Die Nacht ist so ruhig. Es ist komplett windstill. Wieder liege ich viel wach, aber ich fühle mich trotzdem ausgeruht morgens. Vielleicht muss ich mich noch an die Nächte draußen gewöhnen wieder. Gemütlich habe ich es. Ich schlafe gerne auf meiner Luftmatratze. Ich nehme meinen Fleecepulli als Kissen, wenn ich auf der Seite liege und mit einem Teil meines Winterschlafsacks decke ich mich zu. Mehr wäre zu warm im Moment. Aber ich darf ja noch mit kälteren Nächten rechnen, wenn ich in höheren Lagen schlafe und im Herbst. In manchen Jahren wurden in Andorra im Oktober schon die Skilifte in Betrieb genommen. Ich bin gespannt, wann es das erste Mal schneit.

Ich bin mit Absicht so spät im August erst gestartet. Hier ist die Haupt-Wandersaison Ende August vorbei. Manche Hütten haben noch im September geöffnet. Ich wollte der südlichen Hochsommerhitze und Wasserknappheit entgehen und den vielen Leuten. Außerdem hoffe ich auf weniger Gewitter im Herbst, da ist das Wetter normalerweise stabiler. Dafür habe ich mehr Risiko für Schnee am Ende. Mal sehen, ob es aufgeht.

Bis ich fertig bin mit Zusammenpacken ist es halb 9. Der Himmel ist blau und die Sonne strahlt. Das wird bestimmt ein heißer Tag. Ich habe noch genug Wasser zum Zähneputzen. Nach einer Stunde sollte ich an einem Trinkwasserhahn vorbeikommen, da kann ich nachfüllen.

Ich flechte meine Haare. Das habe ich extra noch vor dem Losgehen gelernt und eine Woche lang täglich geübt. Danke, Bib! Ich bin gerade froh, dass meine Haare wieder so lang sind und wollte sie für nur 2 Monate wandern nicht wieder abschneiden. Auch wenn es praktischer ist. Mit Flechtzopf sind sie aus dem Weg und ich kann ohne störenden Dutt Mütze, Kappe und Kapuze aufsetzen.

Statt der Schotterstraße zu folgen, nehme ich einen Pfad, der parallel verläuft. Und streife gleich wieder durch Farn und Dornen. War ja klar. Aber ich habe einen schönen Blick.

Nach dem kleinen Ausflug bleibe ich auf der Schotterstraße, damit ich gleich mein Wasser auffüllen kann. Den Wasserhahn finde ich auch, direkt am Straßenrand. Ich drücke den Knopf. Es passiert gar nichts. Kein Wasser.

Gut, dass in etwa einem Kilometer schon die nächste Möglichkeit kommt. Der Wassertrog steht auf einem Hof. Die beiden Hunde bellen ein paar Mal, bleiben aber liegen. Ich fülle meine Flasche auf, wasche mich ein bisschen und kühle meinen Nacken mit dem Wasser. Es ist jetzt schon echt warm und ich bin froh über jeden Schatten.

Ich folge heute immer wieder Forststraßen und breiten, steinigen Matsch-Pisten. Die Sonne knallt und ich lege mir mein Langarmshirt als Schutz über die Schultern.

Heute kann ich dem GR11 folgen. Das ist super, der Weg ist nämlich gut markiert. Dann brauche ich nicht so oft aufs Handy schauen, wo ich denn lang muss. Ich vermisse Papierkarten. Ich habe dieses Mal keine mit. Es gibt für den HRP zwar eine Karten-Serie, die ist aber recht schwer und nicht wetterfest. Das ist mir zu altbacken. Super sind die Karten für Skandinavien von Nordeca oder Calazo, die auf Tyvek gedruckt werden. Leicht, reiß- und wasserfest. Kartenmaterial zum Drucken findet man inzwischen genug online. Ich habe nur keine Druckerei gefunden, die mir Tyvek doppelseitig bedrucken konnte. Ich liebe es einfach, unterwegs auf der Karte immer nachzuvollziehen, wo ich bin und einen besseren Überblick zu haben als auf dem kleinen Handydisplay. Aber so nun leider ohne Papierkarten.

Der nächste Wegweiser schickt mich Richtung Elizondo. Gleich soll noch eine Wasserstelle kommen. Da muss ich dann auch meine 2 Liter Trinkblase auffüllen, das ist die letzte Möglichkeit.

Heute ist der erste Tag, wo ich nicht so guten Empfang habe. Die meiste Zeit habe ich kein Netz. Jedenfalls dann, wenn ich nachschaue. Überwiegend ist mein Handy sowieso im Flugmodus um Akku zu sparen.

Ich komme zu einem Picknickplatz mit ein paar Bänken zwischen den Bäumen und dem Wasserhahn. Ich drehe den Hahn und es gurgelt. Es kommt aber kein Wasser. Vielleicht muss ich länger warten. Ich prüfe auch die Rückseite, ob da noch irgendein Ventil ist, dass man öffnen muss. Aber nichts. Wieder kein Wasser. Oh Mann, das ist blöd. Hätte ich mal vorhin schon mehr abgefüllt. Aber das konnte ich ja nicht wissen.

Ich mache im Schatten Pause und telefoniere mit meinen Eltern. Dann geht es weiter. Immer wieder ein bisschen hoch und runter. Auf einfachen Wegen.

Vorbei an spanischen Arbeitern, die den Weidezaun reparieren. Ein paar Mal überholt mich ein Geländewagen. Gut, dass es zwischendurch immer wieder durch den Wald geht. Der Schatten tut gut. Ich breite meine Arme aus, als ein bisschen Wind aufkommt. Herrlich. Ich gönne mir eine kleine Pause. Ich habe meinen Riegel, Nüsse und Knäckebrot für heute schon aufgegessen. Mein Magen hat schon geknurrt nachdem ich erst eine Stunde gelaufen bin. Nach und nach habe ich dann alles direkt beim Gehen verspeist.

In Arizkun soll es einen kleinen Supermarkt geben. Vielleicht bekomme ich da ja ein Eis oder was kaltes zu trinken. Irgendwas zum Abkühlen.

Als ich langsam den nächsten Anstieg hinauf stapfe, überholt mich ein junger Wanderer. Der erste, der auch mit „Hi“ grüßt. Und er fragt mich auch direkt auf Englisch, ob ich den GR11 gehe. Nee, den HRP. Sein Gesicht hellt sich auf. „Ich auch“. Cool, der erste andere HRPler. Er ist aus Edinburgh, Schottland. Hinter uns seien noch zwei Franzosen und ein Holländer, die auch den HRP gehen. Oh wow, so viele plötzlich. Mal sehen, wer mich gleich noch überholt, einer davon soll ultraleicht mit nur 5 kg auf dem Rücken unterwegs sein. Der ist bestimmt schneller. Wir gehen zusammen weiter und quatschen dabei. Endlich mal eine Unterhaltung, wo ich nicht so viel nachdenken und Wörter suchen muss. Wo man sich über mehr als so einfache Dinge unterhalten kann. Wobei ich bei seinem Tempo berghoch und dann noch reden dabei ziemlich schnell aus der Puste bin. Ich sage ihm, dass er auch sein Tempo weitergehen kann, für mich ist das zu schnell. Wir sehen uns dann später im Ort. Arizkun ist auch sein Ziel für heute.

Es geht nun noch 300 Höhenmeter nach oben. Zwischendurch immer wieder recht steil. Und ohne Schatten. Ist das anstrengend. Die Sonne macht mich ganz matschig. Es ist viel zu heiß. Und ich habe nur noch eine halbe Flasche Wasser. Ich stelle eine Regel auf, damit ich nicht alles auf einmal austrinke. Ich habe so einen Durst. Jeden vollen Kilometer darf ich einen großen Schluck nehmen. Dann reicht es vielleicht bis ich oben bin. Ich bin nass geschwitzt.

Die Wege und Pfade sind ganz schön, mit Aussicht auf die grünen Berge des Baskenlandes.

Immer wieder geht es durch Farn. Manchmal ist der komplette Hang mit Farn bewachsen. Unter einem Baum im Schatten sitzt der Engländer. Ihm ist es auch zu heiß. Es ist schön, wenn man sich immer wieder sieht und kurz ein paar Worte wechselt. Als würde man sich schon kennen. Ich gehe weiter, ich gehe lieber langsam und gleichmäßig die Berge hoch. Damit kommt mein Körper besser klar. Als ich ihn schon fast nicht mehr sehe, fällt mir ein, dass ich ja mal nach seinem Namen fragen könnte. Also rufe ich es ihm zu. Freddy heißt er.

Noch ein Schluck. Ich ertappe mich dabei, wie ich zwischendurch zu meiner Flasche greifen oder noch einen zweiten Schluck trinken will. Noch 800 Meter weiter. Kurz verschnaufen. Hoffentlich kommen die Wolken wieder die nächsten Tage.

Plötzlich sehe ich ein paar riesige Vögel direkt über den Weg fliegen. Wahnsinn, so nah? Auf jeden Fall sind es Greifvögel mit einer ziemlichen Flügel-Spannweite. Vielleicht sind es Geier sagt später meine Recherche. Ich bin aber nicht sicher. Von rechts kommen immer wieder welche. Links von mir ziehen Dutzende ihre Kreise hoch oben am Himmel. Ich will gerade weitergehen, da fliegen wieder welche so dicht über den Weg. Dann warte ich lieber noch. Jetzt weiter. Ich gehe geduckt. Ob das was bringt. Aber ich fühle mich nicht wohl, wenn sie so nah kommen. Ich werde zum Glück gar nicht beachtet. Aus den Bäumen rechts von mir steigen immer mehr Vögel auf. Fliegen über den Weg und dann hoch hinauf. Das ist ein Schauspiel.

Freddy überholt mich wieder. Fast geschafft, nur noch 100 Höhenmeter. Es geht nochmal über einen engen Pfad und dann komme ich auf einem breiten Weg raus. Geschafft. Jetzt kann ich auch den Rest trinken. Bergab bis zur nächsten Wasserstelle schaffe ich es wohl so.

Erst geht es aber nochmal einen sehr zugewucherten Pfad entlang. Der Farn ragt auf beiden Seiten bis über meine Schultern. Darunter immer wieder Dornen. Brombeeren und irgendeine dunkelgrüne Pflanze mit kleinen, gelben Blüten, die sehr pieksig ist. Meine Beine brennen vor Schrammen.

Wie schön, dass es bergab wieder durch den Wald geht. Da sitzt Freddy im Schatten. Er hat es nicht mehr ausgehalten mit seinem Hunger bis in den Ort. Also überhole ich ihn wieder. Bis später. Von den anderen habe ich noch nichts gesehen.

Der restliche Weg ist nun Straße. Sobald ich zwischen den Häusern von Azpilkueta über den Asphalt gehe, kommt es mir noch wärmer vor. Und da ist die Wasserstelle. Eine kleine Steinmauer mit Zapfhahn. Endlich. Kühl ist es auch noch. Ich trinke und mache Gesicht, Nacken und Arme nass. Eine Wohltat. Ich setze mich daneben auf die Bank und trinke in Ruhe noch ein paar Schlucke. Auch wenn ich hier in der prallen Sonne sitze. Hoffentlich verbrenne ich nicht. Morgen sollte ich vielleicht mein Langarmshirt anziehen, dass auch die Unterarme geschützt sind. Die sind ein bisschen rot.

Ich folge der Straße, die wenig befahren ist. Vielleicht finde ich ja hier wieder Obst. Wenn es auf die Straße ragt, ist es bestimmt in Ordnung, das zu stibitzen. Ich ergattere aber nur einen kleinen Apfel, der noch ziemlich sauer ist. In Ordoki, kurz vor Arizkun, ist noch eine Trinkwasser-Zapfstelle. Ich mache Pause und fülle dieses Mal alles auf. Auch meine 2 Liter Blase. Und dann mache ich mich auf den Weg einen Schlafplatz zu suchen. Das reicht für heute. Ich überlege erst, noch weiterzugehen, es ist noch so früh. Aber als ich mich setze, merke ich, wie fertig ich bin.

Hinter der Wasserstelle geht es über eine gebogene Steinbrücke. Darunter ein kleiner Fluss mit steinigem Ufer. Das wäre doch perfekt. Vielleicht geht es da ja noch weiter. Ich suche nach einem Zugang. Ein schmaler Pfad durch die Bäume nach unten und ich stehe am Wasser. Etwas weiter hinten vor den Bäumen ist eine Fläche, die sandiger ist und wo nicht so große Steine liegen. Von der Brücke würde man mein Zelt zwar halb sehen können, aber was soll’s. Ich kann es ja später erst aufbauen. Es ist erst 16 Uhr.

Ich breite es aber zumindest aus und prüfe, ob ich alle 4 Heringe für die Ecken in den Boden bekomme. Mit ein paar dicken Steinen beschwert, wird das schon halten. Es soll nicht windig werden heute Nacht. Ich ziehe meine Schuhe aus, kühle meine Füße im kalten Fluss und wasche mir den ganzen Dreck der letzten beiden Tage von den Beinen. Dann wird erstmal gegessen, ich habe so einen Hunger. Gestern gab es übrigens Rentiersuppe. In Spanien. Meine Fertiggerichte sind halt von einer norwegischen Marke.

Ich habe guten Empfang und schaue mir die Karte und den Wetterbericht an. Morgen soll es noch wärmer werden, Sonne pur. Danach wieder mehr Wolken und Regen. Vielleicht mache ich dann morgen nur einen kurzen Tag nach Aldudes. Auf irgendeinem Blog habe ich ein Foto von einem großen Eisbecher dort gesehen. Das hätte doch was bei dem Wetter. Oder ich gehe noch weiter. Bis zu einer Hütte wäre es dann aber ein sehr langer Tag. Oder ich finde vorher irgendwo einen Zeltplatz. Das entscheide ich alles morgen.

Ich baue nach dem Essen doch schon mein Zelt ganz auf und verziehe mich hinein. Ich habe genügend Mückenstiche gesammelt. Hier gibt es Zebra-Mücken, schwarz mit weißen Streifen. Auf der Brücke bleiben ein paar Leute stehen und schauen. Es kommen auch Leute mit ihren Hunden herunter zum Baden. Später ein Pärchen, das nackt badet und gerade noch eine Familie mit kleinen Kindern. Niemand scheint sich an meinen Zelt zu stören. Jetzt ist alles wieder ruhig und ich werde nur noch Zähneputzen und dann schlafen.


19,4 km
5:05 h
677 hm
888 hm
799 m