Heute geht es wieder in aller Frühe los. Leider muss ich einen Umweg gehen. Gestern Abend hat mir die Hüttenwirtin gesagt, dass ich den geplanten Weg nicht gehen kann. Das wäre zu gefährlich, der Wanderweg wäre verlegt worden. Und dabei ist die Gehzeit heute laut Wanderführer auf diesem Weg schon 11 3/4 Stunden lang. Da kann ich wahrscheinlich locker 2 Stunden abziehen, aber das ist trotzdem noch lang. Und ich bin nicht ganz sicher, wie viel jetzt noch durch den Umweg dazu kommt. Statt direkt nach Waidring abzusteigen, muss ich nämlich über das Wehrgrubenjoch rüber und im Tal über St. Ulrich am Pillersee nach Waidring. Ich packe also abends meinen Rucksack und stelle ihn in den Eingangsbereich, damit ich leise verschwinden kann. Lasse mein Wasser auffüllen und dann bin ich früh im Bett. Meinen Wecker habe ich auf 5 Uhr gestellt, bin aber sowieso vorher wach. Um Viertel nach 5 geht’s los.

Obwohl Regen für den Morgen angesagt ist, freue ich mich, dass es trocken ist. Ein bisschen windig, aber nicht kalt. Die Wolken hängen tief über dem Tal.

Und ich komme sowieso schnell ins Schwitzen. Es geht nämlich erstmal bergauf bis zum Wehrgrubenjoch. Das ist eine ganz schöne Kletterei am frühen Morgen. Über große Felsblöcke und schmale Kanten, Eisenbügel und am Seil entlang geht es hoch zum Grat. Irgendwann ist auch die Hütte beim Blick zurück in einer Wolke verschwunden. Ich gehe vorbei an den Klettersteigen auf den Nackten Hund und den Wilden Hund.

Doof ist nur, dass ich beim Aufsteigen meine rechte Ferse ein bisschen merke. Jetzt bin ich so lange ohne Blasen oder andere Blessuren unterwegs und jetzt sowas. Es ist schon fast peinlich zu erzählen, aber ich bin gestern an der Hütte barfuß draußen herum gelaufen und über meine eigenen Füße gestolpert. Dabei habe ich mir selber mit dem Zehennagel die Ferse aufgeratscht. Es hat gar nicht mehr aufgehört zu bluten. Blöd, ich weiß!

Oben auf dem Sattel angekommen ist es ganz schön windig und ich ziehe schnell noch meine Handschuhe über. Genauso felsig geht es nun wieder runter. Zwischendurch gibt die Wolke mal den Blick frei auf das Wolkenmeer über dem Tal und die Gipfel, die wie Inseln daraus empor ragen.

Weiter abwärts geht es ziemlich steil über Geröllhänge. Das ist blöd zu gehen und recht rutschig. Der Weg zieht sich. Irgendwann geht es weiter durch Latschen, aber auf den nassen Wurzeln kann man auch nicht besser gehen. Ich komme gefühlt ziemlich langsam voran. Ich bin aber ganz froh, dass ich den ganzen Abstieg für heute dann morgens schon abgehakt habe.

Nach einer Ewigkeit wird es endlich flacher und ich gehe durch den Wald weiter. An einer Jagdhütte vorbei und dann am Lasbach entlang ins Tal.

Nachdem ich jetzt wieder unter der Wolkendecke bin, wird es auch wieder heller. Allerdings fängt es an zu regnen, gerade als ich auf eine breite Schotterstraße komme. Da bin ich ja froh, dass der Regen gewartet hat, bis ich den sowieso schon rutschigen Abstieg fast hinter mir habe.

Jetzt folgt der eher langweilige Teil. An den Häusern in Weißleiten vorbei, gehe ich bis nach St. Ulrich. Durch eine riesige Baustelle und über einen Schotterweg, weiter am Lasbach entlang. Dann am Ufer des Pillersees weiter, leider an der Straße. Aber zum Glück mit Bürgersteig. Irgendwann kann ich aber auf einen Panorama-Spazierweg oberhalb der Straße wechseln. In Waidring treffe ich dann wieder auf den Weg, den ich eigentlich gehen wollte.

Ich glaube, ich liege super in der Zeit. Es ist gerade mal halb 12 und der Mann in der Touristinformation meint, ich bräuchte ungefähr 4 Stunden von hier zum Straubinger Haus. Dann komme ich ja gar nicht so spät an wie erst gedacht. Ich hole mir einen Stempel und mache auf einer Bank in der Sonne Pause und esse was. Der Regen hat nur kurz angehalten, inzwischen ist es wieder sonnig und ziemlich warm.

Bereit für den Anstieg gehe ich weiter. Durch Waidring durch bis zur Schranke. Ich muss bis zum Parkplatz der Mautstraße folgen. Es gibt schönere Wege, aber zumindest kann man auf der steilen Straße schnell ein paar Höhenmeter hinter sich bringen. Über eine Stunde stapfe ich in der Hitze den Asphalt hinauf. In jeder Serpentine steht ein Schild mit der Nummer der Kehre. Insgesamt sind es 6 enge Kurven, von der Viehschlachterkurve bis zur Annakurve. Alle haben Namen. Dazwischen ist es aber auch recht kurvig, ich wechsele immer wieder die Straßenseite, um in der Außenkurve zu gehen und von den Autos auch gesehen zu werden. Gegen 14 Uhr komme ich am Parkplatz an. Hier steht auch endlich ein Wegweiser zum Straubinger Haus. Noch 2 Stunden. Dann ist auch noch Zeit für ein Päuschen.

Die meisten Höhenmeter habe ich geschafft. Blöd nur, dass mein Wasser alle ist und ich auch nirgendwo mehr vorbeikomme, wo ich es auffüllen könnte. Mit trockenem Mund geht es also an die letzten 2 Stunden. Über einen Naturlehrpfad mit zig Infotafeln zu Pflanzen und Vögeln. Außerdem ein paar Tafeln mit Koordinations- und Trittsicherheitsübungen. Die brauche ich jetzt nicht mehr, da hatte ich heute morgen beim Auf- und Abstieg im felsigen Gelände genug von. Es ist ein einfach zu gehender Panorama-Wanderweg über Wiesen und durch Latschenfelder. Immer mit einem schönen Ausblick.

Es geht immer wieder hoch und runter, aber nicht mehr so viel. Um 16 Uhr bin ich an meinem Ziel angekommen, die Straubinger Hütte auf 1600 Metern. Zumindest laut Schild an der Hütte. Laut Stempel und GPS liegt sie auf 1558 Meter Höhe. Mitten auf der Eggenalm, umzingelt von Kühen.

Heute habe ich das Bundesland gewechselt, von Salzburg nach Tirol. Biwakieren ist hier weiter verboten. Erst in Vorarlberg ist die Regelung wieder lockerer, da habe ich vielleicht nochmal die Chance auf ein paar Nächte unter freiem Himmel. Und jetzt befinde ich mich in den Chiemgauer Alpen.

Ich setze mich glücklich mit einem g’spritzten Hollersaft auf die Terrasse. Ich hatte damit gerechnet, viel später erst anzukommen. Es war zwar eine lange Strecke, aber ich habe es super geschafft. Zum Schreiben verziehe ich mich allerdings ins Lager, um der Sonne kurz zu entfliehen. Und jetzt geht’s wieder raus zum Essen. Mal gucken, ob ich der einzige Übernachtungsgast bin oder ob inzwischen noch andere Leute angekommen sind.


31,9 km

8:55 h

1358 hm

1715 hm

2220 m