Ich habe meinen Wecker wieder auf 6 Uhr gestellt. 5 Minuten vorher wache ich von alleine auf. Ich packe möglichst leise meine Sachen, um die anderen nicht aufzuwecken. Sie schlafen zwar im Nebenzimmer, aber die Hütten sind alle so hellhörig. Da hört man sogar drüben den Schlafsack rascheln, wenn sich jemand umdreht. Da erstmal ein Anstieg von 500 Höhenmetern ansteht, lasse ich die Regenhose aus. Vielleicht habe ich ja Glück und es bleibt trocken. Bergauf ist mir das sonst schnell zu warm.

Gegen halb 7 gehe ich los. Wie in Trance mache ich mich an den Anstieg. Irgendwie noch im Halbschlaf geht es durch den Wald den Berg hinauf. Bis ich über den Bäumen bin und unter mir die Hütte sehe.

Als ich mich wenig später nochmal umdrehe, zieht gerade eine dicke Wolke das Tal hinauf.

Heute komme ich sofort in meinen Trott und es fühlt sich alles ganz einfach an. Ich schaue auf den Boden vor mir, setze einen Fuß vor den anderen und denke nicht viel nach. Ich laufe einfach nur und fühle mich leicht und froh, dass ich hier draußen bin. Um mich herum ist es nebelig und es weht wieder mal ein starker Wind. Bei der ersten Pieselpause ziehe ich meine dicken Fäustlinge über die dünnen Handschuhe. Und ziehe meine Kapuze enger.

Die erste Steigung ist geschafft. Jetzt geht es am Fuße des Litle Jerta um den Berg herum. 19 Kilometer bis zu meinem ersten Ziel. Wenn es allerdings den ganzen Tag so nebelig und windig ist, bleibe ich vielleicht auch direkt da.

Es geht wieder hinab, bis ins Skaktardalen, wo eine Flussquerung auf mich wartet. Zwischen den Bergen Jerta und Litle Jerta hindurch folge ich dem gut markierten Pfad über Steine und Gräser. Der Nebel verzieht sich und ich kann ein bisschen mehr von meiner Umgebung sehen. Nur die Gipfel verstecken sich weiter in den Wolken.

Schon von weitem kann ich den Skaktarelva, den breiten Fluss, unten im Tal sehen. Markus hatte mir geschrieben, dass die Querung über Steine ganz gut machbar sei. Und von oben kann ich auch schon zwei mögliche Stellen mit vielen Steinen ausmachen.

Es klappt nicht den ganzen Weg über Steine, aber das Wasser ist auch dazwischen nicht so tief. Es dauert recht lange, aber funktioniert gut. Auf der anderen Seite ist diese Stelle auch als Watstelle markiert.

Die Kombination aus den wasserdichten Socken und Trailrunning-Schuhen ist echt genial. Das Wasser läuft nach einer Furt aus den Schuhen raus und meine Füße schwimmen nicht darin. Und durch die Socken bleiben sie trocken und warm. Perfekt für Wasser bis zu den Waden, Sumpf, nasse Wiesen und wahrscheinlich auch Schnee. Ich hatte vor der Wanderung eigentlich schon mit dem Gedanken gespielt, die Socken anzuschaffen, habe aber so viele negative Bewertungen gelesen, dass sie nicht lange halten, dass ich es gelassen habe. Jetzt bin ich super froh, für mich funktionieren sie und halten bisher gut.

Es geht um den nächsten Berg, den Stuora Nanná, herum, ein bisschen hoch und wieder runter. Da der Wind nachgelassen hat, suche ich mir an einem kleinen See einen Felsen in der nassen Wiese und mache Pause. Ich habe so einen Hunger. Also koche ich und trinke noch einen wärmenden Tee.

Jetzt steht ein ziemlich sumpfiger Teil an. Die Stelle habe ich mir schon auf meiner Karte markiert, um besonders aufzupassen. Als Markus hier war, ist er bis zu den Knien in einem Schlammloch versunken und musste sich auf allen Vieren irgendwie befreien. Durch den Sog nach unten, hatte er Angst, seine Schuhe zu verlieren. Damit mir so eine Erfahrung erspart bleibt, gehe ich langsam und vorsichtig und stochere mit meinen Stöcken nach Steinen, die ich als Tritte benutzen kann. Zwischen den beiden Seen auf 728 und 729 Metern ist der Boden besonders weich und schwabbelig. Aber ich komme gut durch und habe keine Probleme, einen Weg zu finden. Vielleicht habe ich ein bisschen Glück oder ich bin achtsam genug, weil ich vorher gewarnt wurde.

Über weite Ebenen mit relativ wenig Höhenunterschied und noch ein paar Bachquerungen geht es weiter bis zur Dærtahytta.

Ich freue mich riesig, als sich in den Wolken links von mir drei blaue Löcher auftun. Vielleicht wird das ja mal was und die Sonne kommt zum Vorschein.

In der Ferne kann ich schon ein Gebäude sehen. Das ist bestimmt die Hütte. Wobei ich mir zwischendurch nicht so sicher bin, weil der Wanderweg gar nicht darauf zu führt, sondern eher daran vorbei.

Aber das liegt nur daran, dass die ganzen Seen und der Fluss im Deartavággi umgangen werden. Es wird felsiger und geht zwischen kleinen Hügeln hindurch. Hier sehe ich auch mal wieder ein paar Rentiere. Die gehören irgendwie schon so dazu, dass es fast komisch ist, wenn ich einige Tage keine sehe. Auf der großen Ebene neben der Hütte stoße ich dann auf eine ganze Herde. Das ist wohl hier ihr Gebiet und sie beaufsichtigen die Hütten.

Ich schaue nur mal kurz rein und lese im Hüttenbuch die Einträge der üblichen Verdächtigen. Und Markus’ Eintrag von seinem Sumpf-Unglück. Dann geht es weiter. Vielleicht nicht ganz bis zur Rostahytta, aber zumindest noch ein Stück. Es stehen nochmal 350 Höhenmeter Anstieg an, die kann ich ja schonmal hinter mich bringen. Wobei die ganzen Höhenmeter mich gar nicht so stören. Sie sind ja immer etwas verteilt über den Tag, was ganz angenehm ist. Nicht so, wie in den Alpen, wo es täglich 1.000 Höhenmeter am Stück hinauf oder hinab ging. Hier sind sie dagegen gar nicht so präsent und schleichen sich eben so ein zwischendurch. So ist mein Gefühl jedenfalls.

Also geht es hinauf, über steinige Wiese, Gräser, Moos und Flechten.

Bis das Grün verschwindet und ich nur noch über graue Steine gehe. Ich habe auf der ganzen Wanderung noch nicht so viele Wegweiser gesehen, wie auf diesem Abschnitt. Sie sehen auch noch ziemlich neu aus.

Und jetzt haben die Wolken sich auch so weit verzogen, dass ich die Bergrücken ganz sehen kann.

Ich komme an dem ersten frischen Schnee vorbei. Nur kleine Schneehaufen zwischen den Steinen. Ich bin gespannt, wann es für mich das erste Mal schneit.

Noch ein schöner Blick zurück.

Und dann geht es vor mir wieder in den Nebel.

Bis ich über den höchsten Punkt rüber bin und auf der anderen Seite einen neuen Ausblick auf schneebedeckte Berge habe. Die sehen gut aus.

Es geht wieder runter und ich hoffe, dass ich an einem der beiden Seen da unten links einen schönen Zeltplatz finde. Hoffentlich ist es nicht zu steinig oder steil.

Der Wanderweg führt direkt an den Seen vorbei, aber die Wiese ist löchrig und es gibt immer noch zu viele Steine. Es ist schwierig, einen ebenen Platz zum Schlafen zu finden.

Fast am Ende des ersten Sees entdecke ich dann aber eine kleine, relativ ebene Fläche, die genau für mein Zelt passt. Der Wind hat auch nachgelassen und die Nacht soll ruhig werden. Sehr gut. Also baue ich mein Zelt mit Seeblick auf. Ich lasse das Außenzelt auch lange offen und schaue beim Essen in die Ferne. Bis es mir irgendwann zu kalt wird. Wenn ich das Zelt schließe, ist es doch ein bisschen wärmer. Auch wenn der Stoff nur so dünn ist.

Ich bin froh, dass mir das Laufen im Moment so leicht fällt und Spaß macht. Die Kilometer verfliegen nur so, im Gegensatz zu den letzten beiden Tagen, wo ich mich mit Musik hören abgelenkt habe. So kann es gerne bleiben.


31,6 km
7:45 h
1.187 hm
816 hm
1.038 m