Es ist echt ungewohnt, dass es hier so lange dunkel ist morgens. Als ich genug sehen kann, um ohne das Licht der Stirnlampe einzupacken, stehe ich auf. Es ist noch niemand zu sehen. Ich ziehe mich aus und bade nackt im Fluss. Das ist herrlich. Heute geht es ganz frisch gewaschen los.

Der Nebel hängt tief und taucht alles in ein schummeriges Licht. So wirkt alles noch ganz verschlafen. Das war echt ein schöner Platz zum Campen hier. Gegen 8 Uhr gehe ich los. Heute hänge ich mein Solarpanel hinten an den Rucksack, um meine Powerbank zu laden.

Erstmal geht es zwischen Wiesen und Weiden mit kleinen Steinmauern nach Arizkun.

Was sind das denn für Früchte? Kennt sie jemand? Nur so groß wie eine Haselnuss, außen blau wie Blaubeeren, innen das Fruchtfleisch ist hell und sie haben einen Stein wie Kirschen.

Der Weg stimmt gar nicht mit dem Weg auf meiner Karte überein, ich komme viel weiter südlich in Arizkun raus. Das macht aber nichts, ich komme nach der ersten Kurve direkt an einem Wasserhahn vorbei. Heute fülle ich alles auf. Der Ort wirkt ziemlich ausgestorben, nichts los so früh am Sonntag.

Jetzt geht es nach oben. Die Sonne verdrängt langsam den Nebel und die ersten Strahlen brechen durch die Bäume. Das sieht echt gut aus. Ich mag es, so früh morgens zu gehen, dann wirkt alles so ruhig und friedlich in diesem Licht.

Statt dem breiten Weg weiter zu folgen, nehme ich den Pfad, der auf meiner Karte eingezeichnet ist und etwas kürzer scheint. Hoch geht es so oder so. Der Anfang ist ganz okay, dann ist der Weg immer mehr zugewuchert. Und wieder schramme ich mir die Beine an den Dornen auf. Das ist echt nervig. Vielleicht sollte ich lieber umdrehen. Aber ich möchte wenigstens mal um die Ecke schauen. Es scheint nur ein kurzes Stück so dornig zu sein. Dann geht es durch Farn. Also weiter. Jetzt verliere ich nur den Pfad. Ich stelle meine Uhr auf die Kartenanzeige um, damit ich anhand meiner Position und dem eingezeichneten Pfad in die richtige Richtung gehen kann. Durch den Farn geht das ganz gut, der tut ja nicht weh. Und irgendwann finde ich dann auch den Pfad wieder. Das ist der Blick zurück.

Dem Pfad zu folgen wird aber nicht besser. Es folgt wieder ein ganzes Stück mit Brombeer-Dornen und anderen pieksigen Gewächsen. Das muss doch nicht immer wieder sein. Ich freue mich so sehr darauf, wenn ich dann über der Baumgrenze bin. Hier mal eine kurze Dornen-Pause. Danach geht es weiter.

Etwas weiter starrt mich eine schwarze Kuh an. Fast geschafft. Da oben muss die Kreuzung sein. Ein Wanderer geht da oben vorbei und winkt mir zu. Vielleicht ist es ja einer der anderen HRPler. Er ist aber nicht mehr zu sehen, als ich oben ankomme. Erstmal verschnaufen und was trinken. Inzwischen knallt die Sonne wieder vom strahlend blauen Himmel. 34 Grad sollen es heute sein.

Der breite Weg endet an einem Weidezaun. Ich schaue mich um. Ah, links von mir sind zwei Holzstufen über den Stacheldrahtzaun. Also rüber zu den Kühen. Die schauen kurz hoch und grasen weiter. Dann geht es ohne erkennbaren Weg nach oben. Zum höchsten Punkt und meinem unspektakulären ersten Gipfel für heute. Dem Soalar auf 827 Meter Höhe.

Der Weg runter führt wieder durch Farn. Dieses Mal ist die Spur aber relativ gut erkennbar. Unten auf dem Sattel angekommen geht es in den Wald. Ein schöner lichter Wald. Der gefällt mir. Ganz dichte, dunkle Wälder mag ich nicht. Hier ist es so schön, dass ich ein bisschen Pause machen muss.

Ich habe nun die Wahl zwischen dem Weg am Hang entlang oder über den Gipfel. Viele Höhenmeter sind es nicht mehr. Also nehme ich natürlich den oberen Weg. Dann kann ich etwas durch den Wald gehen. Der Anfang ist auch echt schön. Dann verliere ich den Pfad wieder. Und schaue zu spät auf die Karte. Ich bin zu weit rechts vom Weg. Aber da sollte ich ja gleich wieder hinkommen. Dann halte ich mich eben jetzt weiter links. Denke ich. Es folgt schulterhoher Farn, Dornen und dann auch noch Felsen. An einem großen Fels erkenne ich aus dem weißen Strich eine Markierung. Also klettere ich hoch. Auf der anderen Seite wieder herunter. Jetzt muss ich auf die Zwischenräume zwischen den Felsblöcken achten, die man unter dem ganzen Farn nicht sieht. Netter Ausblick, aber ich würde lieber den Pfad wiederfinden.

Noch über ein paar Felsen, dann bin ich zumindest laut GPS wieder auf dem Pfad. Zwischendurch kann ich auch eine leichte Spur erkennen. Kurz darauf stehe ich auf dem ersten Gipfel, der irgendwie markiert ist. Auf der Burga auf 872 Metern steht ein Steinmännchen. Ich glaube, Gipfelkreuze sind hier eher selten. Das ist in den Alpen weiter verbreitet.

Die meisten Bergauf-Höhenmeter habe ich nun hinter mir. Das ist gut, es ist echt heiß. Der Weg nach unten ist zum Glück deutlich zu erkennen. Das reicht an Weg-Abenteuer für heute.

Die Pferde suchen sich auch Schatten. Mit den ganzen braunen Blättern auf dem Boden kündigt der Herbst sich wohl schon langsam an. Das sieht gut aus, so bunt.

Ich halte mich jetzt an den markierten Weg und nehme keine anderen Pfade mehr. Trotzdem geht es nochmal ein Stück über einen zugewucherten Pfad. Diese blöden Dornen. Ich denke noch, dass es ganz gut ist, dass sie sich wenigstens nicht bei jedem Schritt festkrallen, sondern nur an mir vorbeischrammen. Da vergräbt sich ein Stachel in meiner Wade und zwingt mich zum Stehenbleiben. Ich muss ganz schön daran ziehen, um mich wieder zu befreien. Aua, das tut weh. Ich bin den Tränen nah. Blut läuft mir das Bein runter. Trocknet aber schnell. Jetzt tut es nur noch mehr weh, wenn andere Pflanzen daran entlang schrammen. Ich will nicht mehr. Alles, nur keine Dornen. Irgendwie leise schluchzend, aber ohne Tränen, laufe ich weiter. Nach einer Weile geht es wieder.

Der restliche Abstieg ist nun ein breiter Weg, mal durch den Wald, dann wieder durch die pralle Sonne. Ich bin kaputt. Ich mache kurz Pause, die Mücken kommen, ich gehe weiter. Esse beim Gehen. 10 Minuten später setze ich mich wieder kurz hin. Ich sollte es wirklich bei dem kurzen Tag belassen heute und nur bis Aldudes gehen. Mich ausruhen und morgen wieder mit mehr Energie und hoffentlich ein paar Wolken vor der Sonne weitergehen. Wobei kurzer Tag ja relativ ist inzwischen. Die Wege haben mich mehr Zeit gekostet, als ich dachte.

Es folgt der letzte steile Abstieg in den Ort. Die Berge auf der anderen Seite sehen auch ganz herbstlich bunt aus.

In Aldudes angekommen, setze ich mich auf die erste Bank im Schatten, die ich sehe. Erstmal einfach nur da sitzen. Es ist gerade mal halb 2. Vielleicht sollte ich nach einer Pause doch noch ein bisschen weitergehen. Ein paar der morgigen Höhenmeter schon abarbeiten. Allerdings sieht das alles nach praller Sonne und null Schatten aus. Das macht mein Körper nicht mehr mit heute. Nein, ich sollte mir die Pause gönnen bei der Hitze. Ich kann ja dann morgen früh losgehen, um den ersten Anstieg vor der Sonne zu schaffen.

Ich raffe mich auf und folge der Straße. Es gibt nur ein paar wenige Häuser hier. Der kleine Laden an der Tankstelle soll ganz gut ausgestattet sein. Hat aber sonntags nur bis mittags geöffnet und montags ganz geschlossen. Dahinter ist eine große Wiese mit Picknicktischen. Ich habe gelesen, dass man dort campen darf. Noch ein Stück weiter gibt es eine Bar. Dort sitzen ein paar Leute draußen. Ich setze mich hin und schaue mir die Karte an. Da steht alles auf baskisch – nehme ich an – und auf französisch. Die Auswahl ist allerdings sehr klein, wenn man weder Schinken und Käse, noch Pasteten und Entenleber essen möchte. Ich bestelle mir nun eine echt französische Orangina und zwei Kugeln Eis mit Obst. Was sich als Beerensoße herausstellt. Die Erfrischung tut gut.

Ich frage nach, ob es okay ist, wenn ich auf der Wiese mein Zelt aufstelle. Da der Laden zu ist, kann ich dort ja nicht fragen. Ja, gar kein Problem. Super. Ich will noch eine Portion Pommes bestellen, aber die Küche hat sonntags geschlossen. Schade.

Also mache ich mich nach einer Weile auf den Weg zurück zur Zeltwiese. Sie liegt zwar direkt an der Straße, ist aber groß genug, dass man ein bisschen Abstand hat. Erstmal aus den Schuhen raus, Luft an die Füße lassen und Essen kochen. Das ist gut.

Ich sitze ewig einfach nur da, träume vor mich hin, massiere meine Waden ein wenig. Dann baue ich irgendwann mein Zelt auf und schaue mich ein bisschen um. Ich wundere mich, dass ich Freddy und die anderen gar nicht sehe heute. Ob sie schon weitergegangen sind? Oder noch hinter mir? Das glaube ich aber eigentlich nicht. Vielleicht kommt ja später noch jemand hier vorbei.

Hinter der Wiese führt ein Pfad durch die Bäume bis zum Fluss. Oh, das ist ja herrlich. Hier ist schon die ganze Zeit niemand vorbei gekommen. Inspiriert von heute Morgen, gehe ich also wieder nackig baden. Das tut so gut. Ich wasche mich, kühle mich ab und wasche dann auch gleich noch meine Unterwäsche und meine Hose. Das sollte ja schnell trocknen bei dem Wetter. Dann setze ich mich eben in Unterhose auf eine Picknickbank und schreibe. Und dann wird heute früh geschlafen. Ich bin total müde. Mal schauen, ob ich gegen 6, spätestens 7 Uhr morgen früh losgehen kann, damit ich ich ein paar Stunden ohne Sonne habe. Nachmittags sind Gewitter angesagt. Es liegen aber ein paar Schutzhütten auf der Weg. Das sollte so passen.


14,8 km
4:30 h
776 hm
675 hm
868 m