Heute Morgen lasse ich mir Zeit. Ich sitze, in meinen Schlafsack gekuschelt, im Zelt, trinke Tee und schaue auf den See. Ein ganz entspannter Morgen. Die Nacht war relativ ruhig, zwischendurch gab es ein paar stärkere Windböen. Ich lese ein bisschen im Wanderführer und markiere mir für die nächsten Nächte mögliche Zeltplätze auf meiner Karte.

Es ist schon fast halb 10 bis ich losgehe. Es steht ein langer Abstieg an. Erstmal muss ich aber den Weg wiederfinden. Zu meinem Zeltplatz bin ich ja gestern querfeldein gekommen. Also peile ich die Richtung an und stapfe los. Bahne mir einen Weg über die Felsbrocken und Geröllfelder. Man stellt sich den Weg und die Landschaft ja manchmal irgendwie vor, wenn man sich eine Karte anschaut. Ich dachte, es geht einfach um den See herum. Und bin etwas verwirrt, dass ich so hoch steige, dass ich den See gar nicht mehr sehe. Ich schaue noch ein paar Mal auf die Karte, um sicherzugehen, dass ich in die richtige Richtung unterwegs bin. Ich gehe schon eine Weile parallel zum Pfad. Also noch ein bisschen weiter nach oben. Nach 15 Minuten entdecke ich das erste Steinmännchen.

Oben am Pass Portal de Remuñe angekommen, kommen mir ein paar Leute entgegen. Dann bin ich ja richtig hier.

Die Landschaft ist weiterhin grau. Große Felsbuckel und viel Geröll. Dazwischen ein paar kleine Seen.

Es macht Spaß über die großen Felsplatten zu laufen. Manche sind sehr schräg, aber man hat einen guten Halt auf dem Stein. Bei Nebel hätte man hier wahrscheinlich keine Chance, den Weg zu finden.

Ich habe kurz Empfang, es reicht, um ein paar Nachrichten zu empfangen. Dann ist er wieder weg. Vielleicht habe ich dann ja unten im Tal Empfang heute.

Den Steinmännchen folgend klettere ich über die Felsblöcke abwärts. Zwischendurch ein paar enge Kehren auf feineren Steinchen. Dann wieder über grobes Geröll. Irgendwann gibt es die ersten grünen Flecken zwischen den grauen Felsen. Ich komme an einen Fluss und fülle erstmal meine Wasserflasche auf. Natürlich nicht ohne das Wasser zu filtern. Es ist so warm heute. Die Sonne scheint genauso schön wie die letzten Tage, nur heute fehlt der kühlende Wind dazu.

Jetzt habe ich die Steinmännchen verloren. Ich sehe keins mehr. Vielleicht war ich so auf das Wasser fixiert. Aber ich bin mir sicher, dass kurz vor dem Fluss noch eins war. Die Karte sagt, dass ich ziemlich weit abgekommen bin. Also gehe ich weiter und halte mich rechts, um den Weg wiederzufinden. Vielleicht kann ich auch einfach so dem Fluss nach unten folgen. Aber die Felsen sehen ziemlich steil aus. Also klettere ich doch lieber ein paar Stufen an den Felskanten wieder nach oben. Und folge dem richtigen Pfad.

Unten im Tal angekommen, geht es immer am Fluss entlang. Durch schmale Schluchten, mal rechts, mal links vom Fluss, immer weiter über Felsen.

Das ist ganz schön anstrengend so viel am Stück abzusteigen. Irgendwann tun meine Füße ein bisschen weh. Und die Knie wollen auch keine großen Felsstufen mehr hinabsteigen. Ich schaue auf die Karte. Es fehlen immer noch 400 Höhenmeter. 800 Höhenmeter habe ich schon. Also einfach immer weiter.

Irgendwann klettere ich ein paar Felsen neben einem kleinen Wasserfall hinab. Und stehe ratlos da. Mit einer Stelle habe ich ganz schön zu kämpfen. Nur 2 Meter unter mir das Wasser, ich muss einen Schritt am Fels vorbei über den Abgrund machen. Auf einen sehr schmalen Tritt. Der ist nur etwas um die Ecke. Ich versuche es erst vorwärts. Hocke mich hin. Der Rucksack passt aber nicht mit mir dahin, er drückt mich nach vorne, also stehe ich lieber wieder auf. Dann versuche ich es rückwärts. Das kriege ich auch nicht hin. Ich traue mich einfach nicht, diesen Schritt zu machen. Ich stehe da und gehe alle Möglichkeiten durch, die ich sehe. Wie ich da hinunter kommen kann. Vielleicht gibt es eine andere Stelle. Ich finde aber keine. Also wieder zurück auf den Felsen. Ich versuche es nochmal mit hinhocken. Es ist auch kein Platz, dass ich den Rucksack absetzen oder zuerst runterlassen kann. Vielleicht, wenn ich mit links auf die Kante links von mir trete, vorwärts und das rechte Bein ausstrecke. Mein Herz hämmert ganz schön und ich bin nass geschwitzt. Gut, dass ich mich an dem Felsen gut festhalten kann an einer Kante. Ich setze den rechten Fuß auf die Kante, ziehe mich weiter und dann ist es geschafft. Puh. Was für eine blöde Stelle. Hier der Blick zurück darauf. Beim Aufstieg ist das wahrscheinlich halb so schlimm.

Ich folge immer weiter dem Pfad das Tal hinab. Zwischendurch durchs Gras, dann wieder über Felsen. Ich gehe am Abzweig zum See vorbei. Mir kommt ein Mann entgegen, der dahin unterwegs zu sein scheint. Ein alter Spanier, braun gebrannt, nur in Badehose und barfuß. Vielleicht wandert er bei schönem Wetter ja jeden Tag so hierauf.

Da vorne fängt der Wald an. Vielleicht wird der Weg da ja einfacher. Ich würde jetzt auch gegen eine Schotterstraße tauschen. Ich habe keine Lust mehr auf den Abstieg. Der macht anders kaputt als 1.000 Höhenmeter Aufstieg. Da reicht eine Verschnaufpause. Hier schmerzen irgendwann die Beine, Knie und Füße.

Mir kommen einige Leute entgegen. Ein paar fragen mich nach dem Weg über den hohen Pass. Sie wollen zum Refuge du Portillon, wo ich gestern was gegessen habe.

Im Wald geht es weiter über viele Felsen. Die Salamander flüchten vor meinen Schritten. Irgendwann kann ich dann endlich die Straße unter mir sehen. Ja, 3:30 Stunden Abstieg sind geschafft.

Überall parken Autos. Ich folge der Straße ein kurzes Stück und biege dann auf die Wiese ab. Das große Gebäude da hinten ist ein Hotel. Da soll man laut Wanderführer günstig essen können. Also ist das mein Ziel.

Ich frage erst an der Bar, dann an der Rezeption nach der Speisekarte. Günstig ist das aber nicht, das klingt mir alles viel zu edel. Da habe ich keine Lust drauf. Aber ich frage nach W-Lan. Empfang gibt es weiterhin keinen. Ich setze mich vor dem Eingang im Schatten auf eine Bank und lade die Berichte der letzten Tage hoch. Dann könnt ihr wenigstens weiter lesen. Länger will ich hier auch nicht sitzen bleiben. Ein Stück weiter soll es einen Imbiss geben. Dann esse ich dort etwas.

Ich folge dem Spazierweg über die Wiese und dann den Wald hinauf. Hier sind viele Leute unterwegs. Einige sitzen am Fluss in der Sonne.

Es geht nur ein bisschen nach oben, dann am Rand dieser Hochebene entlang.

Diese kleine Steinhütte sieht ja gut aus. Die Tür klemmt aber, die bekomme nicht so einfach auf. Und vielleicht will ich das auch gar nicht, so wie die Tür von Fliegen belagert wird. Also gehe ich weiter.

Es gibt eine Schotterstraße vom Hotel bis La Besurta, wo auch der Imbiss ist. Mit einem Shuttlebus für Wanderer, die den Aneto von hier besteigen wollen. Das ist der höchste Berg der Pyrenäen mit 3.404 Metern. Man muss dabei aber einen Gletscher queren, deswegen fällt der direkt weg für mich. Am Imbiss hängen auch Schilder, dass man den Berg nicht einfach so besteigen kann, sondern Eispickel und Steigeisen Pflicht sind.

Ich bestelle ein Omelette und Zitronen-Wasser. Der Kerl betont nochmal, dass es ein spanisches Omelette ist, das sei besonders gut. Okay, probiere ich einfach. Es ist ein Omelette mit Kartoffeln zwischen zwei Toastscheiben. Nicht das geschmackliche Highlight, aber ich bestelle trotzdem noch ein zweites. Ich habe Hunger.

Ich beobachte einen Hubschrauber. Der fliegt immer wieder hoch zu den Gipfeln und wieder runter ins Tal. Anscheinend landet er kurz hinter einer Kuppe, dann fliegt er einen Bogen und wieder nach oben. Ob der so viele Leute vom Gletscher oder so vom Berg holen muss, die sich übernommen haben?

Ich überlege, was ich mache. Inzwischen ist es 17 Uhr. Dann schaffe ich es nicht mehr zu dem See weiter oben solange es hell ist. Das wären noch etwa 3 Stunden. Also gehe ich nur noch eine Stunde weiter und der steile Anstieg bleibt für morgen früh.

Es geht nur ein bisschen hoch, durch den Wald und dann über die Wiese. An einer Schafherde vorbei. Dahinter kommt der Schäfer mit seinen 3 Hunden.

Das Refugio de la Renclusa lasse ich aus. Da ich den Aneto nicht besteige, kann ich mir den Umweg auch sparen. Ich habe ja schon was gegessen. Stattdessen folge ich dem Wegweiser zur Hochebene Plan d’Aigualluts. Hier sind auch noch einige Tagestouristen unterwegs.

Es ist so warm. Mir kommt es jetzt noch wärmer vor als vorher. Ich schwitze und habe ständig Durst. Eine Dusche hätte was und saubere Klamotten. Jetzt gerade kann ich mich selber nicht riechen.

Ich gehe durch ein trockenes Flussbett. Dann nehme ich lieber vom Bach etwas weiter Wasser für später mit. Ich folge nämlich nun dem trockenen Flussbett.

Und komme am Ende dieser Ebene zu einer Sehenswürdigkeit. So ist es auf meiner Karte eingezeichnet. Die spanischen Schilder verstehe ich nicht. Aber irgendwo habe ich gelesen, dass das Wasser vom Gletscher oben am Aneto unterirdisch abfließt und man das hier sehen kann.

Schön ist der Wasserfall ein Stück weiter. Und darüber habe ich jetzt auch endlich einen ersten Blick auf den Aneto. Vorher hat er sich mir noch nicht gezeigt den ganzen Tag. Ich habe ständig, wenn neue Berge zu sehen waren, die Peak Finder App geprüft.

Am Wasserfall steht ein Schild mit einem durchgestrichenen Zelt. Hoffentlich gilt das nicht für die ganze Hochebene dahinter.

Hier ist ganz schön was los. Im Gras an den verschiedenen Flüssen sitzen Leute beim Picknick und baden. Es ist ja auch schön. Ich frage mich nur, ob ich jetzt hier mein Zelt irgendwo aufstellen darf. Über 2.000 Meter hoch bin ich wieder. Ich gehe erstmal den Pfad weiter, am Rand der Hochebene entlang. Das Wasser ist so klar.

Im grellen Sonnenlicht kann ich gar nicht erkennen, ob das da oben am Aneto alles grauer, rissiger Fels ist oder ob der Gletscher noch so groß und es alles Eis ist.

Ich folge dem Pfad ein kleines bisschen aufwärts, wo ich morgen weitergehe. Hier sind keine Leute mehr, der Rundweg führt hier nicht lang. Und ich bin ein bisschen blickgeschützt von der Ebene aus. Hier kann ich wohl ruhigen Gewissens mein Zelt aufstellen. Wenn ich weitergehe, könnte es schon wieder zu felsig sein.

Das Abendprogramm sieht so aus wie fast jeden Tag. Zelt aufbauen, umziehen, essen, schreiben, manchmal noch ein bisschen Hörspiel hören und schlafen.

Achja, da habe ich den Tag „Halbzeit“ genannt und gar nichts dazu gesagt. Laut Wanderführer habe ich hier, kurz vor der Hochebene, die Hälfte des HRP geschafft. Ich bin nun etwa 425 Kilometer gewandert. Wobei ich nicht glaube, dass ich nochmal dieselbe Anzahl an Tagen brauche für die zweite Hälfte. Wir werden sehen.

Ich rufe abends den Wetterbericht ab. Immer noch weiter Sonne und perfektes Wetter. Ab Freitagabend soll es dann gewittern und danach regnen. Und nächsten Dienstag sind tagsüber plötzlich nur noch -1 Grad angesagt und es soll schneien. Da bin ich ja mal gespannt. Vielleicht muss ich mich doch ein bisschen mehr sputen, damit ich meine Tour zu Ende bringen kann.


16,9 km
5:35 h
539 hm
1.246 hm
2.857 m