Letzte Nacht waren echt viele Geräusche zu hören. Tier-Geräusche, wahrscheinlich aus dem Wald. Ich liege viel wach und muss ständig kurz aus meinem Schlafsack. Morgens um 7 Uhr läuten die Kirchenglocken. Ich höre, wie die beiden Zelte neben mir schon abgebaut werden. Ich warte bis die Sonne über die Bäume schaut, damit ich mich im Warmen anziehen kann.
Warm ist übertrieben, aber ich mache mich trotzdem fertig und packe zusammen. Trinke die Orangina aus und esse drei Kiwis. Die sind saftig und lecker. So frische Sachen sind immer etwas besonderes beim Wandern. Ich wechsele ein paar Worte mit dem Engländer, dann macht er sich auf den Weg. Wir sehen uns bestimmt oben. Der Spanier geht den GR10 in die andere Richtung.
Um kurz nach 9 Uhr gehe ich los. Mit meinem Müll in der Hand. Meine Gaskartusche war gestern Abend dann auch endlich leer und ich kann nun die aus Gavarnie benutzen. Ein Stück weiter, an der Hauptstraße, finde ich Müllcontainer. Dann folge ich der Straße weiter. Der Bürgersteig ist bald zu Ende und ich gehe direkt am Straßenrand. Das ist ziemlich ungemütlich. Es gibt wenig Platz und die Autos rasen an mir vorbei. Auch wenn die meisten einen Schlenker um mich herum fahren, fühle ich mich nicht wohl.
Nach 1,5 Kilometer kann ich auf einen Wiesenweg abbiegen. Die anderen Routen auf meiner Karte folgen weiter der Straße. Da habe ich aber keine Lust drauf. Nicht für eine ganze Stunde. Der Weg durch den Wald ist vielleicht ein bisschen länger, aber dann ist das so. Ich schaue mir die ganzen Schilder an dem Weiderost an. Dann finde ich einen Wegweiser nach Eyne. Mir kommt ein Franzose mit seinem Hund entgegen, der fragt, ob ich den GR10 suche. Ich sage ihm, dass ich den HRP laufe und nach Eyne möchte. Dann bin ich hier richtig.
Ich gehe am Waldrand entlang, mit Blick auf das grüne Tal rechts von mir.

Es geht ein bisschen hoch, dann wieder runter. Durch den Wald und zwischen Steinmauern und Weiden her. Ich telefoniere mit meinen Eltern. So geht die Stunde schnell um. In dem kleinen Dorf Eyne gibt es alle paar Meter einen Trinkwasser-Stelle an der Straße. Nur an dem vierten Hahn hängt ein Schild, dass das Wasser nicht kontrolliert ist. Zum Glück gibt es hier auch einen Streifen für Fußgänger entlang der Straße. Ab dem Wanderparkplatz geht es dann in den Wald.
Heute geht es nur nach oben. Da habe ich mich schon drauf eingestellt. Es folgt eine lange Gratwanderung, aber ich muss ja erstmal auf den Grat oben kommen. Und dazu geht es 9 Kilometer durch das lange Tal. Immer weiter nach oben. Bis ich am Talschluss auf dem Pass ankomme. Ab da kann ich dem Grat folgen. Darauf freue ich mich schon. Der Himmel ist wieder strahlend blau, ohne eine Wolke.
Ich gehe auf einem steinigen Pfad durch den Wald. Erst überhole ich ein paar Leute, dann bin ich alleine unterwegs. Ich bin schnell unterwegs, es fühlt sich gut an. Und der lichte Wald lässt zwischendurch ein paar Sonnenstrahlen zu mir durch.

Nach den ersten 400 Höhenmetern lasse ich den Wald langsam hinter mir. Es geht weiter am Bach entlang. Immer wieder ein Stück flach oder mit wenig Steigung.

Jetzt bin ich wieder über 2.000 Meter hoch. Es stimmt überigens nicht, dass man erst ab dieser Höhe sein Zelt aufstellen darf. Unten auf der Infotafel am Parkplatz stand, dass man in diesem Gebiet sein Zelt zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang und nur in der Nähe von Hütten oder direkt am Weg aufstellen darf. Die Höhe ist nicht eingeschränkt.
Ich mache eine kurze Pause und esse eine Kleinigkeit. Das war schön mit den belegten Baguettes die letzten Tage. Die fehlen mir heute. Im nächsten Ort kann ich ja wieder dafür einkaufen. Im Moment gibt es tagsüber Honigkuchen, Madeleines, Nüsse und Knäckebrot.
Nun geht es ein Stück steiler nach oben. Der Blick zurück ins Tal ist schon gut.

Bevor der Weg vom Bach weg führt, fülle ich mein Wasser auf. Da es oben auf dem Grat keine Quellen gibt, nehme ich so viel mit, wie ich tragen kann. Das macht den Rucksack erstmal wieder schwer. Und ich brauche eine Weile, in der ich langsam vor mich hin trotte, bis ich mich an das zusätzliche Gewicht gewöhnt habe.
Ich treffe den Engländer, er hat mich gesehen und wartet ein Stück weiter auf mich. Er weiß auch noch nicht, wo er heute schläft. Ich hatte mir einen Punkt auf der Karte markiert, wo eine kleine Schutzhütte ist und es auch eine Zeltmöglichkeit geben soll. Direkt oben am Grat. Ansonsten wäre der Weg super lang heute, bis man wieder unten an der nächsten Hütte ist.
Es geht über die Wiese weiter nach oben. Jetzt kann ich das Ende vom Tal sehen. Es geht links um den Berg herum, dahinter liegt der Pass. Und hinten der Berg wird mein erster Gipfel auf dem Grat.

Weiter oben wird es steiniger. Es ist ein einfacher Weg. Es geht nur über Wiese und Steine nach oben. Nicht zu steil. Keine hohen Tritte, Felsen oder ausgesetzten Stellen.
Hier nochmal der Blick zurück. Ich mag es ja am liebsten über der Baumgrenze, wo alles grau und felsig ist. Ganz schroff. Aber diese sanftere Landschaft mag ich auch. Mit endlosen Wiesen-Bergen.

Nur noch um die Kurve und 100 Höhenmeter nach oben. Zwischendurch kann ich oben am Grat den Engländer sehen. Da führt also der Weg lang. Das sieht gut aus.

Um 14 Uhr erreiche ich den Pass Coll d’Eina auf 2.680 Meter Höhe. Die ersten 1.200 Höhenmeter habe ich geschafft. Der Ausblick ist super.

Auf der anderen Seite verdeckt ein Meer aus Wolken das Tal. Das sind dann bestimmt die Wolken, die mir morgen die Sicht versperren werden. Morgen soll es einen Tag geben, der komplett grau ist. Aber trocken. Für alle anderen Tage ist hauptsächlich Sonne angesagt.

Ich gehe über den breiten Grat. Es gibt keine Markierungen oder Steinmännchen. Aber nach einer Weile ist der Pfad gut zu erkennen. Das sieht toll aus.

Auf der linken Seite kann ich immer wieder in ein anderes Tal hinab schauen.

Rechts kommen die Wolken ganz langsam näher.

Der Pfad führt etwas unterhalb der meisten Gipfel vorbei. Was soll das denn? Ich nehme lieber den kleinen Umweg in Kauf und gehe direkt über die Gipfel. Der Erste ist der Pic d’Eyne auf 2.789 Metern.

Es ist echt Bilderbuchwetter. Aber es ist trotz Sonne nicht so warm heute. Der Wind ist ziemlich frisch. Den nächsten Gipfel kann ich schon vor mir sehen.

40 Minuten später stehe ich auf dem Pic de les Nou Fonts auf 2.861 Metern.

Wieder nehme ich den Pfad direkt über den Gipfel. Die zusätzlichen Höhenmeter nehme ich gerne in Kauf. Ich werde keine Gipfel auslassen.
Der Pfad vom Gipfel runter zum Pass ist etwas steil und rutschig. Nach ein paar Metern geht es aber besser. Jetzt muss ich gleich überlegen, was ich mache. Da unten in der Senke wäre die Übernachtungsmöglichkeit. Aber es ist noch echt früh.

Auf dem Weg nach unten meldet sich mein Magen. Die Kleinigkeit vorhin reichte ihm wohl nicht. Plötzlich fühlt es sich so an, als würde ich sofort Energie-Nachschub brauchen. Sonst mache ich schlapp. Das ist ein komisches Gefühl. Es ist super windig. Ich schleppe mich ein Stück wieder nach oben zu der in die Felsen gehauenen Nothütte. Da finde ich etwas Windschatten. Erstmal was essen. Und dann einen Plan machen. Hier möchte ich nicht bleiben. Ich könnte vom Pass etwas die Wiese runter und da mein Zelt aufstellen. Aber aus der Richtung kommt auch der Wind und es gibt keinen Schutz.
Wenn ich weitergehe, finde ich aber wahrscheinlich oben auf dem Grat keine Möglichkeit für eine Übernachtung. Und das wäre auch zu windig. Für den kompletten Grat mit allen Gipfeln und bis zur nächsten Zelt-Möglichkeit weiter unten, brauche ich 5 Stunden. Jetzt ist es Viertel vor 4. Bis dahin ist es dunkel. Sonnenuntergang ist inzwischen schon um halb 8. Etwas unterhalb vom Grat finde ich noch eine Nothütte. Also, weiter geht’s. Mal schauen, wie weit ich komme. Und dann wird sich schon was ergeben.
Ich schultere meinen Rucksack wieder. Oh Mann, bin ich kaputt. Meine Füße schmerzen und ich fühle mich gerade richtig müde. Soll ich so wirklich weitergehen? Langsam bewege ich mich vorwärts. Vielleicht kann ich mich ja wieder warmlaufen.
Der GR11 führt auch hier her. Unten am Pass war eine Wegkreuzung. Nun gibt es weiß-rote Markierungen. Auch wenn ich mich immer noch schlapp fühle, lasse ich es mir nicht nehmen, den Umweg direkt über die Gipfel zu machen. So stehe ich 15 Minuten später auf dem Noucreus auf 2.798 Metern. Hier gibt es nur ein schnelles Foto.

Langsam geht es besser und das Gehen fällt mir wieder leichter. Ich mache keine langen Pause auf den Gipfeln. Jetzt möchte ich möglichst viel vom Grat schaffen bei diesem schönen Wetter. Also geht es weiter, immer den nächsten Gipfel schon im Blick.

Obwohl der Wind von links kommt, kommen die Wolken von rechts immer näher.

Nicht mal 10 Minuten später stehe ich auf dem Pic de Noucreus auf 2.800 Metern.

Jetzt geht es wieder ein Stück runter zum Pass und dahinter hoch zum nächsten Gipfel.

Am Pass stehen 9 kleine Kreuze. Das bedeutet wohl der Name „Noucreus“. Davon hatte ich schon gelesen.

Es wird immer windiger. Die Windjacke lässt den Wind nicht durch, aber mein Gesicht ist eiskalt. Und meine linke Hand. Der Wind kommt die ganze Zeit von links. Als ich hinter ein paar Felsen entlang weiter aufsteige, habe ich kurz Ruhe. Herrlich. Es ist plötzlich ganz still. Kurz später pfeift der Wind weiter. Daher gibt es auf dem nächsten Gipfel auch nur ein schnelles Foto. Sonst fliege ich weg auf dem Pic de la Fossa del Gegant auf 2.807 Metern.

Da vorne führt der Pfad weiter. Runter zum Pass und wieder hoch. Das ist eine echt schöne Etappe.

Wieder geht es 100 Höhenmeter nach oben. Da kommen doch am Ende so einige Höhenmeter zusammen. Auch wenn es zwischen den Gipfeln immer nur ein wenig runter und wieder hoch geht.

Die Wolken kommen weiter näher und fransen immer mehr aus.

Hinter der nächsten Kurve, mischt sich helles Gestein in die Wiese. Ich nutze den Windschatten und setze mich auf einen Stein. Hier muss ich mich entscheiden.

Ich wollte so gerne noch weiter über den Grat gehen. Weiter über den Pic de l’Infern und den Bastiments. Von dort oben soll man das erste Mal das Mittelmeer sehen können. Aber so wie es aussieht, wird der Grat dort schmaler und felsiger. Das macht bei dem Wind nicht mehr so viel Spaß. Und ich würde im Dunkeln absteigen müssen. Das ist mir zu heikel. Ich weiß nicht, wie steil der Weg ist. Da ich auch keinen Empfang habe, um nachzuschauen, ist der Grat wohl gleich am nächsten Pass für mich zu Ende. Da hätte ich heute Morgen früher losgehen müssen. Aber der Plan war ja eigentlich erst ganz anders mit der Übernachtung hinter dem zweiten Gipfel.
Wenn ich gleich ein bisschen absteige, kann ich auch bis zum nächsten Bach gehen und dort auf einer Hochebene mein Zelt aufschlagen. Dann hätte ich gar nicht so viel Wasser tragen müssen den ganzen Tag. Hoffentlich ist es da unten nicht so windig.
Na gut. Ich freunde mich mit dem Gedanken an. Jetzt hatte ich ja ganz viel Grat bei schönstem Wetter. Ein Stückchen folge ich dem Pfad noch weiter. Einen letzten Gipfel kann ich noch mitnehmen. Den Pic Superior de la Vaca auf 2.820 Metern Höhe.

Dann steige ich nun ab zum Pass. Hier wird es schon felsiger. Und vor mir sehe ich den Grat, den es weitergehen würde. Der wird hier sehr viel schmaler. Der höchste Gipfel hinten ist der Pic de l’Infern.

Stattdessen verabschiede ich mich nun von dem schönen Grat und steige über die Wiese nach unten. Um die kleine Steinhütte herum stehen ganz viele Gämsen. Sie scheinen nicht so menschenscheu zu sein hier. Erst als ich ziemlich nah bin, schauen sie hoch und hauen ab. Die Hütte ist wirklich nur für den Notfall gedacht. Man muss hinein kriechen durch den schmalen Eingang. Mehr wie eine Höhle.
Ich gehe über die Wiese, leicht hinab. Die Bachläufe sind trocken. Ich nehme meine Kapuze ab, um besser hören zu können. In der Ferne höre ich Wasser. Ich gehe bis zu dem Bach und entdecke etwas weiter auch eine ebene Fläche für mein Zelt. Hoffentlich bleibt es so windstill. Hier stehe ich mitten auf freier Fläche.
Gerade als ich mein Zelt aufgebaut habe, ziehen die ersten Wolken das Tal hinauf.

Ein paar Minuten später zieht die Wolke an mir vorbei und hüllt alles in ein milchiges Licht. Nach einer Weile löst sie sich auf. Dann kommen die nächsten weißen Schleier.
Ich hole Wasser am Bach und ziehe mich um. Ich bin richtig müde. Meine Füße habe ich jetzt schon seit einer Weile nicht mehr so stark gespürt. Ich esse und koche Tee. Dann höre ich mein Hörspiel.

Geschrieben wird heute nicht mehr. Ich mache schon mit dem Sonnenuntergang meine Augen zu. Und beschließe dabei, mir morgen einen ganz entspannten Morgen zu gönnen und dann in Ruhe zu schreiben. Durch die letzten langen Tage und da ich keine Lust hatte, nachmittags schon mein Zelt aufzustellen, bin ich sowieso viel weiter als geplant. Und dabei will ich noch gar nicht richtig ankommen. Wenn ich auf die Karte schaue, habe ich gar nicht mehr so viel vor mir.
Sven
Das war ja heute eine richtige Gipfelreise. Megatolle Bilder und es ist trocken und keine Gewitter. Genau passend für so eine Grattag.