Es regnet. Es hat die ganze Nacht schon geregnet. Immer wenn ich zwischendurch mal aufgewacht bin. Ich liege in meinem warmen Schlafsack und habe gar keine Lust, alles im Regen abzubauen und so nass zu werden. Aber gut, heute Abend wartet ja auf dem Campingplatz eine warme Dusche auf mich. Und mein nächstes Versorgungspaket. Gut, dass da nochmal neue Schuhe drin sind. Meine haben schon wieder große Löcher an den Seiten. So halten dann auch die Socken nicht so lange. Und morgen mache ich dann meinen letzten Pausentag, bevor es an die finale Etappe geht.

Also packe ich doch mal zusammen. Da bei dem ungemütlichen Wetter die Pause bestimmt wieder ausfällt, koche und esse ich erst noch. Dann hänge ich das Innenzelt aus und packe alles ein. Zum Schluss nur noch das nasse Außenzelt, das sowieso immer ganz oben in den Rucksack kommt. Um halb 11 gehe ich los.

Der Wind kommt direkt von vorne und peitscht mir den Regen ins Gesicht. Die Quad-Spur ist durch den vielen Verkehr und den ganzen Regen ein einziges Schlammbad. In der Mitte sinke ich richtig tief ein und die Ränder sind abfallend, so dass ich immer wieder zur Seite wegrutsche. Wo es geht, gehe ich neben der Spur über die Flechten. Sogar über die sumpfige Wiese kann man besser gehen, als über die schlammige Spur. Ich rutsche aus und lande mit meinem ganzen Gewicht auf dem linken Knie. Der Boden ist weich, aber es tut trotzdem eine ganze Weile echt weh. Ich rutsche noch ein paar Mal weg im Schlamm, kann mich aber immer so gerade auf den Füßen halten. Heute ist mein einziges Ziel, anzukommen. Kann ich nicht einfach vorspulen und dieses Schlamm-Rutschen schon hinter mir haben?

Ich quere ein paar schmale Bäche und nutze sie, um den Schlamm von meinen Schuhen zu waschen. Das hier sollte zum Glück die einzige tiefere Furt bleiben. Das Wasser geht mir bis zu den Knien und die Strömung ist nicht ohne. Aber es klappt gut.

Da ich heute Morgen so viel Tee getrunken habe, muss ich ständig pieseln. Und das ist heute richtig nervig. Bis ich im Regen und Wind mit Handschuhen meine 5 Lagen Hosen heruntergezogen habe, ist mir total kalt. Dann alles wieder anziehen und warmlaufen.

Südlich vom See Vuolit komme ich an einer Hütte vorbei. Das kleine Plumpsklo ist offen und ich stelle mich kurz unter. Eine Traum-Pause, oder? Mitten im Fjell in einem Plumpsklo. Aber es ist trocken und windstill. Ich habe auch wieder Empfang und schreibe eine kurze E-Mail an den Campingplatz in Skoganvarre. Ich hatte mich nämlich eigentlich für gestern angekündigt und hatte bisher keinen Empfang, um Bescheid zu sagen, dass ich einen Tag später erst komme. Nicht, dass sie sich Sorgen machen.

Dann geht es weiter, es hilft ja nichts. Von meiner Umgebung sehe ich wenig. Die Wolken hängen tief und meine Augen sind sowieso auf den Boden vor mir gerichtet, damit ich auf den Füßen bleibe.

Von dem Stabbursdalen Nasjonalpark sehe ich genauso viel, wie ich spannende Infos auf dem Schild lesen kann.

Es geht runter und irgendwann in den Wald. Ich komme zum Fluss Vuolajohka und bin sehr erleichtert, als ich die Brücke sehe.

Ich hatte gehofft, dass der Weg dahinter trockener wird. Aber es geht weiter schlammig und rutschig durch den Wald. Ein kleines Stück kann ich der Quad-Spur entfliehen und einem schmalen Pfad folgen, wo man besser gehen kann. Bei der nächsten Abkürzung gehe ich aber zu weit runter Richtung See und steige über den hügeligen Waldboden wieder hoch zur Quad-Spur. Am See Bajitjávri komme ich dann endlich auf eine Schotterstraße und an den ersten Häusern vorbei. Sogar der Regen hat aufgehört. Ich bin allerdings bis auf die Haut nass und friere. Gut, dass ich es fast geschafft habe.

Über dem See ist ein Regenbogen zu sehen.

Ich gehe um den See herum, durch die letzten großen Pfützen. Auf der Ostseite liegt der Campingplatz, den ich von hier schon sehen kann.

Hinter mir kämpft die Sonne sich frei und schickt ein paar wenige Strahlen. Das fühlt sich so gut an!

Es geht an Wohnhäusern vorbei, über eine Brücke und noch ein Stück am Straßenrand entlang. Um 16 Uhr erreiche ich das Skoganvarre Villmarkssenter. Was freue ich mich, aus meinen nassen Klamotten herauszukommen und mich unter eine warme Dusche zu stellen. Im hinteren Bereich stehen ein paar Wohnmobile, wahrscheinlich Dauercamper. Ansonsten ist der Platz ziemlich ausgestorben. An der Tür hängt ein Zettel mit einer Telefonnummer. Ich rufe an, erreiche aber niemanden. Ich schaue mich ein bisschen um und versuche es ein paar Minuten später nochmal. Mir ist zu kalt, um so lange zu warten. Jetzt geht auch eine Frau dran. Marjo, mit der ich auch wegen meinem Paket geschrieben hatte.

Ich sage, dass ich an der Rezeption stehe und gerne mein Paket abholen und zwei Nächte bleiben möchte. Sie spricht auch ganz gut Englisch und fragt mich, ob ich ein Zimmer mieten möchte.
Ich: “Wie viel kostest das denn?”
Marjo: “Hast du Bargeld?”
Ich, etwas erstaunt: “Ich weiß nicht, ob ich genug habe.”
Marjo: “Das sind 1460 NOK pro Nacht.”
Ich, entsetzt über den hohen Preis: “Ich möchte gerne im Zelt schlafen.”
Marjo: “Das geht nicht”.
Ich, verwirrt: “Vor mir ist eine große, leere Wiese. Kann ich da nicht mein Zelt aufstellen?”
Marjo: “Nein, das ist zu kalt. Ich bin in Finnland und kann das nicht kontrollieren.”
Was auch immer sie kontrollieren will bei der Menschenmenge hier…
Ich: “Und was ist mit einer der kleinen Holzhütten?”
Marjo: “Das Heizen ist jetzt zu teuer. Es gibt nur Zimmer.”
Das ist ja Wucher. Ich verstehe echt nicht, dass ich nicht einfach mein Zelt aufstellen kann. Will aber erstmal eine andere Frage klären.
Ich: “Wie komme ich denn an mein Paket, wenn du nicht hier bist?”
Sie versteht erst nicht, was ich meine. Ich erkläre, dass ich Norge på langs wandere und ich doch ein Paket hierher geschickt hätte. Sie hätte mir ja auch bestätigt, dass es angekommen sei. Da erinnert sie sich. Aber mit der Antwort habe ich nicht gerechnet.
Marjo: “Du muss erst bezahlen.”
Ich, völlig ungläubig: “Ich soll bezahlen, um mein Paket zu bekommen?”
Marjo: “Das habe ich weggetan.”
Ich frage noch ein paar Mal nach und kann es nicht glauben. Sie hätte mein Paket entsorgt, da es so lange her ist. Dabei hatte ich in meinen E-Mails immer geschrieben, dass ich Anfang Oktober erst komme. Plötzlich schwenkt sie um und meint, sie hätte das Paket letzte Woche hier draußen auf die Terrasse gestellt. Neben der Tür würden 3 Blumenkübel stehen und dort unter das Fenster hätte sie es gestellt. Ich schaue nach, kann aber nichts finden. Sie meint, dass hier aber niemand etwas wegnehmen würde. Ich erkläre ihr, dass das Paket sehr wichtig ist und Essen und Schuhe enthält. Irgendwann scheint sie sich dann doch Sorgen zu machen, wenigstens ein kleines bisschen. Sie fragt, woher ich komme und nochmal, was in dem Paket sei. Sie hätte es dort hingestellt. Wer es glaubt… Wenn sie es findet, wenn sie nächste Woche wieder da ist, würde sie es mir schicken. Ob ich denn das Zimmer haben möchte. Ich sage ihr, dass ich mir das nicht leisten kann. Die Frau bekommt kein Geld von mir! Dann muss ich wohl jetzt nach Lakselv gehen und werde mir etwas weiter einen Zeltplatz suchen. Sie meint, dann müsse ich wohl trampen, ein Bus würde nicht fahren. Und verabschiedet sich.

Was war das denn jetzt bitte? Ich bin total fassungslos! Sobald wir aufgelegt haben, laufen mir die Tränen die Wangen runter. Das kann doch echt nicht wahr sein! Ich stelle die ganze Terrasse auf den Kopf, kann mein Paket aber natürlich nicht finden. Ich gehe um das Gebäude und schaue sogar in der Ecke mit den Mülltonnen nach. Erst nach und nach wird mir bewusst, was mir jetzt alles fehlt. Essen für die letzten 2 Wochen, neue Schuhe, die Wanderkarten für den nächsten Abschnitt. Wie viel Zeit und Geld darin steckt… Eigentlich wollte ich hier ja auch noch Infos über die Gegend in Erfahrung bringen und dann direkt nach Osten querfeldein gehen. Das hat sich dann jetzt erledigt. Ich habe nur noch Essen für 2 Tage im Rucksack, muss also auf jeden Fall über Lakselv gehen und Großeinkauf machen.

Als ich mich einigermaßen beruhigt habe, atme ich tief durch. Es ist nicht zu ändern. Ich überlege kurz, ob ich schaue, ob das Sanitärhaus unverschlossen ist und ich einfach duschen gehe. Aber ich will nur noch weg hier. Ich werde schon mal ein bisschen Straße Richtung Lakselv laufen und dann irgendwo am Fluss mein Zelt aufbauen. Zum Glück ist es relativ früh und noch ein bisschen hell. Etwas weiter finde ich auf der Karte einen Parkplatz direkt am Wasser. Vielleicht geht es dort.

Ich mache mich auf den Weg aus dem winzigen Ort raus. Zum Glück sind nicht so viele Autos unterwegs. Dann sehe ich ein großes Schild. Ein ziemlich großes Gebiet nördlich von hier ist Militärgelände und Campieren, Pausieren und Forografieren ist verboten. Die Straße geht mitten durch. Na toll. Das wusste ich, habe aber nicht mehr daran gedacht gerade. Ich gehe zum Fluss runter, traue mich aber nicht, mein Zelt hier aufzustellen. Wer weiß, was gerade heute für eine Übung stattfindet. Da will ich nicht verbotenerweise im Weg stehen mit meinem Zelt. Da ich immer noch friere, ziehe ich zumindest mein trockenes Paar Handschuhe über. Dann geht es weiter. Ich beschließe, das Tempo zu erhöhen und die 13 Kilometer, bis ich aus der Sperrzone heraus bin, noch zu laufen. Dahinter kann ich dann ruhigen Gewissens mein Zelt am Fluss aufstellen.

Ich laufen am Straßenrand entlang und zum Glück wird mir auch relativ schnell wieder warm. Ich rufe meine Eltern an und erzähle ihnen von meinem kuriosen und unfreundlichen Telefonat vorhin. Das ist so ärgerlich! Bisher hatte ich so viel Glück und habe mich immer gefreut, dass meine Pakete alle angekommen sind. Ich habe nämlich von einigen anderen gehört, dass Pakete im Zoll hängen geblieben sind. Mir fällt ein, dass ich dann auch neue Zahnpasta kaufen muss. In meinem Paket wären neue Zahnputztabs gewesen. Das ist aber nur eine Kleinigkeit im Gegensatz zum Essen und den Schuhen.

Ich stapfe in hohem Tempo über den Asphalt. In Porsangmoen gibt es einen breiten Gehweg. Ich hatte mich schon gewundert, wie mitten in der Sperrzone ein Ort sein kann. Aber natürlich ist es ein Militärlager. Es ist alles eingezäunt und gibt weitere Schilder, die Fotos verbieten. An einem Tor stehen ein paar uniformierte und bewaffnete Soldaten. Halb erwarte ich, dass ich angehalten werde, aber sie nicken mir nur kurz zu.

Dann geht es weiter am Straßenrand entlang. Rechts und links von der Straße stehen alle paar Meter gelb leuchtende Warnschilder. Auf einem Schild lese ich, dass alle möglichen Waffen ohne Vorankündigung und zu jeder Tageszeit benutzt werden. Und als ich dann weit entfernte Schüsse höre, bin ich froh, dass ich mein Zelt vorhin nicht aufgebaut habe.

Es dämmert und wird langsam dunkler. Um Viertel nach 6 muss ich meine Stirnlampe einschalten, damit die Autos mich besser sehen und Platz machen. Inzwischen knurrt mein Magen. Bis auf mein morgendliches Mittagessen hatte ich heute nichts. Dann bin ich endlich aus der Militärzone raus. Kurz darauf komme ich an einem Parkplatz vorbei. Es ist inzwischen stockdunkel. Ich finde ein Infoschild für eine Gipfel-Wanderung und daneben einen schmalen Pfad, der nicht auf der Karte eingezeichnet ist. Ich folge ihm und hoffe, einen ebenen Platz zu finden. Es ist aber alles zu steinig und steil.

Ich gehe über die schwankende Hängebrücke, was im Dunkeln ein bisschen gruselig ist. Auf der anderen Seite gibt es in jede Richtung einen Pfad. Ich gehe nach rechts und leuchte alles ab, um einen Zeltplatz zu finden. Gar nicht so einfach im Dunkeln. Ich bin etwas unschlüssig und stelle mein Zelt dann auf einigermaßen buckelfreiem Gras direkt neben dem Pfad auf. Die Bäume sollten mich vor den Windböen schützen. Eine Abspannleine geht zwar jetzt mitten über den Pfad, aber es kommt bestimmt niemand hier her heute Nacht.

Mit meiner Stirnlampe und Wasserblase bewaffnet, klettere ich vorsichtig runter zum Wasser. Dann kann ich endlich meine nassen Sachen ausziehen und es gibt etwas zu Essen. Das war ja mal ein richtig blöder Tag. Erst der ganze Schlamm und Regen, dann kein Paket, kein Zeltplatz und die Militärzone. Alles auf einmal heute. Ich esse gleich alle drei Real Turmat Gerichte, die ich noch habe. Jetzt muss ich ja eh alles neu kaufen.

Ich schaue noch nach einer Unterkunft in Lakselv. Dann werde ich da meinen letzten Pausentag machen. Das Hotel ist mir zu teuer, vielleicht bekomme ich ja eine kleine Hütte auf dem Campingplatz. Da rufe ich morgen auf dem Weg mal an. Es gibt auch einen Sportladen, da kann ich neuen Proviant kaufen. Und jetzt wird erstmal geschlafen.


36,5 km
7:00 h
433 hm
840 hm
485 m