Ich schlafe ganz gut. Bis halb 3. Ich habe die Augen geschlossen und denke, dass der Himmel kurz erhellt wird. Ein Blitz? Ich weiß es nicht. Vielleicht halluziniere ich inzwischen schon und sehe Phantom-Blitze. Trotzdem bin ich direkt wieder angespannt. 2 Mal passiert das noch. Vielleicht ist es nur Einbildung, weiter passiert nichts.

Morgens wird es nochmal kälter. Da fällt es schwer, den warmen Schlafsack zu öffnen. Das Außenzelt ist gefroren. Ich fühle direkt nach meinen Socken. Aber die sind noch genauso nass wie gestern Abend. Ich stehe auf und schaue mich um. Der Himmel ist wieder klar, nur ein paar graue Wolken. Und die werden gerade von der Sonne angestrahlt. Das sieht schön aus. Ich freue mich, dass es wieder freundlich aussieht.

Heute ist mir nach einem warmen Frühstück. Ich greife in meinen Rucksack. Es gibt Kabeljau in cremiger Curry-Sauce. Die halbe Portion hätte mir zwar um diese Uhrzeit auch gereicht, aber ich esse alles auf. Reste kann ich nicht gebrauchen.

Gut, dass Richtung Osten heute keine hohen Berge die Sonne lange verstecken. Ich warte bis die ersten Strahlen mein Zelt aufgetaut haben und schüttele das Wasser dann bestmöglich ab. Um kurz vor 9 Uhr bin ich fertig und gehe los.

Erstmal runter zum nächsten See.

Wo direkt ein Blockfeld auf mich wartet. Die Steine sind zum Glück nicht rutschig.

Der Abstieg führt über Steine und zwischen Tannen und Sträuchern hindurch. Ein chaotischer Weg. Ich quere einen Bach über viele Steine und gehe wieder ein Stück nach oben.

Auf dem nächsten großen Geröllfeld muss ich manchmal ziemlich lange nach dem nächsten Steinmännchen suchen. Aber es lohnt sich, stehen zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen. Besser als in die falsche Richtung zu laufen.

Die Sonne ist warm. Die Luft ist allerdings ganz schön abgekühlt. Ich lasse endlich die Bäume hinter mir und laufe nun über die Wiese. Auf dem Weg nach oben zum Pass komme ich an diesem See vorbei. Ich habe kaum noch Wasser, aber hinter dem Pass muss ich wieder einen Bach queren. Dann nehme ich lieber das fließende Wasser.

Heute habe ich immer wieder Unterleibsschmerzen. Das ist nervig. Der Aufstieg ist so etwas anstrengender.

Oben angekommen am Collada d’Airoto, gibt es eine neue Aussicht.

Auf- und Abstieg sind nicht schwierig. Heute mal ein paar einfachere Pässe. Dieses große Steinmännchen ist nicht zu verfehlen. Davor und dahinter muss ich aber wieder suchen.

Ich höre es schon rauschen und klettere über Felsbrocken. Das Rauschen kommt immer näher. Ich glaube, ich komme gar nicht an das Wasser heran. Es fließt unter den Felsen her. Ich schaue mich um. Weiter oben sehe ich es spritzen. Und finde eine Stelle, wo ich mein Wasser nachfüllen kann. Danach verschwindet der Bach unter den Felsen. Bis zum nächsten See unter mir.

Ich laufe den falschen Markierungen nach. Eigentlich müsste die Hütte doch ganz in der Nähe sein. Als ich mich verwirrt umschaue, entdecke ich das orangene Dach hinter mir durch die Bäume. Also wieder zurück. Das Refugi Airoto-Gràcia ist eine kleine, einfache Schutzhütte. Ich schaue nur kurz hinein. Es gibt 5 Schlafplätze und ein bisschen Kochgeschirr. Draußen sind zwei Feuerstellen.

Nach der Hütte geht es nochmal 200 Höhenmeter hinauf zum nächsten Pass Collada del Clot de Moredo. Als ich mich umdrehe, habe ich einen schönen Blick auf die Seen und auf den letzten Pass.

Und in diese Richtung folgt nun ein langer, langer Abstieg. Erst setze ich mich aber in die Sonne und mache Pause. Es ist schön windstill. Ich hocke mich auf einen Felsen und esse einen Riegel. Dabei beobachte ich, wie die Wolken die Gipfel gegenüber umschmeicheln.

Dann mal weiter. In Kehren geht es hinab Richtung See unten im Tal. Und dann ewig über einen Wiesenpfad. Am Hang entlang und über die große Ebene. Schon beim Aufstieg auf der anderen Seite habe ich die Schafsglocken vom hier gehört.

Hinter dem Plateau geht es wieder steiler hinab. Über die Wiese, Felsen und Bäche. Ich freue mich schon auf die Schotterstraße, die gleich kommt. Dann kann ich ganz entspannt die Serpentinen entlang laufen und dabei meine Nüsse essen. Von oben kann ich den Anfang schon sehen. Da steht ein kleiner Wohnwagen und da beginnt auch die Straße.

Als ich um die letzte Kurve komme, kommen mir laut bellend 2 Hunde entgegen gelaufen. Och nein. Mein Puls geht hoch. Ich bleibe sofort stehen und gehe ein paar Schritte wieder zurück. Ein Hund bleibt unten auf der Straße stehen. Der andere kommt bis zu mir gelaufen. Nur einen Meter vor mir bleibt er stehen und bellt mich weiter an. Ich rede mit dem Hund, vielleicht auch um mich selber zu beruhigen. Irgendwann hört er auf zu bellen und legt sich mir in den Weg. Mitten auf den Pfad. Der andere Hund läuft zurück zu der Hütte. Und jetzt? Irgendwie muss ich hier vorbei. Ich kann einen kleinen Bogen gehen, aber das Gelände gibt es nicht her, dass ich den Bereich sehr weitläufig umlaufe.

Der Hund steht nach einer Weile auf und schnuppert an meinen Beinen. Ich nehme meinen Mut zusammen, rede mit dem Hund und gehe ein paar Schritte weiter. Er bleibt erst sitzen. Als ich weitergehe, kommt er wieder bellend hinter mir her. Ich bleibe stehen als er wieder so nah kommt. Dann bleibt er auch stehen, bellt noch ein paar Mal und setzt sich. So geht das immer wieder. Ich muss doch nur an der Hütte vorbei. Dahinter die Straße interessiert die Hunde wahrscheinlich gar nicht. Trotz des lauten und langen Gebells kommt auch niemand aus der Hütte. Da müsste doch jemand sein, draußen hängt Wäsche.

Ich gehe mutig weiter. Immer wenn mir der Hund bellend so nah kommt, bekomme ich noch mehr Angst. Seine Schnauze ist nicht mal eine handbreit von meinen Beinen entfernt zwischendurch. Der andere Hund kommt auch wieder dazu, hält aber mehr Abstand. Erst als ich nach einer Ewigkeit in einem Bogen die Straße erreiche, traue ich mich schneller zu gehen. Vorher habe ich mich ganz langsam und nicht ruckartig bewegt. Ich schaue mich immer wieder um. Die Hunde bleiben oben stehen. Habe ich mir doch gedacht.

Ich atme erleichtert auf. Ich bin den Tränen nah, so angespannt war ich. Mein Mut wird aber zur Zeit auch arg auf die Probe gestellt. Mich fragen immer wieder Leute, ob ich keine Angst habe da draußen auf meinen Wanderungen. Da habt ihr die Antwort. Ich habe Angst. Vor ein paar Dingen. Ganz vorne mit dabei sind Gewitter und Hunde.

Ich schaue auf die Karte. Weiter unten kann ich ein paar Steinhäuser sehen. Ich gehe jetzt doch die steile Abkürzung und nicht entspannt die Straße entlang. Damit ich an keinem Haus mehr vorbeikomme, wo weitere Hunde lauern könnten.

Das klappt gut. Die Pfade sind relativ gut markiert. Zwischendurch schaue ich auf die Karte, wenn ich nicht weiter weiß. Irgendwann geht es in den Wald. Der Weg ist ganz schön, am Bach entlang.

Der Abstieg zieht sich sehr. Unter mir ist immer weiter nur Wald in Sicht. Keine Häuser. Es soll eine Schutzhütte geben, vielleicht bekomme ich da ja etwas zu essen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich den winzigen Ort Alós d’Isil. Meine Füße schmerzen. Das reicht an Abstieg. An Steinmauern und Steinhäusern vorbei gehe ich die Gasse hinab.

Das Refugi d’Alós ist verlassen. Draußen stehen ein paar Tische, hinter einem Holzschild „Bar“. Die Tür steht offen, ich rufe und klingele, aber es ist niemand da. Ich probiere das W-Lan, die Zugangsdaten hängen an der Tür. Ich kann mich auch verbinden, aber es funktioniert nicht. Da ich keine Lust habe, hier lange zu warten, gehe ich einfach weiter.

Weiter durch die Gassen zwischen den Steinhäusern hindurch. Viele scheinen verlassen zu sein, die Fenster sind kaputt. Vor der Kirche finde ich eine Wasserstelle. Da stehen sogar zwei Gläser bereit. Lustig. Ob die wohl benutzt werden?

Jetzt geht es eine ganze Weile die Straße entlang. Ganz langsam wieder nach oben. Ein Schild sagt mir, dass ich nun den Nationalpark Alt Pirineu betrete. Autos dürfen hier nur gegen eine Gebühr fahren. Daher ist kaum Verkehr und ich kann entspannt auf der Straße gehen.

Etwas über 2 Kilometer folge ich der Straße. Ich könnte auch 20 Minuten weiter noch in einer Hütte einkehren. Aber ich möchte lieber ein bisschen vom Anstieg schaffen und mir dann einen Zeltplatz suchen. Das wird sonst zu eng vor Sonnenuntergang.

Ich biege auf einen Weg nach rechts ab, gehe über eine Brücke und dann nach oben. Es gibt keinen Wegweiser, keinerlei Markierung, nur meine Karte sagt, dass das hier ein Wanderweg ist. Ich mache kurz Pause und binde meine Schuhe neu. Es fühlte sich an, als wäre rechts eine Falte im Socken. Ist aber nicht, also klebe ich ein Stück Tape über die Stelle. Um einer wunden Stelle oder Blase vorzubeugen.

Als ich eine rot-weiße Markierung sehe, folge ich dem schmalen Pfad steil nach oben. Der ist zwar nicht auf meiner Karte eingezeichnet, aber ich nehme an, dass der Pfad eine Abkürzung zu den Serpentinen ist. Da ich sonst an einem Gebäude vorbeikommen würde, ist die Entscheidung für den steilen Pfad schnell getroffen. Da wird es keine Hunde geben.

Irgendwann sehe ich gelbe Markierungen. Ich folge ihnen, aber nach einer Weile kommt es mir komisch vor. So weit nach links muss ich doch gar nicht. Also gehe ich wieder zurück und doch querfeldein zum Fahrweg. Nur noch zwei Kehren. Das nächste Steinhaus ist verlassen. Davor grasen ein paar Pferde. Ich hatte sie schon vermisst. Am Anfang im Baskenland habe ich so viele Pferde gesehen. Jetzt schon länger nicht mehr.

Der Fahrweg endet an dem Gebäude. Ich kann keinen Pfad finden, wo es weitergeht. Ich gehe zwischen den Pferden die Wiese hinauf. Kurze Pause unter einem großen Baum, um meine Regenjacke anzuziehen. Es fängt gerade stärker an zu tröpfeln. Hinter der kleinen Mauer, am Waldrand, finde ich einen Pfad.

Ich steige durch den Wald auf. Da brauche ich meine Kapuze auch nicht aufsetzen, die Bäume schützen mich vor dem Regen.

Obwohl ich nach dem Abstieg vorhin echt kaputt war, geht der Aufstieg erstaunlich einfach und schnell. Schon habe ich die ersten 300 Höhenmeter geschafft. Dann nochmal 200. Es geht durch den Wald, über Lichtungen, Plateaus und dann wieder steiler nach oben.

Es sind ganz schön viele Geräusche zu hören. Ich komme an ganz vielen Pferden mit ihren Glocken vorbei. Auf einer Lichtung schrecke ich zwei Rehe auf. Als sie flüchten, bellt eins von ihnen. Das klingt einem Hundebellen echt ähnlich. Jetzt weiß ich wieder, dass es Rehe sind, wenn ich das hier oben höre. Dann gibt es noch ein lautes Röhren irgendwo über mir am Hang. Und rechts von mir im Wald. Immer wieder. Ich muss an eine verletzte Kuh denken. Es begleitet mich den ganzen Weg lang. Mal etwas leiser, dann wieder lauter.

Als ich über das nächste große Plateau laufe, sehe ich eine ganze Gruppe von Rehen. Und einen Hirsch mit riesigem Geweih. Wenn es denn ein Hirsch ist. Oder gibt es so große Rehböcke? Auf jeden Fall ist das Tier sehr viel größer als die Rehe. Das Gebiet hier ist wohl Wild-Gebiet. Ich fühle mich ein bisschen schlecht, die heimischen Tiere aufzuscheuchen.

Am Ende des Plateaus suche ich mir einen Platz für mein Zelt. Dahinter geht es steiler hinauf. Dann bleibe ich lieber hier. Es gibt ein paar Bäume als Windschutz und viele Bäche für Wasser. Die muss ich auch erstmal queren. Ich gehe einen Bogen, bis ich eine Stelle mit genügend Steinen finde. Da kann ich mit trockenen Füßen rüber.

Es ist echt kalt. Ich ziehe mich um und baue erst dann mein Zelt auf. Blöderweise habe ich heute Morgen Innen- und Außenzelt zusammen eingepackt. Das Innenzelt ist nun auch ganz nass. Ich öffne beide Eingänge, dass der Wind den Stoff vielleicht ein bisschen trocknet. Das funktioniert so halb gut. Wird aber gehen so. Als es wieder anfängt zu regnen, verkrieche ich mich schnell im Schlafsack, um mich aufzuwärmen. Das Röhren könnte ja auch von Hirschen sein, fällt mir ein. Ist denn gerade Brunftzeit oder wieso ist es so häufig? Ich höre es den ganzen Abend.

Ich sehe durch den Spalt zwischen Boden und Zelt, dass es hagelt. Und bin direkt wieder ganz unruhig. Hagel ist gerade sehr mit Gewitter verknüpft in meinem Kopf. Ich warte angespannt auf den ersten Blitz. Der nicht kommt. Es kann ja auch einfach nur hageln, denke ich. Die Anspannung bekomme ich trotzdem nicht komplett weg. Bevor ich die Augen schließe, rüttel ich von innen am Außenzelt, damit der Hagel und Schnee herunterrutscht. Um mein Zelt herum ist es schon ganz weiß. Da bin ich ja gespannt, wie es morgen früh aussieht.


19,7 km
7:05 h
1.357 hm
1.743 hm
2.432 m