Ich liege mehr wach als dass ich schlafe. Bei den ganzen Geräuschen um mich herum, vor allem im Wald, bin ich echt angespannt. Wenn das Zelt zu ist und ich nichts mehr um mich herum sehe, spielt meine Fantasie manchmal verrückt. Die Nacht ist dann super still, aber trotzdem liege ich wach. Vielleicht weil es die erste Nacht draußen ist. Mal sehen, ob es morgen besser wird.
Ich suche mich nochmal nach Zecken ab. Gestern Abend saß eine auf meiner Luftmatratze. Mehr waren es aber wohl nicht. Ich packe in Ruhe zusammen und gehe nochmal rüber zu der Hütte, um Wasser aufzufüllen. Und mein Gesicht zu waschen. Das ist Luxus, wenn das Wasser knapp ist.
Um halb 9 gehe ich los. Es ist weiter grau, aber trocken. Vorhin habe ich nichts außer weißen Wolken gesehen. Jetzt sieht man hinter mir zumindest ein paar Bergspitzen.

Ich folge dem breiten Schotterweg. Überall liegen Kastanien. Von leuchtend grünen Stacheln umhüllt. Ich weiß gar nicht, woran man Esskastanien und Maronen erkennt.

Ich halte seit gestern immer wieder Ausschau nach mehr Feigen oder anderem Obst. Finde aber bisher nur Brombeeren, wovon viele noch nicht ganz reif sind.
Bald habe ich einen Blick auf meinen ersten Gipfel. Es ist nicht der in der Mitte. Rechts davon sieht man in den Wolken ganz schwach 2 Funkmasten. Die stehen auf La Rhune, das ist mein Ziel. Auch wenn da eine Bahn hochfährt und es ein paar Gebäude gibt. Wenn ich hierher gehe, nehme ich den Gipfel trotzdem mit.

Jetzt geht es steil hoch. Ich kürze die weiten Kurven der Schotterstraße über einen schmalen Pfad ab. Meine Beine fühlen sich immer noch ein bisschen schlapp an. Erst nachdem ich etwas warmgelaufen bin, geht es besser. Es geht steil nach oben und ich gehe langsam mit kleinen Schritten. Ich habe ja Zeit. Ich verpasse die nächste Abkürzung, also folge ich doch ein Stück dem breiten Schotterweg. Mir kommen immer wieder Trailläufer entgegen. Scheint eine beliebte Strecke zu sein.
Dann kürze ich wieder ab. Das wird kein schöner Gipfel, so bebaut wie das da oben ist. Man hört hier überall Glocken. Es sind aber keine Kuh-, sondern Pferdeglocken. Die grasen hier in aller Ruhe vor sich hin und lassen sich nicht stören von den Menschen.

Ich könnte nun der Schotterstraße weiter folgen. Laut Karte soll es aber noch einen Pfad direkt zum Gipfel geben. Schwierigkeit T2 und ein Stück T3. Sollte doch kein Problem sein. Ich folge einem Pfad durch Farn die Böschung hoch. Hier bin ich aber falsch. Laut Karte muss ich weiter nach links. Ich gehe ein Stück querfeldein, um den Weg zu suchen. Und stehe auf einer großen Grasfläche. Hier ist zwar kein Weg, aber eine geniale Aussicht. Als ich mich umdrehen, sehe ich den Atlantik, ganz viele Orte und ganz hinten auch noch Hendaye, wo ich gestartet bin.

Irgendwie lustig. Auch wenn ich noch nicht einmal über 1.000 Meter hoch bin, fühlt es sich viel höher an. Es ist alles etwas verschoben hier, dadurch dass ich auf Meereshöhe und nicht schon auf 800 Meter starte, wie Zuhause.
Vor mir liegt ein steiler Grashang und weiter oben der felsige Gipfel. Einen Pfad kann man nicht erkennen. Die anderen Menschen folgen alle der Straße. Ich schaue nochmal auf die Karte. Es soll auch noch ein anderer Weg vom links dazukommen oben. Ich bin zwar unsicher, hinterher gibt es den Weg nicht mehr, aber ich stapfe trotzdem langsam die Wiese nach oben. Bleibe immer wieder stehen, es ist ganz schön steil. Und muss an die Berge in Norwegen denken, die ich querfeldein und ohne Wege erklommen habe. Dagegen ist das Gelände hier ja ein Kinderspiel.

Ich gehe an Grenzstein 24 vorbei und mache eine kurze Pause als ich die Felsen und eine kleine Höhle erreiche. Jetzt bin ich gespannt. Es gibt ein paar Wegspuren und ich halte mich schön an die Markierung auf meiner Karte. Es geht im Zick Zack die Felsen hinauf. Hinter einer Ecke schaut mich ein Pferd an. Dann steht über mir plötzlich ein Hund. Ich erschrecke mich und erstarre. Hoffentlich sind Menschen dabei und es ist kein aggressiver Hütehund, denen man aus dem Weg gehen soll. Zumindest kommt er nicht näher und bellt auch nicht. Ich bin erleichtert als ich Stimmen höre. Sehr gut, dann gibt es diesen Pfad ja auch tatsächlich. Ich warte an einer breiteren Stelle bis das französische Pärchen mit ihren 2 Hunden vorbei ist. Es wäre nicht mehr weit zum Gipfel, nur sehr steil. Alles klar. Hoch ist das ja meistens einfacher als runter.
Ich brauche ein paar Mal meine Hände und diese hohen Felsstufen lassen die Oberschenkel brennen. Vor allem mit dem schweren Rucksack als Zusatzgewicht. Aber schwer ist der Weg nicht. Ich freue mich eher über den alpinen Charakter, so bin ich gefühlt richtig in den Bergen angekommen.
Ich komme an einer kleinen Mauer raus. Daneben der mit Stahlgittern und Stacheldraht gesicherte Funkmast. Und – oh je – wie viele Leute starren mich denn da an? Hinter der Mauer steht ein ganzer Pulk. Ich beachte sie nicht und klettere das letzte Stück nach oben. Dann stehe ich auf einer großen Plattform inmitten von Leuten. Es kommen immer mehr, anscheinend ist gerade eine Bahn angekommen. Schrecklich voll. Ich sehe 3 Restaurants und auf dem ganzen breiten Bergrücken so viele Menschen. Na gut, ein erstes Gipfelfoto muss trotzdem her. Ich suche mir eine spanische Familie mit kleinen Kindern aus und frage, ob sie ein Foto von mir machen. Nachdem ich bestimmt 10 Minuten geduldig warte bis etwas mehr Platz ist.
Geschafft, La Rhune auf 905 Meter Höhe.

Da ich hier keinen ruhigen Platz finde, gehe ich direkt weiter. Den breiten, grasigen Bergrücken entlang, zwischen Pferden und Menschen hindurch. Da vorne thront ein Felsplateau, das sieht gut aus. Wie riesige geschichtete Felsplatten. Das ist der nächste Gipfel. Der Pilotalekugaña auf 870 Metern.

Hier mache ich dann auch Pause und esse meinen Pfirsich, den ich mir für heute verwahrt habe. Bevor es an den Abstieg geht. Ganz schön steil. Ein steiniger schmaler Pfad. Jetzt werden es immer weniger Leute. Das ist schön. 500 Höhenmeter geht es wieder runter. Das geht ganz schön in die Beine. Ich freue mich schon, wenn es gleich wieder leicht hoch geht.

Zwischendurch geht es immer wieder über Wiese, rechts und links ganz viel Farn. Da ist gar kein Weg erkennbar. Und die Pferde sind wahrscheinlich gute Rasenmäher, das Gras ist überall ganz kurz. Es folgt noch ein steiles Stück. Der Pfad ist teilweise etwas zugewuchert von Farn, stacheligen Brombeeren und einer anderen sehr pieksigen Pflanze. Mit zerkratzten Armen komme ich unten an. Und stelle fest, dass ich auch an den Beinen ein paar kleine blutige Stellen habe. Da bin ich bestimmt irgendwo an den Dornen hängengeblieben. Nicht weiter schlimm, es tut nicht weh.
An einer kleinen Schutzhütte mache ich endlich richtig ich Pause. Ich habe Hunger. Es gibt die letzte Mandarine, Nüsse und Knäckebrot. Eine Tür der Hütte ist offen, hier kann man im Notfall übernachten. Die große Wiese eignet sich aber auch perfekt zum Zelten. Eine französische Familie mit zwei kleinen Jungs kommt dazu und packt ihre Sandwiches aus. Wir unterhalten uns ein bisschen, mit einem Mix aus Französisch und Englisch klappt es ganz gut. Bisher konnten alle Leute, mit denen ich gesprochen habe, zumindest ein paar Wörter Englisch.

Weiter geht’s nach Lizuniaga. Erst wieder hoch, dann runter und an ein paar Häusern vorbei. In der Bar sitzen ein paar Leute draußen auf der Terrasse. Ich gönne mir etwas zu Trinken und frage, ob ich mein Handy laden kann. Das ist kein Problem. Ich habe keinen Plan, was ich bestellen soll, also versuche ich es mit Orangina. Das kenne ich aus unseren ganzen Frankreich-Urlauben als Kind. Sie haben etwas ähnliches, die spanische Variante davon. Achja, ich bin gerade auf der spanischen Seite. Da achte ich gar nicht drauf, so oft wie ich die Seite wechsele. Ich lasse mir dann doch auch die Karte geben und bestelle ein paar Tapas. Kartoffeln mit Aioli. Mann, ist das stark. Ich liebe ja Knoblauch, aber das Aioli schmeckt, als würde ich die Zehen roh essen. Da halten bestimmt alle Tiere heute Nacht schön Abstand von mir.
Noch etwa 2 Stunden, dann sollte ich zu einem guten Zeltplatz kommen. Der wird auf Komoot empfohlen. Ich freue mich darauf, dass der Weg jetzt nur noch leicht ansteigt. Das sollte entspannt werden. Ich bin müde.
Ich könnte mich einfach an den Weg halten, den die anderen gegangen sind und den die Wanderführer vorschlagen. Aber meine Karte zeigt einen etwas kürzeren Weg oberhalb. Dann kann ich doch daher gehen. Und so ende ich wieder in dornigen Sträuchern. Das kann ich gut. Zuerst ist der Weg noch gut erkennbar, an vielen Hochsitzen vorbei. Dann sehe ich, dass das gar nicht mehr mein Weg ist. Also gehe ich quer durch den Farn weiter nach rechts. Und treffe auf einen sehr zugewucherten Pfad. Da gehe ich lieber daneben weiter durch den Farn. Der sticht nicht. Es wird sehr steil und ich überlege umzudrehen. Aber nein, jetzt will ich auch wissen, ob es hier doch weitergeht. Und es wird wieder besser.

Oben angekommen, treffe ich auf einen breiten Wiesenweg. Als wäre nichts gewesen. Hat sich also gelohnt. Auch der Ausblick, als ich mich umdrehe. Da war ich vorhin noch oben. Und schaut euch mal den riesigen Kastanienbaum links an. So schön.

Zum ersten Mal kommt nun richtig die Sonne raus. Und es ist direkt so viel wärmer. Ich bin ganz froh über die ganzen Wolken bisher. Und froh, dass ich jetzt dem schönen einfachen Waldweg durch den Schatten folgen kann. Es ist ein schöner, relativ ebener, Spazierweg.
Irgendwann quere ich nochmal die Grenze und eine Passstraße und komme an 2 Restaurants und Grenzgeschäften vorbei. Es gibt einen großen Parkplatz und einen Unterstand mit Toilette und Trinkwasser. Ich drücke den Knopf, aber es tropft nur. Ich drücke noch ein paar Mal, aber es fließt kein Wasser. Na toll. Ich hatte mich darauf verlassen, dass ich hier mein Wasser nachfüllen kann. Viel habe ich nicht mehr. Also gehe ich mit meiner 2 Liter Wasserblase in das nächste Restaurant und frage dort nach. Perfekt, bezahlen muss ich nichts dafür.
Dann jetzt nur noch einen Hügel hinauf. Zwischen ein paar Bäumen finde ich wieder eine kleine Schutzhütte. Davon gibt es hier sehr viele. Da schlafe ich allerdings viel lieber in meinem Zelt als in so einer kleinen, dunklen Hütte. Ein Stück weiter die Wiese hinauf, finde ich eine ebene Stelle. Hier hat auch schon jemand ein Lagerfeuer gemacht. Hier bleibe ich. Es ist gerade erst kurz nach 16 Uhr. Aber ich baue mein Zelt einfach schon auf. Ich weiß immer noch nicht, was genau hier erlaubt ist, aber es scheint niemanden zu stören.

Erstmal repariere ich nun meine Schuhe. Ich befestige vorne an den Schnürsenkeln immer einen Druckkopf für die Gamaschen. Da mir das mit dem Einhaken zu fummelig ist. Da habe ich, vor allem mit kalten Händen oder Handschuhen, keine Lust drauf. Dieses Mal hält der Schnürsenkel aber nicht und reißt fast. Ich klebe Panzerband drum und nähe es mit Zahnseide fest. Das sollte halten.

Die Zeit vergeht immer ziemlich schnell dann. Zelt aufbauen, Schlafplatz herrichten, umziehen, essen, ausruhen, sich umschauen, Fotos vom Tag anschauen, Blog schreiben, Route für den nächsten Tag auf der Karte anschauen. Und plötzlich ist es schon 21 Uhr. Heute bin ich auch viel zu müde, um noch fertig zu schreiben.

Ma
Hi, das sieht nach Esskastanien aus. Die haben sehr viel mehr Stacheln als Rosskastanien. Und die Früchte innen sind immer an einer Seite flach, nicht so rund wie die nicht essbaren. Wir müssen wohl mal wieder einen Abstecher in die Pfalz machen, oder?! LG Ma
Sophie
Müssen wir wohl 🙂 Ich habe die Kastanien heute untersucht: Es sind Esskastanien.
Margret und Heinz
Hallo Sophie, es macht wieder Spaß deine tollen Berichte zu lesen, findest immer den richtigen Weg und weiter hin viele Erlebnisse. Viele Grüße O&O
Sven
Wie sehr muss ich daran denken, dass du so einen Respekt vor freilaufenden Hunden hast. Da bleibt mir dann immer das Herz stehen. Der volle Gipfel hat ein inneres Schmunzeln verursacht. Der Berg zählt aber nicht als Gipfel. Da war kein Gipfelkreuz wo du dran anschlagen konntest.
Es ist schön zu lesen, dass du gut vorwärts kommst.
Sophie
Gipfelkreuze werde ich wohl hier nicht so viele finden. Die sind mehr in den Alpen verbreitet. Dann muss ich mir was anderes ausdenken, wenn ich oben ankomme. Einen Gipfel-Purzelbaum vielleicht statt am Kreuz anzuschlagen?!