Ganz untypisch schlafe ich heute bis nach 7 Uhr. Das macht wohl der lange Tag gestern. Und dabei steht heute wieder eine lange Etappe an mit ausgeschriebenen 10 Gehstunden, also wahrscheinlich um die 8 Stunden. Es geht nach Maria Alm und dann wieder hoch zum Riemannhaus.

Der Himmel ist blau mit ein paar Wolken. Über Weiden geht es abwärts. Zurück der Blick auf die Erichhütte.

Bald komme ich in den Wald und folge steilen Kehren weiter hinab. Ich orientiere mich an den Wegweisern, schaue dann aber an einer Kreuzung ohne Schild doch mal auf die Karte. Irgendwie bin ich hier falsch. Mir fällt wieder ein, dass die Berlinerin auf der Ostpreußenhütte von diesem Abschnitt erzählt hat. Sie ist nämlich vorgestern aus Maria Alm gekommen. Der Weg ist wohl gesperrt, aber die Alternative wäre ein ziemlicher Umweg. Sie meinte, dass man den eigentlichen Weg trotz Sperrung gehen kann, wenn man vorsichtig ist. Ich drehe also um und gehe den steilen Weg durch den Wald wieder hoch. Manno, der Tag wird doch noch lang genug. Als ich wieder am Wegweiser angekommen bin, mache ich erstmal eine kleine Verschnaufpause. Gerade und bergab gehen ist okay, aber beim Hochgehen merke ich heute doch ein bisschen meine Beinmuskeln. Das Schild wurde scheinbar einfach ein Stück gedreht, zeigt jetzt aber blöderweise immer noch Pichlalm 1 Stunde an. In die andere Richtung ist der Weg tatsächlich abgesperrt. Ich steige über das rote Absperrband und folge dem Pfad.

Bald kann ich aber auch schon sehen, wieso der Weg gesperrt ist. Der Dientenbach hat wohl ein bisschen mehr Wasser als sonst. Der Weg ist einfach weggespült. In dem Geröll gibt es auf beiden Seiten eine steile Abbruchkante, dazwischen der reißende Bach. Auf dem Foto sieht das gar nicht so schlimm aus, aber ich muss ein bisschen suchen, bis ich eine Stelle finde, wo ich mich traue, einen Schritt durch das Wasser zu machen. Dann nochmal ein bisschen, um eine Stelle zu finden, wo ich auf der anderen Seite wieder hochklettern kann. Die Steine sind nämlich nicht fest und ich rutsche mit jedem Schritt wieder herunter. Ein bisschen Abenteuer muss sein. Und die verschiedenfarbig gestreiften Felsen sehen gut aus.

Ein Stückchen weiter durchquere ich nochmal so eine ausgespülte Geröllrinne. Das war es dann mit der Sperrung. Der Sonntagswanderer sollte hier wahrscheinlich wirklich nicht hergehen, aber ich klettere lieber ein bisschen als so viel Umweg zu gehen.

Durch den Wald, über Kuhweiden und zuletzt wieder ansteigend über eine Schotterstraße geht es zur Pichlalm. Ich habe heute einen kleinen Durchhänger und motiviere mich schon die ganze Zeit damit, dass ich mir hier was leckeres zu trinken gönne. Also setze ich mich auf die Terrasse und trinke einen Hollersaft. Da freue ich mich inzwischen jeden Tag drauf, auf ein Getränk mit Geschmack. Ansonsten trinke ich ja nur Wasser oder mal einen Tee. Und je nachdem wo man sein Wasser auffüllt, schmeckt es mal mehr, mal weniger gut.

Wenn ich heute Nachmittag irgendwann im Ort Maria Alm ankomme, stehen mir noch 1300 Höhenmeter Anstieg bevor. Da habe ich ausnahmsweise mal überhaupt keine Lust drauf. Und wahrscheinlich wäre ich dann auch erst wieder spät abends am Ziel bei meinem Tempo heute. Ich überlege schon die ganze Zeit, ob ich nicht heute einfach im Ort bleibe und versuche, meine Übernachtung im Riemannhaus auf morgen zu verschieben. Aber dafür brauche ich auch erstmal Empfang.

Nach der Pichlalm geht es noch ein Stück hoch, dann bis Hinterthal nur noch bergab. Die Leute, die hier wohnen, haben echt immer einen schönen Blick auf den Hochkönig. Jetzt sind die Gipfel aber in den Wolken verschwunden.

Ich gehe durch das kleine Touristenörtchen mit seinen zig Seilbahnen und Hochkönig-Blicken, -Bars und -Jausenstationen. Dann einen Schotterweg neben der Bundesstraße entlang. Der Urschlaubach fließt mitten über den Weg. Dann kann ich ja schon mal das Furten für Norwegen üben. Ich ziehe meine Schuhe aus und wate barfuß durch den breiten Bach. Er geht mir nur bis zum Knie, hat aber eine ganze schöne Kraft. Etwas weiter hätte es auch eine Brücke für die Radfahrer gegeben, aber dann hätte ich direkt an der Straße ein Stück zurückgehen müssen. Und da die Autos hier ziemlich her heizen, bekomme ich lieber kurz nasse Füße.

Ich setze mich auf den Schotter, lasse meine Füße trocknen und schmiede einen Plan. Ich telefoniere mit dem Hüttenwirt vom Riemannhaus, soll aber noch eine Mail schicken. Er ist gerade unterwegs und weiß nicht, ob morgen noch ein Schlafplatz frei ist. Aber selbst wenn dort nichts frei ist, könnte ich direkt weiter zum Ingolstädter Haus gehen. Dann suche ich die günstigste Unterkunft in Maria Alm heraus und bekomme auch tatsächlich noch ein Zimmer. Perfekt, jetzt geht es mir gleich besser. Jetzt habe ich nämlich keinen Stress mehr, heute noch so viele Höhenmeter zu schaffen und kann mir für den Rest des Weges Zeit lassen.

Ich überquere die Straße und dann geht es hinauf zum Jufensattel.

Hier nochmal der Blick zurück auf das Hochkönig-Massiv.

Oben geht es durch den Wald und einen Bogen-Parcours. Dann wieder über Wiesen herunter. Hier ist gerade eine riesige Baustelle, das große Gasthaus wird scheinbar noch erweitert.

Ich dachte, dass es jetzt nur noch bergab geht, gehe aber durch den Wald dann doch wieder hoch. Gut, dass ich jetzt so langsam gehen kann. Es fängt an zu regnen. Oben angekommen stehe ich vor einem See. Dem Prinzensee. Mit Holzliegen drumherum und einem Steg. Hier könnte man bei einem 360 Grad Ausblick herrlich baden, aber jetzt ist mir der Wind viel zu kalt. Trotz des ungemütlichen Wetters laufen hier einige Menschen rum. Und als ich mich auf der anderen Seite des Sees dann tatsächlich an den Abstieg mache, sehe ich auch, warum hier so viel los ist. Es gibt eine Seilbahn und Klettergarten, Almhütte und Moutainbike-Abfahrten. Das zieht die Leute an. Da es inzwischen richtig schüttet und ich ja jetzt Zeit habe, setze ich mich auch noch auf die überdachte Terrasse der Almhütte und trinke einen Kakao. Ich fühle mich allerdings ein bisschen fehl am Platz, am liebsten habe ich beim Wandern so wenig Zivilisation wie möglich. Aber da man beim Nordalpenweg immer wieder durch ein Tal muss, um ins nächste Gebirge zu kommen, lässt sich das leider nicht vermeiden. Und gerade so touristisch erschlossene Berge mag ich gar nicht und meide ich sonst lieber.

Der Abstieg ist jetzt nicht mehr so lang. Im Nieselregen gehe ich über einen breiten Schotterweg und dann über matschige Weiden runter nach Maria Alm.

Ich übernachte im Pinzgauer Hof. Und nachdem ich noch ein paar Sachen im Waschbecken gewaschen und geduscht habe, geht’s dann auch schon früh ins Bett.


18,0 km
4:50 h
701 hm
1433 hm
1538 m