Der Wind ist so stark, zwischendurch hört es sich an, als wollte er die Hütte auseinandernehmen. Die Tür poltert immer wieder, die Plastikfolie, mit der ein kaputtes Fenster zugeklebt ist, flattert, der Kamin rumpelt. Ich mache kein Auge zu. Gefühlt schlafe ich gar nicht. Ich weiß es nicht. Hoffentlich habe ich auch genug Energie und der Körper ruht aus, wenn ich einfach nur da liege.

Heute ist ein ganz entspannter Start. Ich räume meine Sachen ein, telefoniere mit meinem besten Freund und schreibe. Bis ich losgehe, ist es 10 Uhr. Und immer noch ziemlich windig. Da ziehe ich lieber meine Jacke über. Den Schauer vorher habe ich kaum mitbekommen als ich ins Schreiben vertieft war. Jetzt ist es wieder trocken.

Auf der Schotterstraße folge ich weiter dem Jakobsweg in entgegengesetzte Richtung.

Ich gehe einen kleinen Umweg, um an der einzigen Trinkwasser-Quelle heute vorbeizukommen. Mir kommen zwei Kerle entgegen, die ich nach dem Wasser frage. Es ist welches da, wenn auch nur ein Rinnsal. Man muss Geduld haben, seine Flasche damit aufzufüllen. Als ich weitergehe, sehe ich eine ganze Traube von Menschen. Stehen sie etwa alle Schlange am Wasserhahn?

Da stehen bestimmt 10 Leute. Die meisten sind zum Glück schon versorgt. Ich bin recht schnell dran und fülle meine Flasche. Dann lasse ich erst noch jemand anderen dran, bevor ich auch meine 2 Liter Blase voll mache. Das dauert. Wir unterhalten uns dabei in einem Mix aus verschiedenen Sprachen. Eine Frau aus Korea, ein Kerl aus Sri Lanka, der in Frankreich wohnt, ein Franzose und ein Holländer, der mit seinem Freund zusammen auch den HRP wandert. Eine so bunte Gruppe.

Bald gehen alle nach und nach weiter und irgendwann sitze ich alleine da. Ich fülle meine Flasche nochmal auf, die habe ich gerade beim Warten direkt wieder ausgetrunken.

Es kommt noch ein älteres Pärchen vorbei. Sie fragen, ob ich aus Kanada sei. Das höre ich zum ersten Mal, dass mein Englisch sich kanadisch anhört. Sie sind aus Norwegen, aus Stavanger. Oh cool. Ich erzähle gleich von meiner Norge på langs Wanderung und wir quatschen eine ganze Weile. Das ist ein schönes Gespräch, sehr nette Leute.

Dann geht es mal weiter. Den Jakobsweg lasse ich jetzt hinter mir. Inzwischen ist es halb 12 und ich habe gerade mal 3 Kilometer geschafft. Ich gehe an den Pferden vorbei, die hier überall frei herumlaufen.

Ich bin müde und gähne vor mich hin beim Gehen. Der Weg ist ein breiter Wiesenweg. Die beiden Holländer sind ein Stück vor mir. Sie scheinen nicht sehr gesprächig. Wir überholen uns immer wieder gegenseitig heute.

An einem Abzweig folge ich einem Pfad, der später wieder auf den breiten Weg trifft. Ich freue mich, dass die Spur so gut zu erkennen ist.

Erst als ich irgendwann nochmal auf die Karte schaue, sehe ich, dass ich viel zu weit oben am Hang bin. Es gibt zig angedeutete Spuren, wahrscheinlich von den Tieren. Also geht es wieder durch Farn und Dornen. Den Hang im Zick Zack hinab, nach dem Pfad Ausschau haltend. Ich bin froh, als es irgendwann weniger steil ist und ich einfach über die Wiese laufen kann. Als ich nach unten schaue, sehe ich zig neue blutige Schrammen an meinen Beinen. Ich sehe aus.

Ich komme am Azpegiko Pass raus und muss nun ein ganzes Stück der Straße folgen. Es hat sich zugezogen und ich gehe durch dichten Nebel. Zwischendurch kann ich gerade mal 5 Meter weit gucken, dann sehe ich zumindest wieder, dass die Holländer vor mir gehen.

Die Straße zieht sich. Vom Asphalt laufen werden die Füße so viel schneller müde. Und ich merke meine Hacken wieder. Die sind beide etwas wund und aufgescheuert. Ich habe gestern Abend meine Füße nur eingecremt und nichts drüber gemacht. Das muss ich dann für morgen wohl doch machen. Das ist ärgerlich, das hatte ich noch nie in den Schuhen. Oder besser gesagt beim Vorgängermodell nicht.

Irgendwann zeigt ein roter Pfeil auf einem Stein auf die Kuhweide. Einen Pfad sehe ich zwar nicht, aber meine Karte sagt auch, dass es da runter geht. Eine helle Kuh mit großen Hörnern kommt zwei Schritte auf mich zu. Ich gehe etwas zurück. Sie bleibt zum Glück stehen und ich gehe im großen Bogen weiter. Es geht einen Pfad durch hohes Gras hinab.

Unten führt ein Holzsteg über den Bach. Das ist ja schön hier. Das ist eine super Gumpe zum Baden. Da ich die anderen hinter mir vermute, gehe ich aber nur mit den Füßen ins Wasser. Das tut gut. Ich mache eine Weile Pause am Pont de Chubigna. Das Schild entdecke ich an der Seite der Brücke.

Dann geht es weiter durch das hohe Gras. Der Pfad ist sehr schmal an dem steilen Hang. Ich konzentriere mich auf meine Tritte. Ich verliere zweimal ein bisschen das Gleichgewicht und schiebe es auf den Schlafmangel. Also noch vorsichtiger gehen.

Es folgt der Anstieg zum Erroitzateko Pass. Die letzten 300 Höhenmeter. Schade, dass ich gar nicht sehen kann, was so um mich herum ist.

Zum Schluss geht es weglos die steile Wiese hoch. Das ist nochmal anstrengend. Eigentlich soll ich an einer Straße rauskommen. Ich peile den Grenzstein an. Ach, da ist die Straße ja, direkt neben mir. Habe ich nicht gesehen im Nebel. Und auch die Holländer ein paar Meter weiter höre ich nur.

Es ist ganz schön frisch hier oben in der Wolke. Ich bin geschwitzt und friere bei dem Wind direkt. Vor allem meine Ohren sind eisig. Also schnell die Mütze auf und Jacke angezogen.

Jetzt geht es nur noch runter und dann finde ich hoffentlich einen Zeltplatz. Eine Empfehlung habe ich auf meiner Karte markiert. Erstmal muss ich aber den richtigen Weg finden. Es geht weiter über die Wiese. Einen Pfad sehe ich nicht. Der Nebel macht es auch nicht einfacher. Also schaue ich beim Gehen auf mein Handy, um dem eingezeichneten Pfad halbwegs zu folgen.

An Kühen und Schafen vorbei, über einen Bach, den Hang hoch und wieder runter. Mal gibt es einen deutlichen Pfad, dann wieder viele verschiedene oder auch gar keine Spur. Das ist ein bisschen nervig. Und als ich irgendwann viel zu tief am steilen Hang stehe, quere ich einfach den Bach, gehe den Pfad zu einem kleinen Hof hinauf und von da auf die Straße. Die führt nämlich parallel auch hinab ins Tal.

Die ebene Wiese direkt am Bach eignet sich perfekt zum Campen. Die Holländer sind auch schon da und bauen ihre Zelte dort auf. Es gefällt mir allerdings nicht, direkt neben der Straße und auch nicht direkt neben ihnen mein Zelt aufzubauen. Also schaue ich mich um. Auf der anderen Seite steht ein großes, verlassenes Steinhaus mit Stall hinten dran. Daneben sind ein paar Büsche und zum Bach hin passt perfekt mein Zelt. Dann bin ich etwas blickgeschützt und für mich.

Es ist fast windstill. Heute Nacht werde ich mehr und besser schlafen. Beschließe ich. Ich habe keinen Empfang, also rufe ich den Wetterbericht über meinen Notfallsender über das Satellitennetz ab. Heute Nacht um 2 Uhr soll es eventuell gewittern. Zur Not kann ich mich ja in der Scheune am Haus unterstellen. Dann muss ich einfach früh schlafen, um vorher schon ein paar Stunden Schlaf zu sammeln.

Erstmal das Zelt aufbauen, Luftmatratze aufpusten, im Bach waschen, warme Sachen anziehen. Und Essen. Ich habe so einen Hunger.

Heute Abend gibt es gleich zwei meiner Fertiggerichte. Bacalao, ein norwegischer Eintopf mit Kartoffeln, Tomaten und Dorsch. Wobei das Gericht ursprünglich aus Portugal kommt, habe ich in Norwegen gelernt. Und danach noch eine Kebabpfanne mit Reis. Beides sehr lecker. Ich esse viel zu wenig im Moment. Bei der Hitze habe ich tagsüber kaum Hunger, mein Magen knurrt aber trotzdem irgendwann.

Der Platz hier ist herrlich. Das ist mein Blick aus dem Zelt. Der plätschernde Bach direkt vor der Haustür. Sauber und eingekuschelt in meinen Schlafsack. Was warmes zu Essen. Die Füße müde vom Tag. Ausruhen nach der Anstrengung. Was gibt es schöneres?!

Ich könnte auch direkt die Augen schließen. Aber erst wird noch geschrieben. Es fahren ein paar wenige Autos vorbei. Niemand hält an, um mich hier zu verscheuchen. Irgendwann wackelt mein Zelt kurz. Dann nochmal. Was ist das denn? Ich schaue raus. Die Pferde sind wieder da und grasen um mein Zelt herum. Ein Fohlen hat dabei wohl den Hering und die Zeltschnur untersucht. Es geht aber gleich zwei Schritte zurück als ich aufstehe. Nach einer Weile dreht es sich um und grast weiter.


17,8 km
4:55 h
605 hm
1.069 hm
1.350 m