Ich konnte gestern ewig nicht einschlafen. Ich wusste nicht, wie ich liegen sollte, dass keine Wunde berührt wird. Ich hatte Angst, dass der Schlafsack sonst festklebt morgens. Und es tat einfach weh. Irgendwann bin ich dann wohl doch eingeschlafen. Morgens bin ich zumindest erstmal besser drauf als gestern Abend. Ich liege eine ganze Weile da und schaue aus dem Fenster. Es ist nebelig und regnet.

Erster Test. Ich kann ohne Schmerzen auftreten. Das ist schonmal besser. Der rechte Fuß ist auch nicht mehr so geschwollen und pocht nicht mehr. Wenn ich die Stelle berühre, tut es noch genauso weh. Jetzt ist die große Frage, was ich heute mache.

Ich könnte einen Pausentag einlegen. Die Zeit dafür habe ich. Ich habe jede Woche einen Pausentag eingeplant und auch so noch ein bisschen Puffer. Ich habe also keinen Zeitdruck. Es fühlt sich gar nicht so an, als ob ich schon eine ganze Woche unterwegs bin. Andersherum fühlt sich der Start in Hendaye am Strand total weit weg an.

Der Wetterbericht kündigt bis heute Abend nur Regen an. Morgen soll es bis mittags einen Sonne-Wolken-Mix geben, dann wieder Regen. Am Samstag Sonnenschein. Dann Gewitter am Sonntag. Ich schaue mir die Karte und die Wege nochmal genau an. Als nächstes steht ja der Orhy Gipfel als erster 2.000er auf meinem Plan. Und da möchte ich auch unbedingt hoch und den Gipfel nicht umgehen. Das macht allerdings mehr Spaß, wenn es trocken und der ausgesetzte Grat nicht so rutschig ist.

Etwa 2 Stunden von hier, bevor dann der Aufstieg zum Gipfel beginnt, finde ich eine kleine Hütte. Die Bilder sehen auch so aus, als könnte ich da gut mein Zelt aufstellen. Dann kann ich doch heute den ganzen Tag meine Füße schonen, heute Abend die 2 Stunden zur Hütte gehen und morgen früh auf den Gipfel und mittags schon wieder unten sein, wenn es wieder regnet. Klingt nach einem guten Plan.

Ich gönne mir eine Dusche, ziehe mich an, packe meine Sachen und setze mich unten in die Stube. Eine Gruppe Franzosen bricht gerade auf und verabschiedet sich. Isabel, eine ältere Portugiesin ist noch da. Mit ihr habe ich gestern schon gequatscht. Sie ist zum Vögel beobachten hier. Das Ornithologische Zentrum habe ich auf dem Weg hierher gestern auch gesehen.

Ich verbringe die Zeit bis nachmittags damit, von gestern zu schreiben und Toast mit Kiwi-Marmelade und mit Schinken zu essen. Isabel bietet mir an, mitzukommen und ein paar Vögel zu sehen. Falls mir langweilig würde. Nördlich von England gäbe es gerade einen starken Sturm, weswegen viele Meeresvögel hier runter kommen. Sie ist ganz gespannt, ob sie eventuell Vögel sehen, die es sonst nicht hier gibt. Interessant. Ich bin zwar immer dafür, neue Sachen kennenzulernen, aber dazu müsste ich meine Schuhe anziehen. Und meine Fuß-Ruhepause hätte ihren Sinn verfehlt. Also heute nicht.

Das Putz-Team kommt zwischendurch, aber ich darf einfach sitzen bleiben. Sie fragen mich sogar, ob es stört, wenn sie Musik anmachen. Ich prüfe nochmal den Wetterbericht. Hey, jetzt soll es morgen doch den ganzen Tag regnen. Dann hat meine Idee, morgen früh den Gipfel zu besteigen, keinen Sinn. Es geht den ganzen Tag hin und her in meinem Kopf. Bleiben, gehen, wann, wie lange Pause bräuchten meine Füße. Ich habe den Hinweis im Kopf, dass man sich lieber direkt kümmern und Pause einlegen sollte, bevor es immer schlimmer wird und man hinterher ein größeres Problem hat. Ich verstehe immer noch nicht, woher das jetzt kommt. Das hatte ich die letzten 3 Wanderungen nicht mehr. Keine Probleme mit Blasen oder Druckstellen. Der einzige Unterschied ist das neue Modell meiner Schuhe und dass ich sie dieses Mal eine halbe Nummer größer gekauft habe.

Ich telefoniere und quatsche mit den französischen Wanderern, die nachmittags ankommen. Einer von ihnen geht auch den HRP, ist aber in Banyuls-sur-Mer gestartet und nun fast am Ende angekommen. Er hat den Orhy Gipfel heute ausgelassen.

Dann entscheide ich mich endlich dafür, noch eine Nacht zu bleiben und meinen Füßen die Chance zur WUNDerheilung bis morgen zu geben. Wundheilung und schnellste Wunderheilung bitte. Ich laufe also zur Rezeption und bezahle nochmal 18 €. Ich schnüre meine Schuhe nur locker und kann halbwegs normal gehen. Meine rechte Ferse spüre ich gar nicht mehr, die linke schmerzt, aber erträglich und die rechte Innenseite tut noch ziemlich weh. Aber es ist besser geworden, das macht Hoffnung für morgen.

Ich bekomme wieder dasselbe Zimmer und mache es mir auf dem Bett bequem. Schreiben, Hörspiel hören, vor mich hin träumen und ein bisschen weiter planen. Ich bin nicht sicher, ob ich in der nächsten Hütte vorher einen Schlafplatz reservieren muss. Nach dem Orhy Gipfel lerne ich die erste bewirtschaftete Pyrenäen-Berghütte kennen. Ich bin gespannt, was es da so zu essen gibt. Die Hütte ist allerdings auch mit dem Auto erreichbar, kann also schon nicht meine Lieblingshütte werden.

Ob ich jetzt morgen früh starte oder morgen Abend und dann doch erst am Samstag bei Sonne auf den Gipfel steige, entscheide ich morgen. Heute haben meine Füße schon gewackelt, sie wollen so gerne weitergehen. Aber nicht mit Schmerzen. Ich kann nicht bei jedem Gipfel auf gutes Wetter warten auf so einer Tour. Aber der Regeneration kommt es ja gerade zugute. Und ich habe die Zeit. Auch wenn ich mir das immer wieder sagen muss. Das ist schwer zu fassen, wenn man den größten Teil der Tour noch vor sich hat.