Die Nacht war ruhig, ich habe keine Kuhglocken mehr gehört. Es regnet ein bisschen, aber der Wind trocknet das Zelt morgens schnell wieder. Der Schweizer verabschiedet sich und ich gehe auch kurz darauf los. Heute hatte ich schon beim Aufwachen Hunger. Ich habe einen Riegel gegessen und eine Packung Cracker griffbereit. Der Platz hier hat mir gefallen. Die Sonne schickt ein paar erste Strahlen. Es geht mit einem Berg-Lachen los.

Über dem Tal hängt eine dichte Wolkendecke. Darüber ist es doch viel schöner.

Auf einem breiten Wiesenweg geht es hinab. Mir kommt eine Herde Kühe entgegen. Vielleicht machen sie wieder ihren Ausflug zum Bach. Sie starren mich an und bewegen sich natürlich kein Stück zur Seite. So nah will ich auch nicht an ihnen vorbeigehen. Also klettere ich ein bisschen links den Hang hinab und mache einen Bogen um die Tiere. Dann nochmal rechts ausweichen. Jetzt habe ich wieder freie Bahn.

Runter nach Héas führt eine Straße mit vielen Serpentinen. Ich kürze die meisten davon über einen schmalen und steilen Pfad ab. Unten lichtet sich der Nebel und ich sehe einige Rennradfahrer. Es scheint eine beliebte Rad-Strecke zu sein. Ich überquere den Fluss und komme an einem Haus vorbei, wo ein Schild „HRPists“ in den Garten zeigt. Es sieht aber etwas heruntergekommen und ausgestorben aus. Auch der Trinkwasser-Hahn funktioniert nicht.
Am Parkplatz geht es dann auf den Wanderweg Richtung Cabane de l’Aguila und Hourquette de Chermentas. Jetzt folgen wieder 1.200 Höhenmeter nach oben. Da habe ich gerade gar keine Lust drauf.

Okay, erstmal nur 400 Höhenmeter. Dann bin ich an der ersten Hütte, da kann ich Pause machen. Ich stapfe langsam den Berg hoch. Mein Kopf macht es mir nicht leicht heute. Wie unterschiedlich die Tage doch sind. Ich habe gerade überhaupt keine Lust mehr auf die ganzen Höhenmeter. Immer geht es nur hoch und wieder runter. Den ganzen Tag lang. Ich freue mich jetzt schon darauf, heute Abend einen schönen Zeltplatz irgendwo zu finden.

Ich schaffe es bis zur ersten Hütte, aber es ist mir zu kalt, um lange Pause zu machen. Also sitze ich nur kurz im Gras und trotte dann weiter. Die Landschaft hier ist durchzogen von Schluchten.

Mit den vielen Kehren ist es zumindest nicht so steil. Aber ich will nicht mehr. Wieso kann es nicht einfach mal ein Stück flach sein. Ich habe Lust auf das Wandern und den ganzen Tag draußen zu sein, nur nicht auf diese ständigen Höhenmeter. Auch wenn ich so gerne hier oben bin und es wunderschön ist.
Auf der nächsten Hochebene finde ich noch eine Hütte. Wieder 400 Höhenmeter geschafft. Eigentlich geht es ja doch relativ schnell. Meine Beine sind auch nicht schwer heute, die laufen einfach. Es ist nur mein Kopf. An der Hütte werde ich Pause machen und mir eine warme Nudelsuppe kochen. Das mache ich selten mittags. Jetzt habe ich da richtig Lust drauf. Den Weg für danach kann ich auch schon erkennen, die lange Kehre den Hang hinauf und ein großes Steinmännchen oben am Pass.

Hoffentlich reicht mein Wasser für die Suppe. Der Bach vor der Hütte ist trocken. Seit es nicht mehr so warm ist tagsüber, schleppe ich keine 2 Liter Wasser extra mehr mit. Ich fülle meine Flasche nach, der Rest reicht genau für die Nudeln. Ich ziehe schnell meine Daunenjacke über und setze mich auf die windgeschützte Seite der Hütte. Die Suppe tut gut.

Nach einer halben Stunde mache ich mich wieder auf den Weg. Über Grashügel dem steilen Hang immer näher. Inzwischen geht es etwas besser. Es ist ja auch echt schön hier.
Eine ganze Weile geht es in die eine Richtung. Die ganze Zeit leicht nach oben.

Dann eine scharfe Kehre und in die andere Richtung weiter nach oben. Auf den Pass zu.

Die super langgezogenen Kehren finde ich eher unüblich. Aber es macht das ganze weniger steil. Wo ich nichts gegen habe.
Es wird felsiger über mir. Und unter meinen Füßen.

Und dann ist es geschafft. Angekommen auf dem Pass Hourquette de Héas. Auf 2.608 Meter Höhe. Es ist kein Gipfel, aber heute feiere ich es genauso.

Es gibt nur ganz schwachen Empfang. Es reicht nicht, um meinen Bericht von gestern hochzuladen.
Das sieht gut aus. Auf der anderen Seite führen steile Felsplatten nach unten. Oben führt mein Weg entlang.

Ich mache noch ein bisschen Pause im Windschatten, bevor ich mich an den Abstieg mache. Über die Felsplatten und dann ein rutschiges Schotter-Feld.

Endlich muss ich mal nicht bis ins Tal hinab. Es geht nur ein bisschen runter, am Hang entlang und dann wieder nach oben zum nächsten Pass. Der ist mit 45 Minuten ausgeschildert.

Ich bin ganz gespannt auf die neue Aussicht, wenn ich oben am Pass bin. Vielleicht sehe ich ja schon die Seen, wo ich heute mein Zelt aufstellen will. Auf dem Weg kommen mir 2 Wanderer entgegen. Die einzigen Leute, die ich heute treffe.
Keine Seen zu sehen. Und der Blick ist auch nicht spektakulär. Irgendwie habe ich mir die Karte nicht richtig angeschaut. Es geht gar nicht viel runter jetzt. In das Tal da unten muss ich nicht absteigen. Ich folge weiter dem Berghang.

Ich freue mich. Das ist doch genau, was ich wollte. Nicht immer nur steil hoch und runter, sondern auch mal ein bisschen auf einer Höhe zwischendurch.
Unterhalb der senkrechten Felswände führt der Pfad entlang. Und dann über die Steine wieder nach oben. Aber nur ein bisschen. Na gut, dann doch nochmal ein paar Höhenmeter.

Unterhalb sehe ich eine Gruppe Tiere. Die sind zu klein für Kühe. Ich beobachte sie eine Weile. Das sind Gämsen. Ja, meine ersten Pyrenäen-Gämsen. Es gibt sie wirklich.
Die Seen kommen noch lange nicht in Sicht. Es geht in einem großen Bogen immer am steilen Hang entlang. Aber da hinten sehe ich nun ganz viele Felsen und einen kleinen Gletscher. Das sieht schön aus. Ich schaue nochmal auf die Karte. Der See liegt direkt unterhalb von dem Gletscher. Ob es dann wohl so ein ganz eisblau leuchtender Gletschersee ist? Kalt sieht es jedenfalls aus dahinten.

Der Weg zieht sich gefühlt noch ewig. Ich bin doch so gespannt auf den See. Das Plateau wird breiter und ich gehe zwischen riesigen Felsblöcken hindurch. Es sieht aus wie eine Mondlandschaft. Dann wird es wieder grüner, ich komme an einer Ruine einer Hütte vorbei und dann sehe ich endlich den See. Na gut, nicht eisblau, aber trotzdem schön mit den vielen kleinen Felsinseln.

Jetzt muss ich nur noch einen Zeltplatz finden. Ich gehe ein Stück weiter bis zum Ende des Sees. Da soll ein Abfluss sein, ich brauche auf jeden Fall Wasser. Und fließendes Wasser ist immer besser als stehendes Wasser.
Es ist ganz schön windig. Ich finde den Fluss und direkt nebenan eine schmale Landzunge in den See hinein. Na, das wäre doch mal ein besonderer Zeltplatz. Meine eigene kleine Insel. Es ist die einzige Stelle, die eben ist. Der Boden ist etwas nass. Aber selbst wenn es viel regnet, so viel sollte das Wasser im See nicht ansteigen. Ich bin etwas unschlüssig und rufe den Wetterbericht mit meinem Notfallsender ab. Nur ein bisschen Regen und Wind aus Süden mit 10 bis 12 km/h. Das ist doch okay. Also baue ich mein Zelt auf. Das gefällt mir nicht, es steht mit der Breitseite im Wind. Also drehe ich es nochmal. Jetzt ist es besser und steht stabiler.

Am Fluss hole ich Wasser und dann verkrieche ich mich schnell ins Zelt.

Schon verrückt, dass so ein dünnes Stück Stoff mich von der Außenwelt trennt, wo es windig und nass ist und drinnen habe ich es trocken, windstill und warm in meinem Schlafsack. Ich mag mein Zelt. Es steht ziemlich stabil im Wind. Ich habe es auch ordentlich abgespannt heute, mit allen verfügbaren Abspannleinen, damit es möglichst wenig flattert im Wind.
Ich probiere das andere Gericht der französischen Marke. Das ist lecker. Asiatische Nudeln mit Gemüse und Hühnchen. Schmeckt stark nach Curry. Dann muss ich mich ja nur noch einen Abend durch das fad schmeckende Kartoffelpüree kämpfen. Zum Nachtisch probiere ich das Mousse au Chocolat. Sehr süß, aber lecker. Vielleicht mache ich das nächste nur mit warmen Wasser, das schmeckt bestimmt auch.
Lena
Huhu Sophie,
ich lese nach wie vor fleißig deine Berichte. Heute waren es ein paar mehr, da ich es die letzten Tage nicht geschafft habe. Wirklich spannend, was du alles erlebst.
Und was für ein toller Schlafplatz!
Sven
Ja der Kopf macht wilde Sachen mit einem.
Denk dann bei den Höhenmetern doch einfach: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. dieser Freiheit bist du da oben ganz nah. Kaum Menschen so wie du es magst.