Jetzt geht’s los! Endlich! Das wurde auch Zeit nach der langen Vorbereitung. Ich bin gar nicht so aufgeregt oder nervös, ich freue mich einfach riesig, dass ich wieder loswandern kann!

Erst kommt noch ein kurzer Schnelldurchlauf der letzten Zeit. Ich habe kurz vorher immer schön eine Liste geführt, was noch alles fertig werden muss. Und auch wenn ich immer weiter Sachen abgearbeitet habe, wurde es am Ende nochmal ein bisschen stressig. Meine Tage bestanden nur noch aus Arbeiten, Lauftraining und Norwegen-Vorbereitung. Neben Essen und Schlafen natürlich. Und da war ich bis Ende April immer noch doppelt aufgeregt. Bis ich dann meinen ersten Marathon in Wien gefinisht habe. Der erste große Haken für dieses Jahr! Danach hatte ich schon frei und es war noch ein bisschen Zeit für Familie und Freunde, alle nochmal zu sehen und für ein halbes Jahr zu verabschieden.

Vor einer Woche habe ich mich zusammen mit Olaf auf den Weg nach Norwegen gemacht. Nach noch ein bisschen Aufregung am Freitag, da meine Kamera beschlossen hat, den Geist aufzugeben, haben wir auf der Fahrt nach Dänemark noch einen Stopp in Hamburg eingelegt, um kurzerhand eine neue zu kaufen. Ich kann doch nicht ohne Kamera durch so ein schönes und für mich neues Land laufen! Der Kofferraum ist vollgepackt mit meinen 9 Versorgungspaketen, die ich in Norwegen erst verschicken möchte, damit es günstiger ist und ich keine Zollpapiere ausfüllen muss.

In Hirtshals bleiben wir eine Nacht auf dem Campingplatz, um dann am nächsten Tag mit der Fähre nach Kristiansand überzusetzen. Da ist die lange Fahrt geschafft und es heißt – Velkommen til Norge!

Wir schauen uns in Kristiansand um, erkunden die Gegend viel zu Fuß und fahren am Mittwoch mit Halt in Mandal weiter nach Lindesnes. Bisher gefällt mir das nordische Flair schon richtig gut und wir treffen auf herzliche Menschen. Hier ein paar Eindrücke.

Am Campingplatz in Lindesnes wird uns ein kleiner, richtig schöner Schleichweg empfohlen, dem wir fast bis zum Leuchtturm folgen können. Dem südlichsten und ältesten Leuchtturm Norwegens, der 1665 erbaut wurde.

Hier ist alles das Südlichste und wird auch immer wieder erwähnt. Der südlichste Campingplatz, das ehemalige südlichste Fischerdorf Lillehavn, der südlichste Elch… Moment, ein Elch? Hier auf der Halbinsel? Auf dem Rückweg zum Campingplatz frage ich Olaf, ob da hinten in der Ferne im Gras ein Holzpferd steht. Er meint direkt, das sei in Elch. Ich frage ihn beim Näherkommen aber noch zig mal, ob der auch echt sei. Unglaublich! Nicht mal 4 Tage in Norwegen und schon begegnen wir einem Elch. Zwar ein Kalb und bei weitem noch nicht ausgewachsen, aber trotzdem faszinierend. Über dem Auge kann man schon den Ansatz der Schaufel erkennen.

Wir besichtigen den Leuchtturm und die verschiedenen Ausstellungen. Die Geschichte der Leuchttürme Südnorwegens und der ehemaligen Leuchtturmwärter ist echt spannend. Früher haben am Lindesnes Fyr mehrere Familien gelebt. Heute gibt es hier anscheinend den letzten Leuchtturmwärter. Alle zwei Wochen ist Schichtwechsel. Mit dem jungen Wärter Hans Christoffer unterhalten wir uns eine ganze Weile. Er verwaltet nämlich auch die Nordkap Journale. Dicke Bücher, wo sich alle drin verewigen dürfen, die Norge på langs starten oder beenden, wenn sie im Norden gestartet sind. Er erzählt, dass inzwischen immer mehr Leute wandern, früher wäre die Tour noch häufiger mit dem Rad gefahren worden. Bisher stehen 5 Norweger in dem Buch, die dieses Jahr gestartet sind. Am Tag zuvor erst 2 pensionierte Polizisten. Ich bin gespannt, ob ich sie unterwegs vielleicht treffe. Allerdings tragen sich auch nicht alle ein. Wir haben zum Beispiel am Mittwoch Miri und Flo getroffen und am Freitag Markus, sie stehen schon mal nicht im Buch. Da wird es wohl auch noch mehr geben. Aber spannend, schon direkt drei andere Deutsche zu treffen, die eben gestartet sind. Schöne erste Tage Euch und hoffentlich dann bis irgendwo im Fjell nochmal!

Ich trage mich also ins Buch ein und Hans Christoffer macht noch ein Foto von mir vor dem Leuchtturm, das er ausdrucken und unter meinen Text kleben möchte. Jetzt wird es tatsächlich so langsam ernst..

Ein Foto an dem bekannten Wegweiser darf natürlich auch nicht fehlen. Mein genaues Ziel ist zwar nicht dabei, aber Slettnes Fyr, der nördlichste Leuchtturm, liegt zumindest auch auf der Nordkinnhalbinsel. Nur etwas weiter östlich als der Felsen Kinnarodden. Die Distanz passt also trotzdem.

Am Freitagmorgen macht Olaf sich auf den Rückweg nach Hause. Ganz vielen lieben Dank für Deine Unterstützung und den “Paket-Transfer-Service”!

Ich baue mein Zelt nochmal auf, um mich zu beruhigen, dass auch nichts fehlt. Packe meinen Rucksack und stelle alles bereit für den heutigen Morgen. Und verbringe viel Zeit am Telefon, da mir einige noch schnell alles Gute wünschen möchten. Eigentlich will ich dann früh schlafen gehen, verquatsche mich aber mit Andre aus Berlin, der mit dem Fahrrad von Kristiansand nach Bergen unterwegs ist. Ich treffe ihn beim Spülen.

Und dann ist der große Tag da – heute! Mit perfektem Wetter, das auch die nächsten Tage erstmal so bleiben soll. Um kurz nach 6 Uhr mache ich mich auf den Weg. Erstmal gehe ich den inzwischen bekannten Weg vom Campingplatz zum Leuchtturm und weiter über die Felsen zum südlichsten Punkt des norwegischen Festlandes, dem Felsen Nesvarden. Etwas über eine Stunde bin ich bis hier schon unterwegs, 4,3 Kilometer. Hier lasse ich meinen Rucksack stehen, um noch ein Stückchen weiter zum südlichsten Zipfel zu klettern.

Startschuss ist um kurz vor 8 Uhr. Ganz bis zum südlichsten Zipfel traue ich mich nicht vor, da die Gischt viel zu hoch ist. Das ist mir zu gefährlich. Ich habe ja schließlich noch ein paar Kilometer vor mir!

Mit Blick auf den Leuchtturm geht es zurück zum Parkplatz. Bei den großen Steinmännchen kann ich den Weg auch gar nicht verfehlen.

Da das Wetter so schön ist (wenn auch windig), entscheide ich mich für die Variante ohne Asphalt für den ersten Tag. Ich bin zwar nicht ganz sicher, ob mein geplanter Weg so aufgeht, aber ich möchte meine Tour nicht mit einem Tag starten, wo ich nur die Straße entlanglaufe. Das kommt die nächsten Tage noch genug bis ich auf die ersten Wanderwege des DNT stoße. Also folge ich vom Parkplatz aus direkt dem nächsten schmalen Pfad zwischen die Bäume. Und werde mit einem wunderschönen Weg belohnt, der sich immer wieder hoch und runter über Felsen, durch Wald und über sumpfige Wiesen schlängelt. Beim Blick zurück sehe ich das Meer, vor mir erstreckt sich die Halbinsel Lindesnes mit bewaldeten Hügeln.

Sogar nach Stusvik runter ist der Weg noch markiert. Der Teil ist in keiner Karte eingezeichnet, deswegen dachte ich schon, ich müsse querfeldein gehen. In dem winzigen Örtchen angekommen, habe ich schon die ersten 2 Stunden hinter mir, für nicht mal 5 Kilometer. Trotz Markierungen musste ich den Pfad manchmal erst ein bisschen suchen. Aber das macht auch nichts, die ersten Tage wollte ich sowieso langsam angehen lassen.

Nun folge ich eine ganze Weile einem erdigen und schotterigen Fahrweg. Bis kurz vor Spangereid, wo ich mich wieder für Abenteuer statt Straßen-Trott entscheide. Auch wenn es auf dem Weg definitiv zwischendurch querfeldein geht, möchte ich über den Midtbøknipen gehen. Das ist Spangereids höchster Berg mit 214 Meter Höhe. Also folge ich dem Weg Richtung Gryåsen. In einer Kurve soll ein Pfad abgehen, der mich nach Grønsfjord bringt. Diesen hat die Natur aber wohl für sich beansprucht. Ich kämpfe mich entlang der Linie auf meiner Karte durch das Gestrüpp und will schon wieder umdrehen, als ich doch so etwas wie einen Pfad entdecke. Es geht durch Sträucher und Dornen. Der Pfad verschwindet wieder und ich muss mir selber einen Weg suchen. Das ist manchmal gar nicht so einfach und echt anstrengend. Ich bin froh, als ich endlich auf einen Weg stoße, wo man wieder entspannter gehen kann. Da wäre es wohl einfacher gewesen eine Straße weiter zu gehen und direkt diesem Weg zu folgen. Ich komme in Grønsfjord raus und frage ein norwegisches Pärchen, die gerade auf dem Acker arbeiten, ob es den Pfad gibt, den ich gehen will und ob ich bis auf den Midtbøknipen komme. Der Weg soll zwar am Ende etwas schwierig zu finden sein, aber ich könne hier weitergehen. Super!

Ich folge einem wunderschönen Pfad durch den Wald direkt neben dem Grønsfjorden. Hier suche ich mir hinter einer verlassenen Hütte ein windgeschütztes Plätzchen für eine Pause und stärke mich mit Nüssen und Trockenobst.

Und finde ein Häuschen, das zu mir passen würde. Das ist echt super schön!

Dahinter soll es dann einen Pfad den Berg hinauf geben. Ich finde ihn nur nicht. Und von weitem sieht es auch irgendwie nicht so aus, als ob er existiere. Also irre ich durch den Ort und sammele noch ein paar Höhenmeter extra, die Straßen zwischen den prunkvollen Häusern sind nämlich echt steil. Irgendwo muss doch jemand sein, den ich fragen kann. In einer Garage entdecke ich dann einen Arbeiter, der an einem Boot schraubt. In gebrochenem Englisch erklärt er mir, wie ich den Pfad finde. Es gibt ihn also doch! Glück gehabt, das hätte nämlich sonst einiges an Umweg bedeutet. Also wieder zurück zu der Stelle, wo ich vorhin schon stand. Ein paar Schritte weiter und ich hätte den Pfad entdeckt. Vorher sah es aber so aus, als wäre hier nur der Garten des angrenzenden Hauses. Glücklich stapfe ich also den Waldweg hinauf. Richtung Presthusveden gibt es sogar ein Schild und Markierungen. Und ein paar Klettereinlagen! Damit hatte ich nicht gerechnet. Die großen Felsstufen hochzuklettern ich schon anstrengend für die Oberschenkel mit 20 Kilogramm extra auf dem Rücken. Gut, dass ich solche Stellen aus den Alpen gewohnt bin, sonst hätte ich mich wahrscheinlich sehr viel schwerer getan. So ging es aber ganz gut – ich habe genug griffigen Fels zum Festhalten und Kanten zum Stehen gefunden.

Nach dem Presthusveden Gipfel geht es wieder runter bis zu einer Traktorspur im Wald. Und ab hier muss ich mich nun weglos bis zum Gipfel des Midtbøknipen kämpfen. Zum Glück habe ich 2 Routen auf meiner Karte markiert, wo schonmal jemand hergegangen ist. Immer wieder schaue ich auf mein Handy, dass ich nicht zu weit von den Routen abweiche. Vor allem, wenn ich wieder vor großen Felsen stehe, wo ich im ersten Moment gar nicht weiß, wie ich da rüber kommen soll. Ich bahne mir den Weg durch zig Heidelbeer-Sträucher, über Wurzeln, Äste und bemooste Steine. So langsam habe ich dann doch genug und wünsche mir wieder einen Weg. Oben angekommen setze ich mich erstmal neben den großen Steinhaufen, der wohl den Gipfel markieren soll. Die Aussicht von hier oben ist klasse! Lange bleibe ich allerdings nicht, da der Wind ziemlich frisch ist.

Weiter unten ist wieder ein Traktorweg, bis dahin muss ich mich bergab nochmal durch Bäume und Sträucher kämpfen. Ich denke ein paar Mal, dass es nicht weitergeht, finde aber doch immer irgendwie eine Möglichkeit. Und atme auf, als ich endlich auf dem Weg stehe. Jetzt will ich mir nur noch einen Zeltplatz suchen. Das reicht für den ersten Tag! Nicht weit von dem Weg finde ich ein ebenes Stück Wiese im Wald. Hier ist es auch ziemlich windgeschützt, perfekt! Und zum Glück gibt es ein kleines Rinnsal neben dem Weg, ich habe nämlich kein Wasser mehr. Also baue ich mein Zelt auf, koche und verkrieche mich zum Essen schon in meinen Schlafsack.

Das ganze weglose Gehen schlaucht ganz schön. Es ist zwar erst gegen 18 Uhr, aber ich bin so müde, dass ich erstmal 3 Stunden schlafe, bevor ich anfange zu schreiben.

Was für ein abenteuerlicher erster Tag! Aber super schön! Trotz extra Anstrengung hat es echt Spaß gemacht.


17,0 km
6:40 h
776 hm
676 hm
208 m