Ich könnte auch noch hier bleiben. Einfach im Schlafsack liegen und entspannen. Aber so geht es nicht. Ich habe noch was vor. Ich will ja in ein paar Wochen mit den Füßen im Mittelmeer stehen.
Ich lasse mir trotzdem Zeit. Die Rezeption öffnet erst um 9 Uhr, ich muss mein Armband für die Duschen noch abgeben. Es ist mal wieder nebelig. Aber gleich geht es nach oben, vielleicht bin ich dann über dem Nebel.
Zusammen mit einigen Tagestouristen gehe ich ein Stück am Fluss entlang und biege dann in den Wald ab. Es folgen zig steinige Kehren den Berg hinauf. Der Nebel lichtet sich und irgendwann kann ich die Häuser von Gavarnie da unten sehen.

Meine Beine fühlen sich ausgeschlafen und fit an. Die Höhenmeter schmelzen dahin, das fühlt sich gut an.
Jetzt geht es aus dem Schatten der Bäume heraus und über die Wiese weiter. Oben auf dem Hügel sieht man schon das Refuge des Espuguettes. Ich glaube, ich hatte gelesen, dass die Hütte bewirtschaftet ist.

Vielleicht bin ich so um halb 12 an der Hütte. Dann kann ich da ja eine Mittagspause machen. Ich ziehe meine Windjacke aus, in der Sonne ist es echt warm. Inzwischen haben die Wolken sich noch mehr verzogen und ich kann die Zahnlücke in der oberen Felsreihe sehen. Den berühmten Spalt.

An jedem Trampelpfad, der vom Weg abgeht und quer über die Wiese führt, steht ein Schild, dass man auf dem Weg bleiben und keine Abkürzung nehmen soll. Das sind eine Menge Schilder.
Ich muss kurz stehen bleiben bis die Welle der Übelkeit vorbei ist. Nicht schon wieder. Irgendwie bekomme ich das nicht gut hin mit dem Essen im Moment. Mein Magen ist nicht zufrieden. Jetzt habe ich riesigen Hunger und mein Magen knurrt schon. Die letzten 10 Minuten zur Hütte schaffe ich noch. Vielleicht sollte ich die nächsten Tage mal ausprobieren, dass ich nach 1 Stunde gehen was esse. Damit mein Körper mehr Energie für die Anstiege hat.
Um die Hütte herum sitzen viele Leute in der Sonne. Ich stelle meinen Rucksack ab, ziehe meine Schuhe aus und gehe in die Stube. Es gibt Omelette mit Käse, eine Limonade und zum Nachtisch gönne ich mir ein Stück Blaubeer-Kuchen und eine Tasse Kakao. Das ist gut. Vor allem der Blaubeer-Kuchen ist super lecker. Dabei sitze ich auf dem kleinen Balkon und halte meine Füße in die Sonne.

400 Höhenmeter noch bis zum Pass. Nach dem Essen mache ich mich wieder auf den Weg. Weiter über die Wiese. Ein paar Kehren hinauf und dann eine lange ansteigende Gerade am Hang entlang. Ganz links geht es rüber auf die andere Seite. Immer dasselbe, hoch zum Pass und dann wieder runter.

Jetzt bin ich ein bisschen langsamer unterwegs und mache mehr Pausen. Beim Blick zurück kann ich heute sogar die Spitze des Vignemale aus den Wolken ragen sehen und den oberen Gletscher.

Nur noch ein Stückchen. Da vorne in der Senke ist der Pass Hourquette d’Alan. Es ist ein schöner Weg.

Ich stapfe die letzten Kehren mit tollem Blick hinauf.

Und dann bin ich oben. Ganz unerwartet ist es windstill und ich setze mich auf einen Felsen in die Sonne. Rechts und links geht es steil nach unten. Schön, wenn man auf dem Pass Pause machen kann, ohne direkt im Wind zu frieren. Ich lege den Kopf auf meine Knie und mache die Augen ein bisschen zu. Genieße die Wärme der Sonne.

Von der anderen Seite kommt ein Wanderer hinauf. Ich höre ein „Wow“ als er oben ist. So geht es mir auch häufig, wenn man dann die andere Seite endlich sehen kann. Dann gibt es ganz neue Ausblicke.
Na gut, dann mache ich mich mal an den Abstieg. Da geht es runter.

Erst in Kehren und dann irgendwann flacher in Richtung Fluss, der durch das Tal fließt. Die Pyrenäen-Kühe sind bisher zum Glück alle sehr entspannt und beachten einen kaum, wenn man vorbeigeht. Selbst wenn Jungtiere dabei sind.

Der Weg durch das Tal ist lang. 8 Kilometer sind es. Die ganze Zeit leicht absteigend und irgendwann dann direkt am Fluss entlang. Auf den Stein ist das Logo des Nationalparks gemalt. Das sieht man immer wieder. Ein P und ein N, dazwischen eine Gämse. Die mehr wie ein Einhorn aussieht. Gämsen soll es hier geben, ich habe leider noch keine gesehen.

Ich frage mich, wie viele Leute ich wohl auf französisch grüße und wie viele mich auf französisch grüßen, die auch Deutsche sind. Oder andere Ausländer.
Ich warte schon die ganze Zeit darauf, dass der große See irgendwann in Sicht kommt, in den der Fluss mündet. Aber bevor ich den See sehen kann, biege ich rechts ab über eine alte Brücke. Am verbogenen Geländer festhalten ist hier schlecht.

Die anderen Menschen gehen alle geradeaus weiter. Da ist bestimmt irgendwo ein Parkplatz, das würde die vielen Leute ohne Rucksack erklären. Ich habe keine Lust auf die lange Schotterstraße durch das nächste Tal. Deswegen nehme ich die Variante über den Berg.
Es sind nur noch 200 Höhenmeter nach oben. Und ich hoffe sehr, dass der Bach nicht ausgetrocknet ist. Sonst habe ich ein Problem. Dann gibt es heute Abend nur Nüsse und Cracker.
Zuerst sehe ich eine riesige Staumauer. Dann kommt der See in Sicht, der ganz türkis in der Sonne leuchtet. Der Wasserstand scheint nicht sehr hoch zu sein.

Auf der Staumauer sind ganz viele kleine Menschen zu sehen und daneben ein Parkplatz. Hier oben ist es doch viel schöner. Hier bin ich alleine. Oder fast. Alleine mit zig Kühen. Etwas weiter unten beobachte ich 2 Leute, wie sie versuchen, eine Herde Kühe ins Tal zu treiben. Eine Kuh mit ihrem Kälbchen büchst immer wieder aus der Gruppe aus.
Es ist schön, jetzt nicht da unten durch das schon dunkle Tal zu laufen.

Ich verliere den Pfad und gehe nach Karte auf meiner Uhr. Dann finde ich eine breitere Spur. Irgendwann sehe ich die Senke, wo der Bach sein soll. Und bin sehr erleichtert, als ich Wasser plätschern höre. Das Abendessen ist gerettet.
Jetzt muss ich nur noch eine ebene Fläche für mein Zelt finden. Ich gehe um die Kurve, am Bach entlang und werde fündig. Das ist perfekt. Neben einem großen Felsen, direkt am Bach, in dem Einschnitt ein bisschen geschützt.

Gerade als ich mein Zelt aufgebaut habe, kommt aus der anderen Richtung ein Wanderer um die Ecke. Der sucht auch einen Schlafplatz, denke ich sofort. Es ist ein Schweizer, der 2 Wochen lang ein Stück vom HRP geht. Nur in die andere Richtung. Er meint lachend, er hätte diesen Platz reserviert, da war ich wohl schneller. Hinter dem Felsen ist aber noch genug Platz für ein zweites Zelt.
Wir essen zusammen und unterhalten uns. Ich probiere heute ein Fertiggericht von Voyager, einer französischen Marke. Das hatte ich in Gavarnie gekauft. Kartoffelpüree mit Gemüse. Es schmeckt sehr fad, es hat gar nicht viel Geschmack. Naja, satt macht es trotzdem. 4 Abende muss ich nun da durch. Danach gibt es wieder die norwegischen Gerichte. Die sind weiterhin die Nummer 1 bzw. die einzigen, die richtig gut schmecken.
Um die Ecke komme eine Kuh. Sie sieht uns, bleibt stehen, beobachtet uns misstrauisch und kommt dann auf uns zu. Dahinter die nächste. Und noch eine. Sie wollen aber nur zum Wasser, trinken etwas und gehen dann langsam grasend den Berg weiter hinauf. Gut, dass die Zelte da nicht so sehr im Weg stehen. Ich hocke mich auf den großen Felsen, auf den Beobachtungsposten und schaue mir das Schauspiel an. Es geht bestimmt über eine halbe Stunde so. Dass eine weitere Kuh um die Ecke kommt. Ob sie wohl nachts gut sehen können und um das Zelt herumlaufen würden? Die Glocken verschwinden aber nach und nach und für mein Zelt interessiert sich keine Kuh.
Sven
Im ersten Moment habe ich gedacht, dass die Kühe auch den Platz reserviert haben. Gut das die so flexibel waren.
Pass bitte mit dem Wasser auf.