Ich schlafe nicht so viel. Es ist ziemlich windig. Ich mache einen ganz entspannten Morgen. Ohne Wecker. Ich bin zwar früh wach, aber setze mich erst auf, als es hell wird. Der Nebel hat sich verzogen und die Sonne strahlt schon die Berge gegenüber an. Dann sollte sie ja auch bald bei mir sein.

Ich mache das Zelt wieder zu, es ist immer noch so windig. Ich liege im Schlafsack und koche Tee. Als es immer heller wird auf der einen Zeltseite muss ich grinsen. Ich schaue nochmal raus. Schon vor halb 9 schaut die Sonne über die Berge im Osten und wärmt mich. Ich trinke in Ruhe meinen Tee und lese ein bisschen im Wanderführer. Ich wasche meine Beine im See. Das war mir gestern Abend zu kalt im Nebel. Mein aufgeschürftes Bein hat ein bisschen gebrannt heute Nacht und jetzt bei Wasserkontakt auch. Aber es sind nur oberflächliche Abschürfungen. Ich packe zusammen und mache mich auf den Weg. Vorhin habe ich schon gehört, wie Fine und Vera an meinem Zelt vorbeigegangen sind. Vielleicht hole ich sie ja noch ein.

Die Sonne strahlt mich direkt an. Ich schaue nach unten auf den Pfad, um nicht so sehr geblendet zu werden. Und da vorne geht es schon wieder in den Nebel. Es geht 300 Höhenmeter nach unten.

Ich glaube, die schwierigen Pässe mit den ganz steilen und unangenehmen Abstiegen habe ich nun hinter mir. Ich steige über die Wiese ab. Kurz kann ich unten im Nebel schon ein paar Serpentinen einer Straße sehen. Da komme ich gleich irgendwo raus.

Mir kommt eine Französin entgegen. Sie fragt mich, ob es hier zum See Soucarrane geht. Wir quatschen ein bisschen. Sie spricht französisch, ich antworte auf Englisch. So klappt es ganz gut. Dann geht es weiter hinab. Ich komme vom Pfad ab, bin aber anscheinend nicht die Einzige, der das an dieser Stelle passiert. Es gibt schon eine Spur zurück nach oben zum richtigen Pfad. Der Nebel hebt sich etwas und ich kann die Straße nun ganz sehen.

Auf der Straße angekommen, geht es wieder nach oben. Zur Abwechslung freue ich mich über das leichte Gelände. Ich kann schnell gehen und muss nicht auf meine Füße achten. Das Tal lasse ich unter mir.

Nach ein paar Serpentinen geht es wieder über die Wiese. Erst einen sehr undeutlichen und schlecht markierten Pfad. Dann wird er deutlicher. Jetzt geht es steiler nach oben. Zum Pass Port de Rat und damit zur Grenze zwischen Frankreich und Andorra. Ich bin schon gespannt, wie es auf der anderen Seite aussieht.
Ein ganzes Stück über mir sehe ich Fine und Vera. Die Sonne kommt immer noch direkt von vorne, ich suche blinzelnd die nächste Markierung. Dann verliere ich den Pfad wieder. Er ist laut Karte ein paar Meter über mir. Also klettere ich den steilen Abhang hinauf. Und stehe nach einer Weile wieder auf dem Pfad. Zwischen Felsen und über Wiese geht es nach oben.

Jetzt ist es fast geschafft. Da oben wird der Pass sein. Noch eine kurze Trinkpause, die letzten Kehren sind nicht mehr so steil.

Oben sitzen die Schwestern aus Berlin in der Sonne und machen Pause. Ich schaue mich erstmal um. Der erste Eindruck dieses kleinen Landes ist nicht so romantisch. Ich schaue auf ein Skigebiet. Sehe Bagger unten auf der Straße und höre den Baustellen-Lärm bis hier oben hin. Zumindest scheint weiter die Sonne und hinter dem Pass wartet dieses Mal kein Nebel.

Ich setze mich auf einen Felsen, esse ein paar Nüsse und quatsche mit Fine und Vera. Es gibt gar keinen Grenzstein hier oben. Nichts, was darauf hindeuten würde, dass wir jetzt in Andorra sind. Was spricht man eigentlich hier? Spanisch? Französisch? Irgendwas anderes?
Ich mache mich wieder auf den Weg. Es folgt ein langer Abstieg. Den Hang hinab und zu der Schotterstraße.

Ich quere die Straße ein paar Mal und gehe dazwischen über die Wiese. Eine Liftanlage läuft für die Wanderer und der Parkplatz ist brechend voll. Das Restaurant hat auch offen. Zwischen den ganzen Leuten fallen mir als erstes die Mülleimer auf. Perfekt, dann werde ich endlich meinen Müll los, den ich seit Tagen mit mir herumtrage. Ich schaue auf die Speisekarte. Pizza klingt sehr verlockend. Allerdings nicht für 25 € und in diesem Edelschuppen. Der Fast Food Wagen, der draußen steht, hat leider nicht auf. Aber es gibt schnelles W-Lan. Also stehe ich eine ganze Weile vor dem Gebäude in der Sonne, mache ein paar Updates, die mein Handy schon die ganze Zeit herunterladen will und lade die letzte Berichte hoch. Dann esse ich später an der Hütte lieber, weiter geht’s.
Die Wander-Autobahn zu ein paar Seen etwas höher lasse ich aus. Ich habe keine Lust auf die vielen Leute. Also gehe ich unter dem Lift her und direkt über die Ebene mit vielen Pferden. Hier ist kein Mensch.

Es geht in Kehren etwas steiler hinunter. Bis ich auf einen breiten Weg treffe.

Ein kleines Stück muss ich über die Passstraße laufen, weil der Fußweg gesperrt ist. Gut, dass gerade wenig Verkehr ist. Dann geht es wieder auf den Schotterweg. Das ist langweilig. Ich fange an zu singen. Schade, dass ich mein Handy nicht nutzen kann, hier gibt es bestimmt guten Empfang. Auf solchen langweiligen Strecken kann man immer gut telefonieren. Mich überholt ein Trailrunner. Ich höre auf zu singen, als ich ihn sehe. Ach, was soll’s, ich singe weiter.
Rechts von mir fließt ein Bach, links über mir höre ich die Autos. Ich fülle mein Wasser nach, es ist echt warm in der Sonne. Was aber schön ist. Sobald die Sonne weg ist, ist es eisig.
Am Ende der Schotterstraße angekommen, gehe ich durch el Serrat. Oder besser gesagt, an einer kurvigen Straße entlang, an Hotels und Wohnhäusern vorbei. Irgendwas anderes gibt es hier nicht, keinen Supermarkt oder so.
Ich bin froh, als ich von der Straße wieder auf einen Wanderweg abbiegen kann. Jetzt geht es hinauf. Durch den Wald, am Bach entlang und über eine kleine Brücke. Nach einigen Kehren komme ich wieder an einer Schotterstraße raus.
Jetzt geht es in den Nationalpark de la Vall de Sorteny. Hier darf man keine Bäume fällen und sich nicht vom Helikopter auf Skiern am Hang absetzen lassen. Logisch, oder?

Ich folge der Straße eine Weile und biege dann auf einen Pfad ab, der die nächste lange Serpentine abkürzt. Der Weg ist mit Treppenstufen und Seilen angelegt. Hier kommen wohl viele Spaziergänger her.

Weiter oben an der Straße gibt es sogar einen kleinen botanischen Garten.

Gegen Viertel vor Vier bin ich an der Hütte, Refugi Borda de Sorteny. Leider zu spät zum Essen. Bis 15 Uhr hatte die Küche auf und jetzt gibt es nur noch Abendessen um 19:30 Uhr. So war es ja schon auf vielen Hütten. Schade. Was ich bekommen kann sind Chips und Oliven. Ich nehme beides und eine Fanta Zitrone dazu. Leider gibt es keine Saftschorlen hier überall. Und sowieso fast alles in Dosen.
Ich setze mich auf die Terrasse. Auch hier gibt es gutes W-Lan. Also verbringe ich den Nachmittag mit telefonieren. Mit meinen Eltern und mit meinem besten Freund. Dazu hole ich mir an der Bar noch eine kleine Tüte Chips und noch eine Portion grüne Oliven. Feli und Markus kommen auch an. Sie schlafen hier. Normalerweise kostet die Übernachtung 57 €, es ist eine private Hütte. Es gibt aber auch 10 Plätze im Matratzenlager und die sind kostenlos. Das ist cool. Jetzt bin ich hin und her gerissen. Ich könnte mich zum Abendessen anmelden und im Matratzenlager schlafen. Oder ich gehe noch etwa eine Stunde weiter und schlage dort mein Zelt auf.
Am Ende entscheide ich mich für das Weitergehen. Nachdem ich nun schon 2 Stunden hier sitze, habe ich Hummeln im Hintern und möchte noch ein bisschen gehen. Heute war gefühlt so ein kurzer Tag. Morgen komme ich auch an einer bewirtschafteten Hütte vorbei. Vielleicht habe ich da Glück mit dem Essen. Ich kann ja früh losgehen morgen früh, dass ich vor 15 Uhr dort bin.
Ich gehe um die Hütte herum und folge dem Pfad durch das hohe Gras. Die Sonne scheint immer noch und ich bin froh, dass ich mich für den Abendspaziergang entschieden habe.

Es geht durch hohe Gräser, über einen Bach und dann in Kehren durch den Wald hinauf.

Ich gehe durch ein Tor im Weidezaun und über die Wiese. Etwas unterhalb vom Weg steht eine kleine Schutzhütte. Ich schaue hinein, aber ich schlafe lieber im Zelt. Also gehe ich noch ein bisschen weiter zwischen den Kühen her und Richtung Bach. Dort finde ich eine ebene Fläche für mein Zelt. Und es ist sogar ein Platz mit Abendsonne. Hier gefällt es mir.

Jetzt habe ich sogar aus dem Zelt einen direkten Blick auf den Sonnenuntergang. Der ist nur nicht so spektakulär heute. Es gibt mein vorletztes Fertiggericht, asiatisches Curry. Ich fülle meine kleine Tüte mit Nüssen auf für morgen. Die habe ich immer in meiner Hüfttasche, dass ich beim Gehen drankomme. Im Rucksack habe ich eine große Tüte mit einer selbstgemachten Mischung aus Nüssen, Rosinen und Datteln. Daraus fülle ich immer nach.
Eine Kuh kommt ziemlich nah ans Zelt heran und grast dort. Es ist ein komisches Gefühl, das so nah neben mir zu hören, wenn ich da quasi auf dem Boden liege. Nach einer Weile schmeckt das Gras aber wohl ein Stück den Berg hinauf besser.
Um kurz vor 9 Uhr, als ich mein Hörspiel höre und die Augen schon zugemacht habe, höre ich Schritte und die Geräusche von Trekkingstöcken. Aber nur leise und kurz. Ich glaube, der Bach neben mir überdeckt alles andere an Geräuschen. Dann sehe ich das umherschwenkende Licht einer Taschenlampe oder Stirnlampe. Nicht, dass jetzt ein Ranger des Nationalparks kommt und mich hier wegscheucht. Aber um die Uhrzeit? Es ist ja schon dunkel. Ich bleibe einfach still liegen und bald sehe und höre ich auch nichts mehr. Vielleicht hat einfach noch ein Wanderer sein Zelt aufgebaut.
Ich bin gespannt, wie die Landschaft morgen wird. Heute hat Andorra nicht so viele Pluspunkte bei mir gesammelt.
Sven
Ein einfacher normaler Wandertag ohne Drama und ohne große Höhepunkte sind doch die Tage zum Luft holen für die Highlights die da noch kommen.