Als ich heute Nacht aufwache, sehe ich durch das Dachfenster direkt über meinem Bett die Sterne funkeln. Morgens lasse ich mir Zeit. Wenn ich nur 2 Stunden brauche zu der Hütte vor dem Aufstieg zum Gipfel, reicht es auch, wenn ich heute Nachmittag erst losgehe. Ich habe nur keine Lust mehr, hier herumzuhängen. Also mache ich mich fertig und tape großzügig meine Füße. Hoffentlich funktioniert es. Ich schnüre meine Schuhe nur locker, es geht nicht viel bergab heute. Wasser muss ich komplett auffüllen, da es eventuell bis morgen Abend reichen muss.

Um Viertel nach 10 mache ich mich auf den Weg. Ganz entspannt. Meinen Füßen geht es besser. Es schmerzt nicht mehr so stark, dass ich humpeln muss. Im Gegensatz zu den letzten beiden Tagen ist es gut erträglich. Ich folge einem Weg in den Wald, direkt steil nach oben, an Chalets vorbei. Der Grat ist ausgeschildert, ich frage mich nur, wieso man 1,5 Stunden für das kleine Stückchen den Berg hoch brauchen soll. Zumindest gibt es einen gut sichtbaren Pfad.

Es ist ganz schön windig. Ich ziehe schnell meine Regenjacke über. Die tief hängenden Wolken versprühen immer wieder feine Regentropfen. Es ist so sehr abgekühlt, es kommt mir richtig kalt vor nach den heißen Tagen. Es sind bestimmt nicht viel mehr als 10 Grad. Bei dem starken Wind halte ich ein bisschen mehr Abstand zu der Kante und stehe schon nach einer halben Stunde auf dem ersten Gipfel. Natürlich wie so oft hier inmitten von Schafskötteln. Der Organbidexka auf 1.445 Meter Höhe.

Die Aussicht ist trotz vieler Wolken klasse.

Nach einer weiteren Viertelstunde über die Wiese stehe ich schon am nächsten Gipfel. Auf dem Mehatze auf 1.442 Metern. Die beiden Gipfel sind nichts besonderes, aber sie sind auf der Karte eingezeichnet, also gibt es auch ein Gipfelfoto. Hier allerdings nur schnell aus der Hand, damit meine Kamera nicht wegfliegt.

Die Wiese ist ein sanfter Untergrund für die Füße. Ich bin froh, dass der Tag Pause gestern so viel gebracht hat und es so schnell besser geworden ist mit meinen Füßen. Hier geht es nun hinunter und den nächsten Hügel gegenüber wieder hinauf.

Der Weg ist ganz schön. Ich folge einem schmalen Pfad durch die Wiese in einem großen Bogen am Hang entlang. Erst auf einer Höhe, ein Stück nach unten durch den Wald und dann wieder hoch. Bei einer plötzlichen Windböe rutsche ich aus und sitze auf dem Hintern. Gerade da war die Erde nass und rutschig. Ansonsten ist der Weg trocken und gut zu gehen.

Am Pass Millagate angekommen, stehe ich auf einem breiten Bergrücken. Der Orhy liegt nun direkt vor mir, versteckt sich aber in den Wolken. Der macht sich heimlich hübsch, dass er sich mir morgen bei Sonnenschein in voller Pracht präsentieren kann.

Die Hütte kann ich von hier schon sehen. Ich gehe ein Stück die Wiese hinauf und suche den Pfad. Es ist so windig. Hoffentlich bietet die Hütte genug Windschutz für mein Zelt. Pfad gefunden, dann steht dem Aufstieg morgen ja nichts mehr im Weg. Ich gehe rüber zur Hütte. Es ist gerade mal 13 Uhr. Der Vorraum der Hütte ist offen, die Tür dahinter ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Direkt vor der Hütte kann ich mein Zelt aufstellen, dann stehe ich genau im Windschatten.

Tja, jetzt sitze ich hier. Dann kann ich mich ja umziehen und erstmal was essen. Ich rufe mit meinem Notfallsender nochmal den Wetterbericht ab. Empfang habe ich nicht. Es dauert eine Weile. Dann klicke ich die stündliche Vorhersage durch. Ernsthaft? Wieso soll es denn jetzt plötzlich heute den ganzen Tag trocken sein und morgen regnen? Es war doch die ganze Zeit Sonne angesagt für morgen. Die soll nun erst am Sonntag wiederkommen. Und ich hatte alles darauf ausgelegt. Enttäuschung macht sich in mir breit.

Was mache ich denn jetzt? Ich schaue nach oben zu den Wolken, die den Gipfel umhüllen. Wenn es morgen regnen soll, macht es keinen Sinn hier zu warten. Bei Regen wird es zu rutschig und zu gefährlich. Jetzt ist es auch schon so spät, wäre ich mal früher losgegangen. Aber das konnte ich ja nicht wissen. Soll ich es dann heute wagen? Aber was ist mit dem Wind? Der ist doch bestimmt oben in den Wolken noch stärker. Ich studiere die Karte. Über die Wiese nach unten würde ich auf den GR12 treffen, der den Berg etwas tiefer umrundet. Und wenn ich es versuche, würde es auch vor dem Gipfel noch einen Abstieg geben.

Ich schultere meinen Rucksack. Ein Versuch. Nur mal sehen, wie stark der Wind da oben ist. Eigentlich weiß ich jetzt schon ganz genau, dass es eine blöde Idee ist. Aber ich will es nicht wahrhaben. Also stapfe ich die Wiese nach oben und folge dem Pfad. Es wird schnell ziemlich steil. Ich habe so viel Energie, das macht nichts. Der Wind zerrt an mir. Ich muss mich richtig dagegen lehnen zwischendurch. Eine plötzliche Böe klatscht voll frontal gegen mich. Das ist viel zu gefährlich bei dem schmalen Grat, der da oben sein soll. Nur noch ein bisschen weiter, dass ich über die erste Kuppe schauen kann. Als der Wind noch stärker wird, knie ich mich hin, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Ich schaue nochmal auf die Karte. Das hat keinen Sinn so. Es ist zu windig und zu gefährlich. Hier habe ich ein wenig Empfang, aber es gibt keine Sonne mehr im Wetterbericht. Ich warte auf eine Windpause, bis ich mich traue, mich wieder aufzurichten. Das war es dann wohl mit dem Orhy Gipfel für mich. Es fühlt sich so an, als wolle der Gipfel mich nicht, als würde er gerade mit aller Macht versuchen, mich abzuschütteln. Traurig trotte ich die Wiese zurück nach unten. Mir laufen ein paar Tränen die Wangen runter. Das sollte doch der erste 2.000er Gipfel sein, ein ganz besonderer. Auf den Moment habe ich mich schon vor dem Start gefreut.

Das Wetter ist auch gar nicht so schlecht, gegenüber ist sogar ein wenig blauer Himmel zu sehen. Aber es soll nicht sein. Kann ich nicht ändern. Das ist trotzdem richtig gemein.

Dann geht es jetzt ein kleines Stück zurück und die Wiese nach unten. In der Senke ist eine Straße und da geht der GR12 ab. Je tiefer ich komme, desto mehr lässt der Wind nach.

Meine Füße sind in Ordnung, es tut nicht mehr weh als beim Losgehen. Das ist doch ein gutes Zeichen. Wenigstens etwas. Dann nehme ich jetzt halt den blöden, langweiligen Waldweg.

Hier ist es fast windstill und kaum zu glauben, dass es da oben so heftig weht. Als ich aus dem Wald komme, folgt ein Pfad durch das hohe Gras. Der Weg ist ja ganz schön. Immer wieder schaue ich sehnsüchtig nach oben.

Der Blick in die andere Richtung zeigt mehr grüne Grasberge.

Nach einer Kurve sehe ich ein Stück vor mir jemanden. Ich bin ganz überrascht, da habe ich nicht mit gerechnet. Ich habe den ganzen Tag noch niemanden getroffen. Ich überhole sie und muss noch ein kleines Stück Straße gehen. Durch den Tunnel muss ich zum Glück nicht. Der Wanderweg führt darüber her über die Wiese. So ein Warnschild habe ich auch noch nicht gesehen.

Nach 3 Stunden erreiche ich endlich die Kreuzung, wo ich auch vom Gipfel heruntergekommen wäre. Ich will kurz Pause machen, aber da fängt es an zu regnen. Dann eben nur im Gehen ein Riegel. Die Belagua Hütte ist mit 5:20 Stunden Gehzeit ausgeschildert. Da geht es dann morgen hin. Im Hintergrund sehe ich mal für einen kurzen Moment den Orhy ganz ohne Wolken. Das wäre ein schöner Gipfel gewesen.

Ich habe nun die Wahl. Entweder über den Grat weiterzugehen oder weiter unten am Hang entlang. Da es weiterhin hier oben so super windig ist, muss ich wohl auch diesen Grat streichen. Die Frau, die ich vorhin überholt habe, holt mich nun wieder ein. Sie geht den GR12. Sie will auch den unteren Weg nehmen, wir haben dasselbe Ziel für die Nacht. Also gehe ich ein Stück mit Orietta zusammen. Sie kommt aus der Schweiz.

Wir gehen ein paar Serpentinen die Straße hinab, dann zweigt der Weg ab. Es ist allerdings leider eine Schotterstraße. Mann, wie langweilig. Oben der Grat über die Wiesenberge sieht so schön aus. Das ist nicht mein Tag. Wir gehen ein Stück zusammen und unterhalten uns. Als ich nochmal kurz Pause mache, geht Orietta schon weiter. Ich stapfe alleine weiter. Das ist okay,  Meine Füße sind müde von dem eintönigen Gehen. Die nächsten Kilometer geht das genau so weiter. Ich kann die Straße schon sehen, wie sie um den Berg führt.

Ich gönne mir noch einen zweiten Riegel und stecke mir die Stöpsel in die Ohren, um mein Hörspiel beim Gehen weiterzuhören. Alles für ein bisschen bessere Laune. Mir kommen 3 Kühe entgegen. Als sie mich sehen, gehen sie ganz am Rand der Straße. Super, dann nehme ich die andere Straßenseite. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt mein Ziel in Sicht. Unten in einem langgezogenen Tal steht eine kleine offene Schutzhütte, die Ardane Hütte.

Ich biege zwischen den Schafen auf die Wiese ab, fülle mein Wasser an einem Schlauch aus einem unterirdischen Wasserspeicher auf und folge dem Pfad zur Hütte. Inzwischen ist es halb 7, das war jetzt doch ein langer Tag. An der Hütte treffe ich auf Pablo, einen Spanier. Er geht auch den HRP. Es sind also doch ein paar Leute unterwegs, die so spät gestartet sind wie ich. Ein Franzose ist auch noch da, der macht gerade ein Nickerchen. Ich quatsche mit Pablo, er kann gut Englisch. Dann suche ich mir einen Platz für mein Zelt. Orietta kommt auch an. Die drei wollen alle in der Hütte übernachten, es gibt einfache Holzpritschen. Ich schlafe lieber in meinem Zelt.

Ein bisschen unterhalb der Hütte finde ich eine etwas windgeschützte Senke. Es ist echt schön hier. An dem ganzen Tiermist auf dem Boden darf man sich nicht stören, sonst findet man keinen Schlafplatz.

Ich setze mich ein bisschen an den Bach und kühle meine Füße. Das Tape hat gut gehalten, das lasse ich noch drauf für morgen. Also tauche ich nur meine Zehen in das kalte Wasser und wasche mir den Dreck von den Beinen. Sogar die Sonne kommt raus. Das ist nun doch ein schöner Tagesabschluss.

Ich ziehe mich um und ziehe das erste Mal meine Daunenjacke über. Ohne Sonne ist es ziemlich kalt. Wir setzen uns zum Essen alle zusammen vor die Hütte. Jeder mit seinem Gaskocher. Das ist eine entspannte und lustige Runde. Der Franzose spricht nicht viel Englisch, also ist es eine Mischung aus Englisch und Französisch. Er geht auch den HRP, ist aber fast am Ende. Er ist vor 40 Tagen am Mittelmeer gestartet. Pablo war heute auf dem Pic d’Orhy. Er hatte keine Lust auf die Umgehung. Er sagt aber, dass es heikel war mit dem Wind und er hatte keine Sicht.

Der Vorteil ist, dass ich trotz Pausentag nun wieder in meinem ursprünglichen Zeitplan bin und am Sonntag in Lescun ankomme. Das ist auch das Ziel von Orietta und Pablo. Wir spaßen darüber, dass es Sonntagnachmittag ein Wettrennen zum Supermarkt geben wird, der nach uns dann leergekauft ist.

Es verabschieden sich alle früh ins Bett. Es geht wohl nicht nur mir so, dass ich nach den Wandertagen total müde bin und auch nach dem Ankommen direkt schlafen könnte. Bonne nuit. Buenas noches. Gute Nacht.


23,8 km
6:30 h
1.163 hm
1.194 hm
1.593 m