Ich kann nicht einschlafen abends. Vielleicht bin ich zu angespannt beim Gedanken, dass es nachts gewittert. Um Mitternacht schaue ich nochmal aus dem Zelt, da ist der Himmel sternklar. Ich liege die ganze Zeit einfach da und höre mein Hörspiel. „Laufen. Essen. Schlafen.“ von Christine Thürmer. Das Buch habe ich zwar schon gelesen, aber das ist ein paar Jahre her. Ich höre mir ihre Geschichten auf den drei großen amerikanischen Fernwanderwegen an und denke immer wieder, dass ich bestimmte Situationen oder Gefühle unterwegs gut kenne oder sehr gut nachvollziehen kann.
Um Viertel vor Vier fängt es an. Es blitzt. Sofort bin ich hellwach. Ich stehe hier sicher, einfach liegen bleiben. Das tue ich. Aber sehr angespannt. Zig Blitze erhellen immer wieder den Himmel. Ist das Gewitter dann so weit weg oder ist es gemischt mit Wetterleuchten, wenn es gar keinen Donner gibt? Es fängt an zu regnen. Donner kommt auch dazu. Das geht 5 Stunden lang so. Den letzten Blitz sehe ich um Viertel nach 9. So ein langes Gewitter habe ich noch nicht erlebt. Zwischendurch gibt es kleine Pausen. Dann ist das Gewitter etwa 3 Kilometer entfernt, es kommt näher und ist zwischendurch direkt über mir. Dann wieder nur grelle Blitze. Pause. Alle 10 Minuten wieder Blitz und Donner. Zwischendurch prasselt der Regen so laut auf mein Zelt, dass ich den Donner kaum höre. Liegen bleiben kann ich nicht die ganze Zeit. Bei besonders grellen Blitzen und lautem Donner sitze ich plötzlich aufrecht. Ich bin so angespannt. Und so müde.
Ich hatte mir den Wecker auf 7 Uhr gestellt. Den mache ich wieder aus. Ich schaue auf die Karte und überlege, was ich mache. Die nächste Hütte ist nur 2 Stunden entfernt, aber ich muss 400 Höhenmeter nach oben und über einen Pass. Da ist es wahrscheinlich sicherer hier unten zu bleiben gerade. Also bleibe ich erstmal im Zelt.
Als es vorbei ist, beschließe ich noch zu warten. Mindestens eine halbe Stunde. Wenn es so lange keinen Blitz mehr gibt, dann überlege ich weiter. Mir fallen sowieso immer wieder die Augen zu. Viel Schlaf hatte ich nicht.
Ich rufe nochmal den Wetterbericht über meinen Notfallsender ab. Es soll jetzt eine längere Pause geben. Ab 13 Uhr dann die nächsten Gewitter. Bis heute Abend. Es hört auch auf zu regnen, also kann ich mein Zelt im Trockenen abbauen und das Wasser möglichst gut abschütteln. Ich hätte gerade auch nichts dagegen, einfach liegen zu bleiben. Aber ich will die Chance nutzen und es vor dem nächsten Gewitter zur Hütte schaffen.
Um kurz nach 11 Uhr gehe ich los. In Regenklamotten. Es ist zwar immer noch trocken, aber dann bin ich vorbereitet. Meine Regenhose rutscht zum Glück noch nicht, die sitzt ziemlich locker inzwischen.

Erstmal schauen, ob ich weiter um den See herumgehen kann und zurück zum Wanderweg komme. Oder ob ich denselben Weg wie gestern zurückgehen muss bis zum Abzweig. Der zweite Pfad, den ich ausprobiere, funktioniert. Ein paar Minuten später stehe ich auf dem markierten Pfad.
Es geht über einen steinigen Pfad durch den Wald, ein kleines Stückchen nach oben, dann runter. Mir kommt eine spanische Wandergruppe entgegen. Dann bin ich ja nicht die Einzige, die bei dem Wetter hier draußen unterwegs ist. Wobei ich mir vorstellen kann, dass sie nur von der Hütte zur nächsten gehen.
Unten auf einem Plateau gehe ich an einer alten Mine vorbei. In dem Eingang zum Tunnel hätte man sich auch gut unterstellen können. Das Gitter versperrt den Weg erst hinter der kleinen Eingangs-Höhle im Fels. Wobei mir das auch nicht so ganz geheuer wäre, aus dem Tunnel läuft eine Menge Wasser raus.
Jetzt geht es nach oben zum Pass.

Der Weg ist nicht immer gut zu erkennen und an einer Stelle nehme ich den falschen Pfad. Ich wundere mich, dass es nach unten geht. Ich möchte doch hoch. Zum Glück bin ich noch nicht so weit gegangen, als ich nochmal die Karte prüfe.
Ich schaue mich immer wieder um. Das Wetter ist eigentlich ganz gut gerade. Es ist die ganze Zeit trocken. Zwischendurch kommen sogar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Nur hinter mir an den Gipfeln hängen immer wieder dunkle Wolken.

Mir kommt ein älterer Spanier entgegen und fragt mich, wie weit es bis zur Hütte ist. Auf die Frage, wo ich herkomme, sage ich, ohne nachzudenken, dass ich im Zelt geschlafen habe. Er meint, dass das hier in der Umgebung verboten wäre. Ich erzähle ihm, dass ich extra die Grenze des Nationalparks nachgeschaut habe. Es gibt aber drumherum noch eine Schutzzone. Na, woher soll man das denn wissen. Er meint, dass das 200 € kosten würde, wenn ich erwischt werde. Ich bedanke mich bei ihm für die Infos. Was ich mies finde, ist, dass in den Wanderführern in diesem Gebiet Plätze zum Biwakieren empfohlen werden. Und nirgendwo wird das Verbot erwähnt.
Nach etwa 1,5 Stunden komme ich oben am Pass an. Hier müsste es doch vielleicht Empfang geben. Der nächste Ort ist nicht so weit weg. Gibt es aber nicht. Jedenfalls nicht direkt oben am Pass. Erst als ich ein Stück weiter unten bin, habe ich guten Empfang. Ich gebe kurz Entwarnung Zuhause, nachdem ich gestern über meinen Notfallsender geschrieben hatte, dass es gewittern soll. Außerdem prüfe ich den Wetterbericht. Mal wieder. Jetzt soll es nur noch zwischen 14 und 16 Uhr gewittern. Danach nicht mehr. Dann brauche ich ja auch nicht unbedingt zur Hütte gehen. Jetzt folgt eh ein langer Abstieg runter ins Tal. Und da kann ich mir doch irgendwo unten im Wald einen Zeltplatz suchen. Versteckt zwischen den Bäumen. Da unten passiert mir nichts und ich kann ein bisschen Schlaf nachholen.
Statt dem Pfad weiter am Hang entlang zur Hütte zu folgen, biege ich direkt nach unten ab.

Laut Beschreibung soll man sich einfach einen Weg den Hang herunter suchen. Querfeldein. Auf meiner Karte ist ein Pfad eingezeichnet. Ich gehe bis zur felsigen Kante, aber das sieht mir viel zu steil aus. Ne, darauf habe ich gerade keine Lust. Ich gehe zwar querfeldein, aber etwas weiter rechts von den Felsen. Wo ich mehr sehen kann und mir in Kehren einen Weg über die steile Wiese nach unten bahne.
Unten auf dem Plateau treffe ich auf den Pfad, der von der Hütte kommt und ins Tal führt. Erst muss ich aber den Bach queren. Da komme ich nicht mit trockenen Füßen rüber. Also ziehe ich die Schuhe aus und gehe vorsichtig durch das kalte Wasser. Es ist nicht so tief, aber die unebenen Steine sind rutschig. Vorsichtig teste ich jeden Stein, ich möchte mich nicht an den Füßen verletzen.

Ich folge einem Pfad über die Wiese und komme bald auf einen Forstweg. Das ist schön einfach. Etwa 3 Kilometer gehe ich auf dem breiten Weg das Tal hinab. Ich schaue mich um, hier finde ich auf jeden Fall einen gut getarnten Schlafplatz.

Bisher ist es weiter trocken. Ich habe noch Empfang und prüfe erneut den Wetterbericht. Jetzt soll es gar nicht mehr gewittern. Auch gut. Dann muss ich auch nicht hier im Tal bleiben. Dann kann ich noch ein Stück nach oben gehen. Und mich wieder warm laufen.
Weiter unten im Tal hört der Wald auf und ich weiche den Kühen aus. Hier finde ich eine große Infotafel zum Nationalpark. Und auch eine Karte mit der erweiterten Schutzzone. Meine letzten beiden Zeltplätze waren also nicht in Ordnung. Gut, dass der erste direkt am Weg lag und zig Leute an meinem Zelt vorbeigegangen sind. Wenn ich jetzt weitergehe, bin ich ab der nächsten Straße raus aus dem Gebiet. Sehr gut. Dann muss mich das ab heute Nacht nicht mehr kümmern.
Ich biege vom Forstweg auf die Kuhweide ab und folge Holzpfählen mit gelber Markierung. Vielleicht bin ich ja dann gleich wieder über dem Nebel. Hier unten ist es irgendwie kälter.
Ich steige durch den Wald nach oben. An einem kleinen Bach mache ich eine kurze Pause und fülle mein Wasser auf. Zwischendurch nieselt es ein wenig. Gegenüber schaut eine einzelner Gipfel aus den Wolken.

Nach 200 Höhenmetern bin ich wieder über den Wolken, die tief über dem Tal hängen. Schon besser.

Ich gehe durch ein Skigebiet, unter dem Lift her und komme zu einer Passstraße. Den kleinen Umweg zum Restaurant brauche ich wohl gar nicht gehen. Das hat bestimmt nur im Winter geöffnet. Auch hier ziehen immer wieder Nebelschwaden vorbei und lassen die Gegend ganz mystisch wirken.

Ich gehe ein Stück am Straßenrand entlang. Mir kommt nur ein Auto entgegen. Dann biege ich wieder auf die Wiese ab. Jetzt geht es nochmal 400 Höhenmeter nach oben. Ich habe erst Angst, dass es eine weglose Sucherei wird. Es gibt keinen Wegweiser und auf dem ersten Stück auch keinerlei Markierungen oder Steinmännchen. Ich freue mich, als ich dann einen gelben Strich sehe. Sehr gut, der Pfad ist doch markiert.
Der Weg ist ganz schön. Die ganze Zeit über die Wiese, ein einfacher Pfad. Genau das Richtige für heute.

Da vorne geht es hinauf. Über ganz sanfte Grashänge.

Ich gehe oberhalb des großen Sees am Hang entlang.

Zwischendurch sehe ich den See nicht mehr. Und vertue mich dann, als er wieder auftaucht. Ich denke, dass das schon der See ist, wo ich mein Zelt aufstellen will. Aber es geht erst noch über einen Pass rüber.

Auf der anderen Seite habe ich dann einen Blick auf meinen Schlafplatz. Unter dem Nebel ist auch noch ein größerer See zu erkennen.

Ich steige die 150 Höhenmeter zu dem kleinen See ab, zum Estanyoletes de Garrabea. Ich überlege, ob ich noch weitergehen soll. Es ist fast halb 6. Aber nein, ich schlage hier mein Zelt auf. Dann kann ich es im Trockenen aufbauen, bevor es anfängt zu regnen. Der Weiterweg führt über ein Blockfeld um den nächsten See herum. Das mache ich besser morgen früh. Hier finde ich doch einen schönen Platz.

Gerade jetzt fängt es natürlich an zu regnen. Also muss ich mein Zelt doch im Regen aufbauen. Und es ist echt kalt hier oben. Schon als ich die vier Ecken vom Zelt abgespannt habe, steht auf der Plane eine große Pfütze. Ich stelle es mit meinen Trekkingstöcken auf und spanne es mit zwei Leinen ab. Jetzt schnell rein. Irgendwo in der Ferne höre ich leises Donnergrollen. Es soll doch nicht mehr gewittern heute.
Ich muss erstmal aus meinen nassen Klamotten raus. Danach richte ich meinen Schlafplatz her. Luftmatratze aufpusten und rein in den Schlafsack. Irgendwie muss ich wieder warm werden. Ich koche Pasta Bolognese und einen Tee. Die Verpackung der Fertiggerichte eignet sich immer super als Wärmflasche, solange man die 8 Minuten wartet, bis das Essen fertig ist. Ich wärme meine Hände daran.

Ich habe gerade ein paar Löffel gegessen, da blitzt es. Und fängt an zu hageln. Nein. Bitte nicht. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Aber ich bin direkt wieder total angespannt. Ich kann nicht weiter essen, mir ist der Appetit vergangen. Wieso muss es wieder genau da gewittern, wo ich bin. Der Donner ist so laut. Das Gewitter ist keine 3 Kilometer entfernt. Ich zähle nach jedem Blitz die Sekunden. Ich sitze in meinem Schlafsack und überlege, ob es stimmt, dass die Luftmatratze einen vom Boden isoliert. Und was eigentlich passiert, wenn ein Blitz einschlägt. Dass man ja eigentlich nur vor den Blitzen Angst haben braucht, der Donner ist nur laut. Das Gewitter kommt noch näher, es ist nur noch 1 Kilometer entfernt. Ich merke, dass ich am ganzen Körper zittere. Ob jetzt vor Kälte oder Angst. Vielleicht beides. Nur ganz langsam entfernt es sich wieder. Nach endlosen 30 Minuten ist der Spuk vorbei.
Der Donner grollt weiter in der Ferne, Blitze sehe ich nicht mehr. Ich atme auf. Und dann kommen die Tränen. Ich glaube, mein Gewitter-Aushalte-Level ist weit überschritten heute. Erst heute Morgen so lange und jetzt nochmal. Ich liege eine Weile da, vergrabe mein Gesicht in meinem Pulli, den ich als Kopfkissen benutze und schluchze laut.
Als ich mich wieder beruhigt habe, esse ich etwas lustlos die fast kalten Nudeln. Ich möchte nicht hier sein. Doch, ich möchte hier sein. Aber nicht unter den Bedingungen. Ich rufe nochmal den Wetterbericht ab. Das Gewitter um 18 Uhr wird angezeigt, danach keine Gewitter mehr. Jedes Mal wenn der Donner etwas lauter wird oder der Regen stärker, habe ich trotzdem direkt Angst, dass es wieder losgeht. Bitte, bitte, lass es eine ruhige Nacht werden. Keine Gewitter mehr. Am besten gar nicht mehr für den Rest der Wanderung.
Lisi
Oh Pi ich drücke alle Daumen für eine gewitterfreie Nacht!!!
Ma
Hi du Liebe, ich drücke dir so sehr die Daumen, dass es jetzt mit den Gewittern vorbei ist!
So viele Hütten, wie du schon gebraucht hättest, um Unterschlupf zu finden, gibt es bestimmt gar nicht in der Region, nehme ich an. Dicke Küsse und kuschelige Umarmungen dir!
Johannes
Hi Sophie..!
Vielen Dank für den eindrucksvollen Lesestoff, so elektrisierend wie „Goddamn Electric“ von Pantera.
Zu dem Naturphänomen fällt mir nur ein humorvoller Ratgeber von der Insel des Anachronismus ein..
„…It´s part of the adventure..“ …Worte eines Schotten im März dieses Jahr.
– walk –
Sven
Oh nein, das ist ja schwer mitzulesen. Ich wünsche dir so sehr eine Nacht ohne weitere Gewitter und ab morgen das passende Sophie-Wanderwetter.
Ansgar
Das ist ja blöd mit dem Wetter. Ich kenn es leider auch. Warum bist du nicht auf dem HRP weiter über Salardu und den Tuc de Marimanha? Wobei das bei dem Wetter wahrscheinlich zu gefährlich gewesen wäre.
Sophie
Hi Ansgar,
du meinst den HRP nach dem Cicerone Guide? Das ist ja nur eine Möglichkeit, wie man gehen kann. Da ich nichts einkaufen brauchte, gab es keinen Grund für mich, den Umweg nach Salardú zu gehen.