Ich habe echt gut geschlafen und bin relativ früh wach. Ich öffne das Zelt, lege mich wieder hin und schaue in den Himmel. Ich muss lächeln. Heute kann ich einfach liegen bleiben.
Um Viertel nach 8 höre ich, wie die ersten Leute an meinem Zelt vorbeigehen. Der Pfad ist direkt auf der anderen Seite des schmalen Baches. Ich habe das Zelt aber nur auf der abgewandten Seite geöffnet, damit ich meine Ruhe habe. Wenn irgendjemand was sagen sollte, dass hier tagsüber ein Zelt steht, packe ich eben zusammen. Aber es sagt niemand was. Wer auch. Es gehen viele Leute vorbei, scheint ein beliebter Weg zu sein.
Ich rufe den Wetterbericht ab. Heute soll es bewölkt sein, morgen dann regnen und gewittern. Das hat sich nun um einen Tag nach hinten verschoben. Meinen Pausentag mache ich trotzdem.
Der Himmel ist klar. Also wasche ich ein paar Sachen und lege sie in die Sonne. Außerdem lade ich alles auf, Notfallgerät, Stirnlampe, Kamera-Akkus. Ich lege mein Solarpanel vor dem Zelt ins Gras. Ich bin ganz begeistert. Nach 2 Stunden ist daran mein Notfallgerät voll geladen. Obwohl es inzwischen ganz bewölkt ist. Normalerweise lade ich daran beim Gehen meine Powerbanks und achte nicht so darauf.
Die Wolken verschwinden wieder und in der Sonne ist es gleich super warm. Gut, dass ich heute nicht durch die Sonne wandern muss. Da habe ich gerade genug von. Ich schaue mir meine Hände an. Es wird schon wieder besser. Seit ich in Norwegen nach Kontakt mit Riesenbärenklau meine Hände so kaputt hatte, habe ich jedes Jahr wieder kleine Blasen an denselben Stellen an den Fingern. Immer wenn ich den ganzen Tag draußen bin beim Wandern und die Sonne viel scheint. Als ob das weiterhin wirkt, das Gift der Pflanze klaut der Haut den natürlichen Sonnenschutz.
Ich packe meinen Rucksack aus. Zähle meinen Proviant. Packe alles wieder ein. Das sollte genau reichen bis ich in 9 bis 10 Tagen in L’Hospitalet-près-l’Andorre bin. Das ist der nächste Ort mit einem Supermarkt. Dann muss ich halt ein wenig haushalten. Den Umweg nach Salardú morgen spare ich mir. Und zwischendurch kommen noch ein paar bewirtschaftete Hütten, die Snacks für unterwegs verkaufen.
Es stimmt übrigens nicht, dass vorgestern erst meine Halbzeit war. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube eher, das war schon ein paar Tage vorher. Ich habe jetzt schon fast 500 Kilometer hinter mir. Und wenn ich auf die Karte schaue, kommt das Mittelmeer schnell näher. In 4 bis 5 Tagen bin ich in Andorra.
Ich ziehe mich in die schattige Ecke im Zelt zurück und schreibe bis mittags. Mein Plan ist, gleich weiterzugehen. Nur ein kleines Stück. Es ist ja ein Pausentag. In 20 Minuten bin ich an der nächsten Hütte. Und da wartet Mittagessen auf mich. Danach suche ich mir einen neuen Zeltplatz für heute Nacht.
Als ich den Bericht von vorgestern fertig geschrieben habe, packe ich ganz zusammen. Dann mache ich mal einen kleinen Spaziergang.

Ich folge dem Bach und steige über Felsen weiter ab. Ich gehe langsam und entspannt. Gut, dass es nicht weit ist. Mir ist das jetzt schon wieder zu warm in der Sonne.

Auf der linken Seite des Stausees steht eine alte Hütte, das ehemalige Refugio. Dort soll es unterhalb gute Zeltmöglichkeiten geben. Das kann ich von hier nicht sehen. Bestimmt auf der anderen Seite. Am Wasser sind ja nur steile Felsen.

Auf der rechten Seite liegt das bewirtschaftete Refugi de Colomèrs. Da geht es hin.

Es sitzen viele Leute an den Picknicktischen auf der Terrasse vor der Hütte. In der Sonne, mit Blick auf den See und die Berge. Ich möchte rein, ich möchte keine Sonne mehr. In der Stube bin ich alleine. Das macht auch nichts, dann habe ich Ruhe weiter zu schreiben.
Heute gibt es eine grobe Bratwurst mit Kartoffelpüree und Röstzwiebeln als Tagesgericht. Na gut. Aber auch das schmeckt mir gut. Wie alles im Moment. Zum Nachtisch noch ein Stück Mandelkuchen. Dabei schreibe ich von gestern. Und lade meine Powerbanks im Flur an der Steckdosenleiste wieder auf.
Ich hatte gehofft, dass meine Periode aufgrund der hohen Anstrengung ausbleibt. Aber den Gefallen tut mein Körper mir nicht.
Auch hier nehme ich für später wieder ein Picknick mit. Mal sehen, was dieses Mal in der Tüte versteckt ist. Um kurz nach 16 Uhr mache ich mich dann auf den Weg, einen Zeltplatz zu suchen.
Ich gehe zurück zum Abzweig und jetzt runter zur Staumauer. Die alte Hütte ist verschlossen. Schade. Falls es heute Nacht schon gewittert, hätte ich damit eine Alternative gehabt. Gute Zeltplätze sehe ich unterhalb zwischen den Bäumen auch nicht. Vielleicht auf der anderen Seite der Staumauer.

Irgendwo zwischen den Bäumen wäre gut. Es sind noch so viele Leute unterwegs. Und oben an der Hütte stand auf der Infotafel wieder, dass Campen verboten ist. Ich bin nicht sicher, ob das nur für den Nationalpark gilt oder auch hier. Oder ob die Grenze auf meiner Karte veraltet ist und ich hier noch im Nationalpark bin. Vielleicht hätte ich doch einfach in der bewirtschafteten Hütte schlafen sollen heute. Ich hatte keine Lust darauf, drinnen zu schlafen. Und jetzt zurückzugehen, geht mir voll gegen den Strich.
Ich werde einen Zeltplatz finden. Ich studiere nochmal die Karte. Ich gehe jetzt die 90 Höhenmeter nach oben, über den Pass, ein Stück wieder runter und da im Wald ist es laut Höhenlinien recht flach. Da werde ich einen Platz finden. Einen, wo ich mich auch im Gewitter traue, zu bleiben. Falls es heute Nacht schon kommt.
Ich gehe weiter. Mir kommen immer noch Tagestouristen mit kleinen Rucksäcken oder ganz ohne Rucksack, mit Kindern und Hunden entgegen. Ich schaue mich beim Gehen die ganze Zeit nach Möglichkeiten um.
Oben angekommen, habe ich eine erste Sicht auf den Wald. So dicht ist der jetzt nicht. Ich spiele etwas nervös mit den Bändern meines Rucksacks. Es wäre schlau gewesen, in der Hütte zu bleiben. Nein, ich schaffe das. Ich finde einen gewittersicheren Schlafplatz, wo ich mein Zelt aufstelle.

Ich folge dem Pfad, dann biege ich vor dem See ab. Dieser Pfad ist laut Karte eine Sackgasse. Ich quere über viele Steine ein paar breite Wasserläufe. Auf der anderen Seite sieht es ganz vielversprechend aus. Hier kommt auch bestimmt niemand mehr her.
Ich klettere ein paar Felsen nach oben, damit ich nicht so nah am Wasser bin. Auf einer Lichtung beschließe ich, dass ich meinen Platz gefunden habe. Um mich herum sind höhere Felsen und Bäume. Ich stehe nicht direkt unter einer kleinen Baumgruppe oder einem einzelnen Baum. Hier wird es wohl gehen. Wenn ich tagsüber in ein Gewitter geraten würde, würde ich mich genau hier in die Mulde hocken. Und vielleicht habe ich ja Glück und es gewittert wirklich erst morgen.

Es tröpfelt ein bisschen, dann ist die Sonne wieder da. Wieder ein paar Tropfen. Dunkle Wolken. Später ist der Himmel wieder klar. Ich rufe nochmal den Wetterbericht ab. Es soll jetzt gerade gewittern. Hier jedenfalls nicht. Dann ab 3 Uhr nachts immer wieder. So geht das morgen den ganzen Tag. Wir werden sehen. Ich übe mich jetzt in Ruhe und Gelassenheit. Ich habe hier eine sichere Stelle.
Mein Picknick beinhaltet heute einen Becher selbstgemachten Nudelsalat mit Oliven und sauren Gurken. Sehr lecker. Eine Frischkäse-Ecke. Wozu soll ich die denn essen? Tja, dann einfach so. Eine geröstete Knabbermischung und einen Schokoriegel gibt es zum Nachtisch. Dazu ein Päckchen Orangensaft. Den Müsliriegel verwahre ich mir für morgen früh. Als ich später fertig mit Schreiben bin, koche ich mir aber doch noch ein warmes Gericht.
Hoffentlich wird es eine ruhige Nacht. Bisher ist der Himmel klar. Und laut Wetterbericht soll es auch bis um 3 Uhr sternklar sein.
Sven
Geduld ist eine Kernkompetenz die du immer wieder zeigst. Nützt ja auch nichts in Ungeduld zu verfallen. Zurückzugehen ist ja auch keine wirkliche Option. Was soll da die Uhr sagen.