumindestens kommt der Wind von hinten, dass ich nicht alles ins Gesicht bekomme.

Im Vorraum der Hütte ist es eng und nass und stinkig. Überall auf dem Boden stehen Schuhe. An allen Wänden und Haken in der Mitte hängen nasse Klamotten und Rucksäcke. Leute wuseln umher und suchen sich noch eine freie Ecke. Ich ziehe mir ein trockenes Shirt an und suche mir Hausschuhe in der passenden Größe aus einer Kiste. In der Stube suche ich die Anmeldung. Es ist alles sehr eng und nichts beschriftet.

Die Anmeldung ist direkt in der Küche. Ich frage nach einem Schlafplatz und habe Glück. Ich hatte vorher schon gelesen, dass man hier am besten eine Reservierung braucht, da die Hütte klein ist. Und dass man sein Zelt nicht so gut aufstellen kann, weil es sehr felsig ist. Obwohl es trotzdem eine Biwak-Zone gibt. Aber ich wollte sowieso mal eine Pyrenäen-Hütte von innen kennenlernen. Dann ist heute der Tag. Also nehme ich das volle Programm. Schlafplatz, Abendessen und Frühstück. Alles einmal testen.

Ich bekomme sogar Rabatt, weil ich im Deutschen Alpenverein Mitglied bin. Es ist egal, welcher Alpenverein es ist. Die Übernachtung kostet 13 € und die Halbpension 32 €. Das ist doch völlig in Ordnung.

Rucksack und Klamotten lässt man schön in dem Vorraum, damit man in den Schlafräumen weiter atmen kann. Für Wertsachen bekommt man ein Schließfach und eine kleine Kiste, wo man alles reinpacken kann, was man zum Schlafen braucht und mit ins Lager nehmen möchte. Ich habe Glück und es wurde ein neues Zimmer angefangen mit mir. Dort sind wir am Ende nur zu viert und haben genug Platz. Man braucht auch keinen Hüttenschlafsack, sondern soll morgens die Bettwäsche abziehen.

Ich ziehe mich um und bestelle mir einen heißen Kakao, um mich aufzuwärmen. Trotzdem sitze ich den ganzen Abend mit meiner Daunenjacke in der Stube. Schade, dass der Kamin nicht an ist.

Achja, das habe ich noch gar nicht erwähnt. Mein Schlafplatz ist das Refuge de Bayssellance auf 2.651 Meter Höhe.

Es gibt erst um 19 Uhr essen. Das ist hier leider immer so spät. Das ist ja normal für Frankreich. Man sucht auf den Tafeln auf den Tischen seinen Namen und sitzt mit einer bunt gemischten Truppe zusammen. Teller und Besteck verteilt man selber und dann werden große Schüsseln mit dem Essen einfach in die Mitte gestellt. Es ist mehr wie ein riesiges Familien-Essen. Nach jedem Gang wird gefragt, ob noch jemand mehr möchte. Man kann sich richtig satt essen, es muss niemand hungrig schlafen gehen. Ich esse 2 Teller Gemüsesuppe. Dann dauert es bis Viertel vor 8, bis es endlich mit Nudeln und einer Brühe mit super zartem Rindfleisch und Gemüse weitergeht. Ich könnte einfach schon schlafen zwischendurch. Auch von der Hauptspeise esse ich 2 Portionen. Heute werden mal ein paar Kalorien getankt. Meine Uhr zeigt jeden Tag an, dass ich um die 2.000 Kilokalorien nur durch das Wandern verbrenne. Was ich bisher esse, deckt gerade mal meinen Grundumsatz. Die letzten Tagen außen vor, wo ich kaum was gegessen habe.

Es gibt eine große Scheibe Käse zum Nachtisch, dazu Brot von der Hauptspeise. Den Käse überspringe ich. Meine Scheibe teilen die anderen am Tisch sich. Zum Abschluss gibt es ein Stück Kuchen. Der für mich stark nach Alkohol schmeckt. Es sträubt sich alles in mir dagegen, aber ich esse auf. Dann kommt eine Schüssel mit Wasser und Lappen auf den Tisch. Abräumen und den Tisch abwischen macht man selber.

Blöd ist nur, dass ich an einem Tisch zwischen Gruppen von Franzosen sitze, die untereinander in Gespräche vertieft sind. Ich verstehe kaum etwas und fühle mich etwas unwohl. Im Nebenraum gibt es einen Tisch, wo auch die anderen Deutschen sitzen, neben Kanadiern und Australiern. Das wäre sehr viel spannender gewesen.

Ich gehe nach dem Essen direkt Zähne putzen. Bleibe aber beim Weg durch die Stube dann bei dem deutschen Pärchen hängen. Wir setzen uns an einen freien Tisch und quatschen noch ein bisschen. Ansgar ist auch schon viele Teile des HRP gegangen. Im Lager treffe ich dann auf einen jungen Belgier, der gerade erst angekommen ist. Wir reden auf Englisch, während ich mich schon ins Bett lege.

Der Abend war sehr trubelig und laut. Haken dran, nächstes Mal werde ich wieder im Zelt schlafen. Da fühle ich mich immer noch wohler. Zum Essen kann ich ja trotzdem immer reingehen, wenn mir danach ist.


15,5 km
6:30 h
1.524 hm
734 hm
2.734 m