Um 20 vor 8 schaue ich aus dem Zelt. Und entdecke ein paar Meter weiter noch ein Zelt. Das dürften Fine und Vera sein. Das erklärt das Licht und die Geräusche gestern Abend. Ich lasse mein Zelt geöffnet, lege mich wieder in den Schlafsack und beobachte den Himmel. Das Außenzelt ist wieder gefroren, aber meine Sachen waren ja alle trocken gestern Abend. Ich mache mich fertig und packe zusammen. Das andere Zelt ist schon weg, nichts mehr zu sehen. Komisch. Der Bach neben mir schluckt echt alle Geräusche. Vor 20 Minuten sah es so aus, als würden die beiden noch schlafen. Ich filtere Wasser aus dem Bach in meine Flasche und gehe um 8:20 Uhr los.

Die Kühe beobachten mich, wie ich über die Weide stapfe und querfeldein den Hang nach oben. Dann gehe ich auf dem markierten Pfad weiter. Immer weiter über die Wiese. Hier sind die Markierungen nicht weiß-rot, sondern orange-rot. Da wollte Andorra sich wohl abheben.
500 Höhenmeter geht es nach oben. Zum Warmlaufen für heute. Das ist auch nötig. Die gefrorene Erde knirscht unter meinen Füßen. Da hinten ist der Pass.

Nach 15 Minuten meldet sich mein Magen und ich esse das Kit Kat, was ich schon griffbereit eingesteckt hatte. Es schmeckt mir gar nicht so gut. Ich bin kein großer Schokoladen-Fan. Gummibärchen noch weniger. Wenn dann Chips. Aber mangels Alternativen gibt es eben Schokoriegel. Meinem Magen ist es egal. Er gibt Ruhe und ich schaffe die Höhenmeter ohne Probleme.
Bald sollte ich auch Sonne abbekommen. Hier der Blick zurück.

Ich sehe 2 Menschen über mir. Das sind bestimmt Fine und Vera. Wahrscheinlich sitzen sie gleich oben am Pass in der Sonne. Genau so ist es auch. Die letzten paar Kehren sind etwas steiler, dann stehe ich oben am Collada de Meners.
Hier hängen ganz schön viele Schilder an den Felsen. Mich irritiert das Schild mit der Videoüberwachung. Wo sind denn hier bitte Kameras angebracht? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich quatsche mit Fine und Vera. Wir werden uns wahrscheinlich nicht mehr sehen. Sie machen einen kurzen Tag und vom nächsten Ort fahren sie zurück nach Hause.
Andorra präsentiert sich heute von seiner schönen Seite. Da hatte ich wahrscheinlich einfach Pech, dass ich zuerst direkt durch ein Skigebiet gelaufen bin. In diese Richtung geht es weiter. Bei schönstem Sonnenschein.

Es ist nur ziemlich windig auf dieser Seite des Passes. Da ziehe ich meine Handschuhe trotz Sonne erstmal wieder an. Es ist ein einfacher Weg, überwiegend durch das Gras. An ein paar Seen vorbei.

Dann lange am Hang entlang. Das ist ein schöner Pfad mit toller Aussicht.

Der markierte Pfad führt nach einer Weile nach unten in Richtung der unbemannten Hütte Refugi de Coms de Jan. Ich hatte von einer Alternative gelesen, die weiter auf dieser Höhe am Hang entlang führt und erst kurz vor der Hütte nach unten abbiegt. Das hört sich besser an. Dann gehe ich nicht so viel unten durch das Tal.
Ich folge am Abzweig einer undeutlichen Spur. Zuerst ist der Pfad nicht so gut zu gehen. Die Wiese ist steil und man sieht nicht, ob unter den dicken Grasbüscheln Boden ist oder ob man ins Leere tritt. Ich überlege schon, doch den anderen Weg zu nehmen. Aber es wird besser. Und es gibt sogar ein paar Steinmännchen und alte Farbmarkierungen.
Es wird felsiger und ich laufe über große Steinplatten. Das gefällt mir. Wenn ich noch mehr Proviant hätte, würde ich glatt hier bleiben und einfach hier meinen Pausentag verbringen. Mich auf einen Felsen in die Sonne legen und nicht mehr weitergehen heute.

Aber so laufe ich weiter. Es könnte immer noch klappen, dass ich um kurz vor 15 Uhr an der bewirtschafteten Hütte ankomme. Dann gibt es was zu Essen. Wobei ich entspannt bin. Wenn es nicht klappt, dann ist das halt so. Sowieso bin ich im Moment völlig entspannt. Nach den ganzen Tagen, wo ich häufig so angespannt war, ist das nun richtig angenehm.
An der kleinen Hütte bauen 2 Leute jetzt erst ihr Zelt ab. Die haben sich wohl einen ganz ruhigen Morgen gegönnt. Ich fülle nur kurz meine Flasche auf, dann geht es weiter. Jetzt wieder nach oben. Meine Beine sind gerade ganz schön schwer. Sie haben noch nicht umgeschaltet von runter auf hoch gehen. Erst nach einer ganzen Weile geht es besser.
Die Wolken am Himmel sehen heute lustig aus.

Das ist doch ein schöner Blick. Aber ob jetzt Frankreich, Spanien oder Andorra. Es sind die Pyrenäen und sie sehen nicht anders aus, wenn man in einem anderen Land ist.

Bald kann ich den weiteren Aufstieg sehen. Wie der Pfad schräg den Hang nach oben führt. Keine Kehren. Das sieht steil aus. Meine Beine sind aber inzwischen wieder gut drauf und mir macht der Weg Spaß. Man kann viele kleine Schritte machen. Die kosten weniger Kraft als hohe Tritte.

Eine halbe Stunde und 2 kurze Trinkpausen später habe ich den höchsten Punkt erreicht. Ich habe eine Frau überholt und treffe oben auf einen Kerl, der den Hexatrek läuft. Auf diesem Abschnitt ist ganz schön was los. So viele Leute habe ich schon lange nicht mehr getroffen. Kurz nach mir kommen auch Feli und Markus oben an. Ich halte ihnen meine Hand hin und sie schlagen ein. Es ist schön hier oben.

Wir machen uns zu dritt an den Abstieg. Die beiden sind aber sehr viel schneller, sie rennen den Berg fast herunter. Also lasse ich sie vor. Das kann ich nicht haben, wenn mir jemand so dicht auf den Fersen folgt.
Der nächste See sieht ganz grün aus. Und an der kleinen Hütte kann ich schon von oben ganz viele Leute sehen. Als ob es dort etwas umsonst gibt.

Als ich tiefer komme, sehe ich, dass vor der Hütte ein Feuer gemacht wird. Ich stelle mir vor, wie dort Würstchen gegrillt und gleich an uns HRPler verteilt werden. Man kann ja mal träumen. Es scheint eine Gruppe zu sein, die sich für das Wochenende in der Hütte eingenistet hat.
Es geht am See entlang, an der Hütte vorbei und dann weiter hinab. Jetzt muss ich aber kurz anhalten und meine lange Hose ausziehen. Das ist mir zu warm. Ich laufe sowieso so viel lieber in kurzer Hose. Ich schaue auf die Karte, wo der nächste Anstieg mich gleich hinauf führt. Erst denke ich, dass es der Berg gegenüber ist. Aber ich muss erst noch weiter nach links um die Ecke.

Ich gehe über eine nasse und sumpfige Hochebene und dann geht es durch Tannen und Sträucher wieder nach oben. Der dritte Aufstieg für heute. Jetzt machen meine Beine direkt gut mit. Nur wegen der Wärme mache ich viele kurze Pausen. Hier der Blick zurück ins Tal. Da musste ich zum Glück nicht ganz runter.

Nach vielen engen Kehren lasse ich die Bäume wieder hinter mir. Gehe über die Wiese weiter, zwischen dicken Felsen hindurch und über kleine Blockfelder.

Die große Hochebene auf der anderen Seite, rechts von mir, sieht auch gut aus.

In einem ständigen auf und ab nähere ich mich langsam der Hütte. Vielleicht ist sie ja hinter der nächsten Kuppe. Nein, es geht nochmal runter und wieder hoch. Dann nochmal.

Hier kann ich drüben auf der anderen Seite ein Steinhaus sehen. Dann muss das die Hütte sein.

Also geht es nochmal nach unten und über viele Felsen wieder hinauf. Mit ganz vielen anderen Menschen. Um kurz nach 15 Uhr komme ich am Refugi de Juclar an. Auf der Terrasse ist ziemlich was los. Ich gehe in die Stube. Das wäre ärgerlich, wenn ich jetzt nur wegen ein paar Minuten nichts zu essen mehr bekomme. Aber die Uhrzeit ist hier egal, die Küche versorgt die Wanderer den ganzen Tag lang. Perfekt.
Ich studiere die relativ große Karte und entscheide mich für einen Burger. Was hier 2 große Scheiben Brot sind, auf der einen ein Spiegelei, auf der anderen ganz viel Salat, Tomate, Gurke, Fleisch, Käse und kross gebratener Speck. Ein offener Brot-Burger sozusagen. Sehr lecker.
Ich staune, als ich den Hund der Hütte beobachte. Er möchte anscheinend rein in die Stube, die Tür ist aber zu. Also stellt er sich auf die Hinterbeine und drückt mit seinen Vorderpfoten so lange auf der Klinke herum, bis die Tür aufgeht. Nur das Schließen hat er noch nicht gelernt.
Irgendwie friere ich die ganze Zeit. Die Stube ist nicht geheizt und anscheinend fehlt mir immer noch Energie. Oder ich bin einfach zu geschwitzt. Eigentlich wollte ich mein Zelt ein Stück weiter am See aufstellen. Aber was ich vorhin gesehen habe, sah zu felsig zum Zelten aus. Ich frage den Wirt nach einer Biwak-Zone. Und tatsächlich darf man an dieser Hütte mal wieder kostenlos zelten. Er zeigt mir die beste Stelle, die eben ist. Na super, dann endet mein Tag heute hier. Wieder ein kurzer Tag, das fühlt sich ja schon wie ein halber Pausentag an.
Ich bestelle mir zum Nachtisch einen Crêpe und einen Kakao. Crêpes mit Zimt und Zucker scheint ein deutsches Ding zu sein. Zimt habe ich hier noch nirgendwo gesehen bisher. Ich nehme einen Crêpe mit Zucker. Der Wirt fragt mich, ob ich auch Zitronensaft drüber haben möchte. Das kenne ich nicht. Aber ich probiere es, wenn man das hier so isst. Und mir schmeckt es super.
Dann baue ich neben vielen anderen Wanderern mein Zelt auf. Ein Tscheche fragt mich, ob ich aus den USA sei. Lustig, wo die Leute mich überall her vermuten. Er hätte nicht gedacht, dass ich Deutsche bin, meint er.
Ich lege meinen Schlafsack zum Lüften in die Sonne und lasse mein Zelt offen zum Trocknen. Das Eis vom heute Morgen ist unterwegs geschmolzen und das Zelt ist ziemlich nass. Dann setze ich mich ins Gras und nähe meine dünne Schaumstoffmatte. Seit der Nachtwanderung bei dem Gewitter hat sie einen langen Riss. Als ich mein Zelt schnell im Dunkeln abgebaut habe, bin ich irgendwo hängengeblieben. Es dauert ewig bei so einem langen Riss, am Ende bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Es gewinnt keinen Schönheits-Wettbewerb, aber hauptsache meine Zahnseide-Naht hält.

Abends koche ich mein letztes Fertiggericht. Jetzt habe ich nur noch einen Schokoriegel, einen Müsliriegel und ein paar Nüsse für Morgen. Sonst ist mein Rucksack leer, was Essen angeht.
Sven
Da ist sie. Die Zahnseide als Nähgarn. Ich habe doch so drauf gewartet. Ich hoffe der nächste Schlafplatz ist ohne weitere Touristen/Wanderer.