Hier noch mein schöner, windgeschützter Zeltplatz. Gestern Abend war es zu dunkel für ein Foto.

Es ist weiter nebelig und nass. Heute Abend habe ich aber die Aussicht auf eine Hütte. Die einzige auf diesem Stück zwischen Ragohytta und Røysvatn. Oberhalb von Hellmobotn gibt es eine offene Schutzhütte. Allerdings muss ich dafür erstmal dieses Tal hinter mich bringen. Also los.

Der Tag beginnt gleich mit einer Klettereinheit, da ich noch ein paar Etagen tiefer muss. Die Felswände hinunter und dann geht es ein bisschen ebener weiter. Durch niedrige Büsche, Blaubeeren und Birken.

Ich gehe ein Stück direkt am Ufer des Flusses entlang. Mit Blick auf einen tollen Regenbogen.

Zuerst ist er noch ganz blass, wird aber kräftiger und ist später komplett zu sehen. Er erstrahlt direkt vor mir und begleitet mich eine ganze Weile.

Bevor es um die Kurve geht, um den Berg Hievnek herum, wird es wieder felsiger. Beziehungsweise bin ich wieder ein Stück die Felsen hinaufgegangen. Auf den langgezogenen Felsbuckeln kann man nämlich ganz gut gehen. Allerdings komme ich so auch immer höher. Ich dachte, ich könnte auf einer Höhe bleiben, aber das sieht nicht so aus. Ich gehe trotzdem weiter und hoffe, dass ich irgendwo ein paar Stufen finde, über die ich wieder nach unten komme. Sonst müsste ich ein ganz schönes Stück zurücklaufen. Die Felsen werden immer höher. Irgendwann wiederhole ich immer diesen einen Satz in meinem Kopf. „Bitte lass mich hier runter“. Und noch ein Stück weiter habe ich Glück. Ich muss zwar ein bisschen klettern, aber es gibt eine schmale Graskante zwischen 2 glatten, steilen Felsen. Das erste Stück auf dem Felsen rutsche ich auf dem Hintern runter. Darunter kann ich zwar noch nicht sehen, ob ich auch durchkomme, es stehen ein paar Bäume im Weg, aber es klappt. Ich klettere über die Äste, die sich nicht zur Seite biegen lassen und komme über das Gras und ein paar Stufen im Fels heile nach unten. Glück gehabt!

Der Fluss wird breiter und am anderen Ende sollte der unmarkierte Pfad beginnen. Fast geschafft.

Bis dahin geht es aber noch über ziemlich viele nasse und sumpfige Wiesen und über einige Bäche, die sich tief in die Erde gegraben haben und teilweise vom Gras verdeckt sind. Aber ich höre das Wasser immer rechtzeitig.

Jetzt muss ich nur noch den Pfad finden. Ich sehe nur ein paar vereinzelte Steinmännchen. Da ich denen aber noch nicht ganz traue, schaue ich doch immer wieder auf die Karte. Es geht über große, glatte Felsplatten. Die Steinmännchen werden mehr und ich kann ihnen besser folgen. Allerdings sind sie gar nicht so einfach zu erkennen zwischen den ganzen anderen Steinen. Da muss man schon genau hinschauen, welche unnatürlich aufgetürmt aussehen.

Irgendwann kann ich den Berg auf der anderen Seite des tiefen Tals sehen. Da muss es gleich noch ganz schön runter gehen.

Ih verliere den Pfad ein paar Mal. Auf der Wiese kann man eine Spur erkennen, auf den Felsen ist es schwieriger. Und davon kommen noch eine ganze Menge. Wo es noch nicht so steil ist, kann ich mit kleinen, vorsichtigen Schritten auch über die schwarzen, rutschigen Stellen gehen. Aber sehr vorsichtig. Man muss trotzdem immer damit rechnen, auszurutschen. Ich kann mich zum Glück auf den Füßen halten. Allen rutschigen Stellen auszuweichen, ist hier schwierig. Und von den riesigen Wasserfällen darf man sich nicht ablenken lassen. Als ich diesen entdecke, rutsche ich fast aus und bleibe erstmal stehen, um mir die Wassermassen anzuschauen.

Meine Augen suchen die ganze Zeit nach weiteren Steinmännchen. Hier kommen sie in allen Größen. Auch das winzige Steinmännchen hier vorne zeigt mir den richtigen Weg.

Es geht weiter über zig rutschige Felsen und dazwischen über nasse Wiesen.

Immer weiter hinab. Bis ich den ersten Blick auf den Fjord habe, den Hellmofjorden. Meer in Sicht!

Ich könnte hier eine Abkürzung nehmen und ein paar Höhenmeter sparen, indem ich querfeldein rüber zum Wanderweg gehe. Susanne und Anders haben das 2018 gemacht. Sie haben allerdings auch von einer heftigen Flussquerung geschrieben. Und das sieht nach mehr rutschigen Felsen aus in die Richtung. Vielleicht nicht die beste Idee bei diesem Wetter. Ich entscheide mich dagegen und halte mich an den Pfad, der irgendwann auf den markierten Wanderweg kommt.

Es folgen noch 2 Bachquerungen. Beim ersten gehe ich ein Stück dran entlang und finde eine schmale Stelle, wo ich drüber springen kann. Beim zweiten bin ich sehr froh, dass es eine Brücke gibt. Da würde wohl niemand heile herüberkommen sonst.

Unten im Wald, direkt am Fjord, liegt Hellmobotn. Auf meiner Karte sind ein paar Häuser eingezeichnet und es gibt eine Schiffsverbindung hierher. Auf meiner Papierkarte ist auch eine Schutzhütte eingezeichnet, wo ich aber nicht sicher bin, ob es diese wirklich gibt. Bei ut.no ist nämlich keine eingetragen.

Jetzt ist der Pfad super erkennbar. Es geht oberhalb von sehr steilen Felsplatten entlang. Durch die Bäume sehe ich das Wasser dort hinunterrutschen. Rechts von mir ist eine hohe Felswand. Ich bin ganz dankbar für den Pfad, da ich mich sonst bestimmt nicht getraut hätte, hier herzugehen. Auf den engen Serpentinen im Wald ist es ziemlich rutschig. Nasser Waldboden, matschig und mit rutschigen Wurzeln. Da waren vielleicht doch die Felsen angenehmer.

Irgendwann komme ich dann an die Kreuzung mit dem markierten Wanderweg. Jippieh! Das sieht doch direkt nach Luxus-Wandern aus. So ein schöner Pfad.

Die Frage ist, was ich jetzt mache. Es ist fast 14 Uhr. Bis zu der Hütte, die weiter oben liegt, sind es 4 Kilometer mit 500 Höhenmetern. Runter nach Hellmobotn sind es nur noch 2 Kilometer und 100 Höhenmeter. Es ist also gar nicht mehr weit. Ich könnte ja nachschauen, ob es die Hütte unten wirklich gibt und ich dort vielleicht Empfang habe. Wenn nicht, würde ich es immer noch schaffen, den Weg hochzugehen. Also gut, dann nehme ich den Weg nach unten. Nochmal zum Fjord zu kommen ist ja auch ganz cool.

Der Weg nach unten ist rutschig, aber einfach. Im Gegensatz zu den letzten Tagen. Ich freue mich, dass ich den Markierungen folgen kann und nicht ständig entscheiden muss, wo es jetzt weitergeht. Und das beste ist, dass der Wanderweg bis zur schwedischen Grenze führt. Erst danach gehe ich wieder weglos weiter.

Es geht durch den Kiefernwald, an mehr Wasserfällen vorbei, über eine große Ebene und dann über eine Brücke über die Stabburselva. Zur Hütte ist zwar auch ein Pfad auf dieser Flussseite eingezeichnet, aber der verschwindet im Gebüsch. Also gehe ich doch rüber und folge dem markierten Weg. Zusätzliche Abenteuer und durchs Gestrüpp schlagen, stehen gerade nicht so hoch im Kurs. Ich komme auf einen breiten Schotterweg und quere nochmal den Fluss. Direkt hinter der Brücke im Wald sollte die Hütte stehen.

Auf der Brücke kommt mir ein Mann entgegen. Er hat keinen Rucksack dabei, also wird er wahrscheinlich in einer der Hütten hier wohnen. Ich frage ihn, ob die Schutzhütte offen ist, habe aber kein Glück. Irgendjemand im Ort hätte wohl die Schlüssel, aber wahrscheinlich muss man die Hütte dann mieten. Er fragt, woher ich komme und wo ich hin möchte. Und dann bietet er mir einen Schlafplatz in seiner Hütte an. Ich könne auch duschen, das wäre kein Problem. Ich überlege kurz, aber das Angebot ist verlockend. Es regnet und ist ungemütlich. Dann ist das zwar nur ein kurzer Tag heute, aber es hat auch einen Vorteil. Ich könnte morgen einen besonderen Tag einschieben mit kleinem Ausflug. Ihr werdet sehen. Also gehe ich mit und ich erzähle auf dem Weg von meiner Wanderung.

Es sieht ganz lustig aus. Als wir aus dem Wald kommen, stehen wir auf einer großen Wiese mit ein paar Trampelpfaden. Darauf verteilt stehen vielleicht 12 Hütten. Am Wasser ein paar Bootsanlegestellen. Das ist Hellmobotn.

Filip zeigt mir seine Hütte, ich solle mich wie Zuhause fühlen. Da er hier alleine zu leben scheint, frage ich sicherheitshalber noch nach Familie und wo ich schlafen könnte. Er hat 3 Söhne, die weiter weg wohnen und ich könne mir aussuchen, ob ich in der Haupthütte oder einer kleinen Hütte nebenan schlafen wolle. Okay, das klingt mir sicher.

Drinnen ist es schön warm. Ich bin begeistert von Filips Gastfreundschaft. Er meint, dass sie hier halt gerne helfen, wenn jemand nass und müde aus den Bergen komme. Ich verteile meine Sachen zum Trocknen um den Kamin und genieße eine warme Dusche. Sogar W-Lan hat er und ich kann mal wieder meine Nachrichten abrufen. Und vor allem das Wetter für die nächsten Tage nachschauen. Es soll tatsächlich besser werden nach morgen.

Wie selbstverständlich fragt Filip mich, wann wir Abendessen sollen. Wow, was zu Essen bekomme ich auch noch. Wir machen 18 Uhr ab und ich lege mich ein bisschen aufs Bett, schreibe und ruhe aus. Später gibt es dann eine bunte Mischung aus Fleisch mit Gemüse. Kotelett, Hackfleisch, Bratensauce, Erbsenpürree, Kartoffeln, Möhren, Maiskolben, Champignons. Ein richtiges Festmahl für mich. Es tut gut, mal was anderes als die getrockneten Mahlzeiten zu essen.

Nachdem ich erwähnt habe, dass ich noch nie in meinem Leben angeln war, meint Filip, dass wir ja nach dem Essen mit dem Boot rausfahren könnten. Natürlich gerne, ich bin dabei. Was für ein glücklicher Zufall, da habe ich ja genau den Richtigen getroffen. Ich bedanke mich auch immer wieder zwischendurch für alles. Seine Schwester und ihr Mann kommen vorbei, sie wohnen in der Hütte nebenan. Danach ziehen wir uns warm an und gehen zur Anlegestelle. Vom Boot aus sieht die Landschaft aus wie aus einem Märchen, finde ich. Die hohen Berge, die großen Wasserfälle, unten der Wald. Echt schön!

Wir halten an drei verschiedenen Stellen, bis wir Glück haben. Filip setzt mich an eine Kurbel mit Angelschnur. Als wir die Schnur heruntergelassen haben, soll ich immer wieder daran ziehen. Mein erster Fisch ist ein Seelachs oder Köhler, wie er wohl unter Anglern genannt wird. „Sei“ auf norwegisch. Beim zweiten Mal haben direkt 3 Fische angebissen und es ist schon schwerer die Schnur über die Kurbel einzuziehen. Natürlich muss da noch ein Foto her von meinen ersten Fischen. Ich bin zwar gar nicht begeistert, als Filip sie mir an die Finger hängt für das Foto, aber er meint, wenn ich ein Angler sein will, dann muss das sein.

Na gut, will ich dann eigentlich nicht sein. Am liebsten würde ich die Fische weiterschwimmen lassen. Den restlichen Teil überlasse ich gerne Filip. Ich mag gar nicht mit anschauen, wie die Fische in der Kiste zittern und sich zwischendurch noch bewegen. Wir fahren zurück zur Anlegestelle und ich darf das Boot steuern. Auch ein erstes Mal. Nur das „einparken“ übernimmt Filip wieder. Auf dem Steg werden die Fische dann gehäutet und ausgenommen. Das hat nichts mit Filetieren zu tun, so wie ich es kenne. Das Fleisch wird grob abgeschnitten und wir nehmen nur die Filets mit zur Hütte. Der Rest wird wieder ins Wasser geschmissen, wo die Möwen sich drüber freuen.

Wir sitzen noch eine Weile im Wohnzimmer, vor dem großen Panoramafenster mit Blick auf den Fjord und unterhalten uns. Filip ist hier aufgewachsen, inzwischen lebt er aber in Drag. Die Winter hier seien echt hart, deswegen sind die Leute nur noch zwischen Mai und September hier. Die Hütten, die hier stehen, gehören alle Familienmitgliedern von ihm, Geschwistern und Cousins. Angeln gehörte für ihn schon als Kind zum Alltag. 6 Tage die Woche wurde geangelt, nur sonntags gab es Fleisch. Das ist mal ein anderes Leben. Seine Muttersprache ist samisch und er erzählt, dass es 9 verschiedene Dialekte gäbe, die echt unterschiedlich seien. Je nach Region, lernen die Kinder auch in der Schule samisch. Hier sogar schon im Kindergarten.

Als ich dann irgendwann nur noch gähne, verabschiede ich mich ins Bett. Das hat Filip sogar noch frisch bezogen, damit ich heute mal nicht in meinem Schlafsack schlafen muss.


13,8 km
4:05 h
295 hm
880 hm
670 m