Da es so gut klappt, die ersten Höhenmeter ohne die Sonne aufzusteigen, gehe ich wieder früh los. Wobei es heute kurz nach 8 Uhr ist, bis ich fertig bin. Ich bin gespannt auf den Weg. Auf einem Blog habe ich die Beschreibung „Absolute Lieblingsetappe“ gelesen. Mein Pausentag muss noch einen Tag warten. Den will ich morgen machen. Da soll es das erste Mal wieder bewölkt sein und vielleicht regnen. Heute will ich das gute Wetter noch nutzen.
Die erste halbe Stunde gehe ich durch den Wald. Dann weiter durch das offene Gelände. Links zu dem Pass muss ich hoch.

Ich bin relativ schnell unterwegs, die Höhenmeter machen mir nichts aus. Das fühlt sich gut an.
Sonst fließt an den ganzen hellen Linien wohl Wasser den Berg hinab. Jetzt sieht alles ziemlich trocken aus.

In Kehren geht es immer weiter nach oben.

Zwischen den Bäumen liegen hinter einem Felsen ein paar Taschentücher. Das regt mich immer auf, wenn die Leute ihren Müll liegen lassen. Ich hatte mal einen Bericht über den Toilettengang in der Natur geschrieben. Und zwar ohne Müll zu hinterlassen. So mache ich es nach wie vor. Das ist hygienisch und die Natur bleibt sauber.
Dann kommt die Sonne. Und das ist gleich so ein riesiger Unterschied. Es ist so viel wärmer, anstrengender und schweißtreibender. Ich bin gefühlt nur noch halb so schnell unterwegs. Gut, dass ich den Aufstieg gleich geschafft habe.
Nach 2 Stunden stehe ich oben am Pass und kann den ersten großen See dahinter sehen.

Es geht nun in ständigem auf und ab um den See herum. Ohne Schatten. Ich bleibe immer wieder kurz stehen, um zu trinken.

Der Wasserstand ist ziemlich niedrig. Man sieht die Kante gut, bis zu der das Wasser sonst geht. Und der Grund ohne Wasser ist ganz dunkelgrau.

Ich mache an einem Wegweiser kurz Pause. Ich könnte nun den direkten Weg runter zur nächsten Hütte nehmen. Dann wäre ich in 1:30 Stunde da. Aber das wäre ja langweilig. Der andere Weg ist etwa 2 Stunden länger und führt mich weiter an den Seen entlang und über einen Pass. Der Weg soll schön sein, der ist als Lieblingsetappe beschrieben. Also nehme ich den. Dann sollte ich immer noch heute Nachmittag an der Hütte sein und kann da was essen.

Weiter geht es also. Um den Lac de Rius bin ich nun herum. Ich gehe durch eine hügelige Felslandschaft. Zwischen den Felsen liegen auch immer wieder kleine Seen.

Der Fels sieht doch gut aus. Als ob er von dem Stein darunter gehalten wird. Und oben noch ein Mini-Steinmännchen drauf.

Wo ist der nächste See hin?

Na, da ist er ja. Die Wasseroberfläche ist so spiegelglatt, dass man das Wasser kaum erkennt. Es ist ein Wasser-Spiegel für die Felsen darüber.

Aus dieser Perspektive spiegelt sich der strahlend blaue Himmel in dem riesigen See. Es ist immer noch der Lac Tòrt de Rius.

Es folgt noch ein See, der von sumpfigem Gras umgeben ist. Das ist der Tag der Seen heute.

Dahinter geht es hoch zum Pass. Es sind zum Glück nicht viele Höhenmeter. Ich schleiche nach oben. Es ist viel zu heiß.

Kurz bevor ich oben bin, werfe ich noch einen letzten Blick zurück.

Bevor ich über den Pass rüber bin und einen neuen Ausblick habe. Natürlich auf einen neuen See. Der Lac de Mar mit einer kleinen Insel in der Mitte.

Ich steige über viele steile Felsen ab. Häufig brauche meine Hände und setze mich auf den Hintern, um die nächste Stufe besser zu erreichen. Heute geht es meinen Beinen wieder besser. Die letzte Nacht hat wohl schon gereicht als Regeneration nach den letzten beiden langen Abstiegen.
Ich habe nun einen besseren Blick auf den See. Die vordere Spitze sieht besonders gut aus. Das Wasser ist so klar, leuchtet ganz türkis und man kann den Grund erkennen. Es sieht aus, wie ganz viele Adern, die sich durch den Sand ziehen.

Das ist ja echt ein Traum. Ein kleines Stück Berg-Karibik. Ich laufe durch den Sand direkt am Wasser entlang.

Auch wenn die Mittags-Sonne gerade alles gibt, mache ich eine Pause. Setze mich in den Sand, ziehe die Schuhe aus und kühle meine Füße und Beine im Wasser. Der Weg hat sich gelohnt.
Ich ziehe meine Schuhe wieder an, schultere meinen Rucksack und will weitergehen. Oh je. Jetzt tut alles weh. Nach der Pause wollen die Füße nicht mehr. Sie dachten wohl, dass es das für heute war und sie in den Ruhemodus schalten können. Langsam gehe ich mit schmerzenden Füßen weiter. Es dauert bestimmt 10 Minuten bis sich alles wieder normal anfühlt.
Ich muss erstmal den Pfad wiederfinden. Da der Wasserstand auch hier so niedrig ist, gehe ich laut Karte mitten durch den See. Ich folge den Steinmännchen und klettere über viele Felsen. Oberhalb vom Wasser geht es am See entlang. Mit ganz schön viel hoch und runter.
Die kleine Bucht da vorne sieht ja auch toll aus.

Ich quere Blockfelder und Grashänge. Der See ist ganz schön lang.

Hinter dem See geht es dann 200 Höhenmeter steil hinab. Zu einem Stausee, wo das Refugi de la Restanca liegt.

Es ist windig am See. Das kühlt schön. Ich gehe an der Hütte vorbei und finde um die Ecke ein paar Tische und Bänke und eine kleine Bar. Als Tagesgericht gibt es Linseneintopf. Das hört sich gut an. Und ich bestelle auch ein Picknick zum Mitnehmen. Das wollte ich mal testen. Das bekommt man hier in jeder Hütte. Ich frage gar nicht, was alles dabei ist. Einfach mal ausprobieren.
Die Hütte kommt mir sehr teuer vor im Gegensatz zu den Hütten bisher. Die Übernachtung mit Halbpension kostet über 80 €. Und auch für meinen Eintopf, ein Getränk und das Picknick bezahle ich 30 €. Aber gut, ich bezahle ja so gut wie nichts für Übernachtungen. Dann gebe ich mein Geld für Essen aus. Und wenn es teuer ist. Vielleicht ist die Hütte ja privat und gehört nicht zum französischen Wanderverein. Rabatt scheint es laut Preisliste nämlich auch nicht zu geben.
Ich sitze auf der Terrasse und löffele meinen Eintopf. Ein Stück will ich gleich noch weiter. Es gibt 3 mögliche Zeltplätze, die ich auf meiner Karte markiert habe. Ich gehe einfach zum Ersten und entscheide dort, ob ich bleibe oder weitergehe.
Ein Stück hinter der Hütte, wo der Pfad nach oben führt, steht ein Kerl. Der saß gerade beim Essen schon mit mir am Tisch, hat aber nichts gesagt. Er ist Kroate und geht den GR11. Er weiß nicht, welchen Abzweig er nehmen muss. Da mein Weg heute derselbe ist, zeige ich auf die Kehren nach oben. Da müssen wir her. Er regt sich total über die wenigen Wegmarkierungen auf. Die Leute mit den Spraydosen seien alle Idioten. Ja gut, ich lasse ihn meckern.
Es ist so heiß und ich schleiche im Schneckentempo die Kehren nach oben. Die Sonne macht mich total matschig. Der Kroate ist ähnlich langsam unterwegs und hat wohl Blubberwasser getrunken. So habe ich wenigstens etwas Unterhaltung und die 200 Höhenmeter vergehen recht zügig. Er fragt mich, ob das mein gewöhnliches Tempo sei und erzählt andauernd, wie langsam er doch heute ist. Erst sind seine Knie Schuld, dann die Hitze, dann dass er sich heute Morgen schon verausgabt hat. Mir ist das sowas von egal. Irgendwann sage ich ihm das auch. Dass es doch völlig egal ist, wie schnell man unterwegs ist. Jeder hat sein eigenes Tempo. Und mich interessiert nur, wie ich den Berg hochkomme. Egal, wer mich überholt oder nicht.
Lustig ist auch, dass er der Meinung ist, dass der HRP ja so viel einfacher wäre, als der GR10 oder GR11. Das höre ich nun schon zum zweiten Mal. Er ist der Meinung, dass man beim HRP ja immer oben bleibt und nicht immer auf- und wieder absteigt. Das wird anscheinend so herum erzählt unter GR11 Wanderern. Der GR11 ist allerdings häufig die Schlechtwetter- oder Talalternative zum HRP. Ich glaube, das sagt schon alles. Aber alle 3 Wege haben sehr viele Höhenmeter und führen immer wieder hoch und runter.
Oben am nächsten See macht er Pause und betont nochmal die Hitze. Ich gehe alleine weiter. Das wäre echt ein schöner Zeltplatz da am Ende des Sees. Aber hier sind mir zu viele Leute. Und es ist erst fast 16 Uhr. Ein bisschen mehr schaffe ich noch, morgen ist ja Pause angesagt.

Hinter dem See geht es zum Pass hinauf. Auch wieder nur etwas über 200 Höhenmeter. Dafür brauche ich aber fast eine Stunde. Es ist so heiß und gibt keinen Schatten. Ich freue mich über jeden kleinen Windhauch. Mehr davon, bitte.
Ich habe kaum noch Wasser. Ich habe bestimmt schon 3 Liter getrunken heute. Und ich habe so einen Durst. Jetzt trinke ich auch noch den letzten Rest. Hinter dem Pass quere ich zwei Bäche, da bekomme ich neues Wasser.
Die aufgereihten Felsen da hinten sehen gut aus. Den Blick lasse ich jetzt hinter mir.

Über Felsen, Wiese und kleine Blockfelder geht es weiter nach oben. Der Kroate überholt mich. Hinter dem Pass geht es am nächsten See vorbei.

Irgendwie hatte ich nicht im Blick, dass ich nicht nur einen Pass überwinden muss. Es geht ein bisschen nach unten und dann direkt wieder hoch. Also schleiche ich weiter. Die beiden Bäche sind trocken. Hier ist kein Wasser zu finden. Der See ist zu weit weg. Mein Mund ist so trocken.
Oben am Pass stand ein Schild, dass ich jetzt durch den Nationalpark d’Aigüestortes gehe. Hier ist alles verboten. Zelten, angeln, schwimmen. Und es gibt auf dem Schild keinen Zusatz, dass ein Biwak nach Sonnenuntergang erlaubt wäre. Dann fällt meine nächste Zeltmöglichkeit wohl raus. Die wäre an dem linken See gewesen. Da gibt es auch echt schöne Plätze. Aber gut. Wenn es verboten ist, will ich mich daran halten. Es gibt ja genug Plätze hier, wo es erlaubt ist oder geduldet wird.

Zumindest kann ich am Abfluss vom See mein Wasser endlich auffüllen. Schnell filtern und dann trinke ich die ganze Flasche direkt wieder aus. Der Kroate ist auch wieder da. Er benutzt Tabletten, um das Wasser zu reinigen. Er muss eine halbe Stunde warten, bevor er das Wasser trinken kann. Das wäre nichts für mich. Mit meinem Filter bin ich sehr zufrieden.
Dann muss ich jetzt wohl auch noch über den dritten Pass rüber. Damit ich dahinter dann einen Schlafplatz suchen kann. Ich habe eine spanische Karte auf dem Handy, wo die Grenze des Nationalparks eingezeichnet ist. Auf dem nächsten Pass bin ich wieder raus aus der Verbotszone.

Na gut, weiter geht’s. Die Sonne hat kein Erbarmen. Ich schleppe mich langsam die letzten 150 Höhenmeter hoch. Nach den ersten steilen Kehren über Felsen wird es einfacher. Nur noch ein bisschen über die Wiese. Meine Wasserflasche ist schon wieder alle. Ich habe noch zig Trinkpausen gemacht auf dem kurzen Weg.

Ich frage mich, wieso das Wetter mich heute so fertig macht. Es war doch die letzten Tage genauso sonnig. Aber da bin ich ab mittags nur noch abgestiegen. Vielleicht ist es gerade der Aufstieg in der Sonne, der mir so schwer fällt.
Oben angekommen. Jetzt geht es nur noch runter.

Bald bin ich so tief, dass die Sonne nicht mehr hoch genug steht, um über die Bergkuppe zu scheinen und ich im Schatten weitergehen kann. Es ist direkt ziemlich frisch. Es ist ein riesiger Unterschied im Moment zwischen Schatten und Sonne.
300 Höhenmeter geht es nach unten. Das schaffe ich jetzt auch noch. Ich denke an die Pause morgen. Ich überhole den Kroaten wieder und steige die Kehren hinab. Ich mache einen kleinen Hopser auf den nächsten Felsen. Nicht mit Absicht, es kommt einfach so. Aha, denke ich, da ist doch noch ein bisschen Energie in mir. Und muss über mich selbst lachen.
Weiter unten kann ich den Bach schon sehen. Es ist zwar rechts und links recht steil, aber direkt am Wasser gibt es ein bisschen ebene Wiese. Da reserviere ich mir einen Platz. Aber der Kroate will eh zur Hütte weitergehen.
Ich suche mir am Wasser einen guten Platz. Hier gefällt es mir. Der Kroate schaut etwas ungläubig und wünscht mir im Vorbeigehen nur noch „Viel Spaß mit den Kühen“. Na, die stören mich inzwischen nicht mehr. Die interessiert mein Zelt doch gar nicht. Da es recht windig ist, spanne ich mein Zelt gut ab.

Ich ziehe mich schnell um, mir wird kalt. Und dann mache ich mich über das Picknick her. Ich bin gespannt.

Zuerst der Apfel. Was frisches ist immer etwas besonderes auf so langen Wanderungen. Das gibt es nicht so häufig. Die Nüsse schütte ich zu meiner Nussmischung dazu. Die kann ich gut unterwegs essen. Dann gibt es noch eine Konserve mit Thunfisch-Salat, Salami und zwei Scheiben trockenes Brot. Naja, im Supermarkt wäre ich einfach an den Sachen vorbeigegangen. Nicht das, was ich sonst esse. Ich beäuge den Salat etwas misstrauisch. Aber er schmeckt. Und die kleine Dose hat sogar über 500 Kilokalorien, also fast genauso viele Kalorien wie die Trockengerichte, die ich noch im Rucksack habe. Neben Thunfisch schmecke ich Oliven, Mais und Paprika. Alles in einer cremigen Sauce. Vielleicht sollte ich mir das merken. Für die letzte Woche der Wanderung wird mein Proviant nicht mehr reichen. Da werde ich im Supermarkt einkaufen und schauen, was ich bekomme. Dann ist es schonmal gut, wenn ich weiß, dass mir dieser Salat schmeckt.
Die Rinde der Salami kann ich zum Glück mit den Fingern abziehen. Ein Messer habe ich nicht. Und ich bin ganz erstaunt, dass mir auch die Salami mit dem Brot zusammen schmeckt. Beim Wandern ist eh alles anders. Da sind alle Ernährungsprinzipien egal. Hauptsache es gibt Energie.
Ich bin ganz begeistert von meinem Picknick und dass es mir geschmeckt hat. Das habe ich mir auch verdient nach dem langen Tag. Der längste Tag bisher mit über 8 Stunden Gehzeit. Mein Rekord an aufgestiegenen Höhenmetern sind immer noch 2.000 Höhenmeter an einem Tag. Das war 2018 bei der Besteigung der Zugspitze. Jetzt komme ich da schon fast heran mit meinen knapp 1.800 Höhenmetern Aufstieg heute. Und damals war es nur der Aufstieg und der Abstieg erst am nächsten Tag. Heute sind noch 1.200 Höhenmeter Abstieg dabei. Schon Wahnsinn.
Um halb 9 mache ich die Augen zu. Zum Schreiben habe ich morgen genug Zeit. Ich wache nochmal auf, als ich Kuhglocken und Hufe direkt neben meinem Zelt höre. Besser gesagt, hört es sich so an, als ob ich überrannt würde. Ich mache sicherheitshalber meine Stirnlampe an und leuchte gegen die Zeltwand. Ich weiß ja, dass zwischen meinem Zelt und dem Pfad noch der Bach ist. Die Geräusche entfernen sich, die Kühe wollten wohl ein bisschen weiter oben die Nacht verbringen. Dann kann ich ja weiterschlafen. Das Rauschen des Wassers übertönt auch den Wind. Dann schlafe ich bestimmt ruhiger.
Sven
Da hast du viel zu sehen bei den Seen.
Du bist wahnsinnig mit den 1.800 Höhenmetern. Das machen andere in ihrem gesamten Urlaub.