Bis Mitternacht liege ich noch wach und lausche dem Wind. Danach wird es ruhiger. Sogar die Schafsglocken verstummen bis zum Morgengrauen. Als ich morgens von gestern schreibe, kommen mir nochmal die Tränen beim Teil vom Pic d’Orhy. Draußen ist es richtig schön. Keine Regenwolken in Sicht. Das wäre so schön gewesen. Aber jetzt ist es keine Option mehr. Selbst wenn der Wetterbericht anscheinend nicht so zuverlässig ist aktuell, habe ich nur den, wonach ich mich richten kann. Weiter geht’s. In einer Woche steht schon der höchste Gipfel mit über 3.000 Metern an.

Pablo ist schon fertig und ruft mir im Vorbeigehen zu, ob ich auch heute Abend an der Marmitou-Quelle zelte. Dann sehen wir uns dort. Schon ist man nicht mehr alleine. Ich packe zusammen und mache mich gegen 9 Uhr auf den Weg. Orietta rufe ich ein „Bis später“ rüber.

Erstmal die Wiese hinauf und nochmal Wasser auffüllen. Dann gehe ich ein kurzes Stück über die Straße und biege auf einen schmalen Pfad den Berg hinauf ab. Dieses Mal schaue ich von Anfang an immer wieder auf die Karte auf meiner Uhr, um halbwegs auf der eingezeichneten Spur zu bleiben. Erkennen kann man den Pfad nur am Anfang. Weit über mir sehe ich Pablo noch als kleinen Punkt. Ich erkenne ihn an seinem neongrünen Regenüberzug. Anstrengend ist es. Ich muss mich wohl erst noch warmlaufen.

Beim Blick zurück, sehe ich dass der Orhy wieder in einer Wolke verschwunden ist.

Nach den ersten 350 Höhenmetern wird es etwas flacher und ich laufe über eine weitläufige Hochebene. Die Belagua Hütte ist mit 2:45 Stunden Gehzeit ausgeschildert. Dann sollte ich ja gegen 13 Uhr da sein. Mal sehen, wie gut die Zeitangaben hier zu meinem Tempo passen. Es geht die ganze Zeit am Berghang entlang.

Mit tollen Ausblicken zur anderen Seite. Es mischt sich langsam immer mehr grauer Fels in die grünen Grasberge.

Irgendwann geht es über einen Pass und es gibt einen neuen Ausblick. Nun geht es an diesem Hang entlang. Es ist ein schöner Pfad.

Zum nächsten Pass geht es steil hinauf. Bisher war die Steigung ganz entspannt. Hier der Blick zurück.

Der Gipfel Lakartxela scheint ein beliebtes Ziel für eine Tagestour zu sein. Ich sehe einige Leute da oben am Pass. Zwischendurch ist die Wiese etwas rutschig. Das würde bei Regen keinen Spaß machen. Und dann komme ich endlich oben an. Kurze Verschnaufpause, etwas trinken und ein Foto. Windig ist es hier.

Nun geht es abwärts. Der lehmige Erdboden ist immer wieder richtig rutschig. Oft gehe ich neben dem ausgetretenen Pfad im Gras. Da habe ich mehr Halt. Einmal setze ich mich dann doch auf den Hintern. Ich gehe eine Stufe hinab und stelle mich mit der Ferse auf den großen Stein unter mir. Schon dabei denke ich, was für eine blöde Idee. Und zack, sitze ich da. Naja, nichts passiert.

Immer wenn mir Leute entgegenkommen und ich zur Seite gehe, um ihnen Platz zu machen, sagen sie etwas, was wie „Appa“ klingt. Da muss ich Pablo später mal nach fragen. Hier bin ich gerade auf der spanischen Seite.

Ich bin froh, als das steilste Stück geschafft ist. Danach geht es noch eine ganze Weile einen etwas komfortableren Pfad entlang. An Pferden und Kühen vorbei. Und gut markiert. Ich folge weiterhin dem GR12.

Je tiefer ich komme, desto wärmer wird es. Der Wind lässt nach und die Sonne kommt hervor. Zurück im Sommer. Es ist gleich wieder viel zu warm.

Gegen halb 1 erreiche ich das Refugio de Belagua. Die erste bewirtschaftete Berghütte. Nur der große Parkplatz und die Autos stören. Eine Kuh hat sich auf den Parkplatz verirrt und spaziert zwischen den Autos entlang. Pablo sitzt schon auf der Terrasse. Ich stelle meinen Rucksack ab und schaue mich um. Das ist eine schöne Gaststube mit Panoramafenstern und toller Aussicht. Der Wirt spricht ein wenig Englisch. Die Saftauswahl ist nicht groß, es gibt nur Orangensaft. Dann nehme ich den und bekomme eine große Flasche Wasser dazu. Zum Essen bestellen soll ich in 15 Minuten nochmal wiederkommen, da das Team gerade selber zu Mittag isst.

Ich frage Pablo, was die Spanier da sagen, die ich auf dem Weg getroffen habe. „Appa“, „Aupa“ oder auch „Aupi“ ist eine spanische Kurzform für „Hallo“, die vor allem in den Bergen genutzt wird. Okay, wieder was gelernt.

Zu meinem Zeltplatz für heute Nacht sind es nochmal etwa 4 Stunden Gehzeit von hier. Aber es ist ja lange hell, das passt schon. Ich mache ganz in Ruhe Pause. Ich verstehe die Speisekarte nicht und nehme einfach die Pasta, die mir empfohlen wird. Spaghetti mit Tomaten, Käse und irgendeiner spanischen Wurst. Das ist eine riesige Portion. Sehr lecker. Das erste richtige Essen seit ich losgegangen bin. Dabei genieße ich die Aussicht auf die hohen, felsigen Berge, die man nun das erste Mal sehen kann. Das Hochgebirge kommt näher. So langsam wird es was.

Mir wird es zu warm in der Sonne und ich setze mich nach dem Essen zu Orietta in den Schatten. Sie ist auch inzwischen angekommen. Pablo geht schon weiter. Ich schreibe den Bericht von gestern fertig. Meine Finger waren gestern Abend zu kalt zum Schreiben als ich im Zelt lag.

Ich bin ganz erstaunt, dass ich für die große Portion Nudeln, den Saft und die Flasche Wasser nur 11 € bezahle. Die Preise sind hier echt noch in Ordnung.

Gegen 15 Uhr geht es dann mal weiter. Ich habe ja noch was vor mir. Nochmal 600 Höhenmeter bergauf. Und ich bin so voll gegessen. Ich hoffe, das macht mein Magen mit.

Es geht neben der Hütte über die Kuhweide und in den Wald. Es ist echt heiß. Ich lasse meine Windjacke aber noch an, um keinen Sonnenbrand zu bekommen. Ich mache ständig kurz Pause und trinke einen Schluck. Und das Wasser schmeckt gar nicht. Ich habe es auf der Toilette am Waschbecken aufgefüllt und es schmeckt irgendwie gechlort oder so. Hoffentlich macht mein Magen auch das mit. Ohne Wasser geht gerade nicht. Also trinke ich es weiter. Ich habe sowieso noch kein Wasser gehabt, was wirklich geschmeckt hat. Aber dieses übertrifft alles bisher.

Der Weg ist schön, er zieht sich nur sehr. Nach den ersten zwei Stunden fühle ich mich besser und nicht mehr so voll. Jetzt würde ich mir einmal wünschen, dass es einfach die Höhenmeter steil nach oben geht. Um anzukommen. Stattdessen geht es immer wieder ein Stück gerade, ein bisschen hoch, wieder gerade, durch eine Senke und wieder nach oben.

Im Wald freue ich mich über den Schatten. Es ist allerdings zwischendurch sehr matschig und überall sind die tiefen Abdrücke von Kühen oder anderen Tieren zu sehen. Der Weg führt durch ganze Felder von Brennesseln. Ich achte darauf, ob ich hier Pflanzen entdecke, die ich kenne. Auch wenn ich mich nicht groß auskenne. Aber ich entdecke nur Spitzwegerich.

Als ich aus dem Wald komme, habe ich diese Landschaft vor mir. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Langsam wird es felsiger.

Der Weg zieht sich weiter. Ich gehe über Wiese und Felsen. Es wird immer grauer. Ich lehne mich gegen diese riesige schräge Felswand direkt am Weg. Der Stein ist ganz schön kalt.

Mir kommt eine Frau entgegen, die mich schon von weitem anstrahlt. Ich habe irgendwie schon im Gefühl, dass sie auch den HRP geht. Ihrem Akzent nach ist sie Britin. Sie ist am Mittelmeer gestartet und fast fertig. Sie hat Bilder von dem tollen Strand in Hendaye gesehen und wollte gerne dort ankommen. Sie meint, dass Banyuls nicht so toll sei. Das kann sie mir doch jetzt nicht sagen, wo ich noch so viel vor mir habe und mir das Ziel ganz toll ausmale. Das mache ich auch weiterhin, sie hat bestimmt nur einen komischen Geschmack. So.

Mehr Felsen. Mehr hoch und runter. Mehr Hitze. Ich habe meine Wasserflasche inzwischen zweimal wieder aufgefüllt aus meiner 2 Liter Blase. Nach meiner Rechnung sollte ich vielleicht gegen 19 Uhr ankommen.

Erst kommt aber noch ein besonderer Punkt. Nachdem ich nicht auf dem Orhy war, komme ich jetzt das erste Mal über 2.000 Meter hoch. Ich schaue immer wieder auf meine Uhr, wann es so weit ist. Und geschafft. Zwar kein Gipfel, dafür aber eine schöne Felslandschaft mit ein paar schönen Gipfeln im Hintergrund.

Inzwischen ist es 20 vor 7. Eigentlich muss es gleich noch ein Stück runter gehen. Irgendwann muss ich den höchsten Punkt doch erreicht haben. So langsam reicht es für heute.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit den Pass Col d’Anaye erreiche, bin ich so froh. Auf dem kleinen Wegweiser stehen noch 20 Minuten zur Marmitou-Quelle. Das schaffe ich. Und jetzt geht es nur noch runter. In diese schöne Senke. Links hoch über mir gigantische Felsen und ein riesiger Geröllhang. Daran entlang geht es in Kehren nach unten. Ich halte Ausschau, ob ich unten zwei Zelte entdecke. Das nicht, aber ich höre Stimmen.

Zwischendurch muss ich aber nochmal stehen bleiben und mir die Felsen über mir angucken. So schön.

Nach der Hälfte des Endspurts würde ich gerne schlapp machen. Ich kann nicht mehr. Inzwischen ist es halb 8.

Ich rieche Feuer. Ob Pablo und Orietta ein Lagerfeuer gemacht haben? Als ich fast unten bin, sehe ich aber noch mehr Menschen. Ich halte schon Ausschau nach einem Zeltplatz und entdecke Pablo hinter ein paar Felsen. Neben seinem Zelt ist noch ein ebener Platz mit einem Kreis aus Steinen frei. Als Windschutz. Das ist wohl ein beliebter Zeltplatz hier.

Es ist ja auch wunderschön. Und das Wasser aus dem Fluss schmeckt gut. Hier sind zur Abwechslung mal keine Tiere unterwegs. Es ist schon ganz ungewohnt ohne das ständige Glockenläuten.

Ich schaue bei Orietta vorbei, die ein Stück weiter einen Platz für ihr Zelt gefunden hat. Das Feuer haben ein Mann mit seinen beiden Söhnen gemacht. Die Franzosen verbringen ein Abenteuer-Wochenende hier. Das ist auch cool.

Als ich mein Zelt aufgebaut habe, will ich nur noch schlafen. Nicht mal nach essen ist mir. Ich habe Kopfschmerzen und mir ist ein bisschen flau im Magen. Einfach nur ausstrecken und schlafen. Dann wird es wieder besser gehen. Das war ein super langer Tag.


22,7 km
7:20 h
1.526 hm
971 hm
2.085 m