Gegen 1 Uhr wache ich auf. Es tröpfelt. Der Regen sollte doch erst nachmittags kommen. Ich hole schnell meine Klamotten rein und lege mich wieder hin.
Eine Stunde später. Der Himmel wird immer wieder von Blitzen hell erleuchtet. Manche sind so grell, dass ich die Augen zusammenkneife. Na toll. Zumindest bin ich hier unten im Tal und nicht schon weiter aufgestiegen. Das gefällt mir trotzdem nicht. Ich zähle die Sekunden nach jedem Blitz, aber es kommt kein Donner. Dann irgendwann kommt das Gewitter schnell näher und plötzlich ist alles durcheinander. Ein Blitz nach dem nächsten und ein ununterbrochenes Donnergrollen. Es wirkt total surreal, es ist dabei komplett windstill und trocken.
Ich fühle mich nicht wohl in meinem Zelt. Ich sitze da und warte, aber ich habe Angst. So viele Blitze auf einmal habe ich noch nicht erlebt. Ich schaue nochmal in den Wetterbericht. Jetzt Gewitter, dann Hagel und den Tag über wieder schönster Sonnenschein und über 30 Grad. Ich möchte nicht hier im Zelt sitzen. Das Gebäude mit dem Laden nebenan hatte, meine ich, ein Vordach. Ich ziehe mir schnell Socken, Fleecepulli und Regenhose und -jacke drüber. Nehme meine Stirnlampe und laufe durch den Regen ums Gebäude. Ich setze mich auf einen der Stühle, da werde ich nicht nass und fühle mich irgendwie sicherer. Jetzt sitze ich da, beobachte das Schauspiel und warte ab. Etwa eine Stunde später ist es weitergezogen und ich lege mich wieder hin. Jetzt bin ich froh über meinen dicken Schlafsack, der mich schnell wieder aufwärmt.
Das war nicht viel Schlaf heute Nacht und dementsprechend müde bin ich morgens. Ich bleibe noch ein bisschen liegen, bevor ich mich zum Aufstehen überreden kann. Ich wollte ja vor der Sonne los. Es wird doch 8 Uhr. Ich nehme zum Wachwerden erst nochmal ein kühles Bad im Fluss und mache einen kurzen Umweg, um mein Wasser aufzufüllen. Dann geht es über eine unscheinbare Treppe an einem Wohnhaus vorbei und direkt steil nach oben. Ich hatte gar nicht so einen schönen Bergpfad erwartet. In Kehren über Felsen nach oben.
Schon nach den ersten Höhenmetern habe ich nochmal einen Blick von oben auf Aldudes.

Heute wird es den ganzen Tag überwiegend nach oben gehen. Das sollte über die Kilometer verteilt nicht ganz so steil sein. Da ich an den Nord- und Westhängen entlang gehe, habe ich auch noch bis halb 10 Ruhe vor der Sonne.

Es geht über einen schmalen Pfad durch Farn. Heute mal ohne Dornen. Oder fast ohne. Das sieht schön aus, so bunt. Es leuchtet so schön herbstlich.

Ich folge eine Weile einer Straße. So sehen hier überall die Straßenschilder aus. Die sind mir in Hendaye am Anfang schon aufgefallen.

Es geht über grüne Bergrücken. Das ist echt angenehm auf dem weichen Gras zu laufen. Sanfte Wiesenberge.

Da ich schon wieder dazu neige, tagsüber keine oder wenig Pause zu machen, mache ich mir heute einen Plan. Alle 5 Kilometer ist Pause angesagt. Und alle 50 Höhenmeter einen Schluck trinken, damit ich etwas gleichmäßiger trinke. Das ist bestimmt gut bei der vielen Sonne. Die erste Pause mache ich auf dem Gipfel Errola auf 908 Meter Höhe. Der höchste Berg bisher.

Das ist eine schöne Aussicht bei so klarem Himmel. Wobei es in der Ferne sehr diesig ist.

Nach dem Abstieg komme ich auf eine Teerstraße. So sehen die nächsten Kilometer aus. Es ist etwas langweilig. Aber so schaffe ich auch einfach ein paar mehr Kilometer. Mir kommt die ganze Zeit nur ein Auto entgegen und 2 Motorräder überholen mich.

Ich habe mein Solarpanel wieder hinten an den Rucksack gehängt. Dafür ist dieses sonnige Wetter natürlich perfekt. Das funktioniert super. Eine Powerbank ist schon komplett geladen. Es dauert etwas länger, aber es macht ja nichts, wenn es den ganzen Tag dauert.
Ich schaue immer wieder auf meine Uhr. Auf die Höhenanzeige. Jetzt bin ich das erste Mal auf 1.000 Meter. Genau zur Mittagszeit, um 12 Uhr. Die ersten 800 Höhenmeter habe ich schon hinter mir.

Da ich an ein paar funktionierenden Wasser-Zapfsäulen vorbeikomme, kann ich genug trinken und muss nur meine Flasche auffüllen und nicht so viel extra tragen. Ich halte mich auch daran und mache nach etwa 10 Kilometern nochmal eine kleine Pause. Suche mir einen Schattenplatz, setze den Rucksack ab und strecke die Beine aus. Das Laufen ist einfacher als die letzten Tage. Ich habe wohl so langsam meinen Rhythmus und mein Tempo wiedergefunden. Die Berge geht es gleichmäßig langsam hinauf, damit komme ich am besten klar.
Ich komme zu der letzten Wasserstelle, die auf meiner Karte eingezeichnet ist. Gut, dass da groß „Eau“ an dem Bunker steht, sonst hätte ich den kleinen Hahn vielleicht übersehen. Dann muss ich jetzt genug Wasser bis morgen früh mitnehmen. Das merke ich dann schon, wenn der Rucksack plötzlich 2 Kilo schwerer ist.

Schon als ich der Wegkreuzung mit der Wasserstelle näher komme, weiß ich instinktiv, dass mein Weiterweg der ist, der steil die Wiese hinaufführt. Ich schaue erstmal nicht auf die Karte, so kann ich noch hoffen, dass ich vielleicht doch rechts oder links einem weniger steilen Weg folgen kann. Ich stelle mich aber trotzdem schonmal drauf ein. Und natürlich ist es auch so. Also geht es von der Straße weg und langsam in der knallenden Sonne die Wiese nach oben. Immer wieder ist der Boden komplett übersäht von Schafskötteln.
Der Berg da hat ein Horn auf der Nase. Einhorn-Berg.

Ich erreiche meinen ersten Gipfel auf über 1.000 Meter Höhe. Yeah. Schon auf dem Weg habe ich mich immer wieder umgeschaut und musste grinsen. Die Höhe fühlt sich gut an. Die Aussicht wird besser. Es fühlt sich immer mehr nach Gebirge an. Das ist der Anfang und es wird noch viel besser werden.
Auf dem Lindus auf 1.220 Metern finde ich am Boden eine kleine Metallbox in Form eines Hauses. Mit Schublade, wo vielleicht mal ein Gipfelbuch drin lag. Jetzt liegt dort ein Zettel von jemandem, der wohl gestern hier oben war.


Auf schönen Wiesenwegen geht es abwärts. Mir kommen 2 andere Wanderer entgegen. An einem Wanderparkplatz folge ich dann wieder der Straße.

Wie schön, dass es nun mehr durch den Wald geht. Der Schatten ist angenehm. Wobei der viele Wind die Hitze heute auch sehr viel erträglicher macht.
Irgendwann höre ich Motorengeräusche. Ich komme einer großen Passstraße immer näher. Schon von weitem sehe auf der anderen Seite der Straße, wo der Weg weitergeht, ganz schön viele andere Wanderer. Dort folge ich nun ein ganzes Stück dem Camino Francés. Dem klassischen und beliebtesten aller Jakobswege. Nur dass ich die einzige bin, die in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Leute kommen mir alle entgegen. Viele mit einem Holzstab als Wanderstock und einer Muschel hinten am Rucksack. 2 Frauen sprechen mich auf Englisch an und fragen was ich mache. Viele wünschen „Buen Camino“. Ich wundere mich über die vielen kleinen Rucksäcke. Vielleicht schlafen sie nur in Pilgerherbergen und brauchen daher nicht viel Ausrüstung. Oder vielleicht kann man selbst den Jakobsweg inzwischen mit Gepäcktransport gehen.
Ich folge der Schotterstraße nach oben. Die Kehren werden über schmale Pfade über die Wiese abgekürzt. Hier ist alles gut markiert mit der gelben Muschel und roten Strichen. Die letzten Höhenmeter für heute. So langsam bekomme ich Kopfschmerzen. Zu viel Sonne wahrscheinlich. Ich bleibe immer wieder stehen, wenn ein paar Bäume etwas Schatten spenden. Dann ist der Pass erreicht und es geht nur noch leicht bergab. Schon besser.

Mein Kilometer-Tagesziel habe ich schon längst erreicht. Ich habe gestern Abend noch lange auf die Karte geschaut und mir einen Plan für die nächsten Tage zurechtgelegt. Ich möchte in 7 Tagen in Lescun sein, also nächsten Sonntag. Der Supermarkt dort hat laut Google Maps auch sonntagabends geöffnet, dafür dann montags und dienstags geschlossen. Hinter dem Ort gibt es einen Campingplatz, da möchte ich am Montag meinen ersten Pausentag machen. Wenn ich bis dahin ohne zurecht komme.
Ich finde entlang der Straße in einem Waldstück einen guten Zeltplatz. Da aber immer noch Gewittter angesagt sind, ist mein Ziel eine kleine Hütte, die direkt am Weg liegt. Das Refugio de Izandorre ist eine kleine Schutzhütte mit Kamin und einer Eckbank, wo Platz für 2 Leute zum Schlafen ist. Perfekt. Hier kann ich auch der Sonne entkommen. Erstmal gibt es was zu Essen.

Zum Schlafen stelle ich aber lieber mein Zelt neben der Hütte auf. Da fühle ich mich immer am wohlsten, da sind die Zeltwände mein Schutz vor der Außenwelt. Nur blöd, dass es nur auf der Südseite der Hütte eben genug ist für das Zelt. Der Wind kommt auch aus Süden. Es ist aber nicht allzu windig. Und falls es gewittert, kann ich immer noch umziehen in die Hütte.

Ich sitze draußen im Gras, genieße den Ausblick und beobachte die ganzen Leute, die sich hier den Berg hochkämpfen. Eine Spanierin bricht in Tränen aus und macht lange Pause an der Hütte. Ich unterhalte mich mit einem französischen Pärchen, das mir ein Baguette anbietet.
Ich teile mir meinen Schlafplatz mit Pferden, Schafen und Kühen. Abends kommen sie alle den Berg herunter, um an dem großen Wassertrog zu trinken. Gut, dass ich das jetzt schonmal sehe, dann bekomme ich heute Nacht keine Angst. Die Pferde galoppieren direkt an meinem Zelt vorbei. Aber keines der Tiere interessiert sich für mich oder kommt dem Zelt oder der Hütte näher. Ich bin gespannt, ob die Tiere nachts auch schlafen oder ob ich die ganze Nacht das Glockengeläut höre.
Ich lege mich früh hin. Mein Zelt flattert ganz schön im Wind. Ich schreibe noch ein bisschen, dann bin ich zu müde. Ich liege allerdings nur wach. Der Wind wird immer stärker. Ich habe keine Angst, dass mein Zelt nicht hält, aber es ist sehr laut und die Zeltwände flattern. So bekomme ich nicht viel Schlaf. Ach Mann. Gegen Mitternacht entscheide ich dann mein Zelt abzubauen und mich doch in die Hütte zu legen.
Sven
Ich finde die Bilder einfach traumhaft. Es sieht so unberührt aus dort oben. Wenn da nicht die Menschen wären. 😉 Bald sollten dann aber auch Nächte kommen, wo du mehr schlafen solltest. Gespannt bin ich darauf welche nächsten Abenteuer auf dich warten.
Pass auf dich auf und trink genug.
Thomas
Gut, dass es mit den Dornen etwas besser geht. Wie ist das eigentlich mit den Zapfstellen fürs Wasser gedacht. Sind die „nur“ für die Wanderer da? Sowas kenne ich aus „meinen“ Wandergebieten eher nicht?
Sophie
Hi Thomas,
ich kannte das auch vorher nicht. Die sind für alle, die da vorbeikommen. Aber ich denke hauptsächlich Wanderer und Schäfer. Liegt wohl an den vielen freilaufenden Tieren und dass man daher das Wasser aus den Bächen oft nicht ungefiltert trinken kann.