Eigentlich wollte ich früh losgehen. Aber ich bin nicht so motiviert. Ich bleibe lieber noch eine Weile im warmen Schlafsack liegen. Es ist eisig kalt und es schneeregnet immer wieder. Ich koche mir einen Tee und packe langsam zusammen. Heute Nacht waren die Geräusche etwas weniger. Jetzt höre ich wieder das Röhren.

Um 9:20 Uhr bin ich bereit. Das Innenzelt habe ich ausgehängt, damit es trocken bleibt. Es ist im ersten Moment eine Überwindung wieder in die nassen und kalten Klamotten zu schlüpfen. Aber am Körper trocknen sie recht schnell und es ist gar nicht so schlimm.

Da oben ist es ganz schön weiß. Mal sehen, wie mein Weg wird. Hier ist noch nicht so viel Schnee liegen geblieben. Ich ziehe meine kurze Hose, Top und Langarmshirt an, darüber Regenhose und -jacke. Dazu Mütze und Handschuhe.

Zum ersten Pass sind es etwa 500 Höhenmeter nach oben. Ich folge dem Bach und komme an kleinen Wasserfällen vorbei.

Es wird immer weißer um mich herum. Irgendwann kann man den Pfad nicht mehr so gut erkennen. Gut, dass die Markierung hier Steinmännchen sind. Die erkennt man auch mit Schneehaube. Es geht über Steine und durch niedrige Sträucher in Kehren höher.

Es wird immer steiniger. Ich mache mir jetzt schon Gedanken über den Abstieg hinter dem Pass. Nicht, dass der wieder so steil und dann jetzt auch noch rutschig ist. Ich bin echt angespannt deswegen.

Das ist ein toller Blick zurück. Die Wolken machen zwischendurch ein wenig Platz für den blauen Himmel.

Ich erreiche den ersten Pass Coll de Cornella auf 2.482 Meter Höhe. Das hat ganz gut funktioniert mit dem Schnee. Jetzt geht es runter zu den Seen. Viel mehr kann ich nicht sehen.

Ich bin ganz erleichtert, dass der Abstieg völlig in Ordnung ist. Erst ist es steil, mit vielen engen Kehren. Ich gehe vorsichtig über die Steine. Dann ein Stück am Hang entlang und runter auf die Ebene. Hier verliere ich den Pfad. Ich sehe kein Steinmännchen mehr. Also gehe ich nach Karte und am See vorbei. Dann geht es wieder nach oben zum nächsten Pass.

Der eigentliche Weg ist viel weiter links. Ich entdecke aber noch zwei Pfade, die mich irgendwann auch wieder auf den Weg bringen. Dann nehme ich doch davon einen. Das Gelände sieht nicht so schwierig aus. Oben links muss ich über den Pass.

Ich stapfe durch den Schnee und schaue zwischendurch auf die Karte, ob meine Richtung stimmt. Es gibt keine Markierungen und auch noch keine Spuren im Schnee. Wer geht auch heute schon wandern. Nur so verrückte HRPler.

Unten im Tal ist es schneefrei.

Ich klettere einen Geröllhang nach oben. Das klappt ganz gut, auch wenn es steil ist. Noch ein Stückchen weiter, dann sollte ich den anderen Pfad erreichen. Der ist bestimmt markiert. Ich schaue mich um, kann aber nirgendwo Steinmännchen entdecken. Und rechts von mir sind jetzt ein paar große Felsen im Weg. Da drüber zu klettern ist mir nicht geheuer ohne Weg. Also steige ich wieder ein Stück ab und klettere unterhalb der Felsen entlang. Ein ganzes Stück weiter kann ich einen Holzpfahl mit gelber Markierung erkennen. Schon fast oben am Pass. Auf dem Weg in die Richtung finde ich dann auch irgendwann den Pfad wieder.

Das ist der Blick zurück. Man sieht die Lücke im Fels, wo ich vorhin hergekommen bin.

Es tut so gut, dass die Sonne rauskommt und ich nicht nur weiße Wolken um mich herum sehe. Von hier ist der Blick ins Tal noch besser.

Jetzt nur noch ein Stück am Hang entlang und dann ist der Coll Curiós erreicht.

Mit neuem Ausblick. Der See da unten glitzert in der Sonne. Ich mache eine kurze Pause und genieße die Wärme der Sonnenstrahlen.

In die eine Richtung kann ich noch gut die Bergkette sehen.

Dann kommt wieder eine Wolke und verschluckt meine Umgebung. Ich stehe immer noch auf dem breiten Pass. Empfang habe ich auch ganz schwach. Zum Telefonieren reicht es nicht. Dann ist er wieder ganz weg.

Es folgt auch noch ein dritter Pass. Das hatte ich gar nicht so auf dem Schirm. Also wieder ein bisschen runter und um den See herum. Zum Glück sind die Pfade trotz Schnee alle ganz gut zu gehen. Hinter dem See geht es wieder nach oben. Etwas über 100 Höhenmeter nur. Ich bin immer gespannt, wie viel Schnee hinter dem nächsten Pass liegt.

Vom Coll de Calberante gibt es auch wieder eine schöne Aussicht. Auf der Bergkette gegenüber liegt gar nicht so viel Schnee.

Und das ist meine Richtung. Das weiße Paradies. Um diesen dunkelblauen See laufe ich herum.

Wenn die Sonne nicht ständig hinter den Wolken verschwinden würde, wäre hier am Ufer ein richtig schöner Pausenplatz. Aber ich fürchte, das wird mir schnell zu kalt. Gleich in der Biwakschachtel werde ich Pause machen und etwas Warmes essen.

Als ich um den See herum bin, kann ich die nächsten drei Seen sehen. Hinter dem dritten See steht die Biwakschachtel. Erkennen kann ich sie noch nicht in dem Nebel.

Jetzt geht es hinab. Über viele Felsen und viele Bäche. Die Felsen sind griffig, aber das Gras ist rutschig und oft ist der Pfad sehr matschig. Ich nehme Wasser mit, damit ich gleich auch kochen kann.

Zweimal rutsche ich aus. Mein Knie landet im weichen Matsch. Beim zweiten Mal rutsche ich mit meinem linken Fuß in eine tiefe Pfütze. Meine Schuhe und Socken sind sowieso schon komplett nass vom Schnee. Ich halte meinen Blick nach unten, da der Wind genau von vorne kommt und mir den Schnee ins Gesicht weht. Das ist unangenehm. Zwischendurch muss ich immer kurz hochgucken, wo der Pfad weiterführt.

Diese langgezogenen Felsbuckel mag ich ja immer. Es geht über den Felsen, zwischen den Buckeln entlang und über den nächsten Felsen.

Wenn es nicht so kalt wäre, könnte man unter diesem kleinen Wasserfall bestimmt gut duschen.

Ich quere noch ein paar Bäche und komme an mehr Wasserfällen vorbei. Über die letzte Schlucht gibt es eine einfache Holzbrücke. Und ein paar Schritte darüber steht die Biwakschachtel. Die Metallbox ist mit dicken Stahlseilen in alle Richtungen gesichert. Natürlich ist niemand da. Das hätte mich auch gewundert. Ich packe meine Kochsachen aus und schmeiße den Gaskocher an. Heute gibt es mal warmes Mittagessen. Meinen Notfallsender lege ich draußen auf das Geländer und rufe nochmal den Wetterbericht ab. Ich könnte auch bleiben, aber ich möchte lieber noch ein bisschen vom dem Abstieg hinter mich bringen. Morgen früh wird alles gefroren und rutschig sein. Heute Nacht sollen es -3 Grad werden.

Ich wundere mich, als ich nach ein paar Minuten Schritte auf der Metalltreppe höre. Da bin ich wohl doch nicht alleine. Ein junges Pärchen kommt zur Tür herein. Wir unterhalten uns erst auf Englisch, bis wir feststellen, dass wir auch Deutsch miteinander reden können. Typisch. Die beiden gehen auch den HRP. Irgendwie haben wir uns die letzten Tage immer verpasst. Heute sind sie meinen Spuren im Schnee gefolgt. Dann sehen wir uns bestimmt die nächsten Tage noch ein paar Mal.

Ich verabschiede mich und gehe wieder raus in die Kälte. Hier noch ein Foto von der Biwakschachtel.

Der Weg nach unten ist nicht ohne. Der Schnee wird weniger. Dafür das Wasser mehr. Ich weiß nicht, ob es hier so viel geregnet hat oder ob das vom schmelzenden Schnee ist. Der Pfad gleicht immer wieder einem Bach. Nur wenige Schritte hinter der Hütte rutsche ich aus und lande auf meiner rechten Seite.

Ich komme an weiteren schönen Wasserfällen vorbei.

Direkt neben diesem großen Wasserfall klettere ich über rutschige Felsen hinab. Ich bleibe stehen. Mir geht durch den Kopf, dass das gerade völlige Reizüberflutung ist. Dieser tolle Wasserfall. Dass es genau jetzt dicke Flocken schneit. Richtig schöner Schneefall, ganz ruhig, ohne dass der Wind mir den Schnee ins Gesicht pustet. Dabei dieser steile Abstieg so nah neben dem tosenden Wasser, was ein bisschen gruselig ist.

Es geht nun weniger steil über Felsen, durchs Gras und vor allem durch riesige Pfützen und Bäche als Weg das Tal hinab.

Auf einem schrägen Felsen rutsche ich wieder weg. Mein rechtes Knie und die rechte Hand fangen den Sturz ab. Mir kommen die Tränen. Es tut nicht sehr weh, es gibt halt weitere blaue Flecken. Ich sitze auf dem nassen Felsen und Tränen laufen mir über die Wangen. Anscheinend ist gerade einfach alles etwas viel für meinen Kopf. Die letzten Tage war ich immer wieder sehr angespannt. Gewitter, Hunde, heute wegen den Abstiegen bei Schnee. Ich frage mich, ob ich das Mittelmeer auf meiner geplanten Route erreiche, wenn es jetzt weiter schneit. Jeden Tag die richtige Entscheidung zu treffen, ohne zu viel Risiko. Nach einer Weile stehe ich auf und gehe bedröppelt weiter. Die Tränen sind weg. Beim Gehen schluchze ich trotzdem noch ein paar Mal leise vor mich hin.

Als ich nach einer Weile zu einem kleinen Plateau komme, beschließe ich, mein Zelt dort aufzustellen. Ich muss nur über den Bach, finde aber eine Stelle mit genug Steinen. Mir reicht es für heute. Es ist zwar noch recht früh, aber so habe ich einfach noch ein bisschen Zeit vor dem Schlafen. Es schneit gerade nicht und vielleicht trocknet mein Zelt ja ein bisschen, dass es morgen früh nicht so stark gefroren ist.

Ich esse noch ein Hähnchen-Curry, schreibe und plane die nächsten Tage. Wenn ich Empfang habe, muss ich erstmal schauen, wie lange die nächsten bewirtschafteten Hütten noch geöffnet haben. Ich habe nur die Information, bis Ende September. Aber kein genaues Datum. Ich hoffe so sehr, dass die Hütte morgen noch auf hat. Dann kann ich ein paar Snacks nachkaufen. Meine Vorräte gehen zur Neige. Ich habe noch 5 Fertiggerichte, 6 Riegel und genügend Nüsse. Ich denke, in 5 Tagen bin ich im nächsten Ort mit Supermarkt. Das sollte also so gerade passen.

Aus meiner extra Reepschnur, die ich immer dabei habe, bastele ich mir eine Wäscheleine im Zelt. Obwohl bei dem Wetter wahrscheinlich nichts trocknen wird.

Schon als ich gemütlich eingekuschelt im Zelt sitze, fühle ich mich etwas besser. Da ich bei der Kälte viel zu wenig trinke, koche ich mir einen großen Tee. Gas habe ich genügend. Schon in Gavarnie hatte ich eine neue Kartusche gekauft, da ich nicht damit gerechnet habe, dass meine erste so lange hält. Und Schraubkartuschen hier nicht so verbreitet sind.

Ich hole neues Wasser am Bach und fülle meine Trinkflasche für morgen früh auf. Dann muss ich in der Früh nicht mit eisigen Fingern das Wasser filtern. Und schütte auch noch Wasser in meinen Topf. Dann muss ich für meinen Tee nur noch den Kocher anschmeißen. So ist alles vorbereitet.

Nur einschlafen kann ich lange nicht. Ich weiß nicht, ob ich mich beim Nägel schneiden vorgestern vielleicht leicht verletzt habe. Man sieht nichts weiter. Mein linker Ring-Zeh ist nur ganz rot und heiß und schmerzt ziemlich. Im warmen Schlafsack pocht es jetzt die ganze Zeit. Ich hoffe, das ist morgen früh besser.


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