Es ist kalt. Im Schlafsack ist es schön warm. Also bleibe ich noch liegen. Nur noch ein bisschen. Ich höre ganz leise Stimmen. Da sind aber schon früh Leute unterwegs. Ich hatte gestern überlegt, ob ich zum Sonnenaufgang auf den Gipfel steige. Aber für einen Aufstieg im Dunkeln sah es mir zu steil aus. Also gehe ich ganz entspannt gegen 9 Uhr los.
Ich suche den Pfad und folge ihm über die Wiese auf einen Hügel. Dann startet der steile Geröll-Anstieg. Die Kehren kann man schon von unten sehen. Auf dem Foto sieht es gar nicht so steil aus.

Mir kommen 3 Franzosen mit Hund entgegen. Die waren dann wohl schon auf dem Gipfel. Hoffentlich kommt die Sonne bald hier an, es ist eisig. Ich stapfe konzentriert den Berg nach oben. Eine Kehre nach der anderen. Es ist richtig steil. Zwischendurch ist mir ein bisschen mulmig zumute. Ich mag diese rutschigen Steinchen nicht so.

Mich überholt ein Franzose, der dick eingepackt ist. Und ich stapfe hier in meiner kurzen Hose hoch. Meine Beine sind hart im Nehmen. So laufe ich am liebsten. Hauptsache mein Oberkörper ist warm. Ein sehr beliebtes Wander-Outfit bei mir ist auch kurze Hose und Top, dazu Mütze und Handschuhe.
Es geht etwas nach rechts um die Kurve. Die Rinne mit den Kehren ist noch viel länger, als man von unten sehen konnte.

Es sind aber nur 400 Höhenmeter bis zum Gipfel, so weit ist es gar nicht. Ich wünschte, ich hätte Mütze und Handschuhe unten schon aus dem Rucksack geholt. An diesem steilen Hang werde ich den Rucksack nicht absetzen. Also verstecke ich meine Hände in den Ärmeln und setze die Kapuze meiner Windjacke auf. Es wird immer windiger weiter oben und damit noch kälter. Da ich auf der Westseite aufsteige, gehe ich die ganze Zeit im Schatten.
Ich glaube, ich habe es fast geschafft. Nur noch an ein paar zackigen Felsen vorbei. Dann stehe ich schonmal am Durchstieg zur anderen Seite. Und hier habe ich nun auch Sonne. Was den starken Wind aber nicht wärmer macht.

Ich muss mich erstmal orientieren. Der Pfad zum Gipfel müsste weiter nach rechts über die Felsen führen. Da kommt der Franzose auch gerade her. Dann ist das bestimmt der richtige Weg. Er sagt im Vorbeigehen auf französisch zu mir, dass es da oben nicht warm ist. Naja, das merke ich.
Nach ein paar Minuten schlage ich am kleinen Gipfelkreuz an. Mein erstes Gipfelkreuz in den Pyrenäen. Es ist voll gehängt mit Fähnchen, Tüchern und Bändern. Ich habe es geschafft auf den höchsten Gipfel der östlichen Pyrenäen, den Pic Carlit auf 2.921 Meter Höhe.

Jetzt aber schnell wieder runter hier. In dem eisigen Wind ist es nicht sehr gemütlich. Das sonnige Gipfel-Picknick wird auf weiter unten verlegt. Schön, so ein Gipfel am Morgen. Mit einer super Aussicht in alle Richtungen. Noch kann ich das Mittelmeer nicht sehen.



Ich schaue nochmal auf die Karte. Direkt vom Gipfel führt auch ein Weg hinab. Den kann ich nehmen. Der kommt später wieder zusammen mit dem anderen Pfad, der direkt vom Durchstieg nach unten führt. Ich bin ganz froh, dass der Abstieg bei weitem nicht so steil ist, wie der Aufstieg. Der Berghang ist zwar steil, aber durch die vielen Kehren und felsigen Kanten und Stufen, ist es sehr viel einfacher. Es ist ein schöner Abstieg. Mit tollem Blick.

Mir kommen mehr und mehr Leute entgegen. Ich bleibe immer wieder stehen, um sie vorbeizulassen. Bonjour. Bonjour. Bonjour. So geht das in einer Tour. Wobei manche Menschen gar nicht wissen, wie man grüßt. Und erst recht nicht, wie man lächelt.
Da war ich gerade noch oben.

Plötzlich habe ich einen riesigen Hunger. Ich bin gerade mal 1:30 Stunde gegangen. Bis die Felsen vorbei sind und es wieder grüner wird, will ich noch weitergehen. Vielleicht finde ich auf der Wiese irgendwo einen windgeschützten Pausenplatz.
Am Rand einer kleinen Ebene mache ich neben ein paar Felsen Pause. An mir laufen so viele Leute vorbei, der Gipfel muss echt beliebt sein. Bei Franzosen und Spaniern. Ich esse meine belegten Baguettes und die letzten beiden Eier. Dann geht es weiter. Je tiefer ich komme, desto wärmer wird es.
Ich laufe entgegen der ganzen Leute an Seen vorbei, zwischen Tannen hindurch, über Felsen und Gras. Es geht wenig steil nach unten. Immer wieder auch über flache Ebenen. An jedem See steht ein großes Holzschild mit dem Namen und dass man nicht schwimmen darf. Aber Zelten ist zwischen 19 und 9 Uhr erlaubt.
Über diese sumpfige Ebene mache ich große Schritte von Stein zu Stein. Dazwischen gibt es Holzstege, damit man keine nassen Füße bekommt.

In diesem dunkelblauen See kann man direkt unter der Wasseroberfläche ganz viele lange Algen sehen. Die sehen lustig aus.

Weiter geht es durch den Wald. Zwischendurch immer wieder über runde Felsblöcke. Ich lasse drei Trailrunner vorbei. Kurz später folgt noch eine große Gruppe Trailrunner. Und noch mehr. Das hört ja gar nicht mehr auf. Ich stelle mich an den Rand auf einen Felsen und warte. Das sind bestimmt über 100 Läufer. Die meisten Jugendliche und Kinder. Wahnsinn, wie sie hier einfach den Berg hoch rennen.
Oh je, da vorne ist ja was los. So viele Autos. Ich muss nur noch ein paar Felsen herunter klettern, dann geht es hinter der großen Staumauer entlang.

Ich komme an einem Hotel vorbei, einer Information, wo ich mein Wasser auffülle und noch mehr Gebäuden. Gut, dass ich statt der Straße zu folgen, wieder in den Wald auf einen kleinen Pfad abbiegen kann.
Kurz später quere ich dann die Straße und folge die nächste halbe Stunde einem breiten Wiesenweg. Das ist ja mal ein ganz entspannter Abstieg heute. Inzwischen ist es auch so warm, dass ich im Top weitergehe.

Nachdem ich um den nächsten See herumgelaufen bin, folge ich einem breiten steinigen Forstweg. Und das geht laut Karte jetzt die nächsten 2 Stunden so. Es gibt spannendere Wege.

Ich habe Empfang, also schaue ich mir nochmal meine Planung für die nächsten Tage an. Und überlege, wie viel Proviant ich gleich kaufen muss. So viel wird es wohl nicht. Hauptsächlich für abends brauche ich noch Nachschub. Dann vertreibe ich mir die Zeit, indem ich mir meine Ohrstöpsel in die Ohren stecke und mein Hörspiel weiter höre. Das Highlight sind drei Pferde, die auf dem Weg grasen und eine Läuferin, die mich überholt. Es ist langweilig.
Es geht auch gar nicht so viel weiter runter. Ich wundere mich, dass ich bald eher wieder leicht aufsteige. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, biege ich auf einen Pfad ab. Komme an vielen Blockhäusern vorbei, anscheinend eine Feriensiedlung. Und gehe dann bis in den Ort direkt am Straßenrand entlang. Zum Glück ist nicht viel Verkehr. Der Ort hat zwei Ortsschilder. Rechts am Straßenrand steht Bolquère. Am linken Straßenrand dasselbe Schild mit dem spanischen (oder vielleicht eher katalanischen) Namen Bolquera.
Ich habe keine Lust mehr. Meine Füße schmerzen von dem vielen eintönigen Gehen die letzten Stunden. Ich steuere den Supermarkt an. In einem der Wanderführer hatte ich den Tipp gelesen, dass man hier nach einer Zelt-Möglichkeit an der Kirche fragen könne. Das mache ich. Wenn ich jetzt weitergehe, muss ich wieder bis über 2.000 Meter hoch, damit ich mein Zelt aufstellen darf. Das würde noch mindestens 2 Stunden dauern.
Ich kaufe ein und frage dann den Verkäufer, ob es in der Nähe die Möglichkeit für ein Biwak gibt. Er spricht nur Französisch und Spanisch. Meine französisch-englische Mischung versteht er aber halbwegs. Zumindest versteht er, was ich möchte. Sofort meint er, ja klar. Hinter der Kirche könne ich mein Zelt aufstellen. Er erklärt mir, wo die Stelle ist, zeigt es mir auf einem Foto und geht dann mit mir raus und zeigt mir den Weg. Wirklich sehr nett. Dann kann ich mir auch noch was für heute Abend kaufen, was ich dann nicht weit schleppen muss.
Am Supermarkt sitzt noch ein Spanier mit großem Rucksack. Er meint, er kommt später auch zur Kirche. Ich gehe die Straße entlang und finde den Platz auf Anhieb. Hinter der Kirche gibt es eine kleine Ebene mit Wiese. Perfekt. Heute dann mal Biwakieren mitten im Ort. Eine Wasserstelle gibt es auch in der Nähe. Und der Kerl hat direkt dazu gesagt, dass die Glocken das letzte Mal um 22 Uhr läuten und es nachts ruhig ist.

Noch steht mein Zelt als einziges da. Später kommen noch ein Engländer und der Spanier dazu. Mit 3 Zelten ist es ziemlich eng und sie stehen dicht an dicht. Der Ladenbesitzer wohnt anscheinend direkt gegenüber. Als er Feierabend hat, ruft er vom Balkon herüber, ob alles in Ordnung ist und das so passt zu dritt. Na klar. Hier beschwert sich keiner. Wir sind alle glücklich über einen Schlafplatz.
Ich esse Kiwis und Schokopudding. Zur Vorspeise. Dann gibt es Nudeln, heute mit Ratatouille und Makrelen-Filets. Ich werde noch zum Konserven-Profi. So viele Sachen, die ich Zuhause nie kaufen würde. Unterwegs ist alles anders. Es schmeckt gut. Wie quatschen ein bisschen und bald verzieht sich jeder in sein Zelt. Ohne die Sonne ist es schnell wieder kalt.
Sven
Yeah!!!! Das erste richtige Gipfelkreuz. Ganz schön viel Anlauf bis du es gefunden hast.