Das ist mein Schlafplatz. Es ist die ganze Nacht fast windstill. Zwischendurch habe ich nur einen unangenehmen Kuhmist-Geruch in der Nase. Als ich das erste Mal aufwache, ist der Himmel bewölkt. Beim nächsten Mal habe ich über mir zig tausend hell funkelnde Sterne. Wie schön. Irgendwann geht der Mond auf und leuchtet so hell, dass man nicht mehr ganz so viele Sterne sieht.

Ich bin früh wach. Dadurch dass der Mond so hell scheint, habe ich gar kein Zeitgefühl. Als ich das erste Mal auf die Uhr schaue, ist es fast 7 Uhr. Dann kann ich doch früh losgehen und so den ersten Aufstieg noch ohne die Sonne schaffen. Der Himmel ist nämlich wieder klar, dann wird es warm heute.

Ich hole meinen Rucksack aus der Hütte, die anderen schlafen noch. Hinter der Hütte packe ich zusammen, um niemanden zu wecken mit meinem Geraschel. Bis ich fertig bin, sind sie aber auch auf. Also verabschiede ich mich noch kurz.

Ich gehe quer über die Wiese runter zu der Wegkreuzung, wo ich gestern von oben einen Wegweiser entdeckt habe. Ich bin gespannt auf den Weg heute. Der GR11 biegt nach rechts ab, ich halte mich links. Im Wanderführer wird vor einem Abschnitt ohne Markierungen und Steinmännchen, teilweise weglos, gewarnt. Zumindest gibt es aber ein Schild, das in meine Richtung weist. Col d’Aygues Tortes 1:30 Stunde.

Ich fühle mich ausgeschlafen und fit und munter. Ich schaue auch gar nicht ständig auf meine Uhr, wie viele Höhenmeter es noch sind oder wie hoch ich eigentlich muss. Ich gehe einfach.

Der Pfad über die Wiese ist gut zu erkennen. Es geht den Berg hinauf und irgendwann etwas flacher über eine Hochebene am Bach entlang. Nach fast einer Stunde gehen, muss ich was essen. Also gibt es eine kurze Pause im Stehen und ein paar Cracker, die ich vorsichtshalber schon in Reichweite verstaut hatte. Jetzt geht es besser.

Es ist gut, dass ich so früh losgegangen bin. In der prallen Sonne wäre es sehr viel anstrengender. Die Bergspitzen über mir werden schon angestrahlt.

Es folgt ein Blockfeld. Ich balanciere von Stein zu Stein, von einer Felskante zur nächsten. Das mag ich. Hier geht’s her. Es gibt genügend Steinmännchen, dass ich immer die richtige Richtung finde.

Die Schlucht danach ist etwas blöd. Am sehr steilen Hang rutsche ich auf dem losen Geröll ein paar Mal wieder einen Schritt nach unten.

Aber auch hier ist der Pfad gut zu erkennen, wenn man ein bisschen Erfahrung hat. Und Steinmännchen gibt es auch. Es geht in engen Kehren immer weiter hinauf. Das sind doch heute mal schöne, etwas anspruchsvollere Bergwege.

Immer wenn ich denke, dass ich gleich oben am Pass bin, folgt noch ein Plateau und es geht weiter hinauf. Jetzt in der Sonne. Aber den steilsten Teil habe ich wohl geschafft. Und so warm ist es auch gar nicht, die Luft ist noch kühl. Ich bleibe immer wieder kurz stehen, um das nächste Steinmännchen zu suchen. Dann geht es weiter in die Richtung.

Die 1,5 Stunden Gehzeit unten am Wegweiser sind sehr ambitioniert. Ich brauche eher 2 Stunden. Es sind 600 Höhenmeter und bei dem Gelände muss man ein bisschen aufpassen. Es wird immer windiger, dann habe ich es wohl gleich geschafft.

Tatsächlich. Noch über ein paar Felsen, über die Wiese nach oben und dann stehe ich oben am Pass. 10 Uhr und ich habe den Anstieg für heute schon geschafft. Jetzt gibt es erstmal eine Pause. Gut, dass da schon jemand eine Mauer als Windschutz gebaut hat. Sonst wäre es viel zu kalt für eine Pause.

Ich ziehe trotzdem noch meine Regenjacke über für mehr Windschutz. Ohne den Wind ist es in der Sonne schön warm. Dann koche ich meine letzte Nudelsuppe. Dieses Mal die scharfe Variante. Es schmeckt nach Ingwer und Chili. Ein bisschen natürliches Doping. Fast eine Stunde mache ich hier Pause.

Dann folgt der Abstieg zu dieser schönen Hochebene. Das sieht toll aus.

Langsam und konzentriert steige ich die vielen Kehren nach unten. Mal über eine hohe Felsstufe, dann über rutschige Steine. Es gefällt mir richtig gut hier. Links von mir die steilen Berghänge.

Vor mir das grüne Tal mit zig Wasserläufen und dahinter die hohen Felsspitzen.

Ist das schön hier. Das ist jetzt schon mein neuer Lieblingstag.

Es geht mal ein bisschen hoch, dann wieder runter. Es ist nicht so viel Höhenunterschied. Ich laufe über die riesige Ebene. Kein anderer Mensch weit und breit. Ich fühle mich so klein zwischen den hohen Bergen drumherum und auf dieser weiten Fläche.

Es gibt einige super schöne Zeltplätze. Aber bis hier hätte meine Kraft gestern definitiv nicht mehr gereicht.

Der Pfad führt mich nun über eine überflutete Wiese. Das Wasser sucht sich seinen Weg in mehreren Bächen über das Gras. Ich bin nicht ganz sicher, wie viele Bäche ich queren muss. Ich halte Ausschau nach den nächsten Steinmännchen, kann aber keine entdecken. Mit Springen und über Steine behalte ich trockene Füße. Irgendwann finde ich auch den Pfad auf der Wiese wieder.

Über diesen Bach gab es wohl mal eine kleine Brücke. Man sieht noch die verbogenen Metallenden. Hier komme ich nicht trockenen Fußes rüber. Also ziehe ich meine Schuhe aus und wate barfuß durch das Wasser.

Ich bleibe gleich noch ein bisschen sitzen und mache Pause. Ich schaue auf die Karte auf meinem Handy und lese mir die Beschreibung im Wanderführer für diesen Abschnitt durch. Ich markiere mir zwei Biwak-Empfehlungen auf der Karte. Super, das hört sich gut an. Ich freue mich.

Jetzt geht es um die Ecke und rechts unterhalb der Felsen entlang.

Ich komme an einer kleinen Steinhütte vorbei, die noch relativ neu aussieht. Das ist ja ein schöner Schlafplatz. Entweder in der Hütte oder auch im Zelt irgendwo auf der ebenen Wiese drumherum. Direkt am Fluss. Falls ich nochmal hier bin, würde ich das auf jeden Fall als Schlafplatz einplanen. Ich schaue kurz in die Hütte rein. Unten ein paar Tische und Bänke und ein Holzofen mit Töpfen. An der Leine hängt eine Salami. Oben kann man dann wohl schlafen.

Hier nochmal ein Blick zurück auf die Hütte mit der schönen Umgebung.

Direkt neben mir pfeift es schrill. Das Murmeltier macht sich nicht die Mühe wegzulaufen. Es thront einfach weiter auf dem Felsen. Seht ihr es?

Es geht jetzt ein bisschen nach oben. Das ist schön heute. Keine langen Auf- oder Abstiege mehr, sondern die ganze Zeit ein bisschen auf und ab. Von oben kann ich das nächste Tal sehen. Mein Weg führt die ganze Zeit rechts am Hang entlang. Den Pfad kann ich von hier auch schon sehen. Die Blaubeeren im Vordergrund sind schon ganz herbstlich rot verfärbt. Leider sind aber wieder keine Beeren an den Sträuchern zu finden.

Oh Mann, das werden eine Menge Fotos, die ich heute Abend durchgucken muss. Aber wenn es auch so wunderschön ist heute.

Bevor es am Berghang das Tal entlang geht, komme ich noch an einem Stausee vorbei. Der Wasserstand ist sehr niedrig, das Wasser kommt nicht mal bis zur Staumauer. Den Wasserfall direkt unter mir kann ich leider nicht besser sehen. Vorhin hatte ich mal einen kurzen Blick darauf. Dafür entdecke ich auf der anderen Seite eine lange Wasserrutsche.

Jetzt geht es oberhalb des Tals den schmalen Pfad am Hang entlang. Weglos war das bisher gar nicht, der Pfad war fast überall gut zu erkennen. Oder es gab Steinmännchen.

Nach etwa einer Stunde, einfach schönes Wandern mit tollen Ausblicken, erreiche ich das Ende des Bergs. Es geht um die Nase herum und auf der anderen Bergseite weiter. Ich komme an einer Seilbahn vorbei. Unten ist die Hütte, das Refuge de la Soula. Nach meiner Info ist die Hütte aber dieses Jahr geschlossen, es wird renoviert. Daher bin ich gar nicht erst abgestiegen ins Tal. Das Kraftwerk ist direkt nebenan. Daher wahrscheinlich auch die Seilbahn.

Dicke Rohre führen den Berg hinab. Und immer wieder komme ich an versperrten Tunneln in den Berg vorbei. Zutritt und fotografieren sind verboten. Ich laufe über alte Gleise und direkt unter der Seilbahn her. Irgendwie ein bisschen gruselig. Erst als es wieder etwas breiter wird und ich die ganzen Kraftwerks-Einrichtungen hinter mir lasse, fühle ich mich wieder wohler.

Nach einem steilen Anstieg, der jetzt in der prallen Sonne echt schweißtreibend ist, komme ich an einem großen Stausee raus. Auch hier ist nicht viel Wasser drin. Man kann die Kante gut erkennen, wie hoch das Wasser sonst steht.

Ich laufe an ein paar Gebäuden und einer Ruine vorbei und über die lange Staumauer. Dahinter geht es einen sehr steilen und schmalen Pfad oberhalb vom See entlang. Der ganze steile Hang ist übersäht mit Blaubeeren. Wo auch tatsächlich noch Beeren zu finden sind. Das ist ja ein Traum. Ich bin im Blaubeer-Schlaraffenland. Da der Hang so steil ist, braucht man sich nicht mal groß bücken. Einige Beeren sind schon vertrocknet. Aber vor allem an den noch grünen Sträuchern im Schatten oder unterhalb von anderen Sträuchern, finde ich ganz viele super süße Beeren. Ich bleibe andauernd stehen. So komme ich ja nie zum Ziel. Eine Hand voll und noch eine wandern in meinen Mund. Mmh.

Mir kommen 3 junge Franzosen, auch mit großen Rucksäcken, entgegen. Sie sehen die Beeren nicht einmal. Oder es interessiert sie nicht. Naja, mehr für mich. Das Naschen lenkt mich auch gut von dem steilen Aufstieg ab. Wobei ich mich doch auch ziemlich auf den Weg konzentrieren muss. So schmal und steil muss ich immer erst einen guten Stand haben.

Es geht Felsen in schmalen Stufen hinauf, dann weiter durch die Blaubeeren. Durch diese Schlucht noch und dann sollte ich mein Ziel bald erreicht haben.

An dem Bach, den ich queren muss, mache ich nochmal kurz Pause und fülle alles Wasser auf. Besser hier am schnell fließenden Bach als gleich am See.

Oh Mann, was 2,5 Kilogramm mehr gerade ausmachen. Hoffentlich bricht der Berg nicht unter mir zusammen. Das geht plötzlich ganz schön auf die Oberschenkel. Dabei hat mein Rucksack mich doch den ganzen Tag nicht gestört. Langsam schleppe ich das Gewicht den Berg hinauf. Was sich wohl hinter der Kuppe befindet?

Natürlich ist es wieder eine Täuschung und es geht erst noch um die Kurve, dann noch weiter hoch. Aber dann, endlich, kommt der See Lac des Isclots in Sicht. Ganz wunderbar türkis und klar, mit vielen kleinen Inseln.

Ich überlege kurz, ob ich noch ein bisschen weitergehe. Es ist erst 16 Uhr. Aber ich bleibe hier. Ich weiß nicht, ob es weiter zu felsig ist zum Zelten. Der Weg soll anspruchsvoll werden. Also lieber jetzt ausruhen und morgen wieder früh starten. Hoffentlich bleibt das Wetter noch einen Tag so super. Morgen ist nämlich ein besonderer Tag. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Vielleicht wird mein Lieblingstag heute ja direkt wieder abgelöst.

Am See gibt es schon ein paar Kreise aus Steinmauern. Ich suche mir den schönsten aus. Da passt mein Zelt super rein. Und hier hat sogar jemand aus Steinen einen kleinen Tisch mit drei Hockern drumherum gebaut. Das ist doch ein wunderbarer Platz nach dem schönen Tag heute.

Ich breite alle meine Klamotten aus und beschwere sie mit Steinen. So kann alles in der Sonne trocknen ohne wegzufliegen. Mein Schlafsack ist von letzter Nacht noch etwas feucht auf der Oberseite.

Dann erstmal was essen. Ich habe so einen Hunger. Obwohl nein, doch erst baden und umziehen. Im Wind ist es mir sonst zu kalt. Und auch das Wasser ist kalt, das wird ein kurzes Bad heute. Nur eben waschen und meine langen Sachen anziehen. Und dann wird heute am Tisch gegessen. Ganz outdoor-vornehm.

Ich probiere das Gericht einer anderen französischen Marke. Das hatte ich auch in Gavarnie zum Testen mitgenommen. Shepherd’s Pie, also Kartoffelpüree mit Rind, Zwiebeln und Käse. Eine Maxi-Portion mit 1.022 Kilokalorien. Perfekt für genug Energie morgen. Und lecker ist es auch. Mir schmeckt es richtig gut. Der geschmolzene Käse zieht sogar Fäden. Meine Schwester wird dabei jetzt das Gesicht verziehen.

Zum Nachtisch gibt es nochmal Mousse au Chocolat. Mit warmem Wasser zubereitet, ist es allerdings eher eine Schokosuppe. Also nehme ich das nächste Mal doch wieder kaltes Wasser, wie es auf der Verpackung steht.

Die beiden Portugiesen haben sich, glaube ich, gestern etwas lustig gemacht über meine Nachtwanderung bei dem Gewitter. Sie fragen mich, ob um mich herum hohe Berge waren, dann wäre das doch gar nicht schlimm. Und dass Wasser Blitze anzieht, wissen sie nicht. Vielleicht liege ich ja auch falsch, aber so habe ich es im Kopf. Ansonsten weiß ich natürlich auch, dass Blitze sich normalerweise den höchsten Punkt suchen. Aber gegen die Angst, wenn ich dann da im Zelt liege, hilft das nicht. Das ist so schlimm, seit ich vor Jahren mit meinen Eltern bei einer Hüttentour in den Alpen mitten auf einem Grat zwischen zwei Gipfeln in ein heftiges Gewitter geraten bin. Vor uns war plötzlich eine schwarze Wolken-Wand und wir haben frierend bei Hagel und Sturm in einer Grasmulde gehockt. Das Gewitter direkt über uns. Da hatte ich richtig Angst. Das hat sich eingebrannt. Jetzt schaue ich mich um. Nur für den Fall, dass es heute Nacht ein unangekündigtes Gewitter geben sollte. Weitergehen ist nämlich keine gute Option im Dunkeln bei Geröllfeldern. Außerdem geht es eh nur weiter hoch. Ich sage mir, dass ich hier einen sicheren Platz habe. Überall um mich herum sind höhere Punkte. Ich bin nicht in einer Kuhle, wo sich das Wasser sammeln würde und Abstand zum See habe ich auch. Mein Zelt steht oberhalb.

Ich räume meine ganzen Rucksack aus, lasse alles in der Sonne trocknen, was klamm ist, sortiere meine Vorräte und räume alles wieder ein. Als ich gerade mein Zelt aufbaue, schaue ich hoch. Huch, was ist das denn? Da kommen weiße Nebelschwaden heraufgezogen, von wo ich gekommen bin. Sie fegen über mich hinweg und lösen sich wieder auf. Immer wieder.

Bald bleibt der Nebel dann und hüllt alles in ein milchiges Licht.

Ich räume meine ausgebreiteten Sachen zusammen und lege mich ins Zelt. Ich muss noch von gestern und heute schreiben. Empfang hat man hier echt wenig. Mit so wenig hatte ich vorher nicht gerechnet. Mal sehen, wann ihr weiterlesen könnt. Ich höre mehrere Stimmen. Es sind anscheinend noch ein paar Franzosen hier, die auch ihr Zelt aufbauen. Ich mache mir nicht die Mühe nochmal aufzustehen. Ich bin mit schreiben beschäftigt. Und dann wird schnell geschlafen.

Der Nebel ist immer noch da, hängt über dem See und macht alles wieder ganz feucht. Oben am Himmel kann ich schon ein paar Sterne sehen. Ich ziehe Daunenjacke, Fleecepulli und Socken wieder aus. Das wird mir sonst heute Nacht viel zu warm im Schlafsack.


14,9 km
6:25 h
1.210 hm
950 hm
2.694 m