Obwohl ich mich auf das Weitergehen freue, bleibe ich ewig in meinem Schlafsack liegen. Anscheinend brauche ich heute Morgen etwas länger. Ich trinke die Orangina aus, esse ein Schoko-Croissant und packe zusammen. Handy nochmal laden, Zähne putzen, mit Fine und Vera quatschen, Müll wegbringen, Haare flechten. Bis ich losgehe, ist es fast halb 10.
Der Himmel ist wolkenfrei, aber die Sonne kommt hier unten noch lange nicht hin. Es ist ganz schön frisch. Das andere Schoko-Croissant esse ich beim Gehen. Die Straße hoch, vorbei am kleinen Supermarkt mit dem schönen Spiele-Café und zur Treppe mit den Wegweisern.

Bevor ich weitergehe, lese ich eins der Infoschilder. Es wird beschrieben, wie man sich Bären gegenüber verhalten soll. Da ist aber nichts neues bei. Genauso wie in Norwegen sind die Braunbären hier sehr menschenscheu und meiden Begegnungen. Sie verschwinden lieber, wenn sie uns hören oder riechen.
Dann mal los. 1.200 Höhenmeter Aufstieg stehen an. Meine Beine sind erholt und ich fühle mich fit. Ich folge dem Pfad durch den Wald. In Kehren geht es nach oben. Es ist gar nicht so steil. Ich überquere die Straße und habe bald einen guten Blick hinunter ins Tal.

Nach den ersten 400 Höhenmetern geht es nach rechts um den Berg herum. Hier habe ich endlich Sonne. Es ist direkt richtig warm. Die Luft und der Wind sind zwar kalt, aber es ist fast windstill. Ich ziehe meine Windjacke und das Langarmshirt aus und gehe im Top weiter. Das fühlt sich gut an, so sommerlich.
Der Pfad wird breiter, ich komme an einer Hütte vorbei und an verfallenen Ruinen. Der See ist auch wieder ein Stausee. Drumherum folge ich einem schmalen Pfad.

Es geht am Rand der Hochebene entlang und über ein paar Bäche. Über die matschige Erde komme ich meist gut über verstreute Steine.

Ich gehe noch ein bisschen zwischen den Bäumen her und sehe bald über mir eine Hütte. Den kleinen Umweg zum Refuge des Bésines lasse ich aus. Ich habe genug Essen dabei und freue mich schon auf ein sonniges Picknick oben am Pass.

Der Weg wird felsiger. Ich gehe über ein paar kleine Blockfelder, dazwischen wieder über die Wiese. Mein Magen meldet sich und knurrt. Ich überrede ihn, erst oben Pause zu machen.

Manchmal denke ich gar nicht daran, mich auch mal umzudrehen und nochmal zurückzuschauen. Dann ist es eine Überraschung, wenn ich doch einen Blick zurück werfe.

Hier haben ein paar Riesen mit Felsbrocken um sich geworfen. Ich muss an die Sagen denken, die mir in Norwegen erzählt wurden. Ich brauche nur zwischendurch mal meine Hände, es ist nicht viel Kletterei. Nur viele hohe Tritte. Aber selbst die sind nicht mehr so anstrengend wie sonst. Meine Oberschenkel sind gut trainiert inzwischen.

Dann verschwinden die Felsen und ich habe nur noch Wiese vor mir. Da wollte der Pass wohl ein bisschen ablenken davon, dass er eigentlich ein ganz seichter und grüner Wiesen-Pass ist. Ganz breit und mit vielen schönen Pausenplätzen. Gegen 14 Uhr bin ich oben. Jetzt wird es auch höchste Zeit für etwas zu Essen. Mein Magen ist schon nicht mehr so erfreut. Die Schoko-Croissant-Energie ist längst aufgebraucht. Es muss dringend Nachschub her.
Mir gefällt es hier. Das ist der Blick auf die andere Seite.

Ich breite mein Zelt zum Trocknen aus. Das geht schnell in der Sonne und mit ein bisschen Wind. Im Sitzen ist es mir doch zu frisch. Also ziehe ich mir was über und dann gibt es meine Baguettes, die ich gestern belegt habe. Ich toppe sie nur schnell noch mit Ei und Röstzwiebeln.

Eine halbe Stunde später geht es weiter. Ich bin gestärkt und das Zelt ist getrocknet. Eigentlich hatte ich mir den kleinen See gestern bei der Planung als Schlafplatz ausgesucht. Aber in 40 Minuten wäre ich dann schon am Ziel für heute. Ich möchte lieber noch laufen. Das ist mir zu früh, um 16 Uhr schon mein Zelt aufzustellen.

Also steige ich über die Wiese ab, gehe an dem See vorbei und weiter um den riesigen Stausee herum. Es geht immer wieder ein bisschen hoch und runter

Ich nasche ein paar Blaubeeren. Die findet man hier täglich. Die Landschaft sieht schon ein bisschen herbstlich aus.

Ich beobachte einen Helikopter, der ein Stück weiter immer wieder langsam in einem großen Kreis fliegt. Als ob er etwas suchen würde. Dann verschwindet er und taucht bald auf der anderen Seeseite wieder auf. Den ganzen Nachmittag über sehe ich ihn immer wieder.
An einem Abzweig, als ich fast um den See herum bin, steht ein Schild für eine Umleitung wegen Bauarbeiten an einer Hütte unten am See. Oder am Damm. Wer weiß. Das ist aber gar nicht schlimm. Die Umleitung ist nämlich für meinen Weg sogar kürzer. Dann spare ich mir den Weg runter zum See und wieder hoch. So gehe ich direkt in die richtige Richtung.

Zwischen Tannen, über Felsen und über die Wiese geht es noch 200 Höhenmeter nach oben. Dort ist ein See, wo ich bleiben will. Direkt vor dem Anstieg zum Gipfel morgen. Die perfekte Ausgangslage. Der Pic Carlit liegt nun direkt vor mir. Es ist der höchste Berg der östlichen Pyrenäen. Und da geht es morgen früh hoch. Ich freue mich schon.

Ich kann von weitem schon die vielen Kehren in einer Schotterrinne sehen, die es morgen nach oben geht. Das sieht ganz schön steil aus. Jetzt suche ich aber erstmal einen Zeltplatz. Ich bin etwas nervös, weil ich keinen Bach mehr höre. Ich brauche auf jeden Fall Wasser. Aber hinter der nächsten Kuppe liegt dann der See vor mir. Und rechts vom Pfad finde ich fließendes Wasser. Und den perfekten Zeltplatz. Da hat schon jemand eine kleine Festung gegen den Wind gebaut.

Mir gefällt es so gut hier. Jetzt gerade küre ich den Platz zum schönsten Schlafplatz der Wanderung. Ohne weiter drüber nachzudenken. Mit Blick auf den Gipfel. Und ich meine sogar, das Gipfelkreuz von hier unten sehen zu können. Ich hatte gelesen, dass es eins gibt.
Sonne habe ich sogar auch noch ein bisschen. Es ist schön, wenn ich nicht direkt friere, wenn ich mich nicht mehr bewege. Ich hänge meine Klamotten in die Sonne und lege meinen Schlafsack zum Lüften auf die Steine. Dann wird gekocht. Ich bin schon gespannt.

Meine Mischung aus Nudeln, Thunfisch, Oliven, Ei und Röstzwiebeln schmeckt richtig gut. Und nach 130 g Nudeln und einer ganzen Dose Thunfisch bin ich dann auch erstmal satt. Das reicht nun noch für 2 Abende. Aber wenn ich so auf die Karte schaue, werde ich morgen schon bis nach Bolquère kommen. Nicht erst übermorgen. Dort muss ich Nachschub für weitere 5 Tage kaufen. Die Metalldose vom Thunfisch lege ich auf einen Felsen und haue mit einem dicken Stein drauf, bis sie ganz platt ist. So nimmt der Müll nicht so viel Platz weg.
Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack und schreibe. Das Zelt lasse ich offen. Der Mond ist genau halbiert und leuchtet hell. Die dicken Wolken haben sich auch wieder verzogen. Das sollte eine sternklare und damit ziemlich kalte Nacht werden.
Ma
Läuft gut im Moment, wie es aussieht! Herrliche Blicke sind das auf deinen Fotos.
Guten Weg weiterhin!
Sven
Ich hätte nicht gedacht dass es soviele Seen auf deiner Wanderung gibt. Man liest gerade eine schöne Leichtigkeit in den Berichten. Das gefällt mir.