Es hat noch ein bisschen geschneit und es ist echt kalt. Aber der Himmel ist fast wolkenfrei und die Sonne scheint. Das macht mich froh. Ich fühle mich viel besser heute. Neuer Tag, neues Glück.
Das Außenzelt ist total gefroren. Erst bekomme ich den Reißverschluss gar nicht auf. Ich habe keine Lust auf die ersten Sonnenstrahlen zu warten, also schüttele ich den vereisten Schnee so gut es geht ab und zupfe die Klumpen ab. Dann packe ich das Zelt so ein. Ich möchte gerne los, ich freue mich auf Mittagessen auf der Hütte.

Meine Socken sind ein bisschen gefroren, die hänge ich zusammen mit den nassen Handschuhen von gestern zum Trocknen hinten an den Rucksack. Socken sind das einzige, was ich zum Wechseln doppelt mit habe. Also ziehe ich jetzt das trockene Paar an. Auch wenn es in den Schuhen sowieso direkt wieder nass wird.
Ich mache mich an den restlichen Abstieg. Der Pfad ist jetzt nicht mehr ganz so nass und rutschig. Ich laufe über eine matschige Wiese, über Felsen und quere Bäche. Irgendwann komme ich in den Wald. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Nur mein Zeh schmerzt bei jedem Schritt. Ich versuche es zu ignorieren. Das muss einfach schnell besser werden.

Der Pfad ist ganz gut markiert. Ein Stück weiter sehe ich ein Pferd, das vor mir her läuft. Es hört sogar auf mich, biegt nach rechts in den Wald ab und gibt den Weg frei. Ein kurzes Stück folge ich einer Schotterstraße, dann geht es weiter über einen einfachen Pfad durch den Wald. Bis nach Noarre. Die winzige Siedlung besteht vielleicht aus 10 alten Steinhäusern. Das hier sieht doch ganz nett aus zum Wohnen.

Es wirkt irgendwie wie aus einer längst vergangenen Zeit. Ich laufe zwischen den Häusern her und suche den Weg, wo es weitergeht.

Der Empfang ist hier super. Da kann ich noch eben den letzten Bericht hochladen und ein bisschen telefonieren. Bis es zu anstrengend wird beim aufsteigen gleichzeitig zu reden. Und ich schaue nach den Öffnungszeiten der Hütten. Die nächste hat sogar bis zum 11. Oktober geöffnet, die anderen alle bis zum 30. September. Das ist super.
Es folgen nun 1.000 Höhenmeter Aufstieg zum nächsten Pass. Am Berghang geht es das lange Tal hinauf. Erst durch den Wald und dann über die Wiese.

Soweit ich das sehen kann, liegt da oben nicht viel Schnee.

Ich muss einen Bach queren und sehe erst als ich um die Ecke schaue, dass ich direkt neben einem schönen Wasserfall stehe.

Jetzt lasse ich den ganzen Wald hinter mir. Ich bin doch viel lieber über den Bäumen.

Ich fühle mich gut. Die Berg-Freude ist zurück. Ich laufe über das nasse Plateau da unten und dann geht es viele schräge Felsen nach oben. Ich passe gut auf, meide die glatten Flächen und suche mir kleine Kanten als Tritte.

Jetzt wird es etwas nebeliger und ich kann mehr Schnee sehen. Es geht an dem kleinen See vorbei und am Bach entlang hoch zum nächsten See. Zwischendurch muss ich eine kleine Snack-Pause machen. Ich schaffe es nicht bis zum See ohne etwas zu essen. Da wollte ich eigentlich Pause machen. Aber wahrscheinlich ist es sowieso zu kalt im Nebel.

Nach dem See wird es noch weißer. Es geht durch eine Schneise weiter hinauf. Der Weg ist aber nicht so steil und recht einfach. Nach 4 Stunden gehen merke ich meinen Zeh auch nicht mehr.

Mein Pass ist der Linke. Ich bin froh, dass ich nicht rechts über die steilen Felsen muss heute.

Oben angekommen ist das mein Blick vom Coll de Certascan. Na klar, da unten ist ja der See und die Hütte. Ich kann sie ganz deutlich sehen. Wer nicht, hat wohl etwas an den Augen.

Ich steige vorsichtig über Geröll ab. Der Pfad ist größtenteils schneefrei. Schwieriger wird es unten auf der Ebene. Der Pfad ist schwer zu sehen und unter dem Schnee die nasse und matschige Wiese ist sehr rutschig. Ich rutsche und stolpere langsam in Richtung des nächsten Steinmännchens.
Na, eine erfrischende Dusche gefällig? Ich verzichte heute.

Da unten kommt der See in Sicht. Rechts davon liegt die Hütte. Ich steige weiter ab bis auf das untere Plateau.

Auf den Felsen um den See herum kann ich wieder etwas besser gehen. Ein kleines Stück klettere ich die hohen Felsstufen hinauf, darüber führt der Pfad über kleine Steinchen weiter.


Und dann kommt endlich die Hütte in Sicht, das Refugi de Certascan. Ich rieche den Kamin schon bevor ich um die Ecke komme. Um Viertel nach 2 bin ich da. Genug Zeit für eine lange Mittagspause.

Das ist eine Hütte, wie sie mir gefällt. Klein und familiär. Die Gaststube ist voll gehängt mit Wäsche zum Trocknen, es gibt nur einen Raum und angrenzend die Küche. Ich werde fröhlich begrüßt. Ich frage nach dem Essen heute. Es gibt Lasagne. Mehr braucht das Mädel überhaupt nicht aufzuzählen. Ich nehme ein Stück. Ich hänge meine Powerbanks an die Steckdose und nutze den Luxus einer richtigen Toilette. Dann gibt es ein riesiges Stück Lasagne und eine Fanta Zitrone dazu. Zum Nachtisch gönne ich mir einen Kakao und eine warme Zimtschnecke. Es ist echt lecker hier. Ich schreibe ein bisschen und schaue mir das Hüttenbuch an. Endlich gibt es mal eins, das ist selten. Die meisten Leute, die hier vorbeikommen wandern den Hexatrek oder den HRP. Jetzt am Ende der Saison sind es auch nicht mehr viele.
Feli und Markus kommen auch, das deutsche Pärchen, was ich gestern in der Biwakschachtel getroffen habe. Sie übernachten hier. Wir tauschen Nummern aus, damit wir uns über den Weg auf dem Laufenden halten können. Außerdem erfahre ich, dass Orietta vor 2 Tagen hier war. Wir quatschen eine ganze Weile mit dem Hütten-Team. Das eine Mädel vermutet, dass wir hinter Andorra keinen Schnee mehr haben werden. Wir sollten es problemlos zum Mittelmeer schaffen.
Wo ich heute mein Zelt aufschlagen möchte, soll ich ein bisschen aufpassen. Wir sind hier noch im Nationalpark und da ist Biwakieren erst ab einer Höhe von 2.000 Metern erlaubt. Da unten würden die Ranger manchmal kontrollieren. Normalerweise haben sie aber um 19 Uhr Feierabend, wird mir gesagt. Ich frage noch kurz nach dem Weg. Es gibt 2 Varianten. Eine einfache und eine etwas längere, die sehr schön sein soll. Mit einem Blick nach draußen entscheide ich mich für die längere Variante. Die Sonne scheint und es ist echt schön draußen. Um 16:15 Uhr verabschiede ich mich und gehe weiter. Dann sollte ich gegen 19 Uhr meinen Schlafplatz erreichen.
Ich kaufe auch noch etwas in der Hütte. Das schenke ich mir selber, wenn ich am Mittelmeer ankomme. Das wird eine Überraschung. Und ein wenig Proviant nehme ich auch mit. Es gibt nicht so eine große Auswahl. Ich nehme 5 Kit Kat und 3 kleine Tüten Chips mit.
Der Weg ab der Hütte ist erstaunlich schneefrei. Und die Sonne scheint. Ich bin glücklich. Leckeres Essen, nette Menschen und sonnige Berge. Die letzten Tage sind da schnell vergessen.

Ich muss noch ein kleines Stück nach oben vor dem langen Abstieg. Auf der Karte finde ich einen Pfad, der doch eigentlich viel direkter ist. Also nehme ich den. Ich finde noch andere frische Fußspuren, wo Schnee liegt. Nach einer Weile treffe ich dann wieder auf den markierten Pfad.

Die Wassermassen, die da den Berg hinab tosen sind gigantisch.

Ich gehe am steilen Hang entlang. Es ist ein schöner Pfad mit guter Aussicht.

Der Blick zurück zeigt schneebedeckte Berge und nochmal den riesigen Wasserfall.

Jetzt geht es nur noch runter. Erstmal zu dem See. Der auch wieder ein großer Stausee ist.

Als ich näherkomme, zieht von links gerade eine Nebelwand über den See. Mal gucken, wie viel ich dann gleich noch sehen kann.

Ich gehe wieder an so einem laut tosenden Wasserfall vorbei. Jetzt habe ich den See fast erreicht.

Um das Ufer herum wird es etwas felsiger. Es gibt eine leichte Kletterstelle mit Seilversicherung. Hier geht es die Felsen hinauf, auf dem Pfad weiter und nach einer Weile kommt eine ähnliche Stelle, die ich hinab klettere.

Ich gehe kurz über eine Schotterstraße und laufe über die Staumauer. Dahinter geht es dann weiter runter. Ich frage mich, ob man diesen Weg auch gehen kann, wenn der Stausee überläuft und das Wasser über die Staumauer abläuft. Ich gehe ein Stück direkt hinter der Staumauer nach unten.
Dieses Tal geht es nun hinab. Vielleicht finde ich ja auch einen Schlafplatz, solange ich noch über 2.000 Meter hoch bin.

Der Weg ist ganz schön, neben mir habe ich die ganze Zeit den wilden Bach. Und ich komme an ganz vielen schönen Wasserfällen vorbei. Dieser hier ist ziemlich groß.

Irgendwann nervt mich der Pfad etwas. Es geht immer wieder ein Stück hoch und wieder runter. An richtig steilen Hängen durch das Gras, dann wieder über Felsen. Zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Ich finde eine kleine Ebene, die von weitem ganz schön aussieht zum Zelten. Allerdings ist die Wiese viel zu buckelig, das ist doch kein guter Ort. Also geht es weiter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit muss ich den Bach furten. Es gibt nur wenig Steine und das Wasser ist in der Mitte ziemlich tief. Also ziehe ich Schuhe und meine lange Hose aus und wate barfuß durch das kalte Wasser. Es geht mir bis zu den Knien. Die Strömung ist nicht stark. Dann alles wieder anziehen. Es geht ein Stück nach oben und erst über viele Felsen, dann durch den Wald weiter hinab.
Noch ein letzter Wasserfall für heute. Ein Zwillings-Wasserfall. Für alle Zwillinge in der Familie. Zuerst natürlich Papa und Lisa, gefolgt von Lenny und Linus und Maya und Fine.

Ich schaue auf die Karte. Irgendwann muss ich doch mal unten ankommen. Es ist schon nach 19 Uhr. Nur noch ein paar Kehren durch den Wald. Dann sehe ich eine Brücke. Da geht es morgen her und auf der anderen Seite wieder nach oben. Jetzt suche ich mir etwas abseits vom Weg einen Zeltplatz. Ich schaue mich um. Zwischen Felsen und Bäumen finde ich einen gut geschützten Platz ganz am Anfang der Hochebene Pla de Boavi. Ich stelle meinen Rucksack ab und gehe nochmal kurz zum Fluss, um Wasser zu holen.
Hier auf knapp 1.500 Metern wird es bestimmt auch nicht ganz so kalt heute Nacht. Bis ich mein Zelt aufgebaut und mich umgezogen habe, ist es kurz vor 20 Uhr.

Ich bereite wieder meine Flasche und Teewasser für morgen früh vor. Meine Powerbanks nehme ich inzwischen immer mit in den Schlafsack. Bei den niedrigen Temperaturen sind die Akkus viel schwächer. Ich esse und schreibe von gestern. Es nervt mich gerade ein bisschen, dass ich einen Tag hinterher bin. Nach dem Bericht habe ich zu kalte Hände und keine Lust mehr. Vielleicht kann ich morgen früh noch von heute schreiben, damit ich mal wieder auf dem aktuellen Stand bin. Nachträglich erst von den Tagen zuvor zu schreiben, fällt mir teilweise richtig schwer. Wenn ich bis dahin schon wieder so viele neue Abenteuer erlebt habe, kommt mir selbst gestern schon wieder weit weg vor.
Ich stelle mir den Wecker auf 7:15 Uhr. Um 8 Uhr will ich hier weg sein. Nur für den Fall, dass jemand vorbeikommt. Heute höre ich auch kein Hörspiel mehr. Ich mache einfach die Augen zu und lausche den Geräuschen im Wald. Das Röhren höre ich hier auch wieder. Mein Zeh tut zum Glück nicht mehr so sehr weh. Nur ein bisschen noch.
Lisi
Ganz viele Zwillingsgrüße schicken wir und eine dicke Umarmung von allen, dass dir schön warm wird.
Sven
Das war ja gegenüber den letzten Tag schon fast Wellnesswandern. Es ist schön zu lesen, dass die Berg-Freude wieder da ist und nicht mehr soviel Schmerz da ist. Frei nach dem Motto: Think positive.