Als der Wecker klingelt, bleibe ich noch ein bisschen liegen. Ich koche Tee und ziehe mich an. Ab dem Moment, wo ich die Luft aus meiner Matratze lasse, geht es los. Der Boden ist kalt und ich stehe endgültig auf und packe zusammen.
Pünktlich um 8 Uhr sieht man nicht mehr, dass hier jemand übernachtet hat. Ich gehe zurück zum Fluss und über die Brücke. Ich laufe mich erstmal ein bisschen warm und dann kann ich ja eine Pause machen und von gestern schreiben. 1.000 Höhenmeter stehen an zum Start in den Tag. Durch den bemoosten Nadelwald.

Ich habe noch gar nichts gegessen und so kommt die erste Pause schnell. Schon nach 40 Minuten verlangt mein Körper nach mehr Energie. Also gibt es ein Kit Kat und ich setze mich auf den Felsen und schreibe ein bisschen.

Bis mir zu kalt wird. Weiter geht’s. Das nenne ich mal Luxus-Wanderweg. Der breit angelegte, steinige Weg ist sehr komfortabel.

Nachdem ich über eine kleine Brücke gegangen bin, wird der Weg zum altbekannten Bergpfad. Mir stehen ein paar Kühe im Weg und sie laufen eine ganze Weile vor mir her, anstatt aus dem Weg zu gehen. Ich muss nur immer wieder warten. Eine Kuh bleibt lieber stehen und wird dann von den anderen weiter gedrängt. Irgendwann ist genug Platz, dass ich mit etwas Abstand um sie herumgehen kann.
Nach den ersten 300 Höhenmetern lasse ich den Wald hinter mir. Vor mir ist der Himmel wolkenfrei, aber ich bekomme noch keine Sonne ab.

Hinter mir hängen wieder viele Wolken über den schneebedeckten Bergen.

Ich muss nur noch bis zu dem großen Felsen da vorne und dann biegt der Pfad nach rechts ab. Und führt über den sonnigen Hang weiter. Ich freue mich schon darauf.

Ah, endlich. Ist das schön. Ich kann direkt Mütze und Buff abnehmen. Es ist gleich so viel wärmer.

Bevor ich weiter hinauf zum Pass gehe, mache ich eine kurze Pause. Ich ziehe meine lange Hose aus und hänge das Solarpanel hinten an meinen Rucksack. Dann kann ich den sonnigen Tag auch gut nutzen. Es gibt einen Riegel und dann bin ich bereit für die nächsten Höhenmeter. Da vorne ist der Pass zu sehen.

Vom Coll de Sellente geht es dann genauso leicht wieder hinab. Einfache Wiesenwege. Vorbei an einer Biwakschachtel und zum See. Mir kommt ein Wanderer entgegen und wir quatschen kurz. Er geht nur noch nach Tavascan und beendet seine Wanderung heute, dort steht sein Auto.

Direkt am Wasser ist ein schöner Pausenplatz. Ich wasche mein Stofftaschentuch und lege es auf einen Felsen zum Trocknen. Das sollte schnell gehen in der Sonne. Dann mache ich es mir gemütlich und schreibe noch ein bisschen weiter. Ich schaffe das heute noch, dass ich wieder auf dem Stand bin.

Die Sonne verschwindet zwischendurch hinter einer Wolke und mit dem Wind ist es direkt sehr frisch. Meine Hände sind nach einer Weile zu kalt zum Schreiben. Ich beobachte noch ein bisschen das klare Wasser vor mir. Es sieht schön aus, wie die Reflexion der Sonnenstrahlen über den Grund wabert.

Ich gehe über Felsen um den See herum und steige dann weiter ab. Der schotterige Pfad führt in langen Kehren über die Wiese.

Ich singe gut gelaunt vor mich hin. Dichte selber irgendwelche Texte zu bekannten Melodien. Mein eigenes Wanderlied. Plötzlich stolpere ich. Einfach so. Über einen blöden dicken Stein, der im Weg liegt. Wie so viele. Es ist weder rutschig, noch besonders steil. Ich liege mit dem Kopf bergab irgendwie halb auf meiner rechten Seite, halb auf dem Rücken. Mein rechter Handballen und mein Bein sind aufgeschürft und bluten. Der Schmerz lässt aber schnell nach. Ich brauche einige Anläufe, um mich wieder aufzurichten, mit dem Kopf voran bergab, der Rucksack macht es nicht einfacher. Wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Ich hocke einen Moment da und erhole mich von dem Schreck. Gut, dass ich auf dem Pfad gelandet bin. Die Wiese ist steiler. Wenn auch nicht richtig gefährlich steil.
Ich stehe auf und kontrolliere, ob noch alles da ist in den Seitentaschen meines Rucksacks. Es ist nichts herausgefallen. Dann gehe ich weiter. Jetzt singe ich nicht mehr. Ich konzentriere mich auf den Weg und meine Schritte.
Als ich unter mir das kleine, schöne Plateau mit der Basello Hütte sehe, überlege ich, ob ich dort mein Zelt aufstelle und heute einen kurzen Tag mache. Eigentlich ist ja auch wieder ein Pausentag fällig. Seit gestern schon. Ich habe aber doch noch mehr Lust weiterzugehen.

Also steige ich durch den Wald weiter ab. In Kehren, an Kühen vorbei, am Hang entlang, über sumpfige Erde und am Ende lange an verschiedenen Bächen entlang. Der Weg zieht sich.
Irgendwann komme ich an einer Straße raus und kürze die Serpentinen von einem Parkplatz zum nächsten durch den Wald ab. Dann folge ich der Schotterstraße eine Weile leicht bergauf. Inzwischen ist es halb 3. Ich rechne nach, ob es passen würde, dass ich an der Hütte Pause mache. Sie liegt nur 10 Minuten ab von meinem Weg. Wenn ich dann aber etwas esse und die 10 Minuten wieder zurückgehe, ist es bestimmt halb 4 oder 4 Uhr. Das wird mir zu eng. Ich möchte nämlich gerne an einem See hinter dem nächsten Pass übernachten. Der soll sehr schön sein. Und dahin brauche ich noch etwa 3 Stunden. Heute möchte ich nicht so spät erst mein Zelt aufstellen.
Also gehe ich weiter und über diese riesige Hochebene zwischen grasenden Pferden hindurch.

Hier stehen alle paar Meter Wegweiser. Das ist ja ganz ungewohnt. Vom Pla de Boet geht es über die Wiese hinauf zur nächsten kleineren Hochebene. Überall treffe ich auf Kühe und Pferde, die in der Sonne liegen oder träge vor sich hin grasen.
Es geht immer weiter über die Wiese nach oben. Manchmal folge ich einem Pfad, dann gehe ich einfach querfeldein in Richtung der nächsten Markierung.

Es ist angenehm mit der Sonne und der Weg ist einfach. Immer über die Wiese. Nur zwischendurch ist es sehr sumpfig. Aber die Teile kann man gut umgehen.

Ich mache alle 100 Höhenmeter eine kurze Trinkpause. Der Anstieg macht mir nichts aus. Und als ich auf meine Uhr schaue, sehe ich, dass ich heute wohl die 2.000 Höhenmeter Aufstieg knacken werde. Wahnsinn. Ich bin eine Berg-Maschine. Ich liebe wandern, aber ich hatte in der Vergangenheit auch häufig so meine Probleme beim bergauf Gehen. Ich hatte immer wieder mit Übelkeit zu kämpfen, wenn es zu heiß war oder mein Puls zu hoch ging. Jetzt gehe ich einfach mal 1.000 Höhenmeter hoch, wieder runter und dann wieder hoch. Da bin ich sehr stolz drauf. Jetzt funktioniert das ohne Probleme.
Ich schaue mir die Bergkette rechts von mir an.

Ein paar Mal denke ich, dass ich gleich oben am Pass bin. Aber es geht nur über die Kuppe, über eine Ebene und weiter nach oben. Da vorne ist er nun aber wirklich. Denke ich jedenfalls.

Ich bin schon gespannt auf den neuen Blick. Aber ich sehe nur Nebel. Na toll. Hier geht es wieder rüber nach Frankreich. Die Grenze verläuft genau über den Pass. Ich war jetzt eine ganze Weile in Spanien unterwegs. Und Frankreich begrüßt mich mit Nebel.


Ich mache eine Pause im Windschatten des großen Steinmännchens am Port de Boet und fange die letzten Sonnenstrahlen ein. Esse ein paar Nüsse und freue mich darüber, dass ich tatsächlich heute über 2.000 Höhenmeter bergauf gegangen bin und es mir nichts ausmacht.

Bevor ich weitergehe und in den Nebel absteige, setze ich wieder Buff und Mütze auf. Außerdem ziehe ich noch meine Regenjacke über. Das wird bestimmt kalt.
Der Pfad ist gut zu erkennen und nicht schwieriger als der Aufstieg. Nur gehe ich jetzt über Steine. Ich setze den Rucksack nochmal kurz ab und hole meine Handschuhe raus. Es ist echt kalt jetzt.

Nach etwa 10 Minuten komme ich an einer kleinen Hütte vorbei. Die ist verschlossen und es riecht nach Farbe. Hier wird wohl renoviert. Es geht weiter steinig hinab. Einen kleinen See entdecke ich erst als ich schon fast vorbei bin. Er liegt direkt links von mir, aber der Nebel ist zu dicht. Ich denke im ersten Moment, dass ich jetzt fast an meinem Schlafplatz vorbei gelaufen wäre. Aber ein Blick auf die Karte zeigt, dass ich noch ein kleines Stück weiter zum nächsten See muss.
Vom See, wo es so schön sein soll, dem Étang de la Soucarrane, ist auch nicht viel zu sehen. Na dann versuche ich mal einen geeigneten Zeltplatz zu finden.

Ich laufe am Ufer entlang und wundere mich, als ich etwas weiter Bewegungen im Nebel sehe. Da steht doch ein Zelt. Ich gehe weiter und treffe Fine und Vera. Sie wollen auch hier übernachten. Die deutschen Schwestern gehen einen Teil des HRP. Wie quatschen ein bisschen, dann mache ich mich weiter auf die Suche. Und werde fündig. Etwas weiter finde ich eine schön ebene Stelle direkt am Wasser. Hier gefällt es mir, auch wenn ich nicht viel sehen kann.

Ich bin sehr gespannt, wie es morgen früh aussieht. Laut Wetterbericht werden es 0 Grad heute Nacht, mit Nebel und morgen früh ab 8 Uhr soll die Sonne scheinen. Ich freue mich, dass für die nächsten Tage kein Niederschlag angesagt ist. Es ist angenehmer, wenn alles trocken ist.
Ich ziehe mich um und esse als erstes eine Tüte Chips. Ich bin ein bisschen enttäuscht als ich auf die Verpackung schaue. Die kleine Tüte hat nur 215 Kilokalorien. Ich dachte, das wären mehr. Es gibt heute 2 Gerichte. Ich sollte in 3 Tagen in L’Hospitalet-près-l’Andorre sein, wo ich einkaufen kann. 2 Gerichte habe ich dann jetzt noch. Das sollte also passen. Heute gibt es schließlich einen neuen Rekord zu feiern. Über 2.000 Höhenmeter hoch und über 1.000 Höhenmeter runter an einem Tag. Und meine Füße könnten auch noch weiterlaufen. Kein Problem gerade. Diese Kondition ist wunderbar.

Als ich gerade esse, kommt Fine dick eingepackt zu mir herüber. Sie fragt, ob ich mit den beiden Karten spielen möchte. Das ist super lieb, ich freue mich, aber ich möchte heute endlich fertig werden mit Schreiben. Wir unterhalten uns trotzdem noch lange. Über den Weg, die letzten und die nächsten Tage, über Ausrüstung und über andere Wanderziele. Wir werden uns bestimmt die nächsten Tage noch häufiger sehen.
Morgen geht es nach Andorra. Da das kleine Land nicht mitmacht beim EU Roaming, werde ich mein Handy die nächsten beiden Tage schön im Flugmodus lassen. Die hohe Handyrechnung hinterher muss nicht sein. Ich habe hier sowieso so wenig Empfang, dass es wahrscheinlich gar nicht groß auffällt. Und vielleicht gibt es ja in der Hütte W-Lan, dann kann ich doch endlich die letzten Berichte hochladen.
Ich bin gespannt auf Andorra. Heute habe ich auf dem Wanderparkplatz das erste Kennzeichen aus Andorra gesehen. Das kannte ich noch nicht. Habe ich noch nie gesehen vorher.
Und ich schaffe es tatsächlich, von gestern und heute zu schreiben. Um halb 11 sind beide Berichte fertig und ich bin wieder auf Stand. Jetzt kann ich entspannt und glücklich schlafen. Ich höre die Windböen, aber mein Zelt steht wohl so geschützt, dass ich wenig davon abbekomme.
Lisi
Noch so eine nette Fine..:)
Sven
Ein Tag der Superlative. Mega mit den 2.000 Höhenmetern. Da schaut man über den Schreck des Sturzes einfach hinweg.