Moooin,

das mit dem Daumendrücken hat leider nicht ganz geklappt, auftreten ist schwierig. Ich suche mir ein paar Informationen zu Blasen an den Füßen aus dem Internet und beschließe, dass ich mir eine „Konstruktion“ baue, damit der Ballen entlastet wird.

Mein Erste-Hilfe-Set ist zwar jetzt fast leer, aber ich kann auftreten und fast schmerzfrei gehen. Der Tag kann also beginnen.

Erstmal geht es aber nur zum Bahnhof, denn ich muss ja irgendwie von der Insel herunterkommen. Die einzige Möglichkeit ist der Zug und das sollen auch die einzigen 10 Minuten bleiben, in denen ich ein anderes Verkehrsmittel als meine Füße benutze.

Ich steige in Klanxbüll, dem ersten Halt auf dem Festland aus. Zum Glück entdecke ich dort noch einen Bäcker. Da ich die Wochentage nicht so präsent habe im Moment, habe ich auch nicht bedacht, dass die Supermärkte nicht aufhaben am Sonntag. Dann gibt es halt heute Brot und den letzten Apfel.

Dann mache ich mich auf zur dänischen Grenze. Ich war zwar am Ellenbogen schon am nördlichsten Punkt Deutschlands, aber wenn ich schon mal hier bin, nehme ich die 6 Kilometer Umweg gerne in Kauf und besuche noch den nördlichsten Festland-Punkt Deutschlands.

Leider muss ich heute sehr viel Straße gehen. Wanderwege gibt es nicht und die Fahrradwege gehen auch nur über die Straßen. Endlos lange Straßen mit Feldern rechts und links und sonst wenig Spannendem zu sehen. Für die Zukunft bevorzuge ich da doch weiter die Berge zum Wandern.

Nicht, dass es hier nicht schön ist. Das ist es und vor allem ist es still. Man hört nur den Wind in den Bäumen und Feldern. Ansonsten kommt man vereinzelt an urigen Häusern vorbei oder wird vom Bauern mit Traktor überholt.

Der „Grenzübergang“ nach Dänemark besteht aus einer alten, kleinen Hütte und einer fast zugewachsenen Schranke. Außer an dem Grenzstein erkennt man nicht, dass hier eine Landesgrenze ist.

Hier finde ich einen Schattenplatz für meine Pause. Im Schatten friere ich bei dem Wind hier oben dann doch ziemlich schnell. Allerdings nehme ich gerne jedes schattige Plätzchen was ich finden kann, um kurz der Hitze und prallen Sonne zu entfliehen.

Mein weiterer Weg führt mich eine ganze Weile direkt an der Grenze entlang. Ich gehe auf der deutschen Seite und gucke über den Zaun nach Dänemark.

Irgendwann komme ich an diesem Häuschen vorbei und verliebe mich sofort. Aus Holz, das Dach komplett grün bewachsen und die Südseite verglast. Von vorne sieht es fast aus wie ein Hobbit-Haus aus „Der Herr der Ringe“.

In so ein kleines Häuschen würde ich auch einziehen. Fragt sich nur noch wo – Dortmund, Oberstdorf, ganz wo anders?! Gut, dass ich in nächster Zeit mein Zuhause mit mir herumtrage und mich spontan entscheiden kann.

So sehen dann meine Pausen am Straßenrand aus. Für eine Weile im Schatten unter den Bäumen die Beine ausstrecken, die Augen schließen und der Natur lauschen.

Einer Joggerin habe ich damit einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Da hat sie nicht mit gerechnet, dass da jemand im Gras liegt.

Mein Ausblick heute den ganzen Tag lang, plattes Land und Felder. Ich begegne wenigen Radfahrern und keinen Fußgängern. Die winzigen Orte, die ich durchquere sind wie ausgestorben.

Ich werde mit der Zeit immer langsamer, da sich nun doch meine Füße wieder melden. Jetzt aber vor Anstrengung, es sind ja am Ende auch 30 Kilometer geworden heute.

Die letzten zwei Stunden habe ich aber eine überraschende und schöne Ablenkung. An der nächsten Kreuzung sehe ich einen Radfahrer, der ziemlich voll beladen aussieht. Er scheint nicht recht zu wissen, wohin. Allerdings dreht er nur ein paar Kreise, um zu warten bis ich bei ihm angekommen bin.

Johannes stellt sich vor und fragt, was ich vorhabe mit meinem ganzen Gepäck. So kommen wir ins Gespräch und er schiebt die nächsten 2 Stunden sein Fahrrad und begleitet mich.

Johannes kommt aus Soest, arbeitet wenn er dort ist als LKW-Fahrer, weil man wohl immer einfach einen Job findet und wenn er genug hat, geht er wieder Radfahren. Er ist im April losgefahren und wollte eigentlich durch Kroatien und Griechenland. Allerdings war es ihm dann zu heiß dort. Also hat er beschlossen, umzudrehen und über Dänemark nach Norwegen zu fahren.

Ein Handy besitzt er nicht, dabei hat er eine fast schon antike Digitalkamera. Bevor er losfährt, schreibt er sich die Ortsnamen auf einen Zettel und ansonsten fragt er sich durch, wo es hergeht. Ein ziemlich lässiger Typ.

Falls er dann schon zurück ist, will er am 3. Oktober zum Phoenix-Halbmarathon nach Dortmund kommen und mich anfeuern.

Ich mache jetzt immer wieder kurze Pausen und setze mich hin, um meine Füße zu entspannen. Ich möchte aber unbedingt noch meinen Schlafplatz erreichen.

So süße Häuser stehen hier viele. Für Leute, die die Einsamkeit mögen, die perfekte Gegend.

Johannes fährt kurz bevor ich an meinem Ziel ankomme, dann doch weiter und möchte sich in Dänemark einen Schlafplatz am Wasser suchen.

Ich muss die letzten beiden Kilometer nochmal echt die Zähne zusammenbeißen. Und dann habe ich auch scheinbar noch einen falschen Ort in meiner Karte gekennzeichnet. Als ich dort angekommen nochmal genauer schaue, weil ich mitten in einem Feld stehe, stellt sich heraus, dass ich noch einen Kilometer weitergehen muss. Ich hocke mich aber erstmal hin und hoffe, dass die Erdbeeren, die ich im letzten Dorf gekauft habe, mir noch ein bisschen Kraft geben. Dann schleppe ich mich weiter. Blöderweise auch noch direkt an einer relativ viel befahrenen Landstraße entlang. Ich gucke jetzt immer wieder auf mein Handy, ein Kilometer kann ganz schön lang sein.

Ich habe von dem Schlafplatz nur die Koordinaten. Vom Bundesland Schleswig-Holstein gibt es die Initiative „Wildes SH“. Dort können sich Leute, die große Grundstücke, Wiesen oder Wald besitzen melden und ihren Platz Radfahrern und Wanderern für eine Nacht zur Verfügung stellen. Eine richtig geniale Sache. Mehr dazu findest Du auch in den praktischen Links.

Ich biege von der Hauptstraße rechts in einen Wald und gehe einen fast zugewachsenen Schleichweg entlang, der mich zu einem kleinen See führt. Auf der anderen Seite sehe ich schon Picknicktische und werde beim Erblicken meines Tagesziels dann doch wieder schneller.

Es ist so wunderschön hier. Der Platz ist sogar offiziell gekennzeichnet. Mit einem Floß kann man über den See zu einer kleinen Insel paddeln, es gibt einen Unterschlupf und viel Platz, um ein eigenes Zelt aufzubauen.

Ich bin zwar viel zu fertig, um das Floß auszuprobieren, aber hier würde ich gerne irgendwann nochmal hinkommen. Es wäre bestimmt eine super Sache, mal eine Radtour durch Schleswig-Holstein zu machen und die Nächte an diesen kostenlosen Plätzen zu verbringen. Also, wer von euch noch eine Urlaubsidee sucht, das ist definitiv ein Tipp.

P.S. Nein, die gerade Strecke auf der Karte bin ich nicht geschwommen – das war die Zugfahrt.


30,1 km

7:00 h

0 hm

0 hm

23 m