Ich habe Kopfschmerzen als ich aufstehe. Das kommt wahrscheinlich jetzt davon, dass ich so wenig getrunken habe die letzten beiden Tage. Sonst fühle ich mich aber okay, als ob ich wieder ein bisschen mehr Energie habe. Also trinke ich schon bevor ich losgehe möglichst viel. Wenn auch immer noch langsam und in kleinen Schlucken.

Erstmal geht es hinab. Danach stehen aber eine Menge Höhenmeter bergauf an. Und das bei der knallenden Sonne. Der Himmel ist strahlend blau, keine einzige Wolke in Sicht. Ich freue mich auf die Passage d’Orteig später. Dafür ist das Wetter super. Ein Abschnitt, der sehr schmal ist und mit Drahtseilen gesichert.

Dieses Schild, wie man sich gegenüber Hütehunden verhält, finde ich gut. Das habe ich jetzt schon ein paar Mal gesehen. Patou heißen sie hier, die Pyrenäen-Berg-Hunde.

Ich überquere eine Straße im Tal und mache mich dann an den Anstieg. Zum Glück erstmal durch den Wald, wo es schön kühl ist. Ich sage mir selber, dass ich ruhig ganz langsam gehen kann. Das ist okay. Und führe auch gleich meine Trinkpause alle 100 Höhenmeter wieder ein.

Die Passage d’Orteig wird auf einem Schild als schwierig und sehr luftig beschrieben. Ich bin gespannt.

Nach den ersten 200 Höhenmetern war es das leider schon mit schattigem Wald.

Dieses Tal geht es hinauf. Bis ganz ans Ende, soweit man gucken kann. Und alles ohne Schatten.

Die Steigung ist nicht allzu steil und eigentlich ganz angenehm. Mit meinem Wohlbefinden geht es allerdings stark abwärts. Mir ist wieder schlecht. Nach jedem Schluck, den ich trinke, noch mehr. Ich schleiche den Pfad entlang. Auch hier sind einige Leute unterwegs.

Wieder mache ich viele Pausen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass es schlimmer wird mit der Übelkeit, wenn ich eine Weile sitze und auch wenn ich dann wieder aufstehe. Das soll einfach aufhören.

Als ich mich umschaue, entdecke ich Orietta hinter mir. Ich erkenne sie gleich an ihren Klamotten und dem Rucksack. Ich hatte schon überlegt, wann wir uns wiedersehen. Ich nehme an, sie hat am Refuge de Pombie übernachtet. Und da ich im Schneckentempo unterwegs bin, hat sie mich jetzt wieder eingeholt. Es ist schön, sie zu sehen und wir quatschen ein bisschen. Ich denke, wir sehen uns später nochmal. Dann geht sie vor.

Noch 200 Höhenmeter, dann kann ich im Schatten einer kleinen Hütte, die an einen großen Fels gebaut wurde, Pause machen. Das schaffe ich. Na los, 100 Höhenmeter noch. Hätte ich mich heute morgen schon so gefühlt, wäre ich direkt liegengeblieben.

Ich habe so einen Durst, aber ich traue mich nicht, so viel auf einmal zu trinken. Immer nur einen kleinen Schluck. Es fühlt sich an, als müsste ich mich wieder übergeben. Ist aber doch nicht. Also schleiche ich weiter im Schneckentempo den Berg hinauf. Vielleicht ist da vorne ja schon der Pass.

Einiges habe ich schon geschafft, da ganz hinten im Wald bin ich heute Morgen gestartet. Vor etwas über 3 Stunden.

Der Pass ist es doch noch nicht. Es geht um die Ecke und über eine flache Ebene. Ich überhole Orietta, die hier Pause macht, dann überholt sie mich wieder. Ich lege mich ein bisschen an den Bach. Und muss mich übergeben. Och Mann. Ich hasse das Gefühl. Ich bleibe noch ein bisschen sitzen. Vielleicht sollte ich einfach schon anfangen, nach einem geeigneten Zeltplatz Ausschau zu halten.

Um halb 3 erreiche ich endlich den Pass Col d’Arrious. 4 1/2 Stunden für 850 Höhenmeter habe ich wahrscheinlich auch noch nie gebraucht. Vor allem nicht, wenn der Weg einfach ist. Die Passage d’Orteig hat hier sogar eine schwarze Markierung am Wegweiser. Das ist das erste Mal, dass ich das sehe. Ansonsten sind die Schilder immer nur gelb und es gibt keine Farbmarkierungen für die Schwierigkeit, so wie es in den Alpen üblich ist.

Da geht es weiter hoch. Ich nehme an, die als schwierig beschriebene Stelle befindet sich an dem großen senkrechten Fels da hinten.

Vorher komme ich noch an einem türkis leuchtenden Bergsee vorbei. Die kleinen Wellen vom Wind glitzern in der Sonne. Ich lege mich eine halbe Stunde ans Ufer und ruhe mich aus. Wenn mir nochmal schlecht werden soll, dann bitte jetzt, bevor ich gleich am Drahtseil stehe.

Unter mir liegt ein weiterer dunkelblauer See. Es geht noch ein paar Kehren hinauf, der Felswand immer näher.

Dann sehe ich die Metallketten, die als Sicherung angebracht sind. Der Pfad am Fels entlang ist zwar schmal, aber ich hatte mir schlimmeres vorgestellt. Es ist nichts technisch schwieriges und auch nicht ausgesetzt. Es gibt nur 2 Stellen, wo man über eine schräge Felsplatte muss, die direkt in die Tiefe führt. Da es trocken ist, ist der Fels griffig und es ist kein Problem. Ein bisschen Abwechslung. Ich hatte mir vorher schon Gedanken gemacht, wie es mit meinem dicken Rucksack klappt, ob ich am Seil hängenbleibe, wenn es so schmal ist. Die Gedanken hätte ich mir nicht machen brauchen. Oft ist sogar genug Platz, dass 2 Leute nebeneinander stehen könnten. Trotzdem nutze ich die Kette und halte mich mit einer Hand die ganze Zeit fest.

Ich dachte, nach dem schmalen Abschnitt geht es runter zur nächsten Hütte. Aber es geht erst noch weiter nach oben. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich dann unter mir das Refuge d’Arrémoulit, was aktuell umgebaut wird. Da unten sieht es nicht gut aus mit ebenen Zeltplätzen. Zu viel Fels und nur kleine schräge Grasflächen.

Auch wenn am Bauzaun ein Schild hängt, dass es hier momentan kein Trinkwasser gibt, finde ich diesen Zapfhahn. Die Leitung kommt aus dem See. Ob sie einfach das Seewasser als Trinkwasser deklarieren? Oder vielleicht gibt es eine unterirdische Quelle, wo der Schlauch hinführt. Ich fülle jedenfalls meine Flasche und auch meine Wasserblase nochmal auf. Damit ich genug für später und morgen früh habe.

Blöderweise muss ich gleich nochmal nach oben. Über einen Pass noch und dahinter sollte ich am See dann einen Schlafplatz finden. Dort ist sogar eine Biwak-Zone eingezeichnet auf meiner Karte.

Diese glatten Felsen am See entlang erinnern mich ein bisschen an die rutschigen Felsen in Norwegen. Nur in viel kleiner. Der Weg ist schön, aber ich kann nicht mehr. Die Orientierung ist auch nicht ganz so einfach, manche Steinmännchen irritieren mehr und führen einen in die falsche Richtung.

Jetzt noch da hoch. Es sind nur 150 Höhenmeter, eigentlich nicht viel. Für mich fühlt es sich gerade unbezwingbar an. Und was blöd ist, geht mir durch den Kopf – Wenn ich gar nichts esse, wird mein Rucksack auch nicht leichter.

Ich sage mir, dass ich das schaffe. Mein Kopf fügt ein leises „nicht“ an. Beim nächsten Absatz denke ich dann, siehst du, habe ich doch geschafft. Pause. Wieder ein paar Schritte weiter. Mein Mund fühlt sich schon den ganzen Tag so trocken an, ganz pappig. Bei der nächsten Pause ist es mir dann egal. Mir ist sowieso schlecht, also trinke ich einfach ein paar große Schlucke Wasser. Tut das gut. Ich habe die ganze Zeit so einen Durst.

Naja, das Hoch hält nicht lange an. Keine 5 Minuten später muss ich mich wieder übergeben. Das war jetzt gefühlt alles Wasser, was ich heute getrunken habe. Jetzt ist gar nichts mehr drin in mir. Zumindest der restliche Aufstieg geht jetzt ein kleines bisschen leichter. Nochmal über viele Felsen.

Wie gemein. Es sah so aus, als hätte ich den Pass erreicht. Es folgt aber nochmal eine Senke und wieder ein Anstieg.

Jetzt aber. Geschafft. Ich komme oben am Pass an und kann die andere Seite sehen.

Beim Abstieg komme ich auch nur langsam voran. Es ist felsig und ich muss einige hohe Stufen hinab. Ich setze mich auf den Hintern, dass ich mit dem Fuß den nächsten Stein besser erreiche. Zumindest sehe ich von hier oben schon meinen Platz für die Nacht. Eigentlich wollte ich viel weiter kommen, aber das funktioniert nicht in dem Tempo. Und so gehe ich gleich keinen Schritt mehr weiter.

Ich bin froh, als der Pfad irgendwann in Kehren die Wiese hinab führt, das ist etwas einfacher zu gehen. Dann folgt aber nochmal ein langes Blockfeld um den See herum. Die Hälfte ist geschafft. Komm schon, noch ein bisschen weiter.

Ich gehe über die Wiese bis zum Ufer. Es gibt zwei Stellen, wo schon jemand im Halbkreis eine kleine Steinmauer gebaut hat als Windschutz. Nehme ich. Ich setze meinen Rucksack ab und lege mich auf die Wiese. Es ist schon 19 Uhr. Das war ein langer Tag. Okay, erst schnell noch das Zelt aufbauen und dann ausruhen. Gerade als ich das Zelt aufgebaut habe, muss ich mich wieder übergeben. Es kommt nur nichts mehr.

Ich mache mir Sorgen. Wenn ich gar nichts trinken kann, ist das schlecht. Jetzt habe ich seit 3 Tagen nichts gegessen. Nur die beiden trockenen Scheiben Toast gestern Abend. Und kaum was getrunken. Ich bin gerade sehr froh über meinen Notfallsender. Und dass ich einen habe, womit ich nicht nur einen Notruf absetzen kann, sondern auch über das Satellitennetz Nachrichten schreiben und empfangen kann. Empfang habe ich nicht. So kann ich wenigstens in Kontakt mit Zuhause sein, wenn es mir schlecht geht.

Ich koche mir einen Tee und trinke wieder langsam und mit kleinen Schlucken. Was gar nicht so einfach ist, wenn man so einen unbändigen Durst hat. Ich könnte den ganzen Topf auf Ex trinken.

Ich nehme stark an, dass es von verunreinigtem Wasser kommt, was ich nicht gefiltert habe. Das weiß ich natürlich nicht genau. Ich habe es in verschiedenen Erfahrungsberichten gelesen vorher, dass Leuten das beim Wandern hier passiert ist. Seit vorgestern filtere ich alles und gerade koche ich das Wasser zusätzlich ab. Jetzt gebe ich mich auch geschlagen. Ohne Wasser trinken zu können, habe ich ein bisschen Angst. Morgen bleibe ich also hier und das Ziel ist es, möglichst viel zu trinken und alles bei mir zu behalten.


11,5 km
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