Ich schlafe kaum. Auch wenn mein Zelt super hält im Wind. Ich hätte doch nach einer Stelle suchen sollen, die besser geschützt ist. Zwischendurch regnet es. Irgendwann ziehe ich meine Jacke über, setze meine Stirnlampe auf und prüfe, ob alle Heringe noch fest im Boden sind. Alles super. Von draußen wirkt es auch gar nicht so bedrohlich. Ich lege mich wieder hin. Richtig schlafen kann ich trotzdem nicht. Also ruhe ich einfach. Bei besonders starken Windböen beobachte ich die Zeltwände.

Es ist kurz nach 2 Uhr. Ein Blitz erhellt den Himmel. Och nö, Gewitter waren doch gar nicht angesagt. Wieso denn immer dann, wenn ich einen denkbar schlechten Zeltplatz direkt am Wasser habe. Hier ja eher mitten im Wasser auf meiner kleinen Insel. Noch ein Blitz. Ich ziehe mich an und packe meine Sachen. Weg hier. Ich bin so ein Angsthase bei Gewitter oben in den Bergen. Ich ziehe mich warm an, dass ich nicht so schnell friere, sollte ich gleich eine Weile irgendwo in einer Mulde hocken müssen. Darüber die Regensachen. Dann stopfe ich mein plitschnasses Zelt in den Rucksack. Los geht’s. Es ist halb 3.

Nach jedem Blitz zähle ich die Sekunden. Es gab vorhin einen grellen Blitz, direkt von Donner gefolgt. Jetzt ist der Donner weit weg, wenn er überhaupt zu hören ist. Ich muss nur ein bisschen nach oben, über den Pass und dann geht es lange nach unten. Auf dem Weg ist eine kleine Hütte. Vielleicht schaffe ich es ja dahin und kann dann noch ein bisschen schlafen. Der Regen peitscht mir ins Gesicht.

Auch wenn erst Vollmond war, ist es stockdunkel. Der Mond wird von den vielen Wolken verdeckt. Ich kann den Pfad zum Glück ganz gut erkennen im Schein meiner Stirnlampe. Also stapfe ich den Berg nach oben. Es ist kein schwieriger Weg. Ein Pfad über die Wiese. Ich zucke zusammen, als es wieder blitzt. Kein Donner. Das Gewittter muss nun weit weg sein.

Noch ein paar Kehren nach oben und dann sind die 200 Höhenmeter zum Pass Puerto de Barrosa schon geschafft. Es ist ein ganz breiter, ebener Pass. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Als ich kurz vor dem großen Steinmännchen oben am Pass noch einen Blitz sehe und der Wind so stark wird, dass ich Angst habe, dass er mich umfegt, hocke ich mich hin. Ich schalte meine Stirnlampe aus und beobachte die dunkle Landschaft. Ich kann den See unten leuchten sehen. Und die weißen Wolkenfetzen darüber. Dahinter sehe ich einfach nur Dunkelheit, wahrscheinlich dunkle Wolken. Über mir kann ich die Konturen von schnell ziehenden Wolken erkennen. Das ist mal was anderes, diese Sicht bei Nacht.

Als der Wind nachlässt, gehe ich weiter. Jetzt muss ich erstmal den richtigen Weg finden. Mithilfe meines Handys und GPS klappt es. Etwas weiter entdecke ich einen Holzpfahl im Nebel. Vielleicht ein Wegweiser. Er deutet mir die richtige Richtung. Okay, dann jetzt bergab. Mit jedem Schritt nach unten fühle ich mich etwas sicherer. Es blitzt noch ein paar Mal, irgendwann hört es auf. Ich brauche 2,5 Stunden bis zu der kleinen Steinhütte. Der Pfad ist zum Glück nicht so steil und gut zu erkennen. Hoffentlich hält meine Stirnlampe so lange durch.

Im Lichtkegel sehe ich, wie der Nebel mit seinen ganz feinen Wassertropfen an mir vorbeizieht. Ich kann nur den Boden direkt vor mir erkennen. Mehr nicht. Das ist vor allem in den Einschnitten, wo ich einen Bach queren muss, sehr unangenehm. Ich kann nicht sehen, wo der Pfad auf der anderen Seite weiterführt. Ich bin immer erleichtert, wenn ich wieder eine gelb-weiße Markierung an einem Stein sehe. Dann bin ich richtig.

Zwischendurch lichtet sich der Nebel und ich kann etwas weiter gucken. Ein paar Mal bleibe ich kurz stehen und lasse die Dunkelheit auf mich wirken. Schaue, was ich noch erkennen kann. Ich finde diese Nachtwanderung gar nicht so schlimm. Und falls ich nicht mehr schlafen kann gleich, kann ich mir immer noch in Parzán ein Zimmer nehmen heute. Dann gehe ich eben die Straße ein Stück weiter.

Nach einer Weile sehe ich vereinzelt ein paar Bäume im Nebel unter mir. Der Weg wird breiter und führt über die Wiese. Dann wird es so sumpfig, dass ich mit beiden Schuhen komplett im Matsch versinke. Ich kann nicht erkennen, wo ein Stein ist. Es war wohl doch nur dunkle Erde. Oder Kuhmist. Ich gehe weiter am Rand entlang und zum Glück wird der Boden wieder trockener. Irgendwann sehe ich mehrere leuchtende Augenpaare. Hoffentlich bleiben die Kühe auch im Dunkeln so entspannt, wenn ich an ihnen vorbeigehen.

Laut Karte sollte da vorne die Hütte sein. Im Nebel sehen ich sie erst, als ich kurz davor stehe. Hoffentlich ist niemand da, den ich jetzt wecke. Und hoffentlich ist der Raum nicht so zugemüllt und stinkt. Ich schrecke ein Kälbchen auf, dass hinter der Ecke liegt. Die große Metalltür ist zweigeteilt und offen. Es ist niemand da und die Hütte ist in Ordnung. Es riecht nur ein bisschen nach Kuh. Hier kann ich noch ein bisschen schlafen. Es ist halb 6. Dann habe ich ja noch locker 3 Stunden.

Ich schaue mich um und hänge mein Zelt und meine nassen Klamotten über die Wäscheleinen. Dann puste ich meine Luftmatratze wieder auf, breite meinen Schlafsack aus, ziehe mich um und lege mich hin. Hier ist es schön ruhig. Ich höre nur die Kuhglocken um mich herum. Ich habe mit dem Besenstiel den oberen Teil der Tür festgeklemmt und das Fenster auf der anderen Seite ist auch offen. So habe ich frische Luft und meine Sachen trocknen vielleicht auch schneller.

Um kurz vor 9 Uhr schaue ich auf die Uhr. Ich bin noch müde und bleibe ein bisschen liegen. Ich bin ja schon ein ganzes Stück gelaufen, dann kann ich mir jetzt Zeit lassen. Erstmal schreibe ich in Ruhe von gestern. Ich freue mich, dass mein Zelt komplett getrocknet ist.

Erst um halb 12 gehe ich weiter. Zwischendurch hat noch ein Wanderer zur Tür hereingeschaut. Viel los ist hier nicht. Heute ziehe ich zum ersten Mal meine lange Hose drüber. Es geht nur nach unten und ist echt frisch.

Ich lasse das Refugio de Barrosa hinter mir. Jetzt sehe ich auch die Landschaft drumherum.

Ich bin schon fast unten am Fluss, der durch das Tal fließt.

Ich quere das trockene Flussbett und folge dem steinigen Pfad zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Bald wird es ein breiter Spazierweg. Ein einfacher Weg und es ist nicht steil. Ich singe vor mich hin. So habe ich mal genug Atem dafür. Mir kommen immer mehr Leute entgegen.

5 Kilometer sind es bis zur Straße. Ich komme an Ruinen vorbei und vielen Schildern zum damaligen Bergbau in Parzán. Über einen Parkplatz und dann gehe ich am Straßenrand entlang. Das ist nicht so schön. Manchmal kann ich hinter der Leitplanke gehen, dann wieder direkt neben den vorbei rasenden Autos. Ich hatte vorher schon gelesen, dass das hier kein schöner Abschnitt ist. So geht das 6 Kilometer lang. Ich bin froh, wenn ich die Straße hinter mir lassen kann, aber sonst stört es mich nicht so. Zur Abwechslung ein einfacher und langweiliger Weg. Vielleicht brauche ich das zwischendurch mal.

Am Abzweig überlege ich, was ich mache. Es ist halb 1. Entweder ich gehe direkt wieder den Berg hinauf oder ich mache doch einen Abstecher nach Parzán. Eigentlich wollte ich den Ort überspringen. Aber die weiteren 20 Minuten an der Straße entlang machen jetzt auch nicht mehr viel Unterschied. Dann kann ich im Supermarkt schauen, ob es irgendein Pulver für Geschmack im Wasser gibt. Ansgar hatte mir eins empfohlen, dass es wohl in jedem spanischen Supermarkt gibt. Und ich bin gerade auf der spanischen Seite. Ansonsten trinke ich echt wenig, da das Wasser meist so muffig schmeckt.

Also gehe ich den Umweg. Und werde im Supermarkt fündig. Mache einen Abstecher am Trinkwasser-Hahn vorbei. Und setze mich ins Restaurant. Jetzt kann ich auch noch was essen. Und die Berichte hochladen. An der Straße entlang gab es die ganze Zeit noch keinen Empfang. Erst jetzt im Ort. Mein Burger ist echt lecker. Mit Hähnchen, Avocado und Kimchi. Ich frage mich, ob der Kellner mich mit Absicht in die hinterste Ecke auf der Terrasse gesetzt hat. Vielleicht müffel ich ja so stark. Wer weiß.

Gerade als ich sitze, fängt es an zu schütten. Gutes Timing. Danach kommt die Sonne raus. Gut gestärkt gehe ich weiter. Ich habe keine Lust darauf hierzubleiben. Lieber noch ein bisschen vom Aufstieg schaffen. Also laufe ich denselben Weg am Straßenrand zurück bis zu dem Abzweig.

Den restlichen Tag folge ich dem GR11. Wobei das eigentlich egal ist. Es geht eine ewig lange Schotterstraße nach oben. Verlaufen kann man sich da nicht. Ich ziehe erstmal meine lange Hose und mein Langarmshirt aus. So ist es viel zu warm. Und hole meine Stöcke raus. Sollen die Arme auch mal was tun. Auf so eintönigen Strecken gehe ich ganz gerne mit den Trekkingstöcken. Ansonsten benutze ich sie selten. Worauf ich häufig angesprochen werde. Die Leute sind erstaunt, das wäre doch viel anstrengender für die Beine, ohne Stöcke zu gehen. Ich habe lieber die Hände frei.

8 Kilometer folge ich der Schotterpiste nach oben. Mir kommen ein paar Wanderer mit großen Rucksäcken entgegen. Und später überholen mich 3 Jeeps. Die Spanier winken und grüßen fröhlich als sie langsam an mir vorbeifahren. Die Strecke zieht sich. Und die Sonne macht es nicht besser. Ich bin schnell nass geschwitzt.

An der einzigen Wasserquelle, die auf meiner Karte eingezeichnet ist, fülle ich genug Wasser nach, dass es bis morgen zum nächsten Bach reicht. Rechts von mir tost die ganze Zeit das Wasser nach unten, durch eine tiefe Schlucht. Immer wieder gehe ich unter der Hochspannungsleitung her. Ich glaube, ich muss erst oben am Wasserwerk vorbei, bevor ich mir einen Zeltplatz suchen kann.

Ich mache eine kurze Pause. So langsam verlässt mich meine Kraft für heute. Ich kann nicht mehr. Ich werde langsamer. Gucke auf die Karte. Ich habe die ganze Zeit mein Hörspiel gehört, jetzt mag ich nichts mehr hören. Noch 20 Minuten. Endlich kommt das Wasserwerk näher und ich kann auf einen Pfad abbiegen. Eine Abkürzung für die letzten paar Höhenmeter.

Ich komme am Stausee raus, von wo das Wasser über eine Rampe in die Tiefe rauscht. Mich überholt ein Franzose, der anscheinend noch richtig viel Energie hat. Er joggt fast an mir vorbei. Er dreht sich nur kurz um und fragt mich, ob es mir gut geht. Ein Stück weiter sehe ich, wie er am See sein Zelt aufbaut. Er ruft mir zu, dass es da unten noch mehr Plätze gibt. Aber ich möchte nicht direkt am Wasserwerk schlafen.

Ich gehe noch ein kleines Stückchen weiter und baue mein Zelt in der Nähe einer kleinen Hütte auf der Wiese auf. Hoffentlich ist es heute Nacht nicht so windig. Auch wenn es erst 7 Uhr ist, lege ich mich direkt hin. Ich bin kaputt.


25,4 km
7:10 h
1.068 hm
1.458 hm
2.537 m