Gestärkt, aufgewärmt und ausgeschlafen geht es heute weiter Richtung Norden. Ich möchte es bis nach Bekkarfjord schaffen. Der Plan ist, zuerst nach Lebesby zum Dorfladen zu gehen, der letzten Einkaufsmöglichkeit vor Mehamn. Und da ich gerne von der Straße Richtung Kjøllefjord zum Kinnarodden gehen möchte, auch die letzte Möglichkeit vor meinem Ziel. Von dort will ich wieder 2 Kilometer zurückgehen, um eine Abkürzung über den Berg zu nehmen und ein bisschen Straße zu sparen. Dann kann ich mir kurz vor Bekkarfjord einen Zeltplatz suchen.

Ich genieße morgens nochmal eine Dusche und gehe gegen halb 9 los. Die Aufregung von gestern ist wieder da, als ich jetzt dem Straßenschild Richtung Mehamn folge.

Ein Stück weiter finde ich eine große Tafel, wo mein Ziel eingezeichnet ist. Das ist ja noch aufregender! Ich kann es gar nicht glauben. Über Lebesby und Bekkarfjord geht es nach Hopseidet und dort auf die Nordkyn Halbinsel. Dann zum großen Ziel Kinnarodden und zurück nach Mehamn.

Die Straße führt nun die ganze Zeit am Fjord entlang und ich habe einen schönen Blick aufs Meer. Auf den Laksefjorden. Wobei jeder kleine Seitenarm nochmal einen eigenen Namen hat. Erstmal geht’s am Ifjorden entlang.

Es ist trocken und nicht so windig. Und Autos fahren hier auch nicht viele. Das ist echt angenehm. Die Straße windet sich kurvig an der Küste entlang.

Mittags erreiche ich die kleine Siedlung Lebesby.

Ich gehe in den Laden und finde im Nebenraum eine kleine Kaffee-Ecke. Ich stelle meinen Rucksack ab und frage einen Norweger, der an einem der Tische sitzt, wie das hier läuft. Ich könne mich einfach bedienen und hinterher an der Kasse bezahlen. Ich nehme mir eine typisch norwegische Waffel mit Butter und Brunost, dem süßlichen braunen Käse. Dann schlendere ich durch die Regale und suche nach irgendetwas Besonderen, womit ich am Kinnarodden ein bisschen feiern kann. Letztendlich werden es eine Flasche Blaubeersaft und kleine Zimtschnecken. Dann esse ich noch eine Waffel und warte den Regenschauer ab.

Ich komme mit dem Verkäufer ins Gespräch, der mich fragt, was ich hier mache. Er ist aus Lettland und wohnt mit seiner Familie schon seit über 10 Jahren hier. Er meint, bei Kalak würde ich vielleicht einen schönen Zeltplatz finden. Und in Bekkarfjord gibt es eine kleine, offene Schutzhütte. Wir stehen an der Kasse und nach einer Weile kommen auch die anderen beiden Verkäuferinnen zu uns. Alle fragen mich aus und machen große Augen, als ich von meiner Tour erzähle. Mir sind inzwischen zwei Sachen aufgefallen und beide nur bei Norwegern, die anscheinend selber nicht wandern. Viele denken, dass ich mit “hiking” “hitch-hiking” meine, also nicht wandern, sondern per Anhalter fahren. Sie fragen dann noch dreimal nach, bevor sie mir glauben. Und sie wollen wissen, warum ich das mache. Die Frage habe ich noch nie von jemandem gehört, der selber auch wandert.

Bevor ich weitergehe, ziehe ich meine Regenhose über, da noch mehr Regen angesagt ist. Dann geht es wieder raus in die Kälte. Eigentlich wollte ich jetzt ja wieder ein Stück zurückgehen und die Abkürzung über den Berg nehmen. Allerdings macht es mir gerade Spaß zwischen Felsen und Meer herzugehen. Ich finde es echt schön und die Straße stört mich heute nicht. Also folge ich ihr einfach weiter Richtung Bekkarfjord.

Ich komme an einer kleinen Kirche vorbei. Die Spitze wird von einem Wikingerschiff geschmückt. Dann lasse ich die wenigen Häuser hinter mir.

Ich bekomme eine Nachricht von Martin, der mich fragt, ob ich für die nächsten 2 Nächte eine Unterkunft hätte. Es sei ein Sturmtief mit ordentlich Westwind und Niederschlag im Anmarsch. Ich hatte zwar gesehen, dass es windig werden soll, aber da es heute bisher nur mal einen Windhauch gab, habe ich dem noch nicht so viel Beachtung geschenkt. Dankbar für die Warnung, lege ich einen Zahn zu. Es ist super, wenn man jemanden hat, der sich so gut mit dem Wetter auskennt und die bunten Wetterkarten lesen kann.

Mist, dass es so früh dunkel wird. Bis nach Bekkarfjord sind es nochmal 16 Kilometer und inzwischen ist es fast halb 3. Aber auf der Straße kann ich ja auch ganz gut noch im Dunkeln weitergehen. Und falls ich vorher doch einen geschützten Platz finde, stelle ich da eben schon mein Zelt auf. Also geht es weiter zwischen Meer und zackigen Felsen am Straßenrand entlang.

Bald fängt es an zu dämmern und auch der Wind nimmt langsam zu. Zwischendurch regnet es. Ich sehe rechts von der Straße zwar ein paar mögliche Zeltplätze, aber sie sind alle nicht windgeschützt. Und bei den angesagten 16 Metern pro Sekunde möchte ich nicht voll im Wind stehen.

Inzwischen sind meine Beine und Füße ein bisschen müde, aber ich gehe ohne Pause immer weiter. Der Verkehr wird noch weniger und nach 16 Uhr begegnet mir gar kein Auto mehr. Irgendwann kommen am Ende des Bekkarfjorden ein paar Lichter in Sicht. Auf dem letzten Stück gibt es sogar Straßenlaternen und ich kann meine Stirnlampe ausschalten.

Zum Glück komme ich auch noch an einem Bach mit Süßwasser vorbei und nehme Wasser zum Kochen mit. Gegen 17 Uhr erreiche ich den kleinen Parkplatz. In dem offenen Häuschen gibt es einen beheizten Vorraum und eine Toilette. Die andere Tür ist abgeschlossen. Ich bin inzwischen klitschnass und friere. Ich wärme mich ein bisschen auf und überlege, ob ich einfach hier drinnen auf dem Boden schlafen soll. Aber im Zelt fühle ich mich doch wohler und hinter dem Häuschen gibt es eine windgeschützte Wiese. Also baue ich im Regen und mit Stirnlampe schnell mein Zelt auf.

Was bin ich froh, dass Martin mich gewarnt hat und ich bis hierhin gegangen bin. Das Gebäude schützt mich perfekt vor dem Wind aus Westen. Inzwischen sind die Böen ziemlich heftig und ich höre den Wind vorbeiheulen. Nur ab und zu wird mein Zelt ein kleines bisschen durchgeschüttelt, wenn eine Böe aus der Reihe tanzt und aus Norden kommt.

Nach dem Essen liege ich im Schlafsack und schaue mir immer wieder die Windstärken für die nächsten Tage an. Das muss doch jetzt echt nicht sein, so kurz vor dem Ende. Morgen ist noch der harmloseste Tag, weiter mit Böen bis zu 16 Meter pro Sekunde. Am Mittwoch und Donnerstag sollen es aber bis zu 21 Meter pro Sekunde werden. Das entspricht einer Windstärke 9 und bedeutet Sturm. Kein steifer oder stürmischer Wind, den ich schon häufiger hatte, sondern Sturm. Ich überlege hin und her, was ich machen soll. Hier habe ich einen ganz gut geschützten Platz, aber nur bei Westwind. Morgen hierzubleiben würde nicht viel bringen, da die Tage danach ja schlimmer werden sollen. Ich suche die Karte nach weiteren Gebäuden auf dem Weg ab und schreibe auch eine E-Mail an Vidar in Mehamn, ob er einen Tipp hat. Er ist der Besitzer von Nordkyn Nordic Safari und verwahrt mein letztes Paket für mich. Wir sind schon die ganze Wanderung in Kontakt, er hat immer mal wieder gefragt, wie es läuft und hat letztens noch geschrieben, dass ich mich jederzeit melden könne, wenn ich Hilfe brauche. Und er antwortet ziemlich schnell.

Auch wenn es mir keine Ruhe lässt, kann ich jetzt nichts weiter machen, also wird erstmal geschlafen. Morgen früh sieht es ja vielleicht schon wieder anders aus. Das hoffe ich zumindest. Das Wetter kann sich ja schnell ändern an der Küste.


33,9 km
6:05 h
450 hm
450 hm
100 m