Ich habe mich schon auf heute gefreut. Es geht nur runter ins Tal. Es sind zwar viele Höhenmeter und auch die werden anstrengend. Aber ich beschäftige mich nicht weiter mit dem Weg. Einfach eben runter.

Ich konnte mir gestern aussuchen, ob ich um halb 7 oder um 7 Uhr frühstücken möchte. Ich habe 7 Uhr gewählt. Das ist so schon viel früher als ich sonst aufstehe im Moment. Die Sonne geht ja erst um halb 8 auf. Beim Wandern passt sich mein Rhythmus meist automatisch dem Sonnenauf- und untergang an. Also habe ich meinen Wecker gestellt. Meine innere Uhr lässt mich ein paar Minuten vor dem Klingeln wach werden. Das ist gut, dann wecke ich die anderen nicht.

Im Schein meiner Stirnlampe ziehe ich mein Bett ab, nehme meine Sachen mit und gehe ins Bad, um mich anzuziehen. Ich bin ganz schön müde. Gestern Abend habe ich lange gebraucht zum Einschlafen. Irgendwann hat es heftig angefangen zu schütten und zu hageln und es hörte sich an, als würde das Metalldach der Hütte durchlöchert.

In der Stube sitzen schon ein paar Leute. Das Buffet ist sehr übersichtlich. Es gibt Brot, Zwieback, Müsli, Kakaopulver, Milchpulver, Kaffee und heißes Wasser. Auf den Tischen steht dazu jeweils ein Pott Honig und ein Glas Marmelade. Ich habe überhaupt keinen Hunger und frage mich, wieso ich überhaupt frühstücken wollte. Ja, ich wollte es einmal testen auf einer Hütte. Aber ich frühstücke seit Jahren nicht, damit komme ich super klar und habe morgens gar keinen Hunger. Ich trinke zwei Tassen Tee und knabbere lustlos an einer Scheibe Brot mit Honig. Es gibt nur Messer und Löffel, sonst kein Besteck oder Teller. Man legt sein Brot einfach direkt auf den Tisch. Und die Müslischalen sind gleichzeitig auch die Tassen. So kann man auch sparen. Das ist mir schon im Refuge d’Arlet aufgefallen mit den Müslischalen als Tassen. Scheint auf den Hütten normal zu sein.

Ich sitze da und kämpfe gegen die Übelkeit. Ich muss raus an die frische Luft. Irgendwie schaffe ich es, das Brot aufzuessen, bringe mein Geschirr in die Küche und gehe schnell vor die Tür. Ah, schon besser. Erstmal durchatmen. Ich mache einen Rundgang um die Hütte. In den Ecken liegt überall noch eine dicke Schicht Hagelkörner von letzter Nacht. Der Petit Vignemale bekommt gerade ein paar Sonnenstrahlen ab. Zurückgehen, um doch den Gipfel zu besteigen, ist aber nicht. Sonst komme ich ja nie am Ziel an. Es kommen schon noch ein paar 3.000er auf meinem Weg.

Ich packe meine Sachen und ziehe Buff, Mütze und Handschuhe über. Es ist ganz schön frisch.

Auf ins Tal. An den hohen Felsen des Vignemale sieht man überall weiße Schleier vom Hagel. Und auch auf dem Boden liegt noch ein bisschen Eis.

Da geht es hinunter. Das sieht doch schön aus. Rechts kann man den Pfad erkennen.

Leider ist es so zugezogen, dass ich den größten Gletscher oben in der Ostflanke des Vignemale nicht sehen kann. Dafür ein paar lange Wasserfälle. Ich frage mich, ob die Felsen rechts und links vom Wasserfall von dem eisigen Wasser so weiß verfärbt sind.

Ein paar Kehren weiter unten sehe ich das deutsche Pärchen. Ich erkenne sie an ihren neongelben und -grünen Regenüberzügen. Als sie eine kurze Pause machen, hole ich sie ein. Das ist ein schönerer Platz zum Frühstücken. Wir gehen zusammen weiter.

Es geht zwischendurch ein kleines Stück nach oben und über Felsen. Dann wieder über einen Wiesenpfad in Kehren hinab.

Weiter unten geht es dann einfach ewig am Berghang das Tal entlang weiter nach unten. Es geht nur leicht runter, immer oberhalb des Flusses entlang. Und immer wieder an kleinen Wasserfällen vorbei.

Wir unterhalten uns gut beim Gehen. Ich bin froh über die Gesellschaft, der Weg zieht sich doch ganz schön. Mal eben runter ins Tal ist nicht. Es sind ja doch fast 20 Kilometer. 1.000 Höhenmeter sind wir schon abgestiegen. Aber wir sind immer noch auf einer Höhe von 1.900 Metern. Die ganzen letzten Tage war ich jetzt über 2.000 Meter hoch und trotzdem bin ich jeden Tag noch 1.000 Höhenmeter auf- und abgestiegen. Das sind irgendwie andere Dimensionen. Mir kommt es wie noch sehr viel mehr Höhenmeter als bei meiner Alpendurchquerung vor.

Der kleine See da hinten leuchtet richtig im Nebel.

Irgendwann ruft die Frau mir von hinten zu, wie ich eigentlich heißen würde. Kennen wir uns eigentlich schon? Nach einer Stunde quatschen, stellen wir uns also mal offiziell vor. Lustig, habe ich auch nicht drüber nachgedacht. Heute gehe ich also mit Birthe und Ansgar zusammen. Sie wohnen auch gar nicht so weit entfernt, in Münster.

Bis zu dem See laufen wir über den flachen Talboden des Ossou Tals. Über ein paar Steine queren wir den Fluss und an der Staumauer an einer kleinen Steinhütte machen wir Pause. Von hier kann man der Schotterstraße hinab folgen oder den schöneren Weg am Hang entlang nehmen. Wenn ich alleine wäre, würde ich jetzt die Schotterstraße nehmen. Einfach nur um schneller anzukommen. Auch wenn es noch 10 Kilometer sind und die Füße viel mehr wehtun würden auf dem harten Untergrund. Ansgar ist, ähnlich wie ich, schon 3 Wochen unterwegs und ihm geht es auch so. Birthe geht gerade den vierten Tag mit und hat noch mehr Energie. Damit sie ihren Urlaub auch voll nutzen kann, entscheiden wir, alle zusammen den schöneren Weg am Hang entlang zu gehen.

Der Nebel hängt nun tief über dem Tal.

Es geht erstmal wieder ein bisschen nach oben. Was soll das denn, ich wollte doch nur absteigen heute. Meine Beine sind schwer und nicht auf bergauf gehen eingestellt.

Ständig gibt es neue Wolkenbilder zu sehen.

Zwischendurch unterhalten wir uns, dann hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach. Es ist schön und entspannt. An einem kleinen Fluss machen wir nochmal kurz Pause und kühlen unsere Füße in dem klaren Wasser. Birthe verteilt eine Runde Kekse dazu.

Ansgar läuft ein bisschen vor und wartet dann hinter der nächsten Steinhütte auf uns. Nur noch 4 Kilometer. Wir kommen näher. Diese Steinhütten gibt es hier häufig. Manchmal ist nur ein kleiner Vorraum offen und dahinter der Raum mit einem Schloss gesichert. Manche der Hütten sind im Sommer vom Schäfer bewohnt. Sie sind auf jeden Fall ein guter Wetterschutz.

Irgendwann taucht unter uns eine Straße auf. Und auf einem Hügel steht eine große weiße Statue. Die Zivilisation kommt näher.

Wir überqueren die Straße, kürzen ein paar Serpentinen ab und kommen zu den ersten Häusern. Eine G**î**te gibt es auch, das sind einfache Herbergen für Wanderer. Ich will aber weiter zum Campingplatz. Also gehen wir die Straße entlang. Nochmal kurz Rucksäcke absetzen und was überziehen. Hier unten ist es kälter.

Wir gehen an einer langen Reihe Wohnmobile und Autos aus allen möglichen Ländern vorbei. Hier ist ganz schön was los. Mit dem Nebel kann man aber nicht erkennen, wie es so um uns herum aussieht. Wir kommen an einem gut ausgestatteten Outdoor-Laden vorbei. Hier bekommt man sogar Gaskartuschen mit Schraubgewinde, die in Frankreich eher selten sind. Und es gibt eine große Auswahl an Trekking-Gerichten. Noch habe ich genug.

Birthe und Ansgar wollen einen Kaffee trinken und sich dann ein Hotelzimmer nehmen. Also verabschieden wir uns. Vielleicht treffen wir uns ja morgen beim Aufstieg wieder. Schön war es heute!

Ich mache kurz halt am Supermarkt. Erstmal was frisches, 2 Pfirsiche. Wir haben uns schon seit wir die Straße unter uns entdeckt haben, ausgemalt, was wir alles heute Abend essen wollen. Es gibt sogar richtiges Brot, nicht nur Weißbrot. Das nehme ich mit und dazu Avocado, kleine Tomaten, Schafskäse und grüne Oliven. Das wird ein Festmahl gleich im Zelt. Es gibt auch zig Bars und Cafés, aber da habe ich gar keine Lust drauf. Als ich weitergehe, komme ich an einem Souvenierladen nach dem nächsten vorbei.

Auf dem Campingplatz ist nicht so viel los und ich bekomme einen Platz für mein Zelt zugewiesen. In den 10,29 € sind auch 5 Minuten warm duschen inkludiert. Das spare ich mir für morgen früh auf. Jetzt ist mir so kalt, dass ich einfach direkt meine Schlafsachen anziehe. Ich dekoriere mein Zelt mit den nassen Klamotten von gestern. In dem Vorraum der Hütte ist nichts getrocknet. Mit dem Wind hier geht es vielleicht schneller.

Hier im Ort habe ich das erste Mal seit 5 Tagen wieder Empfang. Ich esse und lade die ganzen Berichte der letzten Tage hoch. Schreibe von gestern und bin froh über meinen warmen Winterschlafsack.

Bis 11 Uhr kann mein Zelt morgen hier stehen bleiben. Mal sehen, ob ich bis dahin fertig bin mit der weiteren Planung oder ob ich noch einen Pausentag einschiebe.


19,2 km
5:45 h
381 hm
1.640 hm
2.653 m